Seite 5: Ausarbeitung: Kritische Betrachtung der Funktionen der Schule

Die sogenannte "Bildungsinflation"

Hinzu kommt, dass wir heutzutage weltweit eine 'Bildungsinflation' erleben. (49) Diese ist genauer gesagt eine 'Abschlüsse-Inflation' und funktioniert verkürzt wiedergegeben so:

Der Level der Zugangsqualifikationen zu Berufen und Arbeitsplätzen wird ständig angehoben, immer mehr Menschen haben immer höhere Abschlüsse, die Zahl Arbeitsplätze in den angestrebten Berufen ist geringer als die der qualifizierten Bewerber, die Abschlüsse sind immer weniger wert.

BildungsinflationBeispielweise nehmen heute manche Banken nur noch Abiturienten in die Ausbildung zum/r Bankkaufmann/frau, bevorzugt werden sie auf jeden Fall. In Deutschland gehen so viele Schüler aufs Gymnasium wie noch nie.

Die Nebenwirkung dieses Kreislaufs ist, dass der Inhalt des Lernstoffs immer unwichtiger wird, stattdessen kommt es immer mehr auf das Zertifikat an. Schüler werden immer weniger durch den Inhalt motiviert, sondern durch die zu erwartende Qualifikation (50): Lernen wird sinnentleert, formal, ein Speichervorgang für das Kurzzeitgedächtnis.

Der Erziehungswissenschaftler und Journalist Reinhard Kahl spricht deshalb auch von der "Lernbulimie". (51)

Der kanadische Ökonom und Managementtheoretiker Henry Mintzberg sieht eine Ursache der Finanzkrise in der Dressur auf kurzfristige Erfolge und der Konditionierung auf Außensteuerung. Das lasse das Urteilsvermögen verwahrlosen:

Menschen wissen nicht mehr, was sie wollen, ob sie überhaupt selbst etwas wollen. Der Ökonom Samuel Bowles schreibt: „Explizite (äußere) Leistungsanreize zerstören gute Absichten.“

Auch Klaus Holzkamp hat diese Problematik beschrieben:

Wenn - so muß man sich dabei nämlich fragen - das Gelernte für mich nützlich und wissenswert ist, warum muß ich dann dafür noch zusätzlich belohnt werden?

Begründungslogische Konsequenz: Da man mich in dieser Weise bestechen muß, wird es mit der Nützlichkeit für mich schon nicht so weit her sein. Diese Konstellation wurde mehrfach empirisch aufgewiesen (Überblick bei McGraw 1978) und mit einer »overjustification hypothesis« (also »Überrechtfertigungs-Hypothese«) erklärt.

So ergab sich in einem Experiment von Lepper, Greene & Nisbett (1973), daß Kinder, die beim Malen mit besonderen Buntstiften großen Spaß hatten, die Arbeit (entgegen der gängigen behavioristischen Verstärkungstheorie) weniger häufig wieder aufgriffen und weniger lange fortsetzten, wenn sie inzwischen dafür belohnt worden waren.

Offensichtlich hatten die Kinder aufgrund der Belohnung Zweifel daran bekommen, ob ihnen das Zeichnen als solches wirklich so viel Spaß macht. (52)

Auf diese Weise wird Bildung degradiert. Genauer gesagt hat das, was häufig als 'Bildung' und 'Lernen' bezeichnet wird, mit der eigentlichen Bedeutung dieser Begriffe wenig zu tun.

Quellennachweise:

(49) Diese Diagnose wurde schon 1976 von dem Soziologen Ronald Dore in seinem Buch Diploma Disease gestellt. (Vgl. Mackinnon, D., a.a.O. S. 149)

(50) Vgl. ebd. S. 150

(51) Kahl, Reinhard (2010): Schulen müssen eine Heimat sein. URL: http://www.reinhardkahl.de/pdfs/2010_07_16_ASV_WE_9_7_FORUM%5B1%5D.pdf

(52) Holzkamp, K.: Lehren als Lernbehinderung? A.a.O.

05.04.2017 © seit 02.2011 Priska Buchner
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