Seite 2: Ausarbeitung: Kritische Betrachtung der Funktionen der Schule

Manifeste und latente Funktionen

Nach diesem nicht neutralen Einstieg in die Funktionen der Schule will ich die Frage etwas offener stellen bzw. umfassender sammeln. Aus Gesprächen, Befragungen und der Literatur zum Thema habe ich folgende Funktionen gesammelt, die ich wie in dem Buch 'Childhoods in Context' (14) in manifeste und latente unterschieden habe.

Manifeste Funktionen sind beabsichtigte und (an)erkannte Zwecke und Wirkungen von Bildung (15) :

  • Vermittlung von wertvollen, nützlichen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, z.B.:
    • Grundkenntnisse wie Lesen und Schreiben, Allgemeinbildung
    • Soziale Kompetenz, Umgang mit anderen, sich durchsetzen
    • Aufklärung, Kriterien, um Dinge selbst beurteilen zu können, Diskussionsfähigkeit, Kritikfähigkeit
  • Lernen, wie man sich in einem größeren sozialen System verhält: als Erwachsener, Bürger seiner Gesellschaft und seines politischen Systems zu sein: Vermittlung nationaler, religiöser und lokaler Kultur
  • Vermittlung von Werten, z.B. Leistungsbereitschaft, Lernen von Disziplin und Gehorsam, Bedürfnisaufschub
  • Selektion für verschiedene Berufslaufbahnen, die unterschiedlichen Talente von Kindern zutage fördern und entsprechend für weitere Bildung und Berufe auswählen
  • Die Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten der Kinder testen und entsprechende Zertifikate verleihen
  • Förderung, die höchstmögliche Entfaltung der Anlagen und Fähigkeiten der Schüler, Bemühen um Chancengleichheit
  • Laterales Lernen, außerfamiliäre Einflüsse, andere Vorbilder und mehr Differenzen durch Erwachsene, die andere Stärken und Schwächen haben, Menschenkenntnis

Latente Funktionen sind laut 'Childhoods in Context' zwar wichtig für die Gesellschaft, aber nicht beabsichtigt und vielleicht nicht erkannt. Tatsächlich können sie manchmal gegen die manifesten Funktionen arbeiten. (16)

An dieser Stelle möchte ich einwenden: Ich gehe nicht davon aus, dass die im Folgenden genannten latenten Funktionen alle nicht beabsichtigt sind. Meiner Einschätzung nach sind es faktische Wirkungen, die manchmal beabsichtigt, aber nicht offen anerkannt, manchmal nicht unbedingt gewünscht, aber als Nebeneffekte von gewünschten Bedingungen in Kauf genommen werden.

  • Die Kinder zur Schule zu schicken, erfüllt mehrere nützliche ökonomische Funktionen für die Erwachsenen:
    • Für einen Großteil des Tages, der Woche und des Jahres sind die Kinder unter Aufsicht, sodass die Eltern arbeiten gehen können
    • Es schafft Arbeitsplätze für Erwachsene, die am Bildungssystem beteiligt sind
    • Die Kinder sind noch keine Wettbewerber auf dem Arbeitsmarkt, sodass die Arbeitslosenzahlen geringer sind
    • Die Schularbeit der Kinder ist selbst ökonomisch produktive Arbeit

  • Soziale Ungleichheit wird zementiert: Während eine Minderheit von Schülern für die weitere Bildung und anschließend für die am meisten angestrebten Positionen in der Gesellschaft ausgewählt wird, wird die Mehrheit davon überzeugt, dass sie nicht die nötigen Fähigkeiten für diese Positionen hat und mit weniger Wünschenswerten zufrieden sein muss (17)
  • Nach relativ kurzer Zeit verlieren viele Kinder den Spaß am Lernen
  • Schonraum: Verlängerung, aber auch Infantilisierung der Kindheit: Während sie auf die Zukunft vorbereitet werden, dürfen sie in der Gegenwart nicht partizipieren (18)
  • Erziehung zum Gehorsam: Diese Aufgabe findet sich schon bei den manifesten Funktionen. Jedoch, wenn man dafür etwas andere Begriffe benutzt, muss man sie wohl zu den latenten zählen: Unterordnung, keine Fragen stellen, stattdessen gewohnt sein, zuzuhören und ausgefragt zu werden und auf die Fragen vordefiniertes Wissen als richtige Antwort parat zu haben
  • Gewohnt sein, darauf zu warten, dass etwas von anderen kommt, selbst passiv bleiben, anstatt Eigenverantwortung zu übernehmen
  • Daran gewohnt zu sein, von anderen bewertet zu werden
  • Lernen, wie man mit dem geringstmöglichen Aufwand durchkommt
  • Wie man sich verstellt, manchmal sogar auch betrügt
  • Man entwickelt individuelle Verhaltensgewohnheiten, wie man mit Druck und auch Misserfolgen umgeht - diese können funktional oder dysfunktional sein

Einige dieser Funktionen sind unstrittig und verlangen auf den ersten Blick keine Erläuterung, andere wecken vermutlich Zweifel und Widerspruch und verlangen Erklärung und Beispiele.

Auch bei den offiziellen, manifesten stellen sich interessante Fragen, z.B. inwiefern wird diese Intention eigentlich realisiert (Leistungsgesellschaft, Demokratie etc.), inwiefern haben sie unerwünschte Nebenwirkungen, die letztlich ihre Sinnhaftigkeit in Frage stellen, inwiefern sind diese Funktionen in einer (post-)modernen Gesellschaft tatsächlich noch nötig und wünschenswert?

Einige der genannten Funktionen und Fragen möchte ich im Weiteren erörtern.

Quellennachweise:

(14) Mackinnon, Donald (2003): Functions of Schooling, In: Maybin, J.; Woodhead, M. (Hrsg.), Childhoods in Context. Chichester, UK: Wiley.

(15) Vgl. ebd. S. 142

(16) Vgl. Mackinnon, D., a.a.O. S. 142

(17) Vgl. ebd. S. 143

(18) Vgl. ebd. S. 145

05.04.2017 © seit 02.2011 Priska Buchner
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