Seite 10: Ausarbeitung: Kritische Betrachtung der Funktionen der Schule

Fazit

Ich habe in dieser Arbeit die Funktionen von Schule untersucht. Dabei war es mir wichtig, nicht nur mehr oder weniger explizite Zwecke und Aufgaben zu betrachten, sondern auch die realen Wirkungen.

Ich gehe davon aus, dass faktische Wirkungen, die man über einen längeren Zeitraum erzeugt, auch gewollt sind. Dies gilt umso mehr, wenn es Wirkungen einer so zentralen Institution wie Schule sind. Freilich bezeichnet man sie manchmal als 'kleineres Übel' oder 'Dreckeffekt', das befreit aber nicht von der Verantwortung.

Insbesondere widmete ich mich daher den von mir kritisch betrachteten Funktionen wie die Aufrechterhaltung des Systems, Erzeugung widerständigen Lernens (durch fehlende (Mit-)Gestaltung des Bildungssystems durch die Hauptakteure, die Schüler), Selektion durch ungerechte und wissenschaftlich umstrittene Leistungsmessungen, während ich zum Schluss die These entfalte, dass gerade diese Funktionen den Erfordernissen und Möglichkeiten der modernen 'lernenden Gesellschaft' nicht mehr entsprechen.

Eine Frage, die ich dabei nur angerissen habe, ist, inwiefern diese Funktionen einer anderen Funktion, die zumindest in Schulverordnungen und von Pädagogen gerne genannt wird, entgegenstehen: das Potenzial möglichst jeden Schülers zu fördern - oder wie es im Berliner Schulgesetz sogar, sehr optimistisch, heißt: "zur vollen Entfaltung zu bringen". (87)

Mein bisher nicht systematisch überprüfter Eindruck ist, dass diese Funktion von Soziologen nicht weiter berücksichtigt wird. Falls dies der Fall ist, könnte man daraus schließen (88), dass sie kein kennzeichnendes und handlungsleitendes Thema unserer Gesellschaft ist.

Liegt dies an einer grundsätzlichen Unvereinbarkeit des Bedürfnisses des Einzelnen nach individueller Erfüllung und den Notwendigkeiten der Gesellschaft/des Staates?

Im Laufe dieser Hausarbeit beschäftigte mich immer wieder die Frage, aufgrund welches moralischen Codes ich die höchstmögliche Entfaltung des Einzelnen über andere Werte wie beispielsweise die Produktion von "Humankapital" zur Aufrechterhaltung des Systems stelle? Weshalb sollte sich eigentlich jeder zu seinen höchsten Möglichkeiten entwickeln? Warum ist das ein Wert und für wen?

Und: Muss sich beides eigentlich ausschließen? Ich finde es spannend, dass zwei von ihren Vertretern vermutlich für unvereinbar gehaltene Theorien wie der 'Objektivismus' von Ayn Rand und die 'Kritische Psychologie' zur gleichen Antwort kommen: "individuals' genuine, rational interests do not stand at odds. One person's enhancement of his well-being is not achieved through injury or loss to others. Human welfare is not a zero-sum game." (89)

Im Prozess der Menschheitsentwicklung (...) waren die Entwicklung von menschlichen Bedürfnissen und Interessen und die Schaffung von gesellschaftlichen Lebensbedingungen, die diesen (...) entsprechen, doch zwei Aspekte des gleichen Vorgangs. (...) Wo solche Widersprüche tatsächlich auftreten, ist dies kein generelles Charakteristikum des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft, sondern speziellen gesellschaftlichen (...) Unterdrückungs- bzw. Abhängigkeitsverhältnissen geschuldet, durch welche die Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten der Masse der Menschen formations- bzw. klassenspezifisch eingeschränkt sind (...). (90)

Diesen Fragen muss ich an anderer Stelle weiter nachgehen. Aber: Wenn in der modernen Gesellschaft immer mehr Elemente wie Lernen, freie, selbstverantwortliche Entscheidungen treffen, den eigenen Interessen folgen und kreativ werden zu können, auch für die Mehrheit der Menschen zur Normalität werden können, spätestens dann müssten sich die häufig als Pole aufgespannten Interessen von Individuum und Gesellschaft immer mehr überschneiden.

Quellennachweise:

(87) Berliner Schulgesetz, a.a.O.

(88) Ausgehend von der Annahme, dass Soziologie die Wissenschaft ist, die soziales Handeln beschreibt und erklärt.

Vgl. Eberlei, Walter: Einführung in die Politische Soziologie. URL: http://www.eberlei.de/uploads/seminare/Folien_I.pdf

(89) Smith, Tara (2007): Ayn Rand's Normative Ethics: The Virtuous Egoist. Cambridge University Press. S. 40

(90) Holzkamp, Klaus (1980): Was heißt "normale" Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit? In: Klaus Holzkamp: Schriften I. Normierung. Ausgrenzung. Widerstand. Hamburg: Argument-Verlag. 1997. S. 104

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