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Der Jahresablauf, wie er in gemäßigten Klimazonen erlebt wird, zeigt das Jahr als eine Ganzheit, mit Anfang, Höhepunkt und Ende. In diesem Zyklus markiert Ostern die Zeit, wo der Tag über die Dominanz der Nacht siegt. Bereits alte Kulturen feierten diese mystische Zeit.
Kalendarisch geht dem strahlenden christlichen Osterfest unmittelbar das grausame Karfreitagsgeschehen voraus. Am danach folgenden Sonntag wird die Auferstehung des Gekreuzigten von den Toten gefeiert. Dieses dramatische Sterben und wieder Aufleben ist mehr als eine Darstellung der Wende vom Winter zum Frühling. Hier geht es um das Schicksal der Schöpfung, der Menschheit und des Menschen, kurz: um Religion. Religion hat mit jenen Dingen zu tun, für die keine Worte zur Verfügung stehen, die aber für das Leben wichtig sind.
Die Bibel, der das christliche Ostern entstammt, ist kein geschichtliches, eher ein mystisches Werk. Wie jede mystische Schrift will sie nicht nur gelesen, sondern auch gedeutet werden. Darum ist fraglich, ob jener Mensch, der in Israel gegen verkrustete Konventionen und den Zerfall lebendiger Glaubensinhalte angetreten ist und nachfolgend Christus genannt wird, wirklich wie beschrieben gelebt hat, gestorben und wieder auferstanden ist. Wissenschaftlich beglaubigt ist nur, dass die religiösen und politischen Verhältnisse jener Zeit in Israel zerrüttet waren.
Zweifellos gab es eine aufständische Bewegung, aus der später das Christentum hervorgegangen ist. Erwiesen ist, dass der Anfang des Christentums viele und schreckliche Opfer gefordert hat. Insofern ist es schon möglich, dass ein sanfter Rebell namens Jesus Christus in Jerusalem gefoltert und gekreuzigt wurde.
Für die christliche Botschaft jedoch ist die Frage nach dem Zeitpunkt und der Realität des Geschehens nicht relevant – die Botschaft ist zeitlos. Die Vorstellung einer leiblichen Auferstehung allerdings macht es schwer, an die Botschaft zu glauben. Obwohl, wenn man das wahre Wesen der elementaren Gegensätze „Leben“ und „Tod“ aus moderner Perspektive betrachtet, kann am Zweifel gezweifelt werden.
Im Alten Testament wird schon früh vom Erlöser gesprochen, allein bei Jesaja kommt das Wort Erlöser 13-mal vor. Anders als das Judentum, das einen politischen Messias erwartet, erwartet das Christentum einen universalen Messias in der Gestalt des Jesus Christus als Erlöser der ganzen Menschheit. Johannes benutzt im Prolog seines Evangeliums statt des Begriffs „Christus“ den griechischen Ausdruck lógos (das heißt so viel wie Gesamtsinn der Wirklichkeit). Übersetzt ist es in der Lutherbibel mit „Wort Gottes".
So fängt das Johannesevangelium an:
"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat`s nicht ergriffen ... [] ... Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit."
So gesehen kann „Christus“ als Metapher verstanden werden, die den Gegensatz zum Urchaos darstellt. Das wäre dann die Kraft, die dem Chaos intelligente Strukturierungen abringt. Die Wissenschaft sieht darin die Kraft der Evolution. Bislang konnte diese Kraft in keine wissenschaftliche Formel gefasst werden.
Unbestreitbar aber ist: Diese Naturkraft kämpft in der Schöpfung von Anfang an auf allen Ebenen mit dem Chaos. In der Menschheit geht der Kampf auf geistig-seelischer Ebene weiter. Seit je findet er auch in jedem einzelnen Menschen auf körperlicher und geistig-seelischer Ebene statt. Wenn der Mensch gestorben ist, ist diese Kraft dann ebenso tot wie der Körper? – Im Licht neuzeitlichen Wissens empfiehlt sich, neu darüber nachzudenken.
Auch Symbole, die heute für Ostern typisch sind, haben mystischen Bezug zum Urgrund des Seins.
Der eierlegende Hase wird von dem Heidelberger Mediziner J. Richier 1682 erwähnt, wonach es am Oberrhein, im Elsass und der Pfalz Brauch war, in Wiesen und Gärten gefärbte Eier zu verstecken, „zum Lachen der Kinder und Freude der Älteren“. Möglicherweise wollte man damit vermitteln, dass es kein langsames Huhn gewesen sein konnte, sondern eher ein flinker Hase.
Die ganze Osterzeit thematisiert die Extreme des Seins: auf der einen Seite das ewige Sein (das Leben), auf der anderen die Unmöglichkeit des totalen Nichts (der Tod). Zwischen diesem Oben und Unten des Seins ist die materielle Welt und als neue weltliche Kategorie, das organische Leben. Für das Christentum ist die biblische Osterlegende ein Hinweis auf den Sinn der Schöpfung, des Menschenlebens und der Menschheit. Eine Entschlüsselung der mystischen Zeichen ist aber kaum ohne Zuhilfenahme der Philosophie und Naturwissenschaft möglich.
Beim christlichen Kreuz überschneidet die Horizontale im oberen Bereich die Vertikale – gemäß der Anatomie des gekreuzigten menschlichen Körpers. Metaphorisch stellt die Vertikale des Kreuzes den Zusammenhang des Unten der materiellen Erde und dem Oben des geistigen Himmels dar. Zugleich ist es, hinsichtlich der Werteverhältnisse zwischen Materie und Geist, ein Zeichen für kosmische Komplexitätssteigerung, die schließlich auch das organische Leben in der materiellen Welt hervorbrachte.
Die nach oben versetzte Horizontale symbolisiert raumzeitliche Ausdehnung, also Expansion und Evolution. Der nach oben versetzte Kreuzungspunkt der beiden Richtungen markiert symbolhaft das weltliche Verhältnis zwischen Materie und Geist: viel Materie, wenig Geist.
Christus verkörpert in dieser Analogie das aus den Urkräften der Schöpfung – Materie und Geist – hervorgegangene geistbegabte Leben, mit dem sich die Schöpfung selber betrachten kann. Ferner zeigt die Analogie, dass Leben auf höchstem Niveau unzerstörbar ist, weil es die Extreme des Seins – das absolute Alles und das relative Nichts, gedanklich vereinen kann und somit das Leben über die Vergänglichkeit erhebt.
Mit unserem Wissen, das wir heute über den Grundstoff der Welt – die Energie – haben, rückt das, was man bislang für unmöglich hielt, in den Bereich des Möglichen. Christus, als die Verkörperung von Leben und Geist, konnte, quantenphysikalisch gesehen, auferstehen, nachdem sich seine, in Energiequanten gespeicherten Lebensdaten, die ja auch alle Köperfunktionen enthalten, neu geordnet hatten. Allerdings in anderer Form. Die Biologie hat dafür einen Ausdruck, sie nennt es „holometabole Metamorphose“, das heißt: vollkommene Verwandlung, wobei sich die Form und teilweise auch die Funktionen ändern, wie bei Schmetterlingen.
„So ein Unsinn“, wird dazu der aufgeklärte Zeitgenosse sagen. Ein Quantenphysiker aber wäre mit seinem Urteil etwas vorsichtiger. Er weiß: Energie – der Grundstoff aller Körperlichkeit – ist unzerstörbar, folglich sind alle Daten ewig in Energiequanten gespeichert. Erwähnenswert ist: Die Erforschung der Speicherfähigkeit in der Computertechnik setzt auf diese fantastische Eigenschaft der Energie.
Der aufgeklärte Rationalist sagt dazu: "Das ist alles Unsinn. Frühlingsanfang ist der Anfang einer schönen Jahreszeit. Das muss gefeiert werden. Ob man das nun Ostern nennt oder sonst irgendwie, ist doch egal. Keinesfalls kann man das Erwachen des Lebens in der Natur mit einem Entwicklungsschritt der Menschheitsgeschichte vergleichen, und schon gar nicht am Beispiel der kuriosen Ostergeschichte. Ich erwarte auch einen Entwicklungsschritt. Dabei halte ich mich aber lieber an Konkretes. Konkret ist: Mit großem Aufwand arbeitet die Forschung an einer besseren Welt. Die Menschheit wird Techniken entwickeln, mit denen die Natur zu retten ist, Krankheiten besiegt werden können, der Tod hinausgeschoben wird und Wohlstand in aller Welt zu erreichen ist. – Zugegeben, im Moment sieht es nicht gut aus, aber das ist nur eine Übergangskrise. Der Mensch hat nun mal die Eigenschaft, an die Grenzen zu gehen. Die Grenzen aber sind jetzt erkannt, man wird sie überwinden."
"Einspruch!" sagt der Idealist. "Wie soll das gehen, wenn man die Welt nicht versteht? Heute hört die Welt an den Grenzen der Physik auf. Es gibt aber auch das Leben und den Geist. Bislang blieb beides ungeklärt."
Der Rationalist antwortet: "Auch diese Rätsel werden wir eines Tages lösen. Wir werden die Weltformel finden, dann wird alles erklärbar werden – und alles wird besser."
Der Idealist denkt: "Hoffentlich bald. Bis das geklärt ist, werden wir weiter hartgesottene Eier suchen."
Viel Freude beim Osterfest!
Wert 4.2 |
Thema: 4.3 | Information: 4.1 | Verständlichkeit: 4.1 |
| Stimmen: 7 | Legende: 5: super - bis 1: erträglich |
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