Soziologie: Kennen Sie Luhmanns Systemtheorie? Teil 1

12.04.2006
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Bewertung 3.8
Tony Kühn
www.philognosie.net

Dieser Test fragt nach speziellen Grundlagen von Luhmanns Systemtheorie. Ohne Vorkenntnisse zu Luhmanns Ausführungen - also nur mit einer guten Allgemeinbildung - können die Fragen kaum richtig beantwortet werden.

Mir ist klar, daß ich damit den meisten Lesern zuviel zumute bzw. viele mit diesem Thema nichts anfangen können. Dennoch wollte ich es mir nicht nehmen lassen, auch einmal einen Bereich von Fachwissen abzufragen, der mich persönlich sehr inspiriert hat.

Teil 2: Soziologie: Kennen Sie Luhmanns Systemtheorie? Teil 2

1. An welchen der folgenden Merkmale macht Luhmann das "alteuropäische Denken" fest?

Es können mehrere Antwortoptionen richtig sein.

Hier operiert ein Beobachter mit der Unterscheidung: Sein/Nichtsein. Er bezeichnet mit dieser Unterscheidung das, was er für relevant, für anschlußfähig, für seiend hält.
Das vorherrschende Denkinstrument ist die klassische zweiwertige (aristotelische) Logik.
Das alteuropäische Denken stammt aus der Scholastik (scholasticus ="Schulmeister") und bezeichnet eine wissenschaftliche Denkweise, die in der mittelalterlichen Gelehrtenwelt entwickelt wurde.
Das ontologische Denken stellt sich die "Was-ist-Frage".
Alteuropäisches Denken wird mit der Unterscheidung Schein und Sein begründet, welche aus der mittelalterlichen Metaphysik stammt.
2. Wie charakterisiert Luhman ein neueuropäisches Denken?

Mehrere Antwortoptionen können richtig sein:

Die Grundlagen des neueuropäischen Denkens stammen aus der Fuzzy-Logik.
Das neueuropäische Denken fußt in Gotthard Günthers Ausarbeitungen zur mehrwertigen Logik.
Weg vom Identitäts- bzw. Substanzdenken, hin zu prozesshaftem Denken. Hier findet eine Umorientierung statt: Verabschiedung von der Einheit zur Differenz, d.h. Überwinden des Identitätskonzeptes.
Hier wird nicht die "Was-ist-" sondern die "Wie-geschieht-Frage" gestellt.
Die neue Leitdifferenz heißt System/Umwelt.
3. Was ist ein autopoietisches System?
Autopoietische Systeme sind mechanische Systeme.
Autopoietische Systeme sind nach Luhmann ein Synonym für "Menschen".
Autopoietische Systeme können nur soziale Systeme - beispielsweise die Wirtschaft, Familie etc. - sein.
Autopoietische Systeme erzeugen und erhalten sich selbst. Sie sind energetisch offen und operational geschlossen.
4. Welche der folgenden Systemtypen, wären nach Luhmann autopoietische Systeme?

Mehrere Antwortoptionen können richtig sein:

Nur der Mensch selbst kann ein autopoietisches System sein.
Mechanische Systeme: Autos, Bohrmaschine, Handy
Bewußseinssysteme: Erleben der Meditation, Ihre Gedanken.
Soziale Systeme: Beziehung, Familie, Wirtschaft, Politik
Organische Systeme: Katzen, menschlicher Körper, Amöben
5. Was versteht Luhmann unter dem Begriff "Beobachtung erster Ordnung".
Eine Beobachtung erster Ordnung ist ein einfaches unterscheiden und bezeichnen von "Etwas".
Beobachtung erster Ordnung bezeichnet die Anzahl der Beobachter - hier ist also ein einzelner Beobachter gemeint.
Beobachtung erster Ordnung tritt auf, wenn der Beobachter fähig ist, Klassen von Objekten zu unterscheiden und zuzuordnen - Bsp. Ein Audi ist ein Auto.
Beobachtung erster Ordnung meint die Erstmaligkeit einer Beobachtung - das erstmalige Beobachten eines bestimmten Phänomens.
6. Welche der folgenden Aussagen treffen auf die "Beobachtung zweiter Ordnung" zu?

Mehrere Antwortoptionen können richtig sein:

Man spricht von der Beobachtung zweiter Ordnung, wenn sich zwei Beobachter unterhalten.
Ein Beobachter zweiter Ordnung beobachtet immer einen Beobachter erster Ordnung.
Ein Beobachter zweiter Ordnung beobachtet die Differenzen, die er für die Beobachtung erster Ordnung verwendet.
Beobachtung zweiter Ordnung meint - ein System kann sich selbst (Ich-Bewußtsein) von der Umwelt unterscheiden.
7. Was meint Beobachtung dritter Ordnung?
Beobachtung dritter Ordnung bezeichnet die Anzahl der beteiligten Systeme - Bsp. drei Systeme unterhalten sich.
Beobachtung dritter Ordnung bezeichnet die Reflexions- oder Metatheorie dessen, was auf der Ebene zweiter Ordnung geschieht.
Beobachtung dritter Ordnung bezeichnet die Komplexitätsstufe des Beobachters - damit wäre die Beobachtung dreimal so komplex, wie die Beobachtung erster Ordnung.
Beobachtung dritter Ordnung kommt in Luhmanns Theorie überhaupt nicht vor!
8. Was ist der Unterschied zwischen der Autopoiesis und Selbstreferentialität?
Selbstreferentialität bezeichnet nur ein spezielles Verhalten eines Autopoietischen Systems - nämlich die Fähigkeit über sich selbst zu reflektieren.
Selbstreferentialität meint alle systeminternen Operationen eines Systems, während Autopoiesis lediglich den autonomen Status bezeichnet.
Der Begriff "Selbstreferentialität" bezieht sich auf den Aufbau bzw. die systeminterne Verwendung von Strukturen, also auf die Selbstorganisation, d.h. das Operieren mit systeminternen Elementen. Der Begriff "Autopoiesis" zielt auf das Selbstsein des Systems.
Autopoiesis und Selbstreferentialität sind Synonyme.
9. Wieso handelt es sich bei Luhmanns Konstruktivismus um keinen Solipsismus?
Es ist zwar kontingent wie ein System operiert, aber es hat Grenzen. Es kann Irritationen nicht beliebig verarbeiten, da es Irritationen gibt, die nicht anschlußfähig sind und ein System zerstören können.
Die Grenzen zwischen Luhmanns Konstruktivismus und den Solipsismus sind fließend und unterscheiden sich nur partiell in einigen Definitionen.
Eine Fangfrage - natürlich handelt es sich bei Luhmanns Konstruktivismus um einen Solipsismus!
Luhmanns Systemtheorie ist eindeutig ein deterministisches Modell, welches soplipsistische Ansätze kategorisch ausschließt.
10. Nenne alle drei Möglichkeiten, wie psychische oder soziale Systeme das Paradox der Beobachtung entparadoxieren können.
Meta-Beobachter oder die Anwendung des Beobachters dritter Ordnung.
Zeitliche Dimension oder die Konstruktion von Zeit
Sachliche Dimension oder die Konstruktion von Objekten
Fuzzy-Logik bzw. die praktische Anwendung von Fuzzy-Logik
Soziale Dimension oder Kommunikation
11. Was ist der Mensch im Sinne des systemtheoretischen Denkens?
"Menschen" gibt es in der Luhmannschen Systemtheorie gar nicht.
Zusammenstand - oder: die strukturelle Kopplung - eines lebenden, psychischen und kommunikativen Systems.
Der Mensch ist ein einfaches biologisches System.
Der Mensch ist ein psychisches System.
12. Was meint Luhmann damit, wenn er sagt, daß autopoietische Systeme "strukturell gekoppelt" sind?
Systeme sind strukturell gekoppelt, wenn es mindestens ein gemeinsamens Element gibt, welches gleichermaßen Bestandteil des Systems als auch der Umwelt ist.
Strukturelle Kopplung bezeichnet die Summe der Strukturähnlichkeiten zwischen System und Umwelt.
Strukturelle Kopplung meint einen Energieaustausch zwischen System und Umwelt - beispielsweise die menschiche Verdauung.
Gemeint ist eine spezifische Beziehung zwischen System und Umwelt, welche das System zwar nicht kausal beeinflussen, aber es "im Sinne eines Stimuli" bei seinen Operationen irritieren kann.
13. Nenne ein Beispiel für die strukturelle Kopplung zwischen dem Bewußtseins- und dem Sozialen System.
Das Bewußtseins-System und das Soziale System sind über den Menschen strukturell gekoppelt.
Es existiert keine strukturelle Kopplung zwischen dem Bewußtseins- und dem Sozialen System.
Das Bewußtseins-System und das Soziale System sind über Schallwellen strukturell gekoppelt.
Die Strukturelle Kopplung zwischen Bewußtseins- und Sozialem System ist die Sprache.


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