Story: Das Loch im Hemd der Mutter Gottes

22.03.2004
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Tony Kühn
www.philognosie.net

PfarrerBruder Franziskus war ein alter Freund von Alois Frenzel, dem Pfarrer der Gemeinde Sankt Martin in Landshut. Beide studierten gemeinsam in Mainz Theologie und unterhielten sich schon damals gerne nächtelang über die Geheimnisse der katholischen Mystik. Später gingen sie einige Jahre lang getrennte Wege, da sich Bruder Franziskus entschloß ins Kloster zu gehen, während Alois den Kontakt mit Menschen suchte und Pfarrer einer größeren Gemeinde werden wollte.

Drei Jahre war es nun her, daß sie sich das letzte Mal sahen. Deshalb war der Besuch von Bruder Franzikus heute abend auch ein Fest der Freude und des Wiedersehens für Frenzel. Sie unterhielten sich gepflegt bei einem Glas Wein im gemütlichen Kaminzimmer der Pfarrei und tauschten allerlei Erlebnisse aus. Es war viel geschehen, in dieser langen Zeit der Trennung, aber das warme Gefühl der Freundschaft war ab dem ersten Moment des Wiedersehens für beide sofort wieder präsent.

Als der Abend schon etwas fortgeschritten war, kamen sie, wie zu alten Studienzeiten, auf Ihr Lieblingsthema zu sprechen. Frenzel war schon etwas beschwipst, als er etwas gewichtig den Zeigefinger hob und Bruder Franziskus mit einem verschwörerischen Blick bedachte.

"Du wirst es nicht glauben, alter Freund, aber auch um diese alte Kirche rangt sich ein Geheimnis aus alter Zeit." Frenzel wußte genau, wie er die Neugierde seines alten Freundes wecken konnte. So bemerkte er mit Genugtuung, wie Franzikus spitzbübische Augen groß wurden und er geduldig auf die Ausführungen von Frenzel wartete.

"Zur Zeit Napoleons leitete diese Pfarrei ein Priester Names Weishaupt. Als die Truppen seiner Majestät dieser Stadt immer näher kamen, herrschte im ganzen Land helle Aufregung. Ein Gerücht machte die Runde, daß der Herrscher die Glocken der Kirchen eingießen ließ, um daraus Kanonen herzustellen. Außerdem plünderten seine Truppen auch das Gold und andere wertvollen Gegenstände, aus den eroberten Städten, um den Soldaten auf dem langen Heerzug ihren Sold zu zahlen."

Franziskus nickte bedächtig, "Ich habe von derartigen Gepflogenheiten Napoleons gehört. Sicher hat er sich so das Wohlwollen in der langen Zeit der Entbehrungen seiner Soldaten aufrechterhalten." "Und daß er in dieser Pfarrei keinen Krümel Gold gefunden hat, weißt du auch?"

Pfarrer Frenzel zog verschwörerisch seine borstigen Augenbrauen nach oben. "Ist dies nicht seltsam, zumal Landshut zu dieser Zeit Landeshauptstadt war und wirtschaftlich in voller Blüte stand." Franziskus's halbmondförmiges Gesicht verzog sich zu einem leicht spöttischen Lächeln, "Ahh... der Schatz der Nibelungen in deiner Kirche?"

Frenzel winkte ungeduldig ab, "Nein sicher nicht der Nibelungen, aber vielleicht der Bürger dieser Stadt." Er neigte seinen Oberkörper leicht nach vorne, "Pfarrer Weishaupt galt als weiser und vorausschauender Mann. Von ihm wurde berichtet, daß er bei den Kämpfen rund um diese Stadt von einer verirrten Kugel tödlich getroffen wurde. Ein Meßdiener war in seiner letzten Stunde an seiner Seite, dem er auftrug eine Notiz zu verfassen und sie seinem Nachfolger zu übergeben."

Der Mönch spielte mit seinem Glas Wein und sah Frenzel mit seinem typischen bohrenden Forscherblick in die Augen, "Und, welche Nachricht gab er dem Meßdiener?"

Alois Frenzel war jetzt in seinem Element und lehnte sich genüßlich in dem großen, ledernen Ohrensessel zurück. "Ich habe die Chroniken dieser Gemeinde studiert und eine Nachricht des Meßdieners an seinen Nachfolger gefunden. Der werte Pfarrer Zens notierte den letzten Willen Weishaupts, der wie folgt lautete: "Die Gabe meiner Schäfchen habe ich der Magdalena übergeben. Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein."

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von Tony Kühn

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