Story: Die Pfeiler meines Lebens

13.08.2010
4772 Views
Bewertung 4.7
Andrea Koßmann
www.kossis-welt.de

Geist Ich brauchte gar nicht genau hinschauen, denn ich ahnte schon, dass auch dort ein kleines Männchen auf mich warten würde. Ich zog die Bettdecke ein wenig weg und sah es. Zusammengekauert schaute es mich an. Es war aus den verschiedensten Rot-Tönen, die es auf der Welt gibt, die ich in meinem ganzen Leben aber noch nicht gesehen hatte. Als es mich erblickte, schien es noch mehr aufzublühen und strahlte in den schönsten Farben dieser Welt. Außerdem strahlte es eine sehr angenehme Wärme aus, die meinen ganzen Körper erzittern ließ.

Der Raum war auf einmal so hell wie am schönsten Sonnentag und ich konnte die Kerze ausmachen. Ich traute mich kaum zu fragen, wer dieses Männchen ist, denn es imponierte mir so sehr.

"Sag nichts", flüsterte das Männchen mit einer glockenklaren Stimme. "Ich kenne Deine Frage. Ich bin ihre Liebe. Ich habe sie zeitlebens begleitet. Ich war immer an ihrer Seite, aber ich blieb dennoch unerfüllt. Sie hat Dich so sehr geliebt, wie keinen zweiten Menschen auf dieser Welt. Und obwohl Du diese Liebe erwidert hast, hast Du sie nicht ausgelebt und das hat sehr viel in ihr kaputt gemacht. Es hat ihr das Herz gebrochen."

Mir liefen die Tränen die Wangen herunter. Ja, ich hab die Liebe zu ihr nicht ausgelebt. Weil ich nicht mein eigenes Leben gelebt hatte, sondern von anderen Menschen gelebt wurde. Aber das war mir erst im Alter so richtig bewusst geworden. Mir hatte zeitlebens etwas in meinem Leben gefehlt. Im Prinzip wusste ich, was es war, doch hatte ich nicht den Mut, mein Leben zu ändern.

"Wo ist sie" fragte ich die Liebe. Obwohl ich Angst vor der Antwort hatte. "Geh in den Garten, dort wirst Du sie finden".

Mit zitternden Knien ging ich die Treppe hinunter. Kurz vor der Haustür hielt ich inne, denn in einer versteckten Ecke saß erneut ein Männchen. Ich hatte es beim Hereinkommen anscheinend übersehen. Ich schaute es an und es verkroch sich noch mehr in die Ecke, als es sagte: "Ich bin ihre Angst. Ich habe sie sehr lange begleitet.

Ich war gemein zu ihr und hinderte sie an so vielen Dingen, die sie gern gemacht hätte. Sie hat mit all ihrer Kraft versucht, gegen mich zu arbeiten, doch ich war immer stärker als sie. Ich machte sie klein und hilflos. Nur manchmal, wenn ich nachließ, wurde die Kraft in ihr stärker und sie bekam Macht über mich. Aber meistens herrschte ich über sie. Doch letztendlich hat sie mich überwunden und konnte den Weg gehen, den sie gehen musste. Auch mich hat sie hier zurückgelassen wie all die anderen Männchen in diesem Haus!"

Ich schaute das Männchen an und spürte eine riesige Angst. Ja, es kam Panik gleich. Ich hatte Angst vor dem, was mich im Garten erwarten sollte. Ich öffnete die Tür und schritt hinaus in den Garten. In ihm stand ein Brunnen, der von hellem Licht angestrahlt wurde.

Aus seinem Innern erhob sich plötzlich ein Körper in einem weißen Gewand. Ich erkannte ihr Gesicht sofort. Es war genauso wunderschön wie damals. Ihre Augen hatten die gleiche magnetisierende Wirkung auf mich wie eh und je. Ich schaute sie nur sprachlos mit offenem Mund an, als sie sagte:

"Es ist schön, dass Du gekommen bist. Inzwischen hast Du auch all die Pfeiler kennengelernt, die mein gesamtes Leben stützten. Leider sind sie im Laufe der Jahre immer mehr zerstört worden und irgendwann ließ die ganze Kraft nach und mein Leben stürzte zusammen wie ein Kartenhaus. Ich hatte dann keine andere Wahl mehr, als diese Erde zu verlassen. Zu Lebzeiten hatte ich mir so gewünscht, dass Du eines Tages vor meiner Tür stehst, um mir zu sagen, dass Du Dein Leben mit mir teilen möchtest. Leider ist das nie passiert.

Erinnerst Du Dich daran, dass Du mir mal gesagt hast, Du glaubst, ich wäre gern die "unsichtbare Dritte" in Deinem Leben. Das war falsch. Ich wollte vom ersten Tag an, als ich mich in Dich verliebte, die sichtbare erste Frau in Deinem Leben sein. Du warst für mich immer die zweite Hälfte, die mich erst komplett machte."

Ich hörte Geräusche hinter mir und drehte mich um. Dort standen alle Männchen, die ich zuvor kennengelernt hatte, nebeneinander. Sie reichten sich die Hände und sagten im Chor: "Wir waren ihr Leben. Aber sie hat uns alle zurückgelassen!"

Ich drehte mich wieder zu ihr um. Sie sah mich mit ihren wunderschönen Augen an, als sie weiterredete:

"Aber Du hast jetzt noch eine allerletzte Chance. Wenn Du mir die Hand reichst, nehme ich Dich mit zu mir in mein kleines Paradies. Es befindet sich ganz oben im Himmel. Dort sind alle Blumen noch bunter als auf der Erde, die Meere noch tiefer, die Bäume höher, die Lieder melodischer und die Menschen fröhlicher. Hab keine Angst und komm einfach mit!"

Ich zögerte nicht eine Sekunde, griff nach ihrer Hand und wir flogen dem Himmel entgegen. Ich schaute noch einmal nach unten in den Garten. Da tanzten alle Männchen im Kreis. Die Einsamkeit war nicht mehr grau, sondern schimmerte in den schönsten Regenbogenfarben und wurde von den anderen Männchen umringt.

Das Lachen war noch heller und glockenklarer als je zuvor. Die Tränen waren versiegt und schauten mir mit fröhlichen Augen hinterher. Der Hass küsste das Lachen und verflog. Die Kraft wurde noch stärker. Und die Liebe? Die Liebe umhüllte in ihrem wunderschönen Rot die gesamte Welt.

Was ich in meinem ganzen Leben nie fühlte, wonach ich mich aber all die Jahre sehnte, war auf einmal da: Ich fühlte mich frei mit der Liebe meines Lebens an meiner Seite. Ich war endlos glücklich und bereute zutiefst, dass ich im Leben nicht zu ihr stand und es erst im Tode konnte.

© Andrea Koßmann

Publikationen und Empfehlungen
von Andrea Koßmann

Empfehlungen zu diesem Thema

Gesamtstatistik der Bewertungen

5 Sterne
Wert 4.7
Fun: 4.7
Stimmen: 6 Legende:
5: super - bis 1: erträglich
Views: 4772

Beiträge

Keine Beiträge vorhanden.