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Die gute Christin

von  Lara Gandra

Homepage: www.lachsalven.de

Datum: 06.02.2004


Die gute Christin

Sie war von gutem Bau und festem Glaube.
Sie tat, was im Gebet der Herr gelobt
und nicht, was ihr der Pfarrer streng verbot.
Lieb sittsam saß sie in der grünen Laube,

auf daß kein Freier ihr die Jungfrau raube.
Sie lebte um zu lindern Kindernot,
ging täglich beichten, büßte, sprach devot
und eines Nachts erschien ihr eine Taube.

Und ihr wie jedem andren schlug die Uhr,
sie lebte ab, ihr Pfarrer sprach ein Amen.
Und als sie aufgebahrt vor dem Altar,

so selig und sie hoch zum Himmel fuhr
und während Gäste sich frivol benahmen,
sie stellte fest, daß oben niemand war.


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Kommentar-Liste


Betreff: Autor:
Zeit:
Ein absolut blödes Gedicht
Erich Meinecke 06.02.2004 11:13
Das ist nicht "Fun", das ist doch einfach nur blöde. Oder merken das die Leser nicht? Ich glaube, die Autorin wird das früher oder später auch merken, wenn sie (vielleicht) menschlich ein bischen reifer geworden ist (?).
Man sollte bei demjenigen, der religiöse Haltungen kritisiert oder sie verspottet, wenigstens merken, daß er selber noch in irgendeiner Form "Religion" (im Sinne Friedrich Schillers, Jakob Burkhardts, Theodor Storms, Hermann Hesses ...) in sich hat. Also in irgendeiner Form noch HOCHACHTUNG vor "Religion", vor religiöser Haltung. Das heißt, wenn jemand noch an das Weiterleben nach dem Tod glaubt, und das für ihn Religion ist, dann sollte der Spott darüber irgendwie "gutmütig" sein, aber nicht so herabziehend wie in diesem Gedicht.
Meiner Meinung nach steht JEDE Form von Religion - und sei es die einer bigotten "guten Christin" (die es ja heute sowieso so gut wie gar nicht mehr gibt in Deutschland und im westlichen Europa) - noch immer haushoch über JEDER Form von Leugnung jeglichen religiösen Inhalts eines Menschenlebens. Und genau dieselbe scheint mir aus dem Gedicht zu sprechen. Und das ist doch nur noch blöde, oder?
Ich glaube, neuerdings würde mir dabei sogar Jürgen Habermas (!!!) zustimmen, nachdem er sich mit dem ... (meiner Meinung nach: zutiefst ekelhaften) Kardinal Ratzinger so herrlich gut zu verstehen scheint ...
   RE: Ein absolut blödes Gedicht!?
Lara Gandra 09.02.2004 13:58
Hallo Herr Meinecke,

Wie reif ich bin - oder dichterisch gelungen das Gedicht ist - das sei mal dahingestellt.
Ich habe mir nicht die Mühe mit einem Sonett gemacht um einfach nur Menschen zu verspotten.

Einen blinden Glauben ans Christentum vermute ich bei Ihnen nicht. Sie sind Autor des Artikels: "Das Ende der Biblischen Archäologie?" und leiten ihn mit folgenden Worten ein:
"Durch die Erweiterung des naturwissenschaftlichen Weltbildes sind in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten ständig aufs Neue biblische Inhalte als veraltet und in ihrer oftmals lächerlich kleingeistigen, geschichtlichen Bedingtheit und ethnozentrischen (auf das eigene Volk bezogenen) Zweckmäßigkeit durchschaut worden. Die textkritische und historische Arbeit mehrerer Forschergenerationen hat zudem seit mehr als einem Jahrhundert die vielschichtige Herkunft der Texte der Bibel aufgezeigt, wodurch es immer schwerer fiel, sie als »Wort Gottes« anzusehen oder ihnen irgendwie »heilige« Ursprünge zuzusprechen."

Gibt es nicht noch mehr zu bedenken?
Als Kind erzählte man mir von Gott, er sitze in einem weißen Gewand mit langen, weißen Haaren im Himmel, umgeben von harfespielenden Engeln, die 'Halleluja' singen. Ich ging zur Beichte und erzählte dem Pfarrern von meinen Kindersünden.
Ist es nicht an der Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, was wir in unserer 'Religiösität' tun, tun sollten, was wirklich noch glaubwürdig erscheint in unserer heutigen Zeit? Hätte ich nicht lieber meine Sünden meiner Ma gebeichtet und wäre es nicht passender gewesen, wenn sie mir vergeben hätte und wir uns danach darüber unterhalten hätten, was ich stattdessen machen kann?

Nietzsche schrieb: "Gott ist tot." Welchen Gott meinte er? Den Allmächtigen und Allwissenden? Könnte er nicht damit Recht haben? Trotz allen guten Lebens entscheidet Gott am Ende unserer Tag, ob wir in den Himmel kommen oder in der Hölle schmoren - der Allmächtige richtet über uns. Der Allmächtige auf dessen Erden Kinderarmeen kämpfen - ist er doch nicht so allmächtig, daß er das verhindern kann oder ist er allmächtig und findet das ok?

Es geht mir nicht um Gottlosigkeit, sondern um ein Nachdenken über den christlichen Gott, wie er uns dargestellt wird. Ohne Gott geht's auch nicht:

Was ist ein Gott ohne den Menschen?
Die absolute Form der absoluten Langeweile.
Was ist ein Mensch ohne den Gott?
Der reine Wahnsinn in der Gestalt des Harmlosen. (Heidegger)

Auch bei Whitehead ist von 'Gott' die Rede:
„In jeder philosophischen Theorie gibt es ein Elementares, das nur durch seine zufälligen Verkörperungen charakterisiert werden kann, und das außer diesen Akzidenzien keine Wirklichkeit hat. In der Philosophie des Organismus wird dieses Elementare ‚Kreativität’ genannt, und Gott ist ihre primordiale, nicht-zeitliche Akzidenz.“
Whiteheads Lehre des Elementaren besagt, dass Gott die Welt nicht in einem Schöpfungsakt erschaffen hat, ex nihilo. Die Welt erschafft und formt sich selbst für immer, entsteht ständig neu aus dem Chaos. Zu welchem Zweck? Whitehead gibt eine einfache Antwort, „Die Teleologie des Universums ist auf das Hervorbringen von Schönheit ausgerichtet“. Whiteheads Gott ist nicht dasselbe wie die Welt, noch ist die Welt ein Teil Gottes, aber beide sind Formen innerhalb des Prozesses der Freude und des Verlangens.

Diese ‚Uranfängliche Natur Gottes’, wie Whitehead sie nennt, ist weit entfernt von dem allmächtigen Schöpfer und universellen König der Jerusalem-Tradition. Und ich finde sie ist unserer heutigen Zeit auch angemessener.

Mit schönen Grüßen
Lara Gandra
     RE: Ein absolut blödes Gedicht!?
Erich Meinecke 18.02.2004 10:02
Ok, so werden uns schon eher einig.
Aber ich habe noch mehr zu kritisieren: Ist nicht auch eine "gute Christin", zumal wenn sie von "gutem Bau" ist (nunja, eigentlich auch ein blöder Ausdruck, aber immerhin), etwas Heiliges? Ist sie nicht etwas Heiliges, auch wenn es keinen Himmel und kein Weiterleben nach dem Tod gibt? Und sollte man nicht allein darum schon, aufgrund ihres Menschentumes, ihrer (etwaigen äußeren oder inneren) Schönheit Achtung vor ihr haben, sie ehren? Nein, ich gehe noch weiter: Ist nicht auch "Sittsamkeit" etwas Tolles? Oder soll man annehmen, daß alle "guten Christen" nur in ihrem Sinne "gut" waren, um in den Himmel zu kommen (oder um dem Pfarrer, den Eltern etc. pp. zu gefallen)? Gibt es nicht auch andere Gründe, um gut zu sein?
Marie von Ebner-Eschenbach etwa: "Man muß das Gute tun, damit es in der Welt sei." -? Und warum benehmen sich die Gäste bei ihrer Beerdigung frivol? Wie ist das zu bewerten?
Und übrigens: Das Wort "Gott ist tot" hat Nietzsche von Hegel, der aber - wenn auch mit seinem sehr abstrakten Dialektik-Geklapper - ausdrücklich Gott wieder lebendig machen wollte im Denken der Menschen. Das ist ihm ganz offenbar nicht dauerhaft gelungen, da sein philosophischer Idealismus heute von den meisten Menschen als überwunden angesehen wird. - Aber seinem Freund Hölderlin gelingt dies auch heute noch ganz offensichtlich. - Die Metapher vom "Tod Gottes" ist ja auch nur ein Aufruf an die Menschen, eine Aufrüttelung.
Aber auch Nietzsche hat ganz sicherlich nicht gemeint, daß sie ein Aufruf, eine Aufforderung ist, sich nun wohlig (oder "frivol", wie Sie es nennen) in der "Getötetheit Gottes" zu suhlen, wie das heute 95 % der Menschheit der westlichen Welt tun, und wogegen sich kaum jemand traut, etwas Klares zu sagen oder sogar zu tun.
Worüber noch manches zu sagen wäre.
Aber nichts für ungut!
Erich Meinecke

>
> Diese ‚Uranfängliche Natur Gottes’, wie Whitehead sie
> nennt, ist weit entfernt von dem allmächtigen Schöpfer und
> universellen König der Jerusalem-Tradition. Und ich finde
> sie ist unserer heutigen Zeit auch angemessener.
>
> Mit schönen Grüßen
> Lara Gandra
       RE: Ein absolut blödes Gedicht!?
Lara Gandra 08.03.2004 14:35
Hallo Herr Meinecke,

> Ok, so werden uns schon eher einig.

Schön :)

> Aber ich habe noch mehr zu kritisieren:

ok - ein Gespräch über das Gedicht finde ich auch wichtiger/anregender als das Sonett selbst.

Zu heilig habe ich gefunden: "erhaben über alles Irdische (als Eigenschaft Gottes); fromm, von Gottes Geist erfüllt; geheiligt, von der Kirche heilig gesprochen; in tiefster Seele ernst, unverletzlich, unantastbar, verehrungswürdig; in allen Religionen Bezeichnung für die nur religiös erfassbare Wirklichkeit des Göttlichen in seiner Eigenart und radikalen Andersheit gegenüber dem Profanen."

Heilig ist von der jeweiligen Gottesvorstellung abhängig. Das Christentum hat klare Vorstellungen von dem, was gut/böse ist. Frivol ist im Gedicht als Gegensatz zum christlich Heiligen gemeint, was aber nicht meint, sich wohlig zu suhlen. Manchmal habe ich den Eindruck, daß ein Fest mit Spiel, Tanz und Lachen nicht in eine Kirche paßt.
Sittsamkeit - guter Bau (schöner Körperbau)- Laube: ist nicht die christliche Vorstellung des Körpers unnatürlich. Warum sollte man sich nur daran erfreuen, um Kinder zu zeugen? Und könnte nicht auch in dieser Vorstellung von Spiritualität, die Geist und Körper trennt und den heiligen Geist über den sündigen Körper stellt, ein Grund liegen, warum sich manche Pfarrer an Kindern vergehen? Ist der Mensch nicht Einheit von Körper und Geist statt Geist über Körper?

> Aber auch Nietzsche hat ganz sicherlich nicht gemeint, daß sie ein Aufruf, eine Aufforderung ist, sich nun wohlig (oder "frivol", wie Sie es nennen) in der "Getötetheit Gottes" zu suhlen, wie das heute 95 % der Menschheit der westlichen Welt tun, und wogegen sich kaum jemand traut, etwas Klares zu sagen oder sogar zu tun.

Sicherlich nicht und so will ich mich auch nicht verstanden wissen.
Vielleicht sind wir am Ende unserer Kultur, schon im Untergang. Kunst ist Schein, ist tot, ist Kunstmarkt, Philosophie nutzlos oder wird nicht mehr (zu wenig) geschätzt/praktiziert und unsere Religion ist unglaubwürdig.

Was ich finde, was dem Gedicht fehlt, ist die Beschreibung dessen, was stattdessen sein soll. Ein Kontra orientiert sich immer noch am selbem wie ein Pro - doch was für einen Gott wollen wir in unserer heutigen Zeit?

Lara Gandra
         RE: Was für einen Gott wollen wir in unserer heutigen Zeit?
Erich Meinecke 09.03.2004 09:18
Hallo Frau Gandra,
unter dem Link: www.hohewarte.de/MuM/Jahr2001/Volk0105.html habe ich einmal versucht, einen Argumentationsrahmen darzustellen, innerhalb dessen man heute in einer modernen, sinnvollen Weise von Gott sprechen könnte und der auch Raum dafür frei geben könnte, den Einzelmenschen (wieder) als etwas (potentiell) Heiliges anzusehen. Eine solche Gottauffassung muß meiner Meinung nach mit den Naturwissenschaften übereinstimmen, bzw. bekommt heute von diesen überhaupt erst auch die wertvollsten Anregungen. Es gibt viele, auch sehr verantwortungsbewußte Denker, auf die man sich für einen solchen Argumentationsrahmen berufen kann, etwa der berühmte Verhaltensforscher und Philosoph Konrad Lorenz (z. B. in: "Der Abbau des Menschlichen") oder sein Schüler I. Eibl-Eibesfeldt (diverse Veröffentlichungen). Sie gehen unter anderem von der Philosophie, besonders der anti-idealistischen Erkenntnislehre Nicolai Hartmanns aus. Weiter wären zu nennen Hans Jonas ("Prinzip Verantwortung") oder Mathilde Ludendorff.
Ich glaube, unserer Gesellschaft bleibt nicht mehr viel Zeit, endlich die richtigen, positiven Antworten auf all diese wichtigen, von uns diskutierten Fragen zu finden. In der Yahoo-Diskussionsgruppe http://de.groups.yahoo.com/group/Wissenschaft_Kunst_und_Philosophie/ versuche ich zum Nachdenken und Diskutieren über derartige Fragen anzuregen.
Vielleicht können wir ja diesbezüglich im Gespräch bleiben!
MfG
Erich Meinecke

> Was ich finde, was dem Gedicht fehlt, ist die Beschreibung
> dessen, was stattdessen sein soll. Ein Kontra orientiert
> sich immer noch am selbem wie ein Pro - doch was für einen
> Gott wollen wir in unserer heutigen Zeit?
>
> Lara Gandra

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