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Kennen Sie den Ausspruch: "Brave Mädchen kommen in den Himmel - böse überall hin ..."? Dies könnte durchaus ein Motto sein, welches gut zu meinem letzten Urlaub passt. Sicher wird es nicht sofort einleuchtend sein, was so ein Spruch mit einem "erholsamen" Urlaub zu tun haben soll. Wenn ich Sie damit neugierig gemacht habe, können Sie hier die ganze Geschichte lesen.
Alles begann mit zwei Wochen in einem Hotel mit einem sogenannten "allinclusive Club-Urlaub". Ich stehe an einem Eisstand und sehe, dass der Hotelangestellte noch damit beschäftigt ist die Eistüten aufzufüllen. Da ich mich im Urlaub erholt fühle und keiner da ist, der mich hetzt, warte ich geduldig bis er fertig ist. Er sieht mich an, ich lächle stumm und freundlich.
Zwischenzeitlich hat sich eine kleine Schlange hinter mir gebildet. Nasse Gestalten in Badehosen und Badeanzügen haben sich zu mir gesellt. Schweiß und Badewasser tropft auf die Fliesen. Als der Eisverteiler fertig ist, will ich gerade ansetzen und ihm sagen, welche Eissorten ich für meine Töchter ordern möchte.
Da kommen von links zwei Teenies in knappen Bikinis angelaufen. Seine Augen sind sofort auf sie gerichtet. Sie bestellen ihr Eis, ohne die ordentlich in Reih und Glied stehende Schlange auch nur eines Blickes zu würdigen.
Spiel, Satz und Sieg!
Noch bevor ich meinen geöffneten Mund wieder schließen kann, rauschen die beiden mit ihrem Vanilleeis davon. Sie sehen sich noch mal zuckersüß um und lecken provokant das schmelzende Eis von der Tüte. Nun eile ich mich die nötigen Laute zu formen, um den Bedürfnissen meiner kleinen Töchter nachzukommen: „Zweimal Vanilleeis, bitte!“
Mürrisch gibt er mir die Eiswaffeln. Ich denke, wenn ich da alleine gestanden hätte, hätte er sie mir wohl gleich in den Mund gestopft, so unsanft muss ich ihn mit meinem Anliegen aus seiner Schwärmerei gerissen haben.
Als wir dann an unserem Strandplatz wieder angekommen sind, geht ein Fremder zum Liegestuhl, auf dem das Handtuch meines Mannes liegt. Der schwimmt gerade im Meer. Der Fremde schnappt sich das Handtuch, trocknet sich damit ab und geht weg. Ich sehe noch meinen Mann tropfnass und entgeistert aus dem Wasser steigen. Sein Ruf: „Halt, das ist mein Handtuch!“ verhallt ungehört. Völlig perplex schau ich ihn an und bin nicht in der Lage in irgendeiner Form zu reagieren.
Als wir später am Abend in einer der hinteren Reihen vor der Showbühne Platz nehmen, teilen mein Mann und ich uns einen leeren Plastikstuhl, um darauf unsere Füße abzulegen. Etwas desorientiert, wissen wir noch nicht, was für ein Programm uns heute wohl präsentiert wird. Und so folgern wir, da nur wenige Reihen vorne gut gefüllt sind, dass es wohl nichts besonderes sein wird.
Wahrscheinlich handelt es sich um Neuankömmlinge, die sich in den ersten Reihen drängeln. Denn jeder, der hier schon ein paar Tage verbracht hat, weiß, dass man dort außer einem Showprogramm noch gratis einen dauerhaften Hörsturz bekommt. Eben echt allinclusive!
Als die Clubhotelfanfare ertönt, kommen noch fünf aufgebrezelte Frauen und sehen sich nach geeigneten Plätzen um, um die Show zu verfolgen. Anscheinend wollen sie einen guten Überblick übers Publikum haben und selbstverständlich auch gut gesehen werden. Nach dem Motto: "Sehen und gesehen werden!" Ihre Wahl fällt auf die komplett freie Reihe, eine 10er Stuhlreihe vor uns. Sie setzten sich mit einem Mordsgetöse, dass man denken könnte sie wären Teil der Show.
Eine von ihnen - mindestens 1,80 groß bzw. für mich gefühlte zwei Meter auf ihren hohen Schuhen - kommt auf uns zu. Wir sitzen noch im „bequemen Modus a´la Couchpotatoe“. Ohne ein Wort zu sagen, reißt sie uns den Stuhl unter den Füßen weg und stellt ihn in die Reihe zu den anderen leeren Stühlen. Mein Mann und ich suchen nach Halt, um nicht von unseren Stühlen zu plumpsen. Jetzt reicht es! Wir beschließen noch an diesem Abend zum Gegenschlag auszuholen.
Am nächsten Morgen - als wir gemütlich nach dem Frühstück, nach einem schattigen Plätzchen Ausschau halten, stellen wir fest, dass alle Liegeplätze "reserviert" sind. Anscheinend waren bereits alle unterwegs, um ihr Revier mit ihren Handtüchern zu markieren. Um dem vorzubeugen, hatte das Hotel an entsprechenden Stellen sehr dezente Hinweistafeln angebracht. Ich muss dichter rangehen, um es lesen zu können:
„Liebe Gäste, sofern Sie vor 9.30h die Sonnenliegen belegen, ist unser Personal gehalten die Sachen weg zu räumen, um die Reinigung für Sie vornehmen zu können. Ihre Sachen können Sie an der Handtuchausgabe wieder in Empfang nehmen. Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis!“
Klingt freundlich als ich das lese. Doch schon im nächsten Moment sehe ich in das finstere Gesicht eines unrasierten Mannes mit Bierbauch. Sein Bauch hängt derart tief, dass ich seine Badehose nur vermuten kann. Er schlägt seine Bildzeitung zu und
raunzt mich an:
„Hier ist schon besetzt!“
Wortlos gehe ich weiter und frage mich, ob er hier an dieser Stelle übernachtet hat, um sich diesen Platz zu sichern. Wir setzen die Suche fort. Ich gehe das ganze Areal ab. Mein Mann kommt mir von der anderen Seite frustriert entgegen. Nicht nur, dass wir keinen schönen Platz mehr gefunden haben, wir haben gar mehr gefunden!
Nun bin ich echt sauer! Manche scheinen daraus einen Sport zu machen, morgens in aller Herrgottsfrühe Strandliegen, Sonnenschirme und Liegen mit Baldachin zu belegen. Selbst dann, wenn sie an dem Tag einen Ausflug machen und erst zum Abendessen zurückkommen. Einfach so, weil sie ja vielleicht später doch noch mal in den Pool wollen.
Ich bin so wütend, dass meine Vermutungen noch weiter gehen. Immerhin gibt es gar nicht so viele Hotelgäste, um alle Plätze zu belegen. Vielleicht haben manche einfach - wie ein streunender Kater sein Revier - gleich die ganze Hotelanlage umfassend markiert. Vielleicht gibt es ja einen imaginären Preis für diejenigen, die die meisten Markierungen gesetzt haben.
Oder es sind heimlich Kameras versteckt, die uns Dussels filmen. Statt der üblichen Urlaubsdias - die sich ja ohnehin keiner mehr anguckt - werden diese Filme nach dem Urlaub triumphierend auf dem PC in der Mittagspause den Kollegen vorgeführt. Vielleicht mit dem lustigen Titel „Die ewigen Verlierer im Kampf um schattige Plätze am Pool und insbesondere am Strand“.
Plötzlich erspäht mein Adlerauge eine Oase. Es ist so ein Wohlfühlteil mit bequemen frisch bezogenen weißen Matratzen, bunte große Kissen, vier Stück, wie für uns gemacht. Sie liegen gemütlich in den Ecken und der Wind weht seicht und warm durch die Chiffonschals, die das dunkle Holz so richtig gut zur Geltung bringen.
Jetzt müsste noch einer mit einem Tablett Raffaelo - diese weißen mit Kokosnuss meine ich - um die Ecke kommen. Ich komme mir gerade so irreal vor, als ich diesen Anblick genieße und glaube, ich bin Teil dieses Werbespots. Mein Mann reißt mich mit den Worten - „Hab´ ich auch schon gesehen, aber sieh´ mal genau hin - es liegen drei Handtücher da!“ - aus meinem Traum.
Ich fackle nicht lange, sehe mich nach rechts und links um. Die gelben Handtücher - oder Schandflecke, die mir den freien Weg zu meiner Oase versperren, müssen weg! Ich gebe sie meinem Mann mit den Worten: „Bring´ sie zur Handtuchausgabe! Das ist der einzige Ort, wo sie hingehören!", und winke meine lieben Kleinen herbei. Schnell breite ich meinen Roman auf dem beistehenden Tischchen aus und richte mich ein.
Die rosa Sonnencappies mit den gestickten Applikationen lege ich gekonnt auf die bunten Kissen und breite unsere vier Handtücher aus. Zum Glück sind sie heute auffallend blau. Sie werden von mir so platziert, dass jeder Idiot meine Markierung erkennen kann. Mein Herz rast. Hoffentlich hat mich der Erstbesetzer nicht aus einem Hinterhalt beobachtet und lässt mich jetzt mit lautem Getöse auffliegen.
Die Sonne scheint, der Himmel strahlt und auch ich strahle über meinen Erfolg. Vergnügt gehe ich mit meinen Kindern in den Pool. Als ich gerade diesen herrlichen Triumph genießen will, kommt eine dreiköpfige Familie in meine Nähe. Ich fühle mich sicher im Wasser, denn sie haben noch Taschen dabei. Die Frau schimpft vor sich hin und ist mir auf Anhieb unsympathisch. Ich stelle mich bereits geistig auf einen heftigen Schlagabtausch ein. Wer war wohl zuerst da?
Die ganze Familie formt sich in meinen Gedanken zu einem dreiköpfigen, feuerspeiendem Drachen. "Es wird wohl sehr laut werden", denke ich so bei mir, "am Besten bleiben die Mädchen noch im Wasser". "Wo ist denn mein Mann?" Ich suche ihn. Sein Blick trifft mich fragend, als ich ihm die Familie auf der anderen Seite andeuten will. Doch plötzlich ist sie weg.
Puff! Der Drache hat sich in Luft aufgelöst. Ich schwimme schnell an den Rand und sage ihm: „Hast Du die gesehen? Die waren bestimmt vor uns da!“
„Wollen wir die Sachen lieber wegnehmen?“ fragt er mich. „Nein, auf keinen Fall, wenn sie wieder kommen, werden wir sehen, was wir machen.“ "Keine Spur mehr von einem schlechten Gewissen", denke ich erleichtert bei mir. Ich fühle mich fast wie Robin Hood, der stiehlt ja auch nur von den Reichen. Und ich hab´ eben den Schlechten, Schlechtes getan. Was soll´s?
Doch schon kommt eine Frau behäbig mit einer Kinderkarre um die Ecke. Gefolgt von einem Mann mit einem orangefarbenen aufgepusteten Babyschwimmring. Er überholt seine Frau und steuert zielsicher auf unseren Platz zu. Ich rühr mich nicht von der Stelle und beschließe einfach im Wasser zu bleiben und abzuwarten.
Das Paar diskutiert kurz, dann verschwindet sie mit der Kinderkarre und dem schlafenden Baby. Er lässt sich mitsamt dem Schwimmring in der Nähe des Platzes nieder und will wohl ebenfalls abwarten. Ein: „haben die eben Pech gehabt mit ihrem Baby und müssen den Tag bei 49 Grad in der Sonne verbringen“ will sich bei mir nicht einstellen.
Ich gehe aus dem Wasser direkt zu unserem Platz. Meine Töchter folgen mir natürlich. Ich verteile die Handtücher, wir trocknen uns ab und da steht er vor mir. „Entschuldigen Sie bitte, ich hatte hier unsere Handtücher hingelegt“, sagt er sehr ruhig und freundlich zu mir.
Ich sehe kurz zu meinen Kindern und lüge: „Das tut mir leid, ich habe keine gesehen. Wann war denn das?“ „Vor dem Frühstück.“ „Oh, wissen Sie denn nicht, dass die Angestellten die Liegen räumen, wenn sie vor 9.30h belegt werden?“
„Nein!“ antwortet er wahrheitsgemäß und ich denke, "wenn er darauf besteht, gehe ich". Ich fühle mich miserabel. Er guckt sich meine Kinder an und fragt dann wie ein begossener Pudel: „Und wo kriege ich jetzt unsere Handtücher her?“
„Die müssten an der Handtuchausgabe liegen! Es tut mir ehrlich leid!“ Dabei fühle ich mich wie der letzte Mensch auf Erden. Er wünscht mir noch einen schönen Tag und geht ohne großes Aufhebens.
Zum Glück ist unser Abreisetag, denn ich hätte diesem Mann nie wieder in die Augen blicken können. Falls er das jetzt liest, hoffe ich, er verzeiht es mir, wie auch ich den bösen Mädchen dieser Welt immer wieder ihr Fehlverhalten verzeihe. Dies sage ich in der Hoffnung auf eine bessere Welt, in der es weniger Egoisten gibt - oder nur so Gelegenheitsegoisten, wie ich wohl einer bin.
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