Zum
ersten Mal war unsere kleine Familie alleine. Stumm blickten wir unseren Sohn
an. "Wie soll dieser Wurm denn überhaupt heißen?", fragte Daniel in die Stille
hinein. "Wie wäre es mit Pascal?", schlug ich vor. "Ich nenne meinen Sohn doch
nicht nach einer elektrischen Maßeinheit!" konterte Daniel sofort. O. k., das sah
ich ein. "Was hältst du von Sebastian?" kam ein Versuch vom frischgebackenen
Vater. "Nee, wenn dann Bastian, ist nicht so streng." Zwei Augenpaare blickten
zu dem kleinen schlafenden Bündel neben mir, doch, der Name passt zu ihm. Ein
Bastian wird den Schalk im Nacken haben. Nichts wollte ich weniger haben, als
ein langweiliges stilles Kind. Aber sollte Bastian auch nur halbwegs nach seinen
Eltern kommen, so würde er weder still noch langweilig werden.
Die Tür öffnete sich und ein Kopf schob sich in das Zimmer "Sie müssen jetzt gehen, die beiden brauchen etwas Ruhe!", kommandierte dieser Kopf, der zu einer Nonne gehörte. Daniel gab uns beiden noch einen kleinen Kuss und verabschiedete sich. Draußen warte noch immer der Rest der neugierigen Familie, gespannt darauf, wie Baby "Namenlos" denn nun heißen würde. Aber die 7 Personen vor der Tür interessierten mich im Moment wirklich nicht. Bastian schlief sich schon den Stress weg und auch ich wollte nur noch schlafen.
In den folgenden 4 Tagen gab sich meine Verwandtschaft die Klinke in die Hand und ich hatte keine ruhige Minute mit Bastian alleine. Wenn mal niemand von den vielen Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen, den neuen Omas und Opas da war, dann waren Daniel und ich damit beschäftigt, uns beibringen zu lassen, unseren Kurzen beim Baden und Wickeln nicht fallen zu lassen. Außerdem bekam ich Basti ab dem 2. Tag nur noch für kurze Zeit am Tag zu Gesicht. Sein kleines Näschen hatte sich gelb verfärbt. "Das ist die Neugeborenen Gelbsucht!", musste ich mich aufklären lassen und meinen Kleinen abgeben, damit er unter einer Rotlichtlampe wieder zu einer normalen Farbe finden würde. Schlimm sah er aus, wenn er dort, nur in eine Windel gepackt und einen Schutz über den Augen, unter dieser Lampe lag. Aber Mutter und Kind waren tapfer. Wir nörgelten beide nicht, fügten uns und durften nach 4 Tagen endlich nach Hause. 6 Wochen konnte ich unsere kleine Familie ganz in Ruhe genießen. Daniel arbeitete wirklich wie ein Wilder, legte ständig Sonderschichten ein. Wir wollten schließlich beweisen, dass wir es alleine packen würden. Dann kam der Tag, an dem ich wieder anfangen musste zu arbeiten. Mir graute davor. Ich würde Basti nur noch am Wochenende sehen. Und das noch fast ein Jahr lang. Sonntagabends brachten wir Bastian zu meinen Eltern, montags ging es zur Arbeit. Wenn ich samstags freihatte und den Zwerg schon Freitagabend holen wollte, dann schlief er schon. So wie an den anderen Abenden in der Woche auch. Also holte ich ihn meist erst Samstagmorgen oder Nachmittags nach Feierabend ab. Bastian wurde mir immer fremder, je älter er wurde. Nun war er schon 7 Monate alt. Immer wenn wir ihn am Wochenende holten, schrie der kleine Kerl wie am Spieß, seine Eltern waren ihm fremd. Wollten wir ihn füttern, weigerte er sich den Mund aufzumachen oder spuckte seinen Brei wieder in hohem Bogen aus. Es zerrte an meinen Nerven. Ich hatte ein Teilzeit-Kind. Das Kind, um welches ich so gekämpft habe, wollte mich als Mama nicht akzeptieren. Daniel konnte mit ihm nicht viel anfangen, sagte er immer.
Er schmuste mit ihm, ging aber dann wieder zu seinem gewohnten Tagesablauf über. Das hieß, nach der Spätschicht wurde sich noch auf ein Bier - meistens wurden es dann doch mehr - mit den Kollegen in der Kneipe getroffen. Morgens war er Angeln. Seine Freunde nahmen einen immer größeren Platz in unserer kleinen Familie ein und ich war an den Wochenenden bald eine alleinerziehende junge Mutter von 17 Jahren, die neben dem Baby auch den Haushalt allein versorgen musste. Nebenbei die ganze Woche arbeiten. Mir wurde es irgendwann zu viel. Plötzlich sah ich Löwen und Tiger neben meinem Bett liegen, ich wurde immer dünner, kippte ständig um und war ein reines Nervenbündel. "Nur noch ein paar Wochen" sagte ich mir immer wieder "dann hast du es geschafft. Dann ist Prüfung und du kannst dich um deine Männer kümmern!"
Meine Kündigung hatte mir mein Chef vorsorglich schon Wochen vor der Prüfung zugesteckt. Keine nette Geste, aber ich war unheimlich froh drüber.
Meine Prüfung im darauf folgenden Sommer habe ich bestanden. Nun konnte ich mich ganz auf meine Rolle als Mama konzentrieren.
Bastian war schon sehr früh unheimlich temperamentvoll. Mit 8 Monaten war er nicht mehr zu bändigen, zog sich überall hoch, was ihm auch nur die kleinste Möglichkeit dazu bot. Einen Monat später konnte er bereits laufen. Seinen Vater sahen wir immer weniger. "Lass uns ein paar Tage wegfahren, nur wir beide" drängte ich Daniel. Zu meinem Erstaunen willigte er ein. Wir fuhren mit unserem uralten froschgrünen Audi Richtung Frankreich los, ohne genau zu wissen, wohin wir eigentlich wollten.
An der Grenze entschieden wir uns, Kurs auf Bordeaux aufzunehmen und weiter an den Atlantik zu fahren: Lacanau de Ocean.
Ein wunderschöner Name für ein malerisches Dörfchen. "Daniel, mir fehlt der Kurze so. Ich will wieder nach Hause", drängelte ich aber schon 24 Stunden später.
So fuhren wir also 24 Stunden runter nach Frankreich, um nach weiteren 24 Stunden wieder Richtung Heimat zu tuckern. Nach drei Tagen konnte ich meinen kleinen Schatz wieder in die Arme nehmen.
Der Zwerg wurde immer niedlicher. Er war nun schon 18 Monate alt, ein süßer hellblonder Wirbelwind, als Daniel plötzlich vorschlug, dass wir doch heiraten könnten. Das Thema war nie auf dem Tisch. Warum auch. "Naja, dann bekomme ich Steuerklasse 3 und wir haben im Monat mehr übrig!", war seine, ach so romantischn, Antwort.
"Aha, so sehen also Heiratsanträge aus", dachte ich etwas enttäuscht. Natürlich strahlte ich ihn trotzdem an und willigte ein.
Wert 4.5 |
Fun: 4.5 | |||
| Stimmen: 16 | Legende: 5: super - bis 1: erträglich |
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