Er sah völlig unscheinbar aus, ein einfacher Holzrahmen, so wie jeder Garderobenspiegel wohl aussieht. Mit zögernden Schritten ging ich hinein, meine Hand hielt das Fläschchen fester. Ich positionierte mich vor dem Spiegel und es kam mir wieder alles so absurd vor. Ich starrte hinein. Ich weiß nicht, wie viele Minuten verstrichen waren, aber es geschah nichts.
Aus irgendwelchen Gründen beschloss ich etwas aus dem Fläschchen zu trinken. Ein inneres Gefühl trieb mich dazu, eine vage Ahnung, eine Eingebung vielleicht, und ich spürte etwas ganz Scharfes meine Kehle hinunter rinnen. Dann zog sich die ganze Perspektive plötzlich zusammen. Ich wusste auf einmal nicht mehr, wo oben und unten war, die Möbel schienen an der Decke zu schweben.
Die Farben stachen intensiver hervor, der gesamte Raum verzog sich in die Länge und der Spiegel wurde größer. Er wuchs heran und die Wände sprengten plötzlich nach allen Seiten weg. Ich stand auf einer Wiese, die im grotesken Rosa leuchtete. Der Himmel hing grün über schwarze, Feuer speiende Berge. Ich drehte mich um, wo war ich? Verdammt!
War das ein Traum, eine Halluzination? Vielleicht war ich auf Droge - wer weiß, was sich wirklich in dem Fläschchen befand. Dann verdunkelte sich der Himmel. Wie ein großer schwarzer Adler zog ein Schatten auf, der sich auf die gesamte Umgebung legte. Ich fühlte ein Vibrieren unter meinen Füßen. Selbst ich wurde von der Schwärze erfasst. Und dann geschah etwas, was ich niemals erwartet hätte: Aus dem Spiegel trat mein eigenes Spiegelbild heraus.
Mir stockte der Atem - ich stand mir selbst gegenüber. Ich torkelte einige Schritte rückwärts und starrte das spiegelnde Ich fassungslos an. Es lächelte. „Sag mir Tom, wenn ich dir alles gebe, was du dir je gewünscht hast, dir alle Geheimnisse offenbare, die es je gegeben hat, dir Macht über diese Welt und über Raum und Zeit gebe, wirst du mich dann anbeten?“
„Du bist nur ein Spiegelbild einer Welt, die dich gefangen hält, du bist nicht mein wahres Ich. Warum hast du mich ausgewählt?“ Das spiegelnde Ich sah mir tief in die Augen. Sein Blick durchdrang mich bis aufs Mark und dann sah ich plötzlich aus seinen Augen. Bilder drangen mir entgegen, wie in Seifenblasen eingefangen, von einem Leben lange vor meiner Zeit.
Ich sah einen großen Magier voll Charisma und ungeheurer Anziehungskraft und mich selbst! Wie war das möglich? Er hatte eine große Schar von Anhängern um sich und ich war einer von ihnen. Ich betete ihn an. Er ließ ein Teil seiner großen, magischen Kraft in mich einfließen, denn ich war ein gelehriger Schüler. Doch seine große Macht verdarb sein Charakter und er wandte sich dem Bösen zu.
Er verführte die Guten und sog deren Lebenskraft aus, um selbst unnatürlich lange zu leben und dem Tod zu entrinnen. Ich stellte mich gegen ihn, konnte ihn aber nicht vernichten. Doch dadurch, dass er seine magische Kraft auf mich übertrug, gelang es mir seinen Geist in einem Spiegel zu verbannen. Er hatte sich nicht selbst in den Spiegel gebracht - ich hatte ihn darin verbannt.
Und nun hat der Spiegel wieder zu mir gefunden. Ich wusste jetzt, dass seine Kraft in mir war. Er begehrte sie, um wieder in diese Welt zurück zu finden. „Ich weiß wer du bist“, sagte ich bestimmt, nahm das Fläschchen und schüttete den Inhalt mit Einhornblut auf ihn. Da begann er hämisch zu lachen und verwandelte sich. In großer Gestalt, in langen wallenden Gewändern und mit einem gewaltigen Widdergeweih als Kopfschmuck, stand der Magier vor mir.
Ich wunderte mich, warum ihn das Einhornblut nicht vernichtete. „Was willst du, Tom, mich vernichten?“ Wieder lachte er hämisch, dass es laut schallte. „Wir sind Teil derselben Kraft. Verbünde dich mit mir und es wird dir eine neue Welt eröffnen, die du nicht einmal erahnst.“ Er streckte mir seine Hand entgegen und ich fühlte in mir einen so großen Drang ihn meine zu reichen. Doch wusste ich, dass dieses Bündnis ins Verderben führt.
Es war seine Kraft in mir, die zu ihm hin strebte, seine Kraft, die mich allmählich lähmte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, meine Gedanken wurden immer chaotischer, ich fühlte, wie sein Geist langsam in mich eindrang und hatte keine Kraft mehr ihm zu widerstehen. Da erinnerte ich mich an die Einhörner, die reinsten Wesen, die je existiert haben.
Und ich nahm von ihrem Blut, denn ich musste die innere Kraft des Magiers bezwingen. So konnte ich ihn auch in den Spiegel verbannen. Nun wusste ich was zu tun ist. Ich hatte etwas aus dem Fläschchen getrunken, die Kraft des Guten war in mir, neben der Kraft des Bösen. Wenn es von außen nicht wirkt, muss ich es innerlich bezwingen, ihn bezwingen und ich sprang in seine Gestalt jäh hinein.
Ich war ganz in ihm eingedrungen und das Einhornblut in mir begann zu leuchten, es durchdrang den Magier ganz und gar, dass er in tausend Stücke zersprang. Der Spiegel zerbarste und die Splitter flogen durch einen leeren Raum. Mit ihnen verschwand die ganze Umgebung. Ich war wieder in meiner Wohnung, der Spiegel war weg.
Seltsamerweise hatte ich nun die Gewänder des Magiers an und trug das prachtvolle Widdergeweih auf meinem Kopf. Ich hatte das Böse besiegt und die Kraft des Magiers, die in mir war, verwandelte sich in das Gute, denn das Gute trägt letztendlich immer den Sieg davon.
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