Humor: Spricht so die junge Generation?

Jugendsprachblüten und andere Ausfälle im Deutschen von heute

Kürzlich habe ich mich mit einem jungen Mann unterhalten, der zu seiner Muttersprache ein so tiefgründiges Verhältnis hatte, daß er über ein Vokabular verfügte, das selbst mir als einem Menschen im gereiften Alter zum großen Teil unbekannt war.

Anfangs sprachen wir über neue Automodelle einer bekannten Firma, mit denen man spielend 250 km/h fahren konnte, ohne den Benzinverbrauch nennenswert über 8 l/100 km zu bringen. Er kommentierte diese Information mit: „Booaah ey, Wahnsinn ey.“

Slang von JugendlichenDa ich ihn nicht vollständig verstanden hatte, fragte ich noch mal nach, ob sich denn diese seine Grundsatzaussage auf die Geschwindigkeit oder auf den Benzinverbrauch beziehe. Das konkretisierte er mit der einleuchtenden Erklärung: „Mann Ede, Wahnsinnsspeed ey, Alter!“

Die schöne junge Frau, die indes an uns vorüberschritt, war mir wohl aufgefallen, aber auch die Blicke meines Gesprächspartners in ihren Schritt und etwas später auf ihr Hinterteil. Ich entlockte ihm seine Meinung mit der Bemerkung, daß sie wohl gut aussähe, und er konterte: „Whauuh oaarhh geil, ey Mann!“

Im Weitergehen erreichten wir einen Imbißstand. Schon von weitem bellte mein Gegenüber dem Verkäufer zu: „Mach ma Pommes groß.“

So recht verstand ich nicht, warum der Mann im Kiosk die Kartoffeln vergrößern sollte, jener aber muß es wohl verstanden haben, er übergab ihm eine große Tüte Pommes frites. Ja, das könnte es wohl geheißen haben.

Analysiert man die Beiträge meines Gesprächspartners bis hierher, so stellt man eine sehr vereinfachte Grammatik fest, auch sieht man, daß das eingesetzte zum Teil deutsche Vokabular einen jugendlich eigenwilligen Bedeutungswandel erfahren hat. Es sind aber auch zahlreiche Vokabeln enthalten, die nicht aus dem Deutschen kommen, die ich aber andererseits auch keiner anderen Sprache zuzuordnen vermochte.

Offenbar handelt es sich hierbei um phonetische Einheiten aus dem Tierreich, die heute vornehmlich von Tierfreunden ins Deutsche übernommen werden. Aber auch das Kinderfernsehen, eigentlich ein Medium für die Bildung unserer Kinder, leistet dazu einen unübersehbaren Beitrag mit den unzähligen Zeichentrickfilmserien, deren Tonspuren je nach Intelligenzgrad der Hersteller zu 50 bis 80 Prozent mit unartikuliertem Gebrüll angefüllt sind. Vielleicht sollte ich im modernen Politikdeutsch „50 bis 80 Prozentpunkte“ sagen.

Im weiteren Gespräch konnte ich dann feststellen, daß die moderne deutsche Sprache durch die junge Generation zunehmend rationalisiert wird. Kurzformen von Wörtern, die das Sprechen erleichtern und die Gedanken schneller zu formulieren erlauben, treten in gehäufter Anzahl auf. So heißt es zum Beispiel heute nicht mehr „Prominente“, sondern „Promis“, nicht mehr „Lastkraftwagen“, sondern „Brummis“, nicht mehr „Asoziale“, sondern „Assis“.

Daß dabei einhergehend mit der Kürzungsabsicht auch einzelne Buchstaben in das Schriftbild eingefügt werden – hier zuletzt ein “s“, vermutlich aus phonetischen Gründen – sieht man auch bei den neudeutschen Ausdrücken „Ossis“ und „Wessis“. „Demonstrationen“ werden zu „Demos“, „Informationen“ zu „Infos“. Eine Zigarette ist eine „Lulle“, ein 100-DM-Schein war ein „Hunni“, ein 50-DM-Schein ein „Fuffi“,. Wie rationell! Nach dem Übergang zum Euro als Zahlungsmittel konnte man die Begriffe gleich beibehalten.

Stilblüten jugendlichen SprachstilsZuweilen kann man aber auch der Kürzung gegenläufige Tendenzen erkennen, bei denen neuere Spezialbezeichnungen, die ältere Formen gleicher Bedeutung ersetzen sollen, länger sind. So heißen Rentner heute häufig „Kukidentis“, ein Fahrrad ist ein „Drahtverhau“, ein Auto eine „Benzinkutsche“.

Das Ersetzen von alten Wörtern durch neue wird immer mehr zum Allgemeingut unter einer Vielzahl von sprachbewußten jungen Menschen. Hier meine ich weniger den Trend, englische Synonymbegriffe anstelle der deutschen Wörter zu verwenden. Diese Richtung halten wir vornehmlich für die Angeber frei. Nein. Die alten deutschen Vokabeln sind im Absterben begriffen, sie gefallen einfach nicht mehr, und so nennt man die Dinge anders, um die Sprache wieder lebendiger werden zu lassen. Kein Mensch sagt heute mehr „Geld“, es heißt „Knete“ oder „Kohle“.

Manchmal hört man noch „Penunse“ oder „Fiselotten“, aber das ist von früher, als es so etwas auch schon gab, nur etwas maßvoller. „Auto“ sagt heute niemand mehr, es heißt „Karre“. Bei „Motorrädern“ spricht man von „Feuerstühlen“, kurz „Stühlen“. Ein Fernsehgerät heißt „Glotze“ oder „Glotzkasten“ und ein Kofferradio „Toaster“, wobei das letztere völlig neue Möglichkeiten für Verwechslungskomödien eröffnet.

Ein großes Gebiet sprachlicher Erneuerungen ist die Verwendung völlig unpassender und unverständlicher Vergleiche. „Das stinkt hier wie Hubatz.“ Keiner, der es aussprach, konnte mir je erklären, wer Hubatz ist und wie er denn riecht. „Ich habe geschuftet, wie ´ne Sau“. Also, Sauen arbeiten in aller Regel nicht, schließlich sollen sie fett werden. „Auf Mallorca haben wir gesoffen, wie die Blöden“. Hier müßte man klären, ob das Blödsein dabei die Voraussetzung oder die Folge war. Und so geht das weiter über „rammende Busse“ bis zu „knutschenden Elchen“.

Ein weiterer Trend ist, die Sprache durch eine Vielzahl völlig ungeeigneter Adjektive, nicht zum Subjekt oder Objekt des Satzes passende Attribute aufzulockern. „Da haben wir aber tierisch gelacht“ ist so sinnreich wie „tierisch gefreut“ oder „tierisch gefetet“ (auch „abgefeiert“ oder „abgehangen“). Nun kann man ja höher entwickelten Tieren, wie zum Beispiel dem Hund, durchaus die Fähigkeit zur Freude unterstellen, aber lachen und feiern können sie denn doch nicht.

Von ganz ähnlich sinnvermissender Sprachkreativität sind Sprüche wie „höllisch amüsiert“, „blödsinnig geschuftet“, „wahnsinnig gelaufen“, „mörderisch gegessen“. Kommentare sind hier nicht nötig. Normale Beifügungen sind nicht mehr modern, da hört keiner zu, Beachtung findet nur die groteske, ins unsinnige gesteigerte Übertreibung.

Eine besondere Form der Sprachverarmung ist das Strapazieren von verstärkenden Präfixen bis zur völligen Abgedroschenheit. In der modernen deutschen Sprache gewinnt man den Eindruck, die Deutschen machen alles im Schlaf. Nachhaltig gefestigt wird dieser Eindruck durch Presse, Funk und Fernsehen, insbesondere durch die Werbung.

Die Deutschen haben „Traumjobs“, sie machen „Traumurlaub“ und andere „Traumreisen“, sie genießen „Traumessen“, haben eine „Traumwohnung“, alles in allem führen sie ein „Traumleben“ auf „Traumschiffen“. Ein Volk von Träumern! In den letzten Jahren ist es recht selten geworden, daß Reiseunternehmen einfach Urlaubsplätze oder Reisen anbieten. Ohne „Traum...“ geht hier gar nichts mehr.

Noch so eine mißbrauchte Vorsilbe ist „Top“. Was ist aus dem alten, aus dem Englischen kommenden Seemannbegriff für die Mastspitze eines Segelschiffes in der heutigen Zeit doch alles geworden! Erst einmal ist „Top“ ein Kleidungsstück für Frauen, bei dem sich niemand mehr bemüht, ein deutsches Wort dafür zu finden und zu verwenden.

Slang der JugendDann gibt es „Topleistungen“ auf allen Gebieten: „Topservice“, „Topqualität“, „Topberatung“, „Topunterstützung“ und viel, viel mehr. Es gibt „Topverpflegung“, „Toppreise“, „Tophosen“, „Topröcke“, „Topschuhe“, „Topfahrräder“ (meistens „Topbikes“), „Topautos“, „Topstraßen“, „Tophäuser“, sogar „Topleute“.

Verständnis hätte ich lediglich für „Tophut“, denn der ist tatsächlich oben. Und an dieser Stelle wende ich mich an den Rat für deutsche Rechtschreibung. Hat man etwa vergessen zu überlegen, ob man nach reformierter Orthographie nicht „Topp“ schreiben müßte? Aus dem englischen „Tip“ hat man doch schließlich auch „Tipp“ gemacht.

Sehr oft beobachtet man, daß Substantive ohne Veränderung ihrer Form als Adjektive eingesetzt werden. Das gibt es zwar häufig im Englischen, aber im Deutschen ist es recht neu. Sicher haben Sie schon oft gehört, vielleicht auch selbst schon gesagt: „Das hast du klasse gemacht.“ „Klasse“ ist ein Substantiv, aber es wird als Adjektiv verwendet, deshalb habe ich es hier klein geschrieben. Wissen Sie, man kann das Substantiv „Scheiße“ in neuerer Sprache auch als Adjektiv einsetzen, ohne seine morphologische Struktur zu modifizieren.

Dazu muß ich eine kleine Vorgeschichte erzählen. Mein obiger Gesprächspartner hat einen Freund, der trug die Haare am Rande nach oben gekämmt, und das rings um die Schädeldecke herum, das Innere davon kahlgeschnitten, so daß die ganze Frisur einer Salatschüssel glich. Dazu trug er eine zwei Nummern zu große Jeanshose, deren Bund unterhalb der Hüfte festgezurrt war, wodurch der Hosenzwickel zwischen die Knie geriet. Ein Bild des Jammers! „Das trägt man so, ey“, erklärte er. Wohl, glaube ich, um dem Betrachter das Vorhandensein besonders großer Geschlechtsorgane zu suggerieren.

Dazu gehört dann noch ein schlurfender Gang, mit dem auf unbefestigten Wegen mit langen Hackenstrichen nachgezeichnet wird, wohin der Typ gegangen ist. Es könnte funktionieren, dachte ich und habe obigen Begriff ungebremst als Adjektiv verwendet: „Du siehst scheiße aus.“ Ja. Das hat er verstanden. Solche Ausdrucksweisen haben, scheint mir, große Signalwirkung. Saubere Grammatik ist nicht gefragt. Und allzu vokabelreiche Erläuterungen werden meist schon nach der Hälfte verworfen. Die analytischen Notwendigkeiten bis zum Verstehen sind einfach zu umfangreich, sie machen zu viel Mühe.

SMS Slang HandyMit Abkürzungen ist es so ähnlich wie mit fauligen Tomaten, die man beim Umherwerfen auch oft selbst abbekommt. Da bieten Funktelefonnetzbetreiber und neuerdings auch Internetdienstgeschäfte den sogenannten SMS an. Damit schicken sich die Leute nun gegenseitig SMS zu, ohne den Unsinn zu bemerken, den sie reden. Den SMS kann man nicht verschicken.

Denn SMS heißt „short message service“, also Kurzmitteilungsdienst. Versenden kann man mit diesem Dienst eine Kurzmitteilung, also eine „short message“, kurz eine „SM“ – das ist aber das höchste Zugeständnis, denn sinnvoller und allgemein verständlich ist die Bezeichnung „Kurzmitteilung“. Und dann seien wir doch bitte nicht so maulfaul und sagen „KM“. Ganz exzessiv wird in einigen Kreisen sogar „gesimst“.

Das sind aber seltene grammatische Begriffsabwandlungen der höheren Abstraktion, die man nur nach tiefgründiger Sprachausbildung verstehen kann. Überhaupt muß man beim Einsatz von Abkürzungen immer abschätzen, welche sind allgemein bekannt und welche empfehlen sich nicht für einen größeren Leserkreis. Viele Abkürzungen sind nämlich einem eingegrenzten Personenkreis mit einer speziellen Ausbildung vorbehalten. Ich halte es für unwürdig, wenn ein Schreibender durch die Verwendung eines großen Wustes an Abkürzungen mit seinen Lesern ein breit gefächertes Rätselraten veranstaltet. Und wenn er dann noch seinen Brief mit „mfg“ (soll heißen „Mit freundlichen Grüßen“) unterschreibt, so ist das nicht nur schreibfaul, sondern auch unhöflich.

In dem allgemeinen Bestreben, stets größer sein zu wollen, als der Nebenmann, bilden sich auch sprachliche Übertreibungen aus, mit immer neuen Wörtern noch eins draufsetzen zu wollen. Früher sagte man von einer Sache, sie sei gut. Wollte man das noch übertreffen, sagte man „sehr gut“. Das reicht schon lange nicht mehr. Heute ist so eine Sache „megagut“. „Mega“ hat sich indes schon so stark verbreitet, daß es auch nicht mehr reicht. Die Sache ist jetzt „gigagut“. Dabei gehen die Urbedeutungen der Begriffe Mega für Million und Giga für Milliarde allmählich verloren.

Neulich hatte ich in einem Kreuzworträtsel schon die Begriffsdefinition „Synonym für riesig“ mit der dazugehörigen Lösung „Mega“ (!). Der nächste das Giga um drei Zehnerpotenzen übertreffende Begriff „Tera“ wird sicher nicht mehr lange auf sich warten lassen. Oder hat man ihn übersprungen? Denn recht oft hört man schon den Begriff „galaktisch gut“, der ja nun an Urgewalt nicht mehr zu überbieten ist. Oder doch? Bliebe zu hoffen, daß vielleicht doch in näherer Zukunft solche übertreibungskrachenden Krawallgebilde der Sprache „megaout“ sind.

Nun stelle ich ganz bissig abschließend eine Frage: Ist Sprache in der heutigen Zeit noch ein Maß für Bildung? Wohl eher nicht. Denn wenn doch, käme man zu dem Schluß, eine große Zahl vornehmlich junger Menschen in unserem Lande lege hohen Wert darauf, ungebildet zu sein.

05.08.2008   von Dr. Manfred Pohl | www.unipohl.de



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