„Es“, welches noch vor kurzem ein Wesen namens Thorben war, spürte sich im Zentrum einer starken Anziehungskraft oder Beschleunigung. „Es“ konnte sehen und spüren, wie ihn eine Kraft durch eine Unendlichkeit der Sterne zog. Eine Empfindung der Ruhe und der Ganzheit war seine Wahrnehmung – eine in sich geschlossene Empfindung, die nicht danach fragte, WER sie wahrnahm.
Es gab dort auch keine Zeit, nur die Präsenz der Empfindung. Zumindest solange, bis „Es“ wieder diesen Zug verspürte, der ihn mit schwindelerregender Geschwindigkeit einem neuen Ziel zutrieb. Danach bemerkte „Es“ eine Art des Aufschlagens oder jähen Haltens.
„Es“ fragte sich auf welcher der vielen Welten sein Bewußtsein sich diesmal ausbreiten würde. Langsam drang eine drängende Stimme durch den Nebel der Wahrnehmung und fremde Augen formten aus dem Licht einer neuen Welt wieder Konturen. Eine ferne Erinnerung formte in seinem Bewußtsein wieder die Inhalte eines Lebens, daß „Es“ auf diesem Planeten führte.
Als die Augen des neuen Körpers wieder schärfere Bilder in das Bewußtsein strömen ließen, erkannte „Es“ den Planet der Menschen wieder. Die brachiale Kraft der einströmenden Erinnerungen verdrängten „Es“ immer tiefer in eine bereits geformte Persönlichkeit. „Es“ verlor sich in der Fülle der Eindrücke des anderen Ichs.
„El Commandante, wachen Sie auf, es ist bereits kurz nach Sonnenaufgang.“ Die Augen hatten sich an das Halbdunkel gewöhnt und er erkannten seine spanische Leibwache. Er spürte wie ein gepanzerter Handschuh an seinem Wanst rüttelte. Obwohl sich sein Körper seltsam fern und leicht betäubt anfühlte, bereitete es ihm keine Schwierigkeiten sich im Bett aufzurichten.
Der Leibwächter sank vor ihm auf die Knie und sprach mit gesenkten Haupt, „Ich freue mich das Ihr erwacht seid Exzellenz, ich befürchtete schon ihr lägt im Fieber und könntet meine Stimme nicht hören. Ihr trugt mir auf euch bei Sonnenaufgang zu wecken – es steht alles euren Anordnungen gemäß bereit.“
In ihm dämmerten vage Eindrücke eines Feldlagers hoch und ein Bild einer sich anbahnenden Schlacht – Erinnerungen dieser Inkarnation. Er identifizierte diese Sprache als Spanisch und wunderte sich kurz, warum er jedes Wort problemlos verstand.
Doch konnte er sich immer noch nicht an seinen Namen erinnern. In diesem Moment wurde die Zeltplane aufgerissen und ein hünenhafter Mann betrat das Kommandozelt.
„Antonio – verdammt – geht es dir gut?“
Der Anblick des Hünen traf ihn wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Ulan – aber nein – dieser Mann nannte sich Carlos und war im Lager sein engster Vertrauter und Freund. Antonio erkannte das Wesen, das Carlos oder Ulan war, an den Augen wieder – das Gesicht und sein Körper waren verändert, aber die Ausstrahlung hinter diesen Augen, würde Antonio in sämtlichen Verkleidungen wiedererkennen.
„ Du hier...“ hörte er sich selbst im fließenden Spanisch sagen, während er Ulan-Carlos in die Augen blickte. Carlos zog leicht amüsiert seine Augenbrauen hoch und feixte, „Ah - euer Exzellenz scheint es ja prächtig zu gehen. Ich wurde gerade von der Leibwache gerufen, die meinte ihr lägt im Fieber.“
Antonio spürte ein starkes Gefühl voll Aggression und Verwirrung in sich hochbrodeln, deren Intensität ihn verwunderte.
„Unsinn – mir geht es gut“, war sein knapper Kommentar, als er sich mit einem eleganten Schwung aus dem Feldbett schwang. Aber mein Name? Carlos stand bereits neben ihm und reichte ihm seinen Helm und seine Rüstung. Mit einer Handbewegung scheuchte Carlos die Wache vor das Zelt und sprach so leise, daß ihn nur Antonio hören konnte.
„Antonio da Costa, für einen Feldherrn der heute für die Krone eine wichtige Schlacht zu schlagen hat, scheint ihr mir zuwenig bei der Sache zu sein.“ Antonio blinzelte, als auch dieser Teil der Erinnerung in sein Bewußtsein zurückkehrte. Immer mehr Details tauchten auf und fügten das Puzzle zusammen. Ja – er war in diesem Leben Antonio da Costa, Commandate der Conquistadores seiner Majestät Phillipe des II – des Königs von Spanien. Außerdem schälte sich ein weiteres Bild einer dunkelhaarigen Frau aus seinem Gedächtnis – Maria seine Eheweib.
Carlos war bereits zugange die Riemen der Rüstung zu schnüren, so daß ihm Antonios leerer Blick in diesem Moment nicht auffiel. „Wir müssen uns beeilen, die Offiziere warten schon auf deine Anweisungen und werden unruhig. Wenn wir zulange warten, bekommen diese verdammten Wilden noch mit, daß wir ihnen den Garaus machen wollen.“
Als die Rüstung richtig saß, stampfte El Commandante ohne ein weiteres Wort mit grimmigen Blick aus dem Zelt. Die Sonne begann gerade fern am Horizont zu dämmern und die ersten Lichtstrahlen spiegelten sich auf den polierten Rüstungen der Soldaten, die in Reih und Glied bereitstanden. Antonios Blick schweifte über die Reihen der Soldaten, die seinen Befehl erwarteten. Es mochten gut 1000 Mann Fußvolk und etwa 200 Reiter sein. Sie standen auf einer grasbewachsenen Anhöhe der Plano Inclinado. Unten, am Fuß des Berges, konnte man ebenfalls schon die Schatten von vielen Menschen erkennen, die sich eilends bemühten eine Art Schlachtordnung zu bilden.
Die Offiziere kamen auf Antonio zu und grüßten ihn kurz mit einer knappen Verbeugung. Bernado Galindez trat aus den Reihen der Offiziere vor und ergriff das Wort: „El Commandante, wir stehen bereit zum Angriff. Ein Späher meldete mir soeben, daß die Indios unser Kommen bemerkt haben. Sie machen sich bereit uns zu empfangen, wir haben zulange gewartet.“
Da Costa wandte sein Haupt verächtlich in Richtung der huschende Schatten am Fuße des Berges. „Galindez – was eure Späher berichten, sieht selbst ein Blinder. Denkt ihr ich hätte keine Augen im Kopf?“ Antonio spürte wieder diese Wut in sich hochbrodeln, wobei seine rechte Hand automatisch an den Griff seines Schwertes glitt. Dieses unfähige Arschloch Galindez, konnte es sich nicht verkneifen in seiner hündischen Unterwürfigkeit noch einen Stachel der Kritik zu verstecken.
„Euer Pferd El Commandante ...“, sprach Carlos leise hinter seinem Rücken. Eine Ablenkung, die Galindez den Kopf rettete. Antonio zog sein Schwert und sprang mit einem Satz auf den schwarzen Hengst. Er wandte sich von den Offizieren ab, und ritt langsam an den stoisch wartenden Reihen seiner Soldaten vorbei.
Mit lauter Stimme brüllte er seinen Männern zu, „Conquistadores seiner Majestät Philipe II von Spanien! Wir stehen heute vor einer Entscheidung am Fuße der Plano Inclinado. Der heutige Tag wird darüber entscheiden, wer in Zukunft über dieses Land herrschen wird – diese Waldmenschen oder wir. Sie kriechen bereits aus ihren Löchern und hoffen den siegreichen Conquistadores die Stirn bieten zu können. Ich aber sage euch – ihr werdet Siegen und unser Ruhm und unsere Ehre werden heute in mächtigem Glanz erstrahlen. Ihr werdet die neuen Herren über dieses Land – folgt mir und laßt uns vollenden wozu wir herkamen.“
Ein lauter Jubel erhob sich aus den Reihen der wartenden Soldaten und sie riefen laut seinen Namen. Carlos war schweigend an seine Seite gekommen und brüllte nun ebenfalls lauthals mit gezogenen Schwert ein Lob auf seinen Herrn. Antonio gab den Soldaten den Befehl zum Angriff. Der Hügel schien unter dem Donner der Hufe der antrabenden Pferde zu erbeben und Antonio gab seinem Pferd die Sporen, um an deren Spitze die erste Angriffswelle zu führen.
Carlos setzte ihm im wilden Galopp hinterher und versuchte sich möglichst dicht an seiner Seite zu halten. Als sie in Reichweite der Indios kamen regnete ihnen ein Pfeilhagel entgegen, der fast wirkungslos an den Rüstungen der Conquistadores abprallte. Antonio bemerkte beiläufig, wie ein Pfeil den linken Riemen seiner Rüstung durchtrennte und einen kleinen Spalt freimachte.
Als die Reiter in die Reihen der wartenden Indios preschten brach das Chaos aus. Antonio hetzte sein Pferd in einen Pulk verängstigt aussehender Waldmenschen und ließ sein Schwert einen tödlichen Tanz vollführen. Die Anzahl der Indios mochte der der Conquistadores ebenbürtig sein, aber unter den wütenden Schwerthieben der Reiter lichteten sich schnell ihre Reihen.
Antonio hackte sich durch die verbissen kämpfenden Indios und hörte wie im Rausch den Lärm der herannahenden spanischen Fußtruppen. Ein gewaltiges Krachen und Brüllen, der Klang von klirrenden Schwerter und die wilden spanischen Flüche in seiner Nähe zeigten, daß die Fußtruppen aufgeschlossen hatten und sich nun ebenfalls an der Schlacht beteiligten.
Antonio war mit seiner ganzen Aufmerksamkeit bei den Indios, die er mit wütenden Schwerthieben traktierte. Aber der Strom der nachrückende Indio-Krieger schien kein Ende zu nehmen. Ganze Horden schoben sich zwischen ihn und den anderen kämpfenden Reitern, so daß Antonios Pferd immer weiter von den Conquistadores abgedrängt wurde. Nur Carlos hatte Antonio inmitten des wilden Gemetzels im Blick und versuchte mit aller Kraft zu seinem Herrn aufzuschließen.
Die Nachhut der Indios schien kein Ende zu nehmen, so daß Antonio schon den Eindruck bekam, daß der Wald selbst lebendig geworden war und Unmengen dieser Waldmenschen ausspie. Es waren weit mehr Indios als Antonio erwartet hatte. Das konnte nur bedeuten, daß sie die Conquistadores schon lange erwarteten und ihnen hier einen Hinterhalt stellten. „Verrat“ war der letzte Gedanke da Costas als ihn die volle Wucht eines Speerstoßes aus dem Sattel warf.
Er fühlte wie der Speer durch den linken Spalt seiner Rüstung quer durch seinen Körper eingedrungen war und seine Spitze leicht neben seiner Wirbelsäule wieder austrat. Er lag benommen von dem heftigen Stoß am Boden und versuchte sich zu orientieren. Die ihn umgebenden Kampfgeräusche drangen seltsam gedämpft an sein Ohr. Er spürte keinen Schmerz und seine verzerrte Wahrnehmung gab der Szenerie etwas Unwirkliches.
Er konnte verschwommen die Hände von Carlos spüren, die ihn wieder in eine sitzende Position brachten, während eine Gruppe von Fußsoldaten einen schützenden Ring um ihn bildeten. Carlos standen die Tränen in den Augen als er seinen Freund in den Armen hielt – selbst ein Blinder konnte erkennen, daß diese Verletzung tödlich war. Eine Empfindung der Liebe und Fürsorge war das Letzte was das Wesen Antonio in sich aufnahm, bevor dieser starke Zug ihn wieder aus dem Körper in die Unendlichkeit riß.
Ulan handelte schnell und routiniert, dennoch dauerte es fast eine Minute, bis sich wieder die ersten Lebenszeichen an Thorbens Körper zeigten. Der Tee hatte den Kreislauf seines Freundes zusammenbrechen lassen und zu einem kurzzeitigen Aussetzen der Lebensfunktionen geführt. Das Fasten dürften ein Übriges dazu beigetragen haben, daß der Kreislauf zu stark in den Keller sank. Er stellte zu seiner Beruhigung fest, daß das Herz wieder regelmäßig schlug und die Atemfrequenz tiefer und stabiler wurde.
Ein Stöhnen und ein Flackern der Augenlider kündigte an, daß Thorbens Bewußtsein zurückkehrte. Tief in seinem Inneren konnte Ulan spüren, wie die andere Seite sich zurückzog und die Realität um sie herum sich normalisierte. Die Wolken lösten sich langsam auf und gaben das milde Licht des Mondes frei. Das Leben war in den Garten zurückgekehrt und die Grillen zirpten wieder im gewohnten Chor im hohen Gras neben dem Tümpel. Nichts deutete darauf hin, daß sie sich noch vor wenigen Minuten auf einer Insel zwischen den Welten bewegt hatten.
Thorben öffnete die Augen und sein verschleierte Blick begann sich rasch zu klären. „Es“ war in Thorbens Körper zurückgekehrt und füllte sich von neuem mit den Erinnerungen dieser Inkarnation. „Es“ erkannte den Planeten wieder, auf dem es schon so oft sein Bewußtsein ausgebreitet hatte.
Der alte Krieger setzte sich noch etwas benommen auf, wobei ihm Ulan half. Thorben wartete geduldig bis sich sein Bewußtsein soweit verdichtet hatte, daß er wieder handlungsfähig war. Ulan hatte den noch leicht fröstelnden Körper seines Freundes in eine warme Lamadecke gehüllt. Aber Thorbens Körper war stark und erholte sich rasch von den Strapazen.
Nach einer Weile begann Thorben von seinen Erlebnissen zu berichten und die beiden Freunde saßen noch bis tief in die Nacht beisammen und grübelten über die vergangenen Ereignisse nach.
Zwei Tage später erhielt Thorben von Ulan einen Brief, mit folgendem Text:
Hallo Thorben
Ich konnte es mir nicht verkneifen einige der von dir genannten Daten zu recherchieren. Ich habe im Netz eine spanische Seite gefunden, die sich der Ahnenforschung widmet. Anscheinend gibt es eine ganze Menge spanischer Familien, die ihre Verwandten in Südamerika suchen lassen.
Jetzt halt dich fest – ich habe einen etwas verstümmelten Stammbaum der „da Costas“ gefunden, die sich in Südamerika angesiedelt haben. Darunter auch einen Antonio Pereira da Costa, der mit einer gewissen Maria Auta Pereia da Costa verheiratet war. Die Eltern Antonios hießen Manuel da Costa und Eugenia Pereira da Costa. Dieser Zweig der Familie war sehr wohlhabend und ihr Einfluß reichte bis ins spanische Königshaus.
Manuel da Costa wurde in Spanien ermordet, was seine beiden Söhne anscheinend veranlaßte in die neue Welt zu fliehen. Der Bruder Antonios hieß Astrogildo, der später mit seiner Familie im heutigen Brasilien ansässig wurde.
Antonio nahm seine Frau Maria mit nach Nicaragua, aber Maria starb schon früh an einem Fieber im Alter von 41 Jahren. Er war der Kommandant einer kleineren Einheit von Conquistadores, die Francisco Hernández de Córdoba unterstellt waren – dem späteren Gründer der Städte Granada und León.
Antonios Spur verliert sich an der Grenze nach Costa Rica. Die ersten Kontakte zwischen Spaniern und den Ureinwohnern des Landes waren von sehr herzlicher Art seitens der Indianer. Als die Spanier jedoch - angezogen vom Gold der Gegend - erste Kolonialisierungsversuche starteten, trafen sie auf den harten Widerstand der Indianer und die harten Lebensbedingungen des Dschungels mit seinen nicht heilbaren Tropenkrankheiten - jedoch nicht auf Gold.
Erst 60 Jahre später wurde die Kolonialisierung schließlich abgeschlossen, als Juan Vásquez de Coronado die Stadt Cartago im zentralen Hochland gründete. Die unbewohnbaren Küstenregionen wurden den "Wilden" überlassen.
Die Bezeichnung „Plano Inclinado“ heißt übersetzt einfach soviel wie „schiefe Ebene“ und ist keine spezielle Bezeichnung für irgendeinen bekannten Berg oder eine besondere Lokalität. Soweit ich das ersehen kann, wurde so gut wie alles, was bergig oder hügelig war von den Spaniern so genannt. Diesen Hinweis können wir also getrost vergessen.
Nimm dir schon mal Urlaub und buche für uns einen Flug nach Costa Rica. Vielleicht haben wir Glück und finden dort noch einige Gebeine von dir. Dann wärst du der erste Mensch auf diesem Planeten, der sein eigenes Grab mit Rosen schmückt.
Ulan
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