Story: Pokern oder mein kurzer Weg zur ersten Million

25.04.2007
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Bewertung 4.5
Dr. Rolf Schmelter
  

Rund um die Uhr Online-Pokern und dabei ein weltweiter Geldjäger sein. Das ist ein Klischee, das vielen im Kopf herumschwirrt, wenn sie an das Online-Pokern denken. Dabei ist dieses Thema unglaublich sensibel, weshalb ich aus Gründen der Vertraulichkeit zwischen uns ein ganz persönliches "du" benutze. Denn über Leidenschaften kann man schwerlich abstrakt reden. Nun gut, vielleicht hast du noch keine Vorstellung davon, wie das Leben eines Spielers aussieht. So wähle ich für den Anfang meiner Erzählung einige Eindrücke der letzten Partie.

Poker KartenWer war heute mit mir am Tisch? RexBobby, NicoTheBest, MrWinAlways und Lawendel (vielleicht einer von den rosaroten Kölner Funken?) und wie so oft WomanOnFeuer, eine gnadenlose Bluffmaschine. Für Greenhöner sei angemerkt - den Spielernamen sollte sich jeder wirklich besonders sorgsam aussuchen, denn er wird zwangsläufig zum Aushängeschild der eigenen virtuellen Person und ist damit quasi unabänderlich auf Lebenszeit. Doch mit der Zeit offenbaren auch solche gesichtslosen Namen beim Spielen ihren Charakter.

Wie war es gestern? Wie es bloß kommt, das sich diese Gauner wieder an meinem Tisch verabredet haben. Eine Spielerin versuchte sich als 18jähringe Blondine zu outen. Ich vermute mal, daß es sich dabei um eine eher betagtere Dame handelte. Vielleicht war sie eine verrentete Teacherin oder schlimmeres. Online kann man sich immerhin ohne aufzufallen mit Lockenwicklern an den "Spieltisch setzen", nebenbei fernsehen oder an einer Zigarre lutschten. Bei manchen der bizarr anmutenden Namen, würde es mich nicht wundern, wenn sie mit dem Laptop auf dem Klo hocken und mitzocken.

Soweit zu meinen Halluzinationen - aber ich bin bei so einem Thema nicht alleine. Ich höre immer wieder von Anderen Vorurteile - ala - Online-Pokern ist sowieso nur was für Häßliche, die sich nicht mehr waschen wollen, wobei Anwesende oder Mitspieler selbstverständlich immer ausgeschlossen werden! An den kleinen Tischen stellt man sich die "Habenichtse der Hartz-Family" vor, die es im Reallife zu nichts gebracht haben. Auf der anderen Seite gibt es noch das andere Extrem - die Leute, die über das Pokern reich geworden sind und alle im Ort meinen: "Guck dir den an - der hat's richtig gemacht."

Doch bevor ich mich im Grübeln verliere, spielt schon wieder der Alte links oben sich auf, als hätte er das Pokern erfunden. Manchmal frage ich mich wirklich, was die Leute denken, wo wir hier sind? Es fängt schon beim Bluffen an - wenigstens das sollte jeder aus dem Kino kennen. Wenn ich frech wäre würde ich sagen - Bluff ist so, als würde man mit Sozialhilfe jemanden ins Hilton einladen, nur daß der Eingeladene am Ende die Zeche bezahlt. That's Poker!

PokerchipsAußerdem spielt Poker mit meinen Nerven, wie mit einer Gitarre. Heute ging es anfangs erst steil aufwärts, aber jetzt pendelt mein Bankroll schon seit 25 Minuten um die 9.000 Dollar. Solche Situationen schmerzen wirklich und sind dazu geeignet Depressionen bei schwachen Naturen auszulösen. Doch auch wer die Nerven behält und weiterspielt, weiß - es kann noch schlimmer kommen.

Der Karo-Bube sieht falsch aus, wie mein Schwiegersohn, was schon schlimm genug ist, solange ich nicht an meinen Geldbeutel denke. Jede Runde startet mit den sogenannten Startkarten. Darauf stützt sich manche Hoffnung, denn mit bestimmten Karten habe ich bisher noch nie verloren, beispielsweise mit der Herzdame und einer Sechs oder dem Kreuzkönig mit der Galgen-Sieben.

Aber das Spielfieber hat nicht nur mich ergriffen. Online Poker hat inzwischen einen Freizeitverbreitungsgrad, wie nur wenig andere Spielarten. An das Pokern darf die Bohrgeneration erst ab 18, falls Opa den Kleinen nicht früher einen illegalen Zugang einrichtet oder zeigt, wo die kostenlosen Übungsräume ohne jede Anmeldung zu finden sind.

Das Geheimnis des Pokerns sind nicht die Karten. Das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Alles entscheidend ist der untere Rand am Bildschirm, dort wo in den Anzeigefeldern die Dollar-Beträge erscheinen. Je oller je Dollar, heißt es bekanntlich. Und genau dahin ist mit der Maus zu klicken, nicht auf die Karten, wie man immer wieder erlebt oder gar in die Gesichter der anderen Mitspieler.

Das Schärfste für uns Profis sind aber die Re-Buy Turniere. Normalerweise zahlt man Geld ein und kann teilnehmen. Re-Buy heißt nun: Bin ich mal pleite, kann ich mich mit Re-Buy nachfinanzieren. Es kommt also nicht darauf an, wieviel Geld Opa am Tisch, sondern was Oma auf dem Konto hat. Aber auch Psychologie spielt eine immer größere Rolle.

Willst du zum Beispiel jemanden zum Abwerfen bewegen, gebe im Chat ein: "Allez.." - und jetzt klicken - damit der "hopp!" macht und seine Gewinnblätter wegwirft. Wichtig sind auch die F-Tasten für gesprächsbedürftige Naturen: So bedeutet F 12: "Ihr könnt mich mal", angezeigt wird jedoch: "Euch allen ein herzliches Adieu". Vor dem eigenen Bluff drücke ich manchmal die F-Taste "Gutes Blatt!" Zeigt der Flop schon ein Stück Strasse, wie 456, gehe ich voll rein, so auch bei der JQK-family, und mache richtig Druck, als hätte ich ein Full-House.

Spielen nur noch zwei, dann heißt es heads-up (auf deutsch: Hände hoch!). Bleiben die Gegner am Ball, droht Unheil und so manches Mal verweigert sich dann der "Kartengott". Was läßt sich gewinnen? Als Beispiel nehme ich mal einen von den superschnellen Sechsertischen. Vier scheiden aus, dann geht es ITM, d.h. "in the money". Geld gibt es für die ersten beiden. Der dritte bis sechste Preis sind gleich: die Anteilnahme der beiden Gewinner für deren ehrenvollen Abgang: "Leute! Kommt wieder, viel Geld mitbringen!"

royal flushWenn du mich jetzt fragen würdest: "Hast du jemals ein Pokerbuch geschrieben?" - dann müßte ich in aller Bescheidenheit antworten: "Mehrere, erst alle in den USA erschienen, jetzt auch in Deutschland". Und wegen dem Finanzamt - der Raubritterburg von heute - alles unter verschiedenen Pseudonymen, die ich hier erstmals öffentlich bekanntgebe - natürlich nur die Anfangsbuchstaben, damit sich nicht gleich alle auf diese Bücher stürzen: D.B., A.L., D.S., E.B. und weitere.

Diese Bücher sind im Grunde genommen kostenlos, weil du den Kaufpreis in allerkürzester Zeit wieder erpokert haben wirst. Es geht nicht ohne Denglisch, dieser neuen Sprache, die auf das wunderbarste das Englische mit dem Deutschen verbindet. "Neteller" und "Moneybooker" sind das, was früher das Abrakadabra für die Zauberei war. Beide sind die schnellen Geldhähne, ums "money" zum Fließen zu bringen, was wir als Spielgeld verpulvern - pardon! - verpokern wollen.

Zum Schluß noch ein Geheimnis - only for you: Nach Phase 1 - den ersten kleinen Verlusten (das Geld ist nicht weg, nur ausgeliehen!) - kommt die Phase 2, wo du zwar noch nichts gewinnst aber auch nichts mehr verlierst. Danach folgt die endlose Phase 3: Das ausgeliehene Geld kommt zurück. Und: Von jetzt an wird nur noch gewonnen!

Das wünscht sich zumindest das Pokerherz! ;-))

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