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Traumreise durch die Gegenwart (Wiener Eindrücke, 2010) Datum: 24.08.2010 10:54

Manchmal hab auch ich den Eindruck als käme ich von einem andern Stern und lande auf dieser so fremden Erde. Sie war wohl in einer früheren Inkarnation meine Heimat.

Da war vor einigen Nächten ein Traum, der nicht aus meiner Erinnerung weichen will. Darin ging ich in einem nahegelegenen Erholungsgebiet spazieren. Für den Zutritt wählte ich einen Weg, an dessen Rand eine Holzbarrikade stand, die aber noch ein freundlich einladendes Gesicht hatte.

Ich komme vorbei und wandere entlang an einem Stabilzaun, der das Erholungsgebiet von einer großen Wohnhausanlage trennt. Früher gab es hier einen alten Zaun mit einem Durchgang, den viele Menschen gerne benützten. Die freundliche weltoffene Anlage ist zu einer Festung geworden, in der das Rohr einer Sonnenuhr wie ein Kanonenrohr auf Wohnungen zielt. In einer Stadt, in der einst die Wehrmacht einer faschistischen Regierung auf Arbeiterwohnungen geschossen hat. Aber diese Zeit hat die Regierungskoalition aus dem Metternichschen Ballhaus in den Krampusfarben in der Stadt eines Sigmund Freud zur kollektiven Verdrängung freigegeben. Immerhin wird der Todestag des Arbeitermörders im Kanzleramt ab diesem Jahr nicht mehr mit einer eigenen Veranstaltung zelebriert.

Der Weg am Zaunesrand, der im Bereich eines Kindergartens nicht mehr ganz so hoch und bedrohlich wirkt, führt mich weiter zu einem Naturtunnel, wo am Wegesrand hohe Pappeln stehen, die kaum einen Lichtstrahl durchlassen. Auf der großen Wiese erscheint mir diesmal eine große Bühne mit vielen Lautsprechern, es ist hier ein Treiben wie auf einem Sportplatz, wie bei einem Volksfest. Auch dieser Platz ist von der Außenwelt abgeschirmt. Hohe Zäune bilden die Abgrenzung zu Tennisplätzen und auch zu Glashäusern. Ich wandere an einem Wäldchen vorbei und komme wiederum zu einem ganz neu errichteten Zaun. Dahinter haben es sich an Arbeitstagen Bauarbeiter häuslich gemacht, die offensichtlich den Auftrag haben, einen Lustgarten am Fuße eines Schlosses herzustellen, das einstmals die Stallungen der Nationalheiligen, der Kaiserin Maria Theresia, beherbergten.

Noch fühle ich mich wohl auf dem Gelände, ich höre vertraute Melodien und Texte und bin in bester Stimmung. „Komm, feiern wir ein Friedensfest, und zeigen, wie sich ´s leben lässt“, scheint an mein Ohr und in mein Gemüt zu dringen. Und ich vernehme die alte Melodie mit dem Refrain: „Die Antwort, mein Freund, kennt ganz allein der Wind.“ - Die Antwort, worauf?

Viele Fragen bewegen die Menschen hier auf der Wiesn. Beim näheren Hinschauen sind hier Menschen mit ihren Sorgen und Nöten versammelt. Es bilden sich Grüppchen und Gruppen, die sich immer mehr in ihre Gespräche vertiefen. Aber daneben ist es auch eine Parade der Eitelkeiten. Viele Leute scheinen hier zu sein, einfach nur, um gesehen zu werden. Oder um ein Bad in der Menge zu nehmen.

Im Traum sehe ich, dass diese Menschen gar nicht in der Gegenwart leben, sondern in verschiedenen Vergangenheiten. Auch wenn sie Lustgärten errichten, dann nicht zur Erholung der Menschen hier vor Ort, sondern nur, um ein schönes Motiv für einen Bildband über diese Stadt zu haben. Die hohen Zäune ringsum sind ein überzeugender Beweis dafür, dass der Zutritt zwar möglich, in Wahrheit aber vollkommen unerwünscht sein wird. Später einmal, denn jetzt ist alles ohnehin Baustelle. Und die können hierorts oft sehr lange bestehen. Schon in normalen Zeiten. In multiplen Krisenzeiten, im Wandel von der Beschäftigungskrise zur Behebung der Schuldenkrise, ganz besonders. Da haben Baustellenschilder die Chance auf Pragmatisierung.

Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder vom Rand ins Zentrum des Geschehens. Der Festplatz ist ein wahrhaftiges Abbild der heimatlichen Seitenblicke-Gesellschaft. Mal schauen, ob sich da auch der Baumeister Mörtel herumtreibt? kommt mir in den Sinn und zugleich auch Scham über einen derart abwegigen Gedanken. Aber doch ist es kein Wunder, sondern das Ergebnis unserer medialen Verblödungsindustrie.

Unruhe kommt auf, je mehr Leute auf den Festplatz strömen. Schon wollen die ersten Besucher wieder heim, während vom Eingang immer weitere Leute durch den finsteren Tunnel einströmen. Die Wiesn hatte einmal sechs Zu- und Ausgänge, aber mitten in der Menschenmasse wird mir bewusst, dass mindestens drei derzeit nicht benützbar sind. Absperrungen wurden errichtet. Klammheimlich, aber wahrscheinlich mit behördlicher Zustimmung. Wer sich versammelt, in welcher Absicht auch immer, wird umzingelt, eingekesselt. Die Duisburger Love-Parade wird präsent. Das Versammlungsrecht, ein Kernstück der Demokratie, wird zur Falle. Weh dem, der auch nur durch Teilnahme an einer erlaubten Veranstaltung still gegen die Alleinherrschaft des Geldadels aufmuckt! Nicht einmal Nostalgie an frühere Zeiten ist hier gestattet.

Was im Traum weiter passiert, geht im Tumult unter.

Abschließender Gedanke: Am 30.Juli wurde auf Philognosie der Frage nachgegangen, wie es zu einer Massenpanik kommen kann. - Ich frage mich dagegen, ob wir nicht im Alltag in Zuständen leben, die uns eigentlich permanent panisch machen müssen.

Autor: Günter Wittek

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Nachricht  Traumreise durch die Gegenwart (Wiener Eindrücke, 2010) Günter Wittek 24.08.2010 10:54