Grundlagen für erfolgreiches Lernverhalten - Kurs "Lernen lernen" Teil 1

24.03.2006
74976 Views
Bewertung 4.5
Petra Sütterlin
www.philognosie.net

Die Elemente des Wissens

Was wir in der Schule und an den Hochschulen lernen, macht nur einen kleinen Teil des Wissens dessen aus, was wir im Leben benötigen. Ein großer Teil von dem, was wir heute lernen, wird während des Berufslebens erworben. Fachleute für Datenverarbeitung lernen ca. 80% ihrer Qualifikationen aus beruflichen Weiterbildungen.

effektiv LernenIn vielen Bereichen mangelt es uns nicht an Informationsquellen. Zu "Lernen lernen" liefert Google 6.512.000 Suchergebnisse, bei Amazon werden 12451 Treffer zu Büchern angezeigt. Wer etwas lernen will, muß vorab Enscheidungen treffen und aus einer Fülle an Informationen auswählen. Diese Selektion (Auswahl) ist ein wesentlicher Teil des Lernprozesses und beeinflußt ihn stark.

Will ein Berufstätiger Karriere machen, muß er herausfinden, welche Fortbildungsmaßnahme neue Perspektiven eröffnet. Merkt er im Laufe der Fortbildung, daß er sich für eine wenig zukunftsträchtige Weiterbildung entschieden hat, wird dies seine Motivation wesentlich beeinflussen.

Lernen umfaßt nicht nur bewußt geplante Lernprozesse, sondern auch unbeabsichtigte Lernprozesse, wie das Lernen aus den Erfahrungen des Lebens. Wer sich zum Beispiel für unersetzlich hält und für längere Zeit aus den Berufsleben ausscheidet, wird die schmerzhafte Erfahrung machen, daß jeder ersetzt werden kann. Dennoch können wir davon ausgehen, daß unsere Qualifikation ein wichtiges Element für unsere berufliche Karriere ist. Je qualifizierter wir sind, desto mehr Wahlmöglichkeiten haben wir im Berufsleben.

Gehen wir grundlegend an das Thema Lernen heran. Stellen wir uns die Frage, welche Elemente für unserer Lernen wichtig sind. Beginnen wir in der Praxis und sehen uns einige Beispiele an.

Beispiel - Lernumgebung und Zeitaufwand

Elvira Ruhwinkel will einen Fortbildungskurs zum Thema "Management-Techniken" besuchen. Am Anfang versucht sie das Lernmaterial in der Kantine zu lesen. Ihr fällt jedoch bald auf, daß es ihr in der Kantine sehr schwer fällt sich zu konzentrieren. Sie wird von Bekannten angesprochen - muß sich für den nächsten Kaffee anstellen - die Menschen am Nachbartisch unterhalten sich sehr laut. Durch die vielen Ablenkungen braucht sie sehr viel Zeit sich die Inhalte einzuprägen. Oftmals bemerkt sie sogar schon nach einem Absatz, daß sie gar nicht mehr weiß, worum es in den vorherigen Zeilen ging.

Elvira hat ein Umfeld gewählt, bei dem es ihr schwer fällt sich konzentrieren zu können - voll bei der Sache zu sein. Was als "angenehme Lernumgebung" gedacht war, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Zeitfresser. Hätte Sie zuhause in einer ruhigen und konzentrierten Atmosphäre gearbeitet, so hätte sie nur die Hälfte der Zeit lernen müssen - und letztlich - viel mehr Freizeit gehabt. Elvira muß lernen, welche Lernumgebung sie zum schnellen und angenehmen Lernen wirklich braucht.

Beispiel - Erinnerungsvermögen und Prüfungsangst

Wolfgang Merkert hält sich für einen strebsamen Typen. Er verbringt viel Zeit vor seinen Aufgaben und liest seine Sachbücher aufmerksam vor der Prüfung. Bei der Prüfung selbst überkommt ihn jedoch beim Lesen der Aufgaben Panik. Wie war das noch mal? Ich hatte doch gestern erst die Lösung der Aufgabe gelesen. Wie ging das? Es gab da doch einen simplen Trick, die Gleichung umzustellen ...

Wolfgang kann sich nicht mehr genau erinnern. Er hat nicht geprüft, welche von den vielen Informationen, die er gelesen hat, tatsächlich aus seiner Erinnerung abrufbar sind. Er weiß nicht, daß bestimmte Lernmethoden Informationen nur im Kurzzeitgedächtnis speichern. Hätte er gewußt, wie er diese Informationen ins Langzeitgedächtnis transferieren kann, wäre diese Prüfung für ihn kein Problem gewesen. Für ihn ist wichtig herauszufinden, wie er seine Lernmethoden so umstellen kann, daß er mit dem gleichen Zeitaufwand mehr Details und Zusammenhänge erinnert.

Beispiel - Komplexitätsverarbeitung und Lesetechniken

LernkontrolleHerbert Vollberg bekommt täglich eine enorme Menge E-Mails. An manchen Tagen beachtet er die vielen E-Mails nicht, an anderen Tagen wühlt er sich durch die Newsletter, Anfragen und Spam-Mails. Bei den vielen Eingaben ist es ihm nicht immer klar, was er wann bearbeiten oder löschen soll. Herr Vollberg muß lernen Informationen schnell zu erfassen und nach Prioritäten zu sortieren. Wenn er beispielsweise seine Lesetechniken verbessert, d.h. die Fähigkeit wichtige Informationen aus einem längeren Text schnell herauszufiltern, wird er seine Arbeit wesentlich effektiver erledigen können.

Die Lernziele von Elvira Ruhwinkel, Wolfgang Merkert und Helmut Vollberg unterscheiden sich voneinander. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, die für alle Lernenden gelten. Wir alle müssen auf mehreren Ebenen lernen, um erfolgreich zu sein. Wir müssen einen Lernstoff begreifen, müssen das Gelernte in konkrete Fertigkeiten umsetzen können und müssen gewillt und in der Lage sein, dies zu tun.

  1. Wissen erwerben
    Wissen erwerben bedeutet einen neuen Lernstoff zu verstehen. Elvira Ruhwinkel muß die neuen Informationen begreifen und gedanklich verarbeiten, damit sie sie später aus ihrem Gedächtnis abrufen kann. Dasselbe gilt für Herbert Vollberg und Wolfgang Merkert.

  2. Wissen anwenden
    Haben alle drei den Stoff verstanden, geht es im nächsten Schritt darum, dieses Wissen in Können umzusetzen - in der Praxis anzuwenden. Es genügt nicht, wenn Wolfgang Merkert weiß, wer ein Buch über Gedächtnistraining geschrieben hat. Er muß die Techniken selbst üben, damit er in der Lage ist, sie einzusetzen. Das gleiche gilt für die anderen. Herbert Vollberg wird nicht besser lesen, wenn er weiß, welche Techniken es hierfür gibt. Erst wenn er sich angewöhnt hat, selektiv zu lesen und bekannte Techniken anzuwenden, wird er sein persönliches Leseverhalten optimieren.

  3. Wissen verinnerlichen
    Elvira wird zuhause nur dann besser lernen können, wenn sie sich dort eine entsprechend ruhige und konzentrierte Atmosphäre schafft. Sobald ihre Freunde anfangen sie zuhause aufzusuchen, um mit ihr zu reden, bringt eine Änderung des Umfeldes gar nichts. Sie muß lernen sich der Wichtigkeit einer konzentrierten Atmosphäre bewußt zu werden und störende Einflüsse (z.B. die Nachbarin) freundlich aber bestimmt abweisen. Wenn sie sich nicht traut ihren Willen umzusetzen, wird sie ein Spielball der äußeren Einflüsse bleiben. Sie muß soziale Kompetenz erwerben - die Fähigkeit ihr Wissen im Miteinander einzubringen und zu dem stehen, was ihr wichtig ist.

Anders ausgedrückt, wir lernen mit Kopf (Wissen erwerben), Hand (Wissen anwenden) und Herz (Wissen verinnerlichen). Erst das Zusammenspiel dieser Prozesse mündet in die erfolgreiche Umsetzung des Gelernten. Die Schwerpunkte bei jedem Lernprozeß sind verschieden: bei einem "Pharmaziestudium" steht für die meisten das Verstehen des Stoffs im Mittelpunkt (Kopf), bei einem Führungstraining geht es hauptsächlich darum, sich mit den eigenen Gefühlen und Einstellungen auseinanderzusetzen, um seine Persönlichkeit weiterzuentwickeln (Herz). Wer Auto fahren lernt, muß in erster Linie verschiedene Abläufe einüben, bis er sie automatisch beherrscht (Hand).

Zusammenfassend können wir sagen ...

Lernen bedeutet:

Kopf

  • Wissen erwerben

Hand

  • Wissen anwenden

Herz

  • Wissen verinnerlichen
    • Mit den eigenen Gefühlen und Gedanken umgehen können
    • Mit anderen Menschen umgehen können
    • Das eigene Verhalten aufgrund der neuen Erfahrungen verändern.



<< vorherige Lektion nächste Lektion >>
Zum Speichern Ihrer Kursbearbeitung melden Sie sich bitte als Benutzer an: einloggen
Publikationen und Empfehlungen
von Petra Sütterlin

Empfehlungen zu diesem Thema

Gesamtstatistik der Bewertungen

5 Sterne
Wert 4.5
Thema: 4.5 Information: 4.4 Verständlichkeit: 4.5
Stimmen: 12 Legende:
5: super - bis 1: erträglich
Views: 74976

Beiträge

Keine Beiträge vorhanden.