Das folgende Beispiel soll verdeutlichen, wie Beziehungskonten in einer Paarbeziehung funktionieren. Der Anschaulichkeit halber werden wir hier Punkte vergeben, die eine Einzahlung oder Abhebung markieren. Natürlich rechnet in Wirklichkeit keiner mit Punkten, doch jeder wird die Erfahrung gemacht haben, dass es Aufmerksamkeiten des Partners gibt, die uns mehr oder weniger wichtig sind.
Nehmen wir an zwei Menschen begegnen sich und finden sich gegenseitig attraktiv. Er macht ihr Komplimente und leistet damit schon eine Einzahlung (aber nur, wenn sie auch Interesse an ihm entwickelt): "Du siehst heute aber gut aus" (20 Punkte Guthaben auf das Konto, das sie für ihn angelegt hat). Vielleicht erzählt er im Anschluss, was er gerade gemacht hat und sie hört ihm aufmerksam und lächelnd zu (30 Punkte Guthaben auf das Konto, das er für sie angelegt hat). Er lädt sie zum Essen ein (50 Punkte aufs Konto) und sie macht sich besonders schön für ihn, dass seine Kumpels staunen (das ist doch 50 Punkte wert oder?).
Die Verhaltensweisen, die dem anderen Freude machen, schaukeln sich hoch. Beide sind ineinander verliebt. Es passiert wie von selbst - keiner muss sich anstrengen, um den anderen eine Freude zu machen.
Nehmen wir an, er schenkt ihr zum Geburtstag einen Computer, den sie sich schon lange gewünscht hat, sich aber bisher nicht leisten konnte (das ist doch bestimmt um die 500 Punkte wert, immerhin befinden sie sich noch in der Anfangsphase). Im Gegenzug zeigt sie sich an seinen sportlichen Aktivitäten interessiert. Sie ist sogar bereit mit ins Handballstadion zu gehen, um sich mit ihm zusammen ein Spiel anzusehen (so etwas ist ihm bei einer Frau noch nie passiert - sie erhält 300 Punkte). Solange die Verliebtheitsphase anhält, kommen eine Menge Einzahlungen hinzu. Das Guthaben beider Konten steigt gleichermaßen an.
Irgendwann sind die Einzahlungen so hoch (nehmen wir an, um die 3000 Punkte), dass er ihr sagen wird: "Ich liebe dich!" (das ist mit Sicherheit 1000 Punkte wert). Sie ist irgendwann bereit über die Zärtlichkeiten hinaus zu gehen und eine Nacht mit ihm zu verbringen (damit zahlt sie bestimmt 2000 Punkte ein - entsprechendes gilt für ihn).
Im Märchen geht das endlos so weiter (bzw. bis beide sterben), doch in Wirklichkeit findet die Leichtigkeit beiderseitiger Einzahlungen im Alltag ihr Ende. Denn unabhängig, ob beide irgendwann heiraten oder unverheiratet zusammenziehen, wird sich das Gefühl der Sicherheit entwickeln. Ab hier ist es mit der Verliebtheit vorbei, der andere ist einem sicher.
Er denkt: "Ich hab sie rumgekriegt - sie gehört zu mir" und sie "er ist jetzt mein fester Freund, mit dem ich mein Leben teilen will".
Im Alltag werden nun bald die ersten Abhebungen vorkommen. Das ist wichtig, denn das gehört zum Kennenlernen dazu. Man kann nicht immer einzahlen. Abhebungen sind auch wichtig, um zu prüfen, was der andere als Einzahlung wertet und was nicht. Abhebungen können sogar sehr positiv wirken und das Vertrauen stärken, wenn man merkt, dass man Fehler machen darf. Denn eine Beziehung, die keine Fehler zulässt, wird vermutlich nicht lange dauern. Abhebungen vorzunehmen, gibt einem auch die Info, wie sehr das Beziehungskonto belastet ist.
Das Abheben ist in der ersten Phase der Beziehung meist kein großes Problem, denn das Guthaben überwiegt bei Weitem und beide sind meist noch bemüht, den Fehler in Form von neuen Einzahlungen wieder gut zu machen.
Doch auch Abhebungen haben ihre Grenzen. Wenn Abhebungen beispielsweise in Form von Gewalt vorkommen, kann eine einzige Abhebung reichen, damit die Beziehung in die Brüche geht. Kleine Enttäuschungen (er war unfreundlich = -20 Punkte) werden noch locker weggesteckt. Vielleicht entschuldigt sich der Partner, bringt einen Blumenstrauß mit und gleicht damit das Konto wieder aus.
Solange man den anderen von sich überzeugen wollte, wurde auch investiert. Glaubt man sich seines Partners sicher zu sein, hören Investitionen auf, denn man hat ihn schon für sich gewonnen ("So, jetzt sind wir endlich verheiratet - sie ist mein und ich bin sein").
Werden die Investitionen aber erst einmal unterlassen, gehen meist auch die ersten Probleme los. Das Problem sind also nicht Abhebungen, die im Alltag zwangsläufig passieren, sondern dass aufgehört wird zu investieren. Das Guthaben stagniert oder baut sich allmählich ab.
Nehmen wir an, es kommt zu einem großen Streit (-50 Punkte für beide Konten). Das ist noch kein Problem, eine Abhebung wird vorgenommen, das Guthaben bleibt immer noch groß genug. Doch es geht weiter.
Der Partner macht einem selbst immer weniger Komplimente, obwohl man sich extra schick angezogen hat (weitere -30 Punkte für ihn).
Abends kommt er müde nach Hause und hat kein Ohr mehr für das Thema einer noch offenen Rechnung (-40 Punkte für ihn).
In der Früh bin ich schlecht gelaunt und verhalte mich unfreundlich zu ihm (-20 Punkte für mich).
Ich ziehe mich nicht mehr schick an, sondern bleibe in meinen Schlabberhosen (-30 Punkte für mich).
Ich habe ihm versprochen ihn auf der Arbeit anzurufen, bin sauer und lasse das bleiben (-100 Punkte).
Hinzu kommt, dass durch den Vergleich zur neuen Bekanntschaft, weitere Abhebungen auf dem alten Beziehungskonto stattfinden (z.B. sieht die neue Bekanntschaft besser aus, ist freundlicher, aufmerksamer, hört besser zu ...), bis das Guthaben der alten Beziehung aufgebraucht ist. Irgendwann kommt es zur Trennung und das ganze Spiel beginnt von vorne ...
Natürlich kann es sein, dass sich beide nicht trennen (es ist vielleicht gerade kein neuer Partner in Sicht), sondern ein eheliches oder eheähnliches Abkommen leben. Dieses bleibt oft unbewusst oder unausgesprochen. Beide schließen einen Handel: "Wenn du mir was Gutes tust, dann tu ich auch was Gutes für dich". "Wenn du mir finanzielle Sicherheit gibst, dann bin ich auch weiterhin bereit mit dir ins Bett zu gehen". "Wenn du den Abwasch machst, dann bügel ich dir deine Hemden."
Hält sich der andere nicht an den Handel, dann gibt es Stress und es kommt zu weiteren Abhebungen. Beide beäugen sich misstrauisch, dass auch ja keiner mehr als der andere einzahlt. Solche von Abhängigkeit geprägte Beziehungen tragen nicht wirklich zu einer immer inniger werdenden Verbindung bei.
Hier wäre es nötig wieder neu zu investieren, d.h. nicht nur Abhebungen wieder auszugleichen, sondern darüber hinaus zu gehen, d.h. das Guthaben auf den Beziehungskonten weiterhin zu erhöhen. Wenn das in einer Beziehung geschieht, die langjährig besteht, so lässt sich das durchaus als Liebe verstehen. Denn beide geben immer mehr, als sie nehmen.
Wie Abhebungen ausgeglichen werden können und was man tun kann, um das Guthaben auf dem Beziehungskonto kontinuierlich zu erhöhen, erfahren Sie im folgenden Artikel: "Beziehungskonto: Wie man in eine glückliche Beziehung investiert ... ".
Um das Modell des Beziehungskontos erfolgreich anzuwenden, empfiehlt es sich am Anfang nur zu beobachten, welche Verhaltensweisen des Partners einem selbst Freude machen oder wichtig sind. Im Anschluss kann dann beobachtet werden, welche seiner Verhaltensweisen einen stören und was man gerne anders hätte.
Viel Erfolg beim Beobachten und Gestalten Ihrer Beziehung!
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Thema: 4.5 | Information: 4 | Verständlichkeit: 4 |
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