Die Welt der Gefühle

05.12.2002
27839 Views
Bewertung 3.6
Petra Sütterlin
www.philognosie.net

Angst

Angstgefühle kennen wir als Aufgeregtheit, Besorgnis oder Beengung. Sie können sich steigern von Schreck, Entsetzen bis zur Panik. Wir fühlen Ungewißheit, Unsicherheit und Bedrohung, erleben eine innere Spannung, die uns zunehmend handlungsunfähig machen kann. Angst kann uns wie gebannt erstarren lassen oder zu extremer Beschleunigung körperlicher oder gedanklicher Abläufe führen.

Ängste können auf bestimmte Objekte gerichtet sein, zwanghaft auftreten (Platzangst, Höhenangst, Hundeangst, Menschenangst) und einen existentiellen Charakter bekommen. Spielarten der Angst sind Scham, Scheu, Verlegenheit, Zurückhaltung und Vorsicht. Furcht benennt den kognitiven Anteil der Angst (die das Gefühlserleben benennt), die mit dem Gefühl assoziierten Gedanken. "Ich habe Befürchtungen" drückt mehr Distanz - eine begriffliche - zum Befürchteten aus, als der Satz "Ich habe Angst".

Im Erlebnisablauf steht zuerst die intentionale Phase, dann tritt die Angst auf und danach liegt die Handlung, also das Ereignis, auf das die Angst gerichtet ist.

Aggression und Schmerz

Unter Aggression kann man ein Kampf- und Streitgefühl oder auch ein Kränkungs- und Verletzungsgefühl verstehen. Verwendet man die Begriffe Schmerz und Aggression, so kann man unter Schmerz, den ‚seelischen' Schmerz, die Frustration verstehen und mit Aggression den objektgerichteten Handlungsimpuls bezeichnen. Das Aggressionsgefühl ist ein Gefühl von Energie und Kraft, verbunden mit tätlichen Phantasien oder dem Impuls, zuzuschlagen, etwas zu zerstören, jemandem Schmerz zuzufügen. Die Handlungsschwelle wird überschritten, etwas geschieht.

Hier macht es Sinn, den Schmerz als das Schwellengefühl, das Gefühl der Grenzüberschreitung, der Aktion, der Trennung, des (schmerzhaften) Abschieds und der Entscheidung zu charakterisieren. Entscheidungen können schmerzen, man dreht und windet sich, kämpft einen inneren Kampf, ringt mit sich selbst. Das Aggressionsgefühl ist ursprünglich konstruktiver Natur, denn wo keine vitale Aggression ist, da geschieht auch wenig Innovatives. Alltäglich überschreiten wir bei allen Handlungsabläufen vielfältige Schwellen unter mehr oder meist weniger bewußten Schmerzen. So gesehen ist die ‚Schmerzphase', das Schwellengefühl, konstitutiver Bestandteil unserer Handlungen und gedanklichen Abläufe.

Im alltäglichen sozialen Umgang zeigt sich konstruktive Aggression im gezielten Herangehen an Dinge oder Probleme, im innovativen Verändern, in Bestimmtheit und Eindeutigkeit. In Interaktionen kann es notwendig sein, daß wir uns scharf abgrenzen, uns distanzieren, unsere persönliche Integrität verteidigen oder ‚schmerzhaft' Beziehungen zu klären. Wir können argumentative Auseinandersetzungen und Kämpfe um wissenschaftliche Hypothesen im z.B. kreativen, geistigen Ringen austragen.

Am Beispiel der Aggressionen wird das Reifungsniveau, auf dem ein Gefühl ausgelebt werden kann sehr anschaulich. Bisher wurde aus Aggressionen meist Kriegerisches entwickelt, feindselige Handlungen oder Geringschätzungen und Abwertungen des anderen. Zank, Streit, Verletzungen bis hin zu den archaischen Formen wie Kamikaze, Amokläufe oder Kriege.

Trauer

Trauer ist das Verlustgefühl, die Reaktion auf den Verlust eines geliebten Objektes. Manche meinen, daß wir den ersten Verlust im Leben bei der Geburt erlebt haben, den Verlust des Einsseins mit der Mutter. Kind, wie auch Mutter, müssen den Zerfall der Einheit in zwei Einzelindividuen überwinden. Die Überwindung des erlittenen Verlustes besteht in der Ablösung vom Objekt.

Ist die Fähigkeit, sich aus der Verknüpfung mit dem verloren gegangen Objekt zu lösen, gestört kann Trauer neurotisch oder psychotisch werden. Es ist anzunehmen, daß wir alltäglich, wenn auch unbewußt, unzählige Objekte betrauern. Die Trauer kann sich auf ganz unterschiedliche Objekte richten. Wir betrauern mehr oder weniger stark gedankliche, gegenständliche oder Gefühlsobjekte in ihrem Kommen und Gehen. Ob wir eine Arbeit beenden, jemanden verabschieden oder ein glücklicher Moment zu Ende geht.

Es kann der Abschied von idealisierten Zielen sein, die sich für uns als unerreichbar erweisen, vom vertrauten Arbeitsplatz oder auch von einem geliebten Menschen, der verstarb. Gefühle wie Enttäuschung, Niedergeschlagenheit, Erschöpfung, Mut- und Trostlosigkeit, Verzweiflung, Kummer etc. können auftreten. Die Fähigkeit zu trauern ist ein Zeichen gesunder Persönlichkeitsentwicklung. Die Trauer endet mit der Ablösung vom Objekt. Die geglückte Loslösung wird mit Erleichterung erlebt. Darauf hin kann die Zuwendung zu neuen Objekten folgen.

Freude

Freude ist ein Gefühl des Sieges, Erfolgs und Stolzes. Es stellt sich bei der Erreichung eines Zieles ein, es ist ein Gefühl des Erfülltseins. Freude ist vielfältig und mit ständig wechselnden Objekten verknüpft.

In einem Augenblick erfreut uns ein schöner Anblick, im nächsten etwas Gehörtes oder Getastetes. Ein freudiges Hochgefühl benennen wir mit Glück, Seligkeit oder Euphorie. Freude trägt dazu bei, daß wir uns mit anderen Menschen zusammengehörig fühlen.

Freude bewirkt Freude, sie breitet sich aus und steckt andere an. Verwandt mit Freude sind Gefühle wie Vertrauen, solides Selbstwertgefühl, Gefühle von Ganzsein und Vollendung, das Bewußtsein akzeptiert und geliebt zu werden. Das genüßliche an unserer Freude drücken wir mit Behagen, Wonne und Vergnügen aus. Freude bildet als Erfüllungsgefühl den Endpunkt im Handlungsablauf. An diesen schließen sich neue intentionale Gefühle an.

Anmerkungen

Diese Grundgefühle konnten voneinander abgegrenzt werden, weil sie mit typischen EEG-Mustern einhergehen. Versuchsreihen wurden durchgeführt, in dem die Probanden in bestimmte Gefühlszustände versetzt wurden. Sie hatten zuvor konflikthafte und freudige Erlebnisse detailliert aufnotiert. Während des Versuchs wurden die Erlebnisse stichworthaft durch den Übungsleiter thematisiert, damit der Proband sein Erlebnis möglichst wirklichkeitsnah nacherleben kann. Begonnen wurde mit dem konflikthaften Ereignis.

Die Übung war beendet, wenn der Proband ein freudiges Erleben mitteilte. Diese Versuchsreihen zeigen zum einen sehr deutlich, daß sich Gefühle verändern lassen. Zum anderen, daß wir über Gedanken unsere Gefühle in eine bestimmte Richtung lenken können. Wir können also Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen und unser Gefühlsleben genauso bestimmen, wie unsere Handlungen.

Wollen Sie mehr über "Gefühle und Wille" erfahren?

Publikationen und Empfehlungen
von Petra Sütterlin

Empfehlungen zu diesem Thema

Gesamtstatistik der Bewertungen

4 Sterne
Wert 3.6
Thema: 3.6 Information: 3.6 Verständlichkeit: 3.5
Stimmen: 17 Legende:
5: super - bis 1: erträglich
Views: 27839

Beiträge

Keine Beiträge vorhanden.