Die Welt der Gefühle

05.12.2002
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Petra Sütterlin
www.philognosie.net
  

Gefühle machen unser Leben bunt. Sie sind der Motor unserer Handlungen. Durch Vernunft lenken wir unsere Gefühle, bestimmen wir die Richtung unseres Handelns und somit unseres Lebens. Gefühle sind unabdingbar für jeden, der sein Leben bewußt gestalten, oder auch nur ein verständisvolles Gespräch führen will.

Wir treffen tagtäglich Entscheidungen und sagen "ich will ...". Unser Wille besteht aus kognitiver Struktur, d.h. dem Ziel unseres Willens und Gefühlen. Gefühlen wie Intention, Freude als auch ein Schuß Aggression. Die Stärke unseres Willens hängt von unseren Gefühlen ab. Sind sie intensiv genug, so erreichen wir unsere Ziele, z.B. bekommen wir den lang ersehnten Traumjob. Sind sie zu schwach, so erreichen wir etwas anderes, das nicht unbedingt unserer Intention entspricht.

In unserer Umgangssprache haben wir eine Fülle von Begriffen, mit denen wir Gefühle, Stimmungen und Affekte benennen. Die Sprache bietet gute Möglichkeiten, unser Gefühlsleben nuancenreich zu beschreiben. Manche Schriftsteller verstehen es in ihren Dichtungen, Gefühle ganz Wort und Worte ganz Gefühl werden zu lassen. Jedoch können auch diese sprachlichen Ausdrücke nur eine Annäherung an die Gefühle sein, denn die Trennung zwischen Gefühl und Begriff bleibt bestehen. Die Welt der Begriffe ist ihrem Wesen nach eine andere, als die der Gefühle. Die Funktion der Sprache ist eine semiotische, eine zeichengebende. Wir bedienen uns ihrer, um Objekte (das zu bezeichnende), z.B. Gefühlserlebnisse durch sie wieder zu geben. Wir können zudem über Körpersprache unseren Dialog über Gefühle verfeinern und bereichern. Sprache und Schrift sind in diesem Sinne Vergegenständlichungen von Gefühlen. Gefühle sind ihrem Wesen nach niemals gegenständlich. Unsere Gefühlserfahrung bietet ein Bild der Fülle und des Facettenreichtums, der um so größer ist, je genauer wir gewohnt sind, bewußt hin zu fühlen. Die Sprache dagegen verfügt über vergleichsweise kärgliche Mittel, diesen Gefühlserfahrungen Ausdruck zu verleihen.

Die aktuelle Ausdrucksgestalt eines Gefühls, in einem gegebenen Augenblick, können wir nach vier strukturellen Kriterien unterscheiden:

1. Qualität
Mit Qualität sind die Grundgefühle, ihre Nuancen und Übergänge gemeint. Ein reines Gefühl ist dann gegeben, wenn nur eine Gefühlsqualität auftritt, z.B. reine Freude. Reine Gefühle sind sehr spezifisch und wir können sie am leichtesten voneinander unterscheiden, z.B. Trauer und Freude.

2. Intensität
Unabhängig von den qualitativen Veränderungen können Gefühle ihrer Intensität nach unterschieden werden. Je intensiver ein Gefühl ist, desto leichter kann man es wahrnehmen und von anderen Gefühlen differenzieren.

3. Räumlichkeit und Zeitlichkeit

Die räumlich-zeitlichen Veränderungen von Gefühlen lassen sich beschreiben als z.B. interaktiv, individuell, situativ im Rahmen wechselnder sozialer Bezüge, vom Lebensalter her. Ein Gefühl wird immer eine andere Erlebnis- und Ausdrucksgestalt haben, ‚immer anders' sein. Ein Gefühl kann nie zweimal identisch erlebt werden. Gefühle können sich zwar sehr stark ähneln, aber nur mit sich selbst identisch sein. Alle zeitlich nachkommenden Gefühle sind anders, da wir uns in einer anderen Umgebung, Situation und ein paar Stunden später befinden.

Darüber hinaus geht unsere Erfahrung aus dem vorausgehenden Gefühl in das nachfolgende mit ein. Ein aktuales Gefühl - im Hier und Jetzt - stellt somit den Stand der bis dahin erreichten ‚Verändertheit' in dem Kontinuum der Veränderungen der Emotionen dar. Diese Veränderungen können minimal, kaum wahrnehmbar, bis augenfällig, z.B. im Zuge einer Therapie sein. Emotionen verändern sich kontinuierlich, bleiben aber so spezifisch, daß sie immer als solche erkennbar bleiben. Freude bleibt Freude, Angst bleibt Angst.

Mit dem Gefühl ist ein zugehöriger Verhaltensausdruck gegeben, den wir besonders gut an der Mimik abgelesen können. Gefühle werden in zwischenmenschlichen Handlungen ausgelebt. Aufgrund der zeitlichen Veränderbarkeit eines Gefühls kann man auch von einer Reifung des Gefühlsausdrucks oder dem Reifungsniveau, auf dem ein Gefühl ausgelebt wird, sprechen. Aggressionen z.B. können primitiv, durch Zerschlagen des Mobiliars oder konstruktiv, durch engagiertes Verfechten der eigenen Meinung ausgelebt werden.

Unsere emotionale Wahrnehmung kann als eigenständige Bewußtseinsmodalität beschrieben werden. Neben dieser haben wir auch eine gegenständliche (sensomotorische) und eine begriffliche Wahrnehmung (Denken). Sprich, wir fühlen, denken und empfinden und dies permanent. Weder die sensorische Wahrnehmung, oder das Denken beim wachen Menschen, noch das Gefühlserleben lassen sich abschalten. Wir nehmen allerdings nicht immer alles bewußt wahr, was wir wahrnehmen könnten. In jedem Augenblick sich über sein Denken, Empfinden und seine Gefühle bewußt zu sein erfordert einen hohen Grad an Bewußtheit, oder viel Übung bis dahin.

Gefühle sind in unterschiedlicher Intensität und Qualität immer vorhanden, sie müssen nicht erst aktiviert werden. Es ist ein Kontinuum an Gefühlserleben anzunehmen, auch wenn wir uns nicht immer darüber bewußt sind. Weiterhin ist anzunehmen, daß wir hauptsächlich Mischgefühle erleben. Die Mannigfaltigkeit der Gefühle konnte auf fünf Grundgefühle: Intention, Angst, Aggression, Trauer und Freude reduziert werden. Aus diesen fünf Gefühlen lassen sich alle anderen Gefühle mischen. Mischgefühle bestehen aus zwei oder mehr Grundgefühlen, die in allen denkbaren Nuancen und Übergängen zu- und miteinander auftreten können.

Die fünf Grundgefühle

Intention

Intentionale Gefühle können im weitesten Sinne als Hungergefühle verstanden werden. Sie stehen als Initialgefühle am Anfang aller kognitiven und motorischen Abläufe. Bewußt wahrgenommen sind sie überwiegend angenehm, meist sind sie uns nicht bewußt. Intention ist der Ausgangspunkt für unser Lernen, für unsere Entwicklung von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kreativität.

Da es ohne Intention keinen Anfang gibt, ist sie die bedeutendste motivierende Struktur für die Entwicklung des Menschen in Beruf und Liebe und für die Bewältigung seiner alltäglichen Aufgaben. Im Normalleben verstehen wir unter Intention das Gefühl der erwartungsvollen Leere, das auf Erfüllung abzielt. Die Intention ist auf ein Objekt (z.B. Auto, Wissensgebiet, Mensch) gerichtet. Wir fühlen uns vom Gegenstand unseres Interesses gefesselt, angezogen, fasziniert, verlangen danach, möchten Dinge näher kennenlernen und erforschen.

Wir haben den Wunsch nach Öffnung, Erweiterung und Ausdehnung unseres Erfahrungsbereichs. Wissensdurst, Erlebnishunger, Abenteuerlust charakterisieren unsere hungrigen Erwartungen, die auf unterschiedliche Ziele gerichtet sind. Spezifische Objekte unserer Intentionen kennen wir von unseren vitalen Bedürfnissen wie Hunger, Durst, Bewegungsdrang und im weiteren Sinne Heilungsverlangen und Genesungswünsche. Wörter wie Begehren, Neugierde, Drang, Trieb, Motiv, Erwartungsspannung heben mehr den emotionalen Anteil in unserem Erleben hervor.

Die Ausdrücke Interesse oder Strebung betonen mehr den kognitiven Anteil, das Ziel unserer Intentionen. Heftigkeiten oder Unmäßigkeiten eines Verlangens drücken wir mit Bärenhunger, Gier oder Sucht aus.

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von Petra Sütterlin

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