Kleine Einführung in die Philosophie

10.02.2010
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Gunthard Heller

Was behandelt die Metaphysik?

Die Metaphysik ist seit Kant in Verruf geraten. Denn Kant fand, dass man mit dem reinen Denken („Spekulation“) nichts erkennen kann und dass innere Wahrnehmungen als pathologisch zu werten sind. Er behandelte sie dementsprechend in seiner Anthropologie-Vorlesung und in seinem „Versuch über die Krankheiten des Kopfes“. In den „Träumen eines Geistersehers“ machte er die innere Wahrnehmung sogar lächerlich.

Das hat dazu geführt, dass Philosophen wie Steiner und Sri Aurobindo in der Philosophiegeschichtsschreibung gar nicht vorkommen oder ein Aschenputteldasein führen. In der „Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie“ stehen immerhin Artikel über die beiden genannten Autoren.

Daneben ist eine blühende Esoterik-Szene entstanden, in der sich alles tummelt, was früher zum Teil als Hexerei auf den Scheiterhaufen geführt hat. In einer unübersehbaren Vielzahl von Bewegungen, Gruppen und Grüppchen herrscht ein Begriffschaos sondergleichen, sodass ein eingehendes Studium notwendig ist, um einen Dialog überhaupt möglich zu machen.

Am meisten geschätzt werden in diesem Bereich die alternativen Heilmethoden (Geistheilung, Ayurveda, CranioSacral-Therapie, Shiatsu usw.). Bei ihrer Anwendung treten häufig innere Erfahrungen auf, zum Beispiel Erinnerungen an frühere Leben.

Die beste Einführung in die Metaphysik ist nicht das gleichnamige Buch des Aristoteles, sondern „Über die Geheimlehren“ von Iamblichos.

Um was geht es in der Logik?

Die Logik ist eigentlich (wie die Mathematik) keine wissenschaftliche Disziplin, sondern eine Kunst. Das heißt, es wird (ähnlich wie in der Ethik) nichts erkannt, sondern etwas geschaffen oder postuliert.

Einerseits lässt das Tohuwabohu in der Esoterikszene ein Logikstudium wünschen, andererseits bleibt es doch unfruchtbar, nachdem es absolviert wurde. Denn die Logik ist ein künstliches System mit künstlich konstruierten Beispielsätzen, die auf das lebendige Philosophieren bisher kaum einen Einfluss hatten (wenn man von grundlegenden Axiomen wie dem „Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch“ absieht).

Entsprechend ist die Logik vornehmlich ein Gegenstand der Philosophie ohne praktischen Nutzen geblieben.

Über Ästhetik und Bindestrich-Philosophien

Bevor man sich mit der philosophischen Ästhetik auseinandersetzt, sollte man mindestens eine der schönen Künste (Musik, Malerei, Plastik, Architektur, Dichtung, Fotografie, Film) näher kennen.

Dasselbe gilt auch für die sogenannten Bindestrich-Philosophien: Man sollte zuerst die Materie studieren, über die philosophiert wird. Natur- oder Geschichtsphilosophie etwa kann man nur mit Gewinn treiben, wenn man sich wenigstens mit einer naturwissenschaftlichen Disziplin (Physik, Biologie, Chemie, Medizin, Geologie, auch Archäologie, Anthropologie, Ethnologie) bzw. der Geschichtsschreibung näher vertraut gemacht hat.

Welche Lektüre ist als Einstieg zu empfehlen?

Wer die Philosophen kennenlernen will, muss ihre Werke lesen. Prinzipiell ist es besser, einen Philosophen ganz kennenzulernen, als sich mit den Hauptwerken von mehreren Philosophen zu befassen. Denn um einen Philosophen wirklich zu verstehen, muss man zuerst seine Sprache lernen. Das heißt, man muss herausfinden, wie er welches Wort verwendet.

Als ich etwa zum ersten Mal die „Philosophie der Freiheit“ (GA 4) von Rudolf Steiner in die Hand nahm, verstand ich überhaupt nichts, obwohl ich die Bedeutung aller Wörter kannte. Als ich aber damit anfing, seine Schriften der Reihe nach zu lesen (GA 1-13), lernte ich nach und nach alles verstehen.

Bei Kant ging es mir ähnlich: Nachdem ich seine Anthropologie-Vorlesung hinter mir hatte, machten mir seine drei Kritiken keine Schwierigkeiten mehr. Ebenso Hegel: Der beste Einstieg sind seine frühen theologischen Schriften.

Die Platon-Lektüre beginnt man am besten mit der „Apologie“ und dem „Kriton“, gefolgt von „Phaidon“ und „Symposion“. Schopenhauer teilt selbst mit, was man kennen muss, um sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zu verstehen: die Upanishaden, Platon, Kant und seine Dissertation „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“.

Rousseau und Augustinus lernt man am besten durch ihre „Bekenntnisse“ kennen, Heidegger durch seine Vorlesungen über Platon – falls man Platon bereits gelesen hat. Auf der anderen Seite gibt es Philosophen, die sofort eingängig sind wie etwa Nietzsche, Plotin, Hannah Arendt, Jaspers, Kierkegaard oder Michel de Montaigne – und Philosophen, bei denen alles schwierig ist, wie z.B. Husserl (am besten mit seiner „Ersten Philosophie“ beginnen).

Um herauszufinden, zu welchem Philosophen man sich hingezogen fühlt, ist es am einfachsten, ein Werk in die Hand zu nehmen und darin herumzublättern oder eine Philosophiegeschichte durchzulesen. Es gibt zwei Arten von Philosophiegeschichten: neutrale und tendenziöse Darstellungen.

Mit „tendenziös“ meine ich, dass der Autor nicht nur die Philosophiegeschichte darstellt, sondern auch seine eigene Philosophie verkündet bzw. die Philosophiegeschichte über deren Kamm schert.

Unter den neutralen Darstellungen empfehle ich die Philosophiegeschichten von Störig, Aster und Helferich, unter den tendenziösen die Bücher von Russell („Denker des Abendlandes“, „Philosophie des Abendlandes“), Steiner („Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt“), Jaspers („Die großen Philosophen“), Hegel („Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“) und Bloch („Leipziger Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie“). Die beste Einführung in die griechische Philosophie ist des Iamblichos' „Buch über das pythagoreische Leben“.

Wer sich für ein bestimmtes Thema interessiert, muss selbstverständlich anders vorgehen. Um herauszufinden, welcher Philosoph über welches Thema etwas geschrieben hat, ist es am einfachsten, ins „Historische Wörterbuch der Philosophie“ zu schauen.

Es ist nach Sachbegriffen wie „Seele“, „Freiheit“, „Tod“, „Unsterblichkeit“ oder „Gott“ usw. geordnet. Eine Warnung: Um einen Überblick zu bekommen, sind die Artikel zu lang, um das Thema wirklich kennenzulernen, sind sie zu kurz.

Deshalb empfehle ich, nur nach den Namen und Werktiteln der genannten Philosophen zu schauen (mit genauen Stellenangaben). Natürlich kann man auch kleinere philosophische Wörterbücher verwenden. Doch hier werden je nach Umfang nur Definitionen gegeben oder nur wenige Namen aufgeführt.

Bei der Lektüre ist es sinnvoll zu fragen, welche Art von Erfahrung den gelesenen Sätzen zugrunde liegt, und zu notieren, was einem auffällt oder aufstößt. Man kann sich Fragen an den Autor aufschreiben und nach dem Durchlesen eines Werks nochmals vornehmen, um zu sehen, ob sie inzwischen beantwortet sind. Die Lektüre von Sekundärliteratur lohnt sich (mit Ausnahme von Biografien) nur, wenn man einen Philosophen schon gut kennt. Sonst kann man nicht beurteilen, was einem vorgesetzt wird.

Je größer die Fremdsprachenkenntnisse, desto besser. Der Aufwand, einen Autor in der Originalsprache zu lesen, wenn sie nicht die eigene Muttersprache ist, ist allerdings hoch. Mit dem großen Latinum ist es nicht möglich, Cicero zu lesen, sondern nur, ihn zu übersetzen. Mit griechischen Texten steht es ähnlich. Von Vorteil ist es jedenfalls, Alphabet und grundlegende Grammatik der Sprachen zu lernen, damit man wenigstens einzelne Wörter des Originals nachschlagen kann.

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von Gunthard Heller

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