Rap als Therapie: Hip-Hop gegen Gewalt bei Jugendlichen

25.05.2009
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Bewertung 4.7
Thorsten Boose
thorstenboose.wordpress.com

Bedeutung des Raps für die Jugend

Schicksalsschläge treffen jeden Menschen – und jeden Menschen anders. In meinem Buch „Boose- Nacht-Geschichten“ gehe ich mit dem Thema „Schreiben befreit!“ literarisch um, doch auch in anderen künstlerischen Bereichen ist es gegenwärtig. Vor allem die Musik ist ein hervorragendes „Instrument“, um Gefühle zu transportieren und konstruktiv mit ihnen zu arbeiten. Der bekannte Rapper und Breakdancer Daniele De Rosa (alias "BboyDaniele") drückt diesen Sachverhalt wie folgt aus:

Daniele De Rosa„Vor knapp drei bis vier Jahren hat mich eine Frau dazu gebracht, meinen ersten eigenen Text zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt habe ich gemerkt, dass die Musik einem helfen kann, das eigene Leiden selbst zu verarbeiten.“

Die Geschichte der Musik ist so lang, wie die Geschichte der Menschheit selbst. Heutzutage gibt es die unterschiedlichsten Musikrichtungen, die alle ihren eigenen Zweck erfüllen.

Fälschlicherweise wird Hip Hop heute oftmals "nur" als Musikrichtung gesehen und damit in seiner Wirkung unterschätzt. Hip Hop ist eine Jugendkultur, die ein Musikstil namens Rap zusammen mit drei anderen Elementen (DJing, B-Boying und Graffiti-Writing) bilden.

Vor allem bei älteren Mitbürgern läuten schnell die Alarmglocken, wenn das Reizwort "Rap" fällt. Keine andere Musik wird so sehr missverstanden oder derart mit negativen Projektionen belegt. „Das sind einfach Vorurteile vieler Menschen, die durch die Medien geblendet werden.“ (BboyDaniele)

Geschichte des Raps: Gossensprache oder "Stimme der Wahrheit"?

Die Abkürzung "R.a.P." kommt von "Rhythm and Poetry" (Rhythmus und Poesie) und stammt ursprünglich aus afrikanischen Ländern wie Gambia, Mali und Senegal. Diese Kunst des Sprechgesangs wurde von einheimischen Völkern wie den Griots dazu benutzt, um uraltes, mündlich überliefertes Wissen an die Nachfahren weiterzugeben.

Stundenlang wurden die „Künstler“ mit Trommelrhythmen begleitet und erzählten lange Geschichten über ihre Ahnen. Dabei wurde oftmals ein tranceähnlicher Zustand erreicht, der dafür sorgte, dass sich das übermittelte Wissen fest im Geist der Anwesenden einnistete.

Eine ähnliche Form des ursprünglichen 'R.a.P.'s, der Spiritual, wurde durch die Sklaverei schon im 17. Jahrhundert entwickelt. Um die harte Sklavenarbeit und -haltung ertragen zu können, fanden viele Afrikaner Zuflucht im Gottesglauben, den sie im kollektiven Gesang auf den Feldern zum Ausdruck brachten. Mit der Zeit wurde aus den preisenden Hymnen eine Art Geheimsprache: Der Spiritual „Wade in the Water“ bezieht sich oberflächlich auf die Bibel, genauer gesagt auf Moses.

Beim zweiten Hinsehen entdeckt man aber einige Unterschiede (Moses teilte das Meer, im Spiritual wird aber vom Fluss Jordan gesungen). Diese Unterschiede wurden oft als geheime Botschaft untereinander, z.B. für Treffpunkte oder Fluchtstrategien, verwendet.

Hip HopIn den 1960er Jahren mischte sich schließlich die ursprüngliche Griot-Form des Sprechgesangs mit Elementen der Spirituals und vor allem mit dem jamaikanischen Toasting. Es begann in den New Yorker Ghettos, eine neue Art der Musik zu entstehen. Zu instrumentalen Musikstücken sprach der DJ im sogenannten 'Slang' (Jugendsprache) direkt das feiernde Publikum an.

Über die Jahre hinweg wurde diese Aufgabe vom MC ('Master of Ceremony') abgelöst. Heutzutage eher als Rapper bekannt, begann der MC Ende der 1970er Jahre ernste Geschichten in den Texten zu vermitteln. Die 1980er Jahre waren das Jahrzehnt des aufsteigenden US-amerikanischen Raps. Einzelne Künstler und Gruppen wie Run DMC, LL Cool J oder Public Enemy wurden zu weltweiten Stars der Szene und ließen den Funken im entfernten Europa (vorwiegend Frankreich, England und Deutschland) überspringen.

„Ich muss sagen, dass mich persönlich der Rap ab und zu schon daran gehindert hat, jemandem wortwörtlich "Eine reinzuhauen". Hätte ich meine Wut und Aggressionen nicht dort rauslassen können, wäre es mit Sicherheit passiert! Insofern hat Rap schon eine gewisse Gewaltprävention zu bieten.“ (BboyDaniele)

Während in den USA der 1990er Jahre Legenden, wie Tupac Shakur und The Notorious B.I.G. in ihren Texten zu den Ursprüngen des Ghettos und der modernen Diskriminierung der Afro-Amerikaner zurückkehrten und überwiegend kritische Texte verfassten, die nachweislich der Gewaltprävention dienten (für viele war Rap der Ausstiegspunkt aus dem Drogengeschäft), wurden in Deutschland kommerzielle Bands, wie "Die Fantastischen Vier", "Fettes Brot" oder das "Rödelheim Hartreim Projekt" gegründet, welche die Pionierarbeit von Advanced Chemistry ausbauten.

Mitte der 1990er kam es in den USA zum Bruch der Rap-Musik mit dem tragischen Tod zweier Größen des Raps (Tupac und B.I.G.), doch in Deutschland starteten die "Absoluten Beginner", "Dynamite Deluxe", "Fünf Sterne Deluxe" und viele andere durch. Seit 1998 ist die Rap-Musik fest in der deutschen Musikkultur etabliert. Als Zentren sind vor allem Hamburg, Stuttgart oder Berlin zu nennen, die - ähnlich der New Yorker Ghettos - hierzulande eine „mildere“ Untergrundbewegung entwickelten.

Seit 2000 entfernten sich einige Interpreten vom eigentlichen Sinn des Raps und kreierten neue Musikrichtungen, die durch oberflächliche, leicht verständliche Texte und Themen wie "Sex, Drogen und Gewalt" in der Öffentlichkeit für Erregung sorgten. So kam es schließlich zu den ersten Platten-Indizierungen und einem großen Zwist (dem 'Millenium-Beef'), der Jahre anhalten sollte und dessen Auswirkungen heute noch spürbar sind.

Viele erfolgreiche Labels wie "Eimsbush Entertainment", "Optik Records" und "Aggro Berlin" mussten wegen des typisch deutschen Bürokratiewahns und dem "Millenium-Beef" schließen. Bis zum heutigen Tage kristallisieren sich einzelne Künstler heraus und entwickeln wieder einen neuen, stilvollen Rap (z.B. "Jan Delay" mit Funk-Einflüssen). Die Untergrundszene kehrt derweil immer mehr zu den Ursprüngen zurück.

„Bleibt real!“ – Wie Rap Gewalt verhindert ...

Was anfänglich auf eigene Faust zuerst von ganzen Völkern und dann von Individualisten hart erarbeitet werden musste, wird heutzutage sogar vom Staat unterstützt - Aufklärung in Sachen Gewaltprävention mithilfe der Hip-Hop-Kultur. Durch die zunehmende Bereitschaft an Jugendgewalt horchten Schulen und Sozialarbeiter auf und starteten erste Projekte.

Hip-Hop-KulturEines dieser Projekte wurde 2006 unter dem Thema „Respect und Gewaltprävention“ vom DJ der Formation "W4C" - "Peter Pan" - unterstützt.

Es ging darum schulische Leistungen und das soziale Miteinander zu festigen und auszubauen. Als Basis diente das uralte Wissen der ursprünglichen Hip-Hop-Kultur. Ein überaus positives Ergebnis wurde erzielt.

Auf der anderen Seite fanden sich am 21. Oktober 2008 über 100 Pädagogen aus Jugendarbeit, Jugendhilfe und Schule auf der Tagung der "Aktion Jugendschutz" zusammen und diskutierten das brisante Thema "Gangsta-Rap". Es wirkt einerseits - vor allem auf Eltern - abstoßend, übt jedoch auf viele Kinder eine faszinierende Wirkung aus. Auch hier wurde Aufklärungsarbeit geleistet.

Ein Grund für das stetige Interesse für Gewaltprävention durch Rap (nicht zu verwechseln mit gewaltverherrlichenden Songtexten!) dürfte der peinliche Auftritt des Gangsta-Rappers und Pornoproduzenten "King Orgasmus One" in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ vom 10. April 2007 gewesen sein. Hier versuchte er der Feministin Alice Schwarzer Rede und Antwort über sexistische, gewaltverherrlichende und diskriminierende Songtexte zu stehen.

Der aus Italien stammende, 20-jährige Daniele De Rosa ist seit mehreren Jahren überregional unter seinem Künstlernamen "BBoyDaniele" bekannt. Als Breakdancer und Rapper lebt er nicht nur seine Hobbys aus, sondern bietet Interessierten auch Rap- und Breakdance-Workshops an. Dass die ursprüngliche Botschaft des Hip Hop (und hier vor allem im Rap, wie es "King Orgasmus One" teilweise bewies) das sich ergänzende und unterstützende Miteinander und nicht das Diskriminieren ist, erklärt Daniele anhand seiner eigenen Erfahrung so:

„Vor allem ist die Breakdance-Szene eine der wenigen Elemente der Hip-Hop-Kultur, die überwiegend "real" geblieben ist. Es gibt nur sehr wenige Ausnahmen! Wir B-Boys zeigen Respekt, vor allem 'battlen' wir auf Jams miteinander und nicht gegeneinander!“

Dass Rap generell eine kriminelle Musikrichtung sei und die heutige Jugend nichts mit sich anzufangen weiß, und ihren Frust lieber in Schlägereien anstatt in Kreativität auslebt, sind weit verbreitete Klischees.

Eben diese Klischees versuchen ernsthafte, immer jüngere Künstler der Szene seit jeher auszuräumen. Hier wird vor allem durch die sensationslustigen Medien ein schlechtes öffentliches Image geschürt.

So wird im TV eben oben genannte Diskussionssendung mit "King Orgasmus One" ausgestrahlt, aber die „Bewahrer der wahren Kunst“ ("Beginner", "Dynamite Deluxe", "Tone" u.v.m.) treten dadurch in den Hintergrund.

Fazit über die Bedeutung des Raps ...

Rap kann „Therapie mit Niveau“ sein – nicht nur Daniele De Rosa sieht das so. Viele Künstler machen Musik aus Liebe, um intuitiv dem alten Grundsatz des Miteinanders nachzukommen. Sie schöpfen aus ihr die nötige Kraft, um die eigenen Lasten leichter anzuheben. Andere wiederum sehen in ihr leider bloß den finanziellen Nutzen oder ein Prestige-Objekt.

Daniele De RosaDer Musiker Daniele meint beispielsweise dazu: „Es gibt viel Leid auf der Erde und hätten wir die Musik nicht, wären wir in vielen Situationen verloren. Ich bin nicht zwingend scharf aufs dicke Geld. Ich verlange für meine Songs keinen Cent. Ich bin aber froh über jeden einzelnen, der sie hört und sich dafür begeistert.“

Hip Hop besteht aus vier Elementen, so auch ein Hip-Hop-Künstler: Familie, Partner, Freunde und die Liebe. Diesen vier Elementen sind viele Lieder im Rap gewidmet.

Auf die alte Frage „Was würdest du tun, wenn du keine Gelegenheit dazu hättest, Musik zu machen?“ antwortete Daniele souverän, dass es die Gelegenheit, Musik zu machen, immer geben werde. Die Technik spiele dabei keine Rolle. Für sich selbst würde er die Musik weiterhin in sein Leben integrieren.

Und genauso denken viele andere Künstler unterschiedlicher Branchen; der „Was-wäre-wenn“-Fall existiert für sie nicht. Was zählt, ist die Gegenwart und mit eben dieser bestmöglich und nicht egoistisch umgehen zu können. Das Ausleben von Kreativität, insbesondere Musik, kann positiv dazu beitragen, negative Aspekte (z.B. Gewalt) aus seinem Leben fernzuhalten.

Mit persönlichen Schicksalsschlägen lernt man besser umzugehen - man therapiert sich quasi selbst. Rap hat sich in alle Richtungen entwickelt (positiv und negativ) und man mag diese Musik mögen oder nicht. Fakt ist aber, dass die Jugend es liebt und lebt. Warum nicht mithilfe des Raps die auffressende Wut in konstruktiven Mut umkehren?

Damit bin ich bei meiner Darstellung über den Rap und dessen Bedeutung am Ende. An dieser Stelle will ich mich noch bei Daniele De Rosa für das aufschlussreiche Interview und seine freundliche Mitwirkung bedanken.

Viel Spaß mit Musik!

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