Weltuntergang - Das Böse gebührt dem Feind

22.01.2003
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Philognosie Team
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Szenarien vom Weltuntergang sind häufig religiös motiviert, doch werden sie vielfach auch eingesetzt, um politischen Interessen Nachdruck zu verleihen. Die Tübinger Forscher Prof. Bernd Engler, Prof. Joerg O. Fichte und Dr. Oliver Scheiding haben untersucht, wie solche Vereinnahmungen religiöser Vorstellungen funktionieren und wie sich Endzeitvorstellungen in Amerika zwischen 1630 und 1860 je nach gesellschaftlicher Interessenlage veränderten.

Die Veröffentlichungen im Internet boomen, wenn es um Apokalypse, Weltuntergang und Endzeitstimmung geht. Doch nicht nur, weil der Jahrtausendwechsel erst so kurz zurückliegt. Von je her ranken sich um die biblische Offenbarung des Johannes, die Wiederkunft Christi vor dem Weltende und die Erwartung des 1000-jährigen Reiches Christi auf Erden apokalyptische Visionen und utopische Hoffnungen.

Auch in vergangenen Jahrhunderten hat die Menschen der Gedanke vom nahenden Weltende beschäftigt. Studierende und Doktoranden aus den Arbeitsgruppen der Amerikanisten Prof. Bernd Engler und Dr. Oliver Scheiding sowie des Anglisten und Mittelalterforschers Prof. Joerg O. Fichte vom Seminar für Englische Philologie der Universität Tübingen haben die religiösen, politischen, sozio-kulturellen und intellektuellen Umdeutungen untersucht, die der Millenniumsgedanke im Laufe der Geschichte Amerikas von 1630 bis 1860 erfahren hat.

Die Forschungen, die in einem Oberseminar 1999/2000 begannen und von einer Film- und Vortragsreihe zum Millenniumswechsel begleitet wurden, mündeten in den jetzt erschienen Sammelband "Millennial Thought in America: Historical and Intellectual Contexts, 1630-1860". Apokalyptische Vorstellungen hatten zu unterschiedlichen Krisenzeiten vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit immer wieder Konjunkturen und wurden auch immer wieder für unterschiedlichste politische Zwecke genutzt.

Spektakuläre Ausformungen des Millenniumsdenkens finden sich im Italien der Frührenaissance ebenso wie im Deutschland der Reformationszeit, aber auch in Amerika von der Kolonialzeit bis ins 19. Jahrhundert. Besonders bekannt ist der Fall von William Miller - Ahnherr verschiedener Sekten -, der aufgrund angeblich präziser Berechnungen der symbolisch zu verstehenden Zeitvorhersagen der prophetischen Schriften zunächst den 3. April 1843, dann den 22. Oktober 1844 als Tag des Weltunterganges errechnet hatte. 20 000 Gläubige verkauften in Erwartung ihrer Erlösung ihr ganzes Hab und Gut, ohne dass sich etwas Besonderes ereignete.

Das Jahr 1844 gilt in Amerika noch heute als Jahr des "Great Disappointment". Doch Vorstellungen vom Weltuntergang konkretisierten sich nicht nur in solchen punktuellen Ereignissen. Apokalyptische Vorstellungen prägen die gesamte amerikanische Geschichte. "Der Denkweise der Amerikaner entsprechend scheint die Geschichte schon immer vorherbestimmt; sie hat einen göttlichen Anfang und kulminiert in der Erfüllung des Reiches Gottes - in der Regel in Amerika.

Außerdem gehört zu diesem Denken die Vorstellung von einem Kampf zwischen Gut und Böse", sagt Fichte. Dieses Schwarz-Weiß-Denken habe auch in der jüngeren US-Politik, etwa beim früheren Präsidenten Ronald Reagan und dem jetzigen Staatsoberhaupt George W. Bush, noch seine Wirkmächtigkeit. Die Tübinger Forscher interessierte bei ihren Untersuchungen, wie die Vorstellungen vom Weltuntergang jeweils durch die historische Situation und den sozialen und politischen Zusammenhang geprägt sind.

Im Mittelpunkt der Beschäftigung mit dem Thema Millennialismus in Amerika haben sie vor allem Quellentexte von Einwanderern nach Neuengland sowie politische und religiöse Schriften der Vorrevolutionszeit und frühen Republik herangezogen. Im 17. Jahrhundert, berichten die Forscher, seien die Debatten um die Wiederkehr Christi und die Errichtung eines 1000-jährigen Friedensreichs vor allem genutzt worden, um die Neue Welt ins Zentrum der (Heils-)Geschichte zu stellen und sich somit von England beziehungsweise der dem Untergang geweihten alten Welt abzusetzen.

Während im Weltbild des Reformationszeitalters Jerusalem oder Europa als Ort des Heils bezeichnet wurden, rückte Amerika in den religiösen Schriften der Puritaner des frühen 18. Jahrhunderts von einer als Ort des Unheils und des Antichristen verstandenen Randposition ins Zentrum und wurde zum Neuen Jerusalem. Die Puritaner schufen sich ein neues Modell der Welt, in der sie sich als Vorbild für den Rest der Menschheit sahen. Der millenaristische Diskurs habe das nationale Selbstbild über Jahrhunderte hinweg entscheidend geprägt, so Scheiding.

Es zeigte sich, dass das Konzept der Endzeitvorstellungen trotz höchst unterschiedlicher politischer Vereinnahmungen über einen langen Zeitraum der amerikanischen Geschichte vom 16. bis ins 19. Jahrhundert letztlich beträchtliche Konstanten aufweist. "Nur die ideologischen Rahmenbedingungen verändern sich", sagt Engler. Fichte setzt hinzu: "Vom wechselnden Gebrauch der apokalyptischen Texte darf man sich nicht blenden lassen. Zwar werden immer wieder die gleichen Symbole aus der Offenbarung des Johannes herausgegriffen, aber sie werden je nach politischer Situation für unterschiedliche Zwecke eingesetzt."

So tauchen der Antichrist, die babylonische Hure und der Drache mit den sieben Köpfen und zehn Hörnern immer wieder als Symbole auf. Während die babylonische Hure in reformatorischen Schriften mit der Stadt Rom beziehungsweise dem Papsttum gleichgesetzt wird, werden in den amerikanischen Quellen des 18. und 19. Jahrhunderts wahlweise Frankreich oder England zur babylonischen Hure.

Besonders während der Französischen Revolution galt Frankreich als Reich des Antichristen, denn in den Augen der Bibelkommentatoren hatte sich Frankreich dem Atheismus verschrieben. Bereits wenig später, 1812-1815, im Krieg mit England um die Seerechte und die Vorherrschaft über Kanada, wurde England erneut der Erzfeind für Amerika, der in der politischen Propaganda mit den Negativsymbolen aus der Bibel ausgestattet wurde.

Die Tübinger Wissenschaftler haben im Laufe ihrer Forschungen zahlreiche Quellen, vor allem aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die zum Großteil vergessen oder vernachlässigt waren, wieder ins Blickfeld der Forschung gerückt. "Während der Recherchen", resümiert Scheiding, "konnten die beteiligten Studierenden direkt erfahren, wie Forschung funktioniert. Die Studierenden, aber auch wir Lehrende, haben darüber hinaus mit Spannung verfolgt, wie es die Amerikaner geschafft haben, theologische Debatten zu führen und dabei zugleich die Ausbildung und Stärkung ihrer nationalen Identität zu betreiben".

Nähere Informationen:

PD. Dr. Oliver Scheiding,
Tel. 0 70 71 / 2 97 29 10
Seminar für Englische Philologie
Wilhelmstraße 50
72074 Tübingen

Bernd Engler/Joerg O. Fichte/Oliver Scheiding (Eds.):
Millennial Thought in America: Historical and Intellectual Contexts, 1630-1860, WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2002.

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