Viele Eltern nehmen die Leistungen ihrer Kinder in der Schule sehr ernst. Problematisch wird das vor allem dann, wenn das Kind nicht die erwünschten guten Schulnoten erbringt. Sind die Erwartungen der Eltern erst einmal enttäuscht, kommt es leicht zu Streit, Frust und Tränen. Im schlimmsten Falle leidet die gesamte Familie.
In dem hier vorgestellten Interview von Peter Schipek mit der Autorin Heidemarie Brosche, wird ein anderer Weg zur Lösung dieses Problems vorgeschlagen.
Frau Brosche zeigt mit Humor und Verstand, wie man mit schlechten Noten umgeht und welche Auswege aus dem Dilemma möglich sind. Immerhin waren viele erfolgreiche Menschen – sogar einige Genies – einst schlechte Schüler. Lassen wir die Autorin selbst zu Wort kommen …
„Warum ich dieses Buch geschrieben habe? Weil ich es leid bin! Ich bin es leid, zuzusehen, wie kleine und große Menschen unglücklich werden – einzig und allein deshalb, weil es mit der Schule nicht so recht klappen will.
Ich bin es leid, zuzusehen und gleichzeitig zu wissen, dass die Sache all diesen Kummer nicht wert ist. Dies war für mich nicht immer so.
Vor nicht allzu langer Zeit steckte ich selbst in einer der größten Krisen meines bis dahin recht angenehm verlaufenen Mutter-Lebens. Meine geliebten beiden großen Söhne, damals in der 7. und 9. Klasse des Gymnasiums, sackten recht zeitgleich in der Schule ab. Ein Satz, der mich in der Zeit der großen Krise ins Herz getroffen hat, kam ausgerechnet von einem Lehrer des Gymnasiums, an dem beide Söhne gerade zu »zerschellen« drohten: »Sehen Sie zu, dass Sie sich Ihr wunderbares Verhältnis zu Ihren Söhnen durch die blöde Schule nicht kaputt machen lassen! « (Heidemarie Brosche)
Im Folgenden finden Sie hier Peter Schipek im Gespräch mit der Autorin Heidemarie Brosche zu ihrem Buch "Warum es nicht so schlimm ist, in der Schule schlecht zu sein: Schulschwierigkeiten gelassen meistern".
| Peter Schipek: | Schlechte Noten machen keinen Spaß, niemandem. Meist sieht es dann für Kinder und Jugendliche doch so aus: Nachmittags Nachhilfe, abends mit den Eltern lernen, am Wochenende wiederholen. Warum ist es denn nicht so schlimm, in der Schule schlecht zu sein? Und wie können Schüler und Eltern Schulschwierigkeiten gelassen meistern? |
| H. Brosche: | Ich sage jetzt mal ganz plakativ, dass es vier Gründe gibt, die den Titel meines Buches rechtfertigen:
1) Wer schlecht in der Schule ist, muss noch lange nicht schlecht in der Schule bleiben. 2) Wer schlecht in der Schule ist, muss noch lange nicht „schlecht im späteren Leben“ sein. 3) Viele Menschen waren schlecht in der Schule und führen dennoch ein „erfolgreiches“ Leben – und: 4) Wenn Eltern es „so schlimm“ finden, dass ihr Kind schlecht in der Schule ist, wird die Situation davon noch lange nicht besser, eher im Gegenteil. Ich könnte noch einen Punkt 5 hinzufügen: Wer gut in der Schule war, brilliert noch lange nicht im „wirklichen Leben“. Schulschwierigkeiten gelassen meistern – das heißt ganz bestimmt nicht, dass Eltern und Schüler sich entspannt zurücklehnen. Wenn Eltern ehrliche Ursachenforschung betreiben und den Hebel entsprechend ansetzen, tun sie schon viel. Vielleicht müssen sie dann einfach akzeptieren, dass das Kind im Moment nicht mehr leisten kann. Wenn sie sich ohne größere Vorwürfe darauf einlassen, dass das Kind vielleicht sogar die Schulart wechselt, wenn sie unter Umständen sogar professionelle Hilfe annehmen, dann zeigen sie ihrem Kind: Ich bin auf deiner Seite, ich will dir helfen, ich glaube an dich, auch wenn es im Moment so gar nicht klappt. Eltern sollten ihrem Kind körperlich, emotional und „moralisch“ zur Verfügung stehen, dabei aber keine Dauerpredigten halten. Wichtig finde ich auch, dass sie es bei der ganz persönlichen Sinnsuche, dem Herausfinden von Zielen und Zukunftsbildern unterstützen. Nicht nur die Schwächen zu sehen, sondern das ganz Besondere, Einzigartige dieses Kindes. Das heißt auch, aus dem Wettbewerb auszusteigen: Warum kann mein Kind nicht, was das Nachbarskind kann? Die Methode „Schreckensszenarien an die Wand malen“, auf die wir Eltern in unserer Not so gerne verfallen, führt auf jeden Fall nicht zu einer Verbesserung der Situation. |
| Peter Schipek: | Im Kapitel Ihres Buches „Schulfrust und Schulstress heute“ lese ich Eltern- und Schüler-Äußerungen: „Ich hasse die Schule“, „Jeden Morgen dasselbe Theater. Mein Kind will nicht in die Schule gehen“.
Viele Schüler haben sich schon einmal überlegt: “Was ist, wenn ich einfach zu Hause bleibe?“ Was raten Sie Eltern von Schulschwänzern? |
| H. Brosche: | Natürlich rate ich grundsätzlich dazu, selbst bei dieser extremen Form der Schulschwierigkeit im Gespräch zu bleiben. Gerade im Falle des hartnäckigen Schulschwänzens können Eltern selbst aber überfordert sein. Wenn ich spüren würde, dass ich mein Kind nicht mehr erreiche, würde ich auf jeden Fall professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Oft hilft es schon, wenn man als Eltern versucht, die Dramatik herauszunehmen. Also nicht: „Wie schrecklich, du zerstörst dir dein Leben und unseres gleich mit!“, sondern: „Hier ist etwas schief gelaufen, wir haben vielleicht auch unseren Anteil daran und wir wollen und müssen gemeinsam versuchen, dass es wieder besser wird.“ Wenn sich die Eltern-Kind-Kommunikation nicht immer nur um das leidige Thema dreht, sondern um Dinge, die mit der Schule so gar nichts zu tun haben und die erfreulich sind, bringt das weit mehr, als wenn man sich festfährt. |
| Peter Schipek: | „Schulschwierigkeiten und ihre Ursachen“ – ein Satz aus diesem Kapitel: „Alle guten Schüler sind dies auf eine sehr ähnliche Art, jeder schlechte Schüler ist es auf seine eigene Weise.“
Also – ohne Grund ist kein Kind ein Schulversager. Welche Gründe können dahinter stecken? |
| H. Brosche: | Ich zähle jetzt mal einfach auf, was mir auf Grund meines Wissens und meiner Erfahrungen die Hauptgründe zu sein scheinen.
Es kann also sein, dass das Kind … :
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| Peter Schipek: | Im Kapitel „Prüfungsangst/Prüfungsversagen“ beschreiben Sie die „rigiden Kontrollen“, denen Schüler unterworfen sind und den damit verbundenen Leistungsdruck und die Prüfungsangst: Totales Blackout an der Tafel, bei der Prüfung nur mehr Leere im Kopf. Im Schulalltag ist das keine Seltenheit.
Welche Tipps können Sie Schülern und Eltern zur Bekämpfung der Prüfungsangst geben? |
| H. Brosche: | Wenn das so einfach wäre, hätte ich einen meiner Söhne mit leichter Hand „geheilt“. Natürlich ist es kontraproduktiv, Druck zu machen. Aber selbst, wenn man dem Kind mit auf den Weg gibt: „Du kannst etwas. Bleib locker!“, selbst wenn man das Kind mit Entspannungsmethoden vertraut macht, selbst wenn man versucht, alles richtig zu machen – das Problem „Prüfungsangst“ ist nicht leicht in den Griff zu bekommen.
Das haben mir auch meine Interviewpartner bestätigt. Ich muss ehrlich sagen, dass ich auch bei hartnäckigem Prüfungsversagen zu professioneller Hilfe greifen würde. Außerdem würde ich darauf hoffen, dass sich das Problem mit dem Älterwerden abschwächt. |
| Peter Schipek: | Ein weiteres Kapitel aus Ihrem Buch: „Was die Schule an Ihrem Kind auszusetzen hat“ „Ihr Kind ist zu faul“ – Sie bezeichnen diesen Satz als Klassiker.
Was kann einen Lehrer dazu bringen, ein Kind als „faul“ zu bezeichnen? Wie sollen Eltern mit solchen Aussagen umgehen und wie können sie ihren Kindern helfen? |
| H. Brosche: | Ganz einfach: Wenn ein Kind wenig oder nichts für die Schule arbeitet, gilt es als faul. Man hat die Gründe schulischen Versagens ja gerne auf die Frage reduziert: „Ist der Schüler zu dumm oder zu faul?“
Nun ist es aber so, dass viele faul wirkende Schüler nicht wirklich faul sind. Sie sind nur nicht bereit, sich für die Schule, so wie sie sich ihnen darstellt, anzustrengen. Eltern sollten genau hinschauen: Ist mein Kind wirklich grundsätzlich antriebsschwach, scheut es jegliche Anstrengung? Oder "glänzt" es nur auf bestimmten Gebieten mit Faulheit, legt aber auf anderen großen Eifer an den Tag? Das typische Beispiel sind heute die vielen, vielen Jungen (und wenigen Mädchen), die ihre Zeit mit Begeisterung vor dem PC verbringen. Dort wollen sie oft durchaus etwas leisten. Auch auf dem Skaterplatz zeigen viele „faule“ Schüler Ehrgeiz mit Skateboard oder BMX-Rad. Manche engagieren sich in ihrer Freizeit bei der freiwilligen Feuerwehr, andere streichen für die Nachbarn den Zaun oder helfen der Oma beim Einkaufen. Wieder andere sind motivierte Schülerzeitungsredakteure oder Schultheater-Schauspieler. Als Eltern sollte man all diese Formen von Einsatz, Fleiß und Ehrgeiz nicht runtermachen, sondern wertschätzen. Oft neigen Eltern ja zum Gegenteil. Motto: Ist ja gut und schön, dass du dich für Fischzucht interessierst, dass du gut in Astrologie bist, dass du dich mit Technik auskennst, aber was wirklich wichtig ist, sind deine Noten. Ich finde inzwischen, es muss genau andersherum gehen. Wenn ein Mensch merkt, dass er Anerkennung findet, dann wirkt sich das – langfristig gesehen – auch auf andere Bereiche aus. Wenn nicht, blockiert er. Vielleicht sollte man an dieser Stelle auch noch sagen, dass gerade in der Phase der Pubertät viele Schülerinnen und Schüler zu „Faulheit“ neigen, was ein vorübergehendes Problem darstellt – sofern es nicht zum Dauerbrenner gemacht wird. |
| Peter Schipek: | „Ich habe mir mehr von dir erwartet.“ -„Schau deine Schwester an, die kann es doch auch!“ Solche und ähnliche Sätze hören Kinder von ihren Eltern.
Ist nicht manches Mal die Erwartungshaltung oder sogar massiver Druck von Vater und Mutter der Grund für das Scheitern in der Schule? |
| H. Brosche: | Das kann durchaus sein. Eltern müssen es ja noch nicht mal böse meinen, wenn sie ihr Kind den eigenen Ehrgeiz spüren lassen. Aber was sie damit anrichten können, ist enorm. Wenn ein Kind spürt, dass es die Erwartungen der Eltern permanent nicht erfüllt oder erfüllen kann, schadet dies seinem Selbstwertgefühl, auch wenn es sich noch so cool gibt.
Viele meiner Interviewpartner haben mir erzählt, dass sie noch immer schwer tragen an den abwertenden bis vernichtenden Urteilen der Kindheit – nicht selten auch von Lehrern gefällt: „Du hast mich enttäuscht!“, „Mit deinem Bruder war das ganz anders.“ oder gar „Aus dir wird nie etwas.“ |
| Peter Schipek: | Kinder sind verschieden, sollen aber alle das Gleiche lernen. Sie werden durch Noten in gut oder schlecht eingeteilt – sie lernen oft auch nur noch für die Noten. Es gibt viele Kritiker, die das Schul- und Benotungssystem in Frage stellen.
Sollte an unseren Schulen nicht viel mehr mit Förderung und Motivation gearbeitet werden, als mit Benotung und Leistungsdruck? |
| H. Brosche: | Von meiner Seite aus uneingeschränkt ja! Auch ich denke natürlich nicht, dass es ganz ohne Leistungsmessung geht. Aber das Ausmaß, das in den meisten unserer Schulen üblich ist, steht für mich in keinem Verhältnis zum Erfolg. Ich halte es da wirklich mit dem Satz: Vom vielen Wiegen wird die Sau nicht fetter.
Nur dass die Sau eben nicht demoralisiert wird, wenn sie wieder nicht genug auf die Waage bringt. Bei Menschen, vor allem Jungen, ist das anders. Wer immer wieder den Stempel der schlechten Note aufgedrückt bekommt, wird doch nicht motiviert, sondern gedämpft bis blockiert. (Gute) Noten sind halt nur für die Schulkompatiblen eine Motivation. Als Gegenargument heißt es oft: Die Schüler lernen nur, wenn man sie unter Druck setzt. Ja, das mag stimmen, antworte ich da. Aber doch nur, weil man sie von Anfang an daran gewöhnt hat, nur für Noten zu lernen. Meist geht es ja darum, gute Noten in bestimmten Fächern wichtig zu finden, und nicht so wichtig, was Schüler an subjektivem Lernzuwachs erreichen, was sie auf anderen Gebieten leisten, welche sozialen Kompetenzen sie mit- und einbringen. Ein negativer Nebeneffekt: Wer wegen guter Noten lernt, vergisst sehr viel von dem, was er gelernt hat. |
| Peter Schipek: | Kinder machen Probleme, wenn sie Probleme haben. Das letzte Kapitel Ihres Buches: „Wie Eltern mit Schulschwierigkeiten umgehen können.“
Geben Sie bitte unseren Lesern ein paar hilfreiche Tipps: |
| H. Brosche: | Versuchen Sie, an Ihr Kind zu glauben, auch wenn es im Moment noch so schwer fällt! Suchen Sie – auch wenn ich mich hier wiederhole – seine Stärken und nicht seine Schwächen!
Mir selbst haben ein paar magische Sätze geholfen: Antoine de Saint-Exupérys Erkenntnis "Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsse im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen." Die Lebensweisheit "Wer weiß, wofür es gut ist!" Meine eigene Erkenntnis "Es gibt Menschen, die schulkompatibel sind und solche, die es nicht sind." Und hier noch mal das Wichtigste in Kürze:
Das Allerwichtigste aber: BLEIBEN SIE IHREM KIND NAHE, EGAL WIE HEFTIG DAS SCHULISCHE VERSAGEN AUSFÄLLT! |
| Peter Schipek: | Frau Brosche – herzlichen Dank für das interessante und ausführliche Gespräch. |
Heidemarie Brosche wurde 1955 in Neuburg an der Donau geboren. Sie absolvierte dort 1974 ihr Abitur. Es folgte ein Studium für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Bis 1986 war sie als Hauptschullehrerin tätig und erzog insgesamt drei Söhne. Sie beschäftigte sich in dieser Zeit viel mit dem Thema "Schule" und begann ihre Arbeit als Buch-Autorin für Kinder- und Erwachsene. Seit 2002 ist sie wieder im Schuldienst an einer Augsburger Grund- und Hauptschule.
Wenn Sie das Thema interessiert, finden Sie unterhalb des Artikels das genannte Buch der Autorin.
Viel Freude mit Ihrem Kind!