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Dieser Artikel will das Begriffsknäuel um den Begriff "Tantra" ein wenig entwirren. Ursprünglich entwickelte sich "Tantra" als ein Kult innerhalb des Hinduismus und Buddhismus und übernahm den theoretischen Teil dieser Religionen. Der tantrische Kult unterscheidet sich jedoch von der orthodoxen Religion im Wesentlichen in Betonung des praktischen Experiments. Traditionelles Tantra und modernes Tantra haben in den meisten Fällen nicht mehr sehr viel miteinander zu tun: Ihre Zielsetzung ist völlig unterschiedlich.
Das
Wort "Tantra" ist Sanskrit und bedeutet wörtlich: "Gewebe, Zusammenhang, Kontinuum".
Tantra hat seinen Ursprung in Indien. Es entwickelte sich als ein Kult innerhalb
des Hinduismus, der orthodoxen indischen Religion. Was den theoretischen Teil
des Tantra betrifft, so stimmt er mit den zentralen Vorstellungen der orthodoxen
indischen Weltanschauung überein.
Das sind im Wesentlichen: 1. Die Vorstellung der Seelenwanderung - aber auch die mögliche Befreiung davon. 2. Die Vorstellung eines Absoluten, der obersten Nicht-Dualität, die nicht mitteilbar, also vollkommen transzendent ist, da wir in dieser Welt in der Dualität leben. Diese Nicht-Dualität ist sprachlich nicht ausdrückbar, da Sprache immer dualistisch ist.
Diese Polarität herrscht aber nicht nur in unserer Welt, sondern im gesamten Universum. Die beiden Pole sind Aktivität und Passivität. Das Universum wird durch ihre Wechselwirkung in Gang gehalten. Wenn diese beiden Pole verschmelzen, hört das Universum auf zu arbeiten. Dies ist eine Metapher für den Erleuchtungszustand.
Neben dem hinduistischen gibt es ein buddhistisches Tantra. Dies war die letzte Form des Buddhismus, der in Indien entstanden war und neben Hinduismus und Dschainismus blühte. Der Buddhismus, der sich zunächst nur mit Philosophie und Ethik beschäftigt hatte, zerfiel im ersten Jahrhundert in zwei Gruppen. Das "Hinayana" - das kleine Fahrzeug - hielt weiter an den ursprünglichen asketischen Lehren fest und kannte keinen Glauben an Götter. Das "Mahayana" - das große Fahrzeug - nahm einige Elemente des Hinduismus auf und schloss die Verehrung von Göttern und Göttinnen sowie den Glauben an Bodhisattvas ein. Buddhistisches Tantra entnahm seine symbolische Mythologie diesem Mahayana-Zweig des Buddhismus.
Der Tantriker (Sanskrit: Tantrika) glaubt, dass die Erleuchtung, die Verschmelzung schon in dieser Welt durch praktische Übung (Sadhana) zu erreichen ist. Und genau in der praktischen Übung versus dem Beharren auf theoretischen Wahrheiten, im Mut zum eigenen Experiment versus dem Befolgen traditioneller Überlieferungen und Konventionen liegt das spezifisch Tantrische.
Der Tantriker spottet über traditionelle, exoterische Strenggläubigkeit, er stellt das Experiment über die konventionelle Moral. Die Tantriker sind sich einig, dass ihre Methoden radikal und gefährlich sind - ein verkürzter Weg zur Befreiung. In diesem Sinne ist der Tantriker ein Pragmatiker, dessen Beweis der Erfolg ist.
Daher gibt es eigentlich keine spezifisch tantrische philosophische Literatur. Wie oben schon gesagt, der theoretisch-philosophische Unterbau des Tantra ist in den älteren nicht-tantrischen Lehren des Hinduismus und Buddhismus enthalten. Es gibt aber zahlreiche Sanskrit-Lehrbücher, die "Tantras", die praktische Handlungsanleitungen sind.
Tantra entlehnte auch stark vom Yoga und übernahm dessen Doktrin von der Einheit des Individuums mit dem Kosmos und dem höchsten Sein. Um dieses erhabene Gefühl zu erreichen, praktizieren die Schüler Tantra-Yoga, auch Kundalini-Yoga (Sanskrit: "Schlangen-Yoga"). Allen tantrischen und yogischen Traditionen ist die Vorstellung von den drei Kanälen gemeinsam, die durch die Wirbelsäule führen, wobei der mittlere bei Tieren und gewöhnlichen Menschen verschlossen ist. Durch Meditation wird der mittlere Kanal geöffnet, und eine magische Kraft ("die Zusammengerollte", Kundalini) steigt aus ihrer Basis empor. Und nachdem sie ein Chakra (Sanskrit: "Rad, Kreis") nach dem anderen durchdrungen hat, wird sie schließlich vom obersten Chakra im Gehirn absorbiert. Nach den Schriften erlangt man dadurch alle göttlichen Kräfte, die im Menschen potenziell immer schon vorhanden sind, Weisheit und Seligkeit. Die beiden anderen Kanäle (ida und pingala) werden durch Pranayama geläutert.
Die oben erwähnte Polarität des Universums wird im Tantrismus durch die Polarität Mann-Frau bzw. Shiva-Shakti dargestellt. Die Kundalini (auch: Kundalini-Shakti) wird immer als weiblich visualisiert und ist die mikrokosmische Darstellung der magna mater. Das Hirnzentrum wird mit dem höchsten kosmischen Prinzip gleichgesetzt. Die Verschmelzung der schlafenden Kraft mit dem höchsten Prinzip ist der esoterische Kernpunkt der gesamten erotischen Symbolik.
Sowohl im hinduistischen als auch im buddhistischen Tantra haben sich zwei Schulen herausgebildet.
Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass die Praxis des Tantra (dann natürlich nicht so benannt) sich nicht nur in der indischen Religion entwickelte. Sexuelle Begegnungen mit einem religiösen Ritual zu verbinden, um Erleuchtung zu erreichen, hat eine Geschichte, die fast so alt wie der Mensch ist. Viele sogenannte heidnische Religionen schlossen sexuelle Orgien und die Phallusverehrung als Grundpfeiler ihres Rituals ein.
Ebenfalls gab es auch immer schon sexualmagische Praktiken in den Naturreligionen. Magisch heißt, das Ziel war nicht nur die Verehrung der Götter oder die Transzendenz des Selbst, sondern eine Veränderung der materiellen Welt, z. B. reiche Ernte, gutes Wetter etc.
Tantra hat seinen Schwerpunkt mit Sicherheit in der religiösen Verehrung und in der Transzendenz des Selbst. Dennoch gab und gibt auch sexualmagische Schulen des Tantra, insbesondere solche des Weges der linken Hand.
Tantra ist heutzutage wieder sehr populär. Was die Massen suchen, ist aber natürlich nicht die Verschmelzung mit dem göttlichen Prinzip, die auf beiden Wegen Disziplin und die Transformation der Triebe bedeutet. Wenn man sich anguckt, was moderne tantrische Schriften, Seminare und Schulen versprechen, wird klar, dass das Hauptmotiv darin besteht, die Lebensqualität des einzelnen hier und jetzt zu verbessern. Es geht um die Überwindung der Einsamkeit, der Isolation, der Verklemmungen, die wir alle mehr oder weniger in unserer Sexualität erleben und die uns sowohl physisch als auch psychisch krank machen können.
Ich will hier keine Wertung abgeben, es mag hier sowohl gute als auch weniger gute Schulen geben. Es mag sein, dass der eine oder andere Teilnehmer einiges über Liebe und Sexualität lernt, interessante Menschen trifft oder zumindest schöne Erlebnisse hat. Es mag auch sein, dass er Erlebnisse hat, die er nicht verarbeiten kann. Neulich hörte ich die etwas polemische Bemerkung, die Praxen der Psychologen seien voll mit solchen Leuten.
Was man mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die sexuelle Energie ein sehr machtvolles Werkzeug ist. Dazu kommt, dass Sexualität bei fast allen Menschen mit Tabus und Ängsten besetzt ist. Durch die ekstatische Erfahrung werden auch diese Tabus und Ängste geweckt und möglicherweise verstärkt.
Das Ziel der Heilung wäre in diesem Fall natürlich verfehlt. Um das traditionelle Ziel von Tantra zu erreichen - die Überwindung des Ego, die Verschmelzung des Göttlichen und damit die Erlangung der Unsterblichkeit - ist das, was heutzutage kommerziell unter Tantra angeboten wird, meiner Ansicht nach ungeeignet.
"Our vast collections of knowledge and experience are just
part of ego's display, part of the grandiose quality of ego. We display them
to the world and, in doing so, reassure ourselves that we exist, safe and secure,
as "spiritual" people. But we have simply created a shop, an antique shop."
(Zitat von Chögyam Trungpa)
Ich denke, man kann ihm darin zustimmen, dass die Schulen des Tantra, die populär
sind, es nicht deshalb sind, weil die konsequente Überwindung des Ego,
des lieb gewordenen, vertrauten Selbstbilds und der Gewohnheiten und Sicherheiten
verlangt wird.
Wer das höchste Ziel des Tantra erreichen will, wird mit Sicherheit seine Lust und seine Emotionen mit seinem Willen steuern lernen und seine Präferenzen, Konditionierungen und Prägungen überwinden müssen. Dieser Satz ist schnell hingeschrieben, aber was er auch nur in den Anfängen bedeutet, kann jeder leicht nachvollziehen, wenn er sich dem Drang zum Orgasmus nicht hingibt, wenn er eine Stunde in regungsloser, konzentrierter Meditation verbringt, eine Partnerschaft mit jemandem eingeht, der ihm unsympathisch ist ... Für den religiösen Tantriker sind die Lebensumstände, das kurzfristige Freud und Leid auf dieser Welt bestenfalls sekundär.
Kurzgefasst würde ich den Unterschied zwischen traditionellem Tantra und Neotantrismus so ausdrücken: Im modernen westlichen Tantra ist die Befreiung der Sexualität, die Steigerung des Lustempfindens das Ziel. Im traditionellen Tantra ist Sexualität das Werkzeug, um Verschmelzung mit dem göttlichen Prinzip zu erreichen.
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