Zahlwörter: Die Sprache, die Zahlen und die Logik

24.06.2008
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Dr. Manfred Pohl
www.unipohl.de
  

Zahlwörter im Russischen

Schauen wir nun auf eine slawische Sprache: Russisch. Die Ziffern heißen hier: ноль, один, два, три, четыре, пять, шесть, семь, восемь, девять. Die Zehn heißt десять. Der Zehn folgen die Zahlen 11 bis 19 mit den Zahlwörtern одиннадцать, двенадцать, тринадцать, четырнадцать, пятнадцать, шестнадцать, семнадцать, восемнадцать, девятнадцать.

Die in den germanischen Sprachen vorhandenen Abweichungen bei den Zahlwörtern elf und zwölf gibt es hier nicht. Die Zahlenreihe ist regelmäßig mit Ausnahme der Betonung, die bei elf und vierzehn auf der zweiten Silbe, bei den anderen auf dem vorletzten a liegt. Dafür gibt es Abweichungen in den runden Zehnern (20 bis 90): двадцать, тридцать, man erwartet nun «четыредцать», heißt es aber nicht, es heißt сорок, weiter spricht man die Zehn vollständig: пятьдесят, шестьдесят, семьдесят, восемьдесят, logisch wäre nun «девятьдесят», heißt es aber nicht, es heißt девяносто. So sieht man, auch im Russischen gibt es viele Abweichungen von den logisch zu erwartenden Zahlenbenennungen. Alle sind im Volk verwurzelt, niemand würde es ändern wollen.

Zahlwörter im Italienischen

Zahl achtEin der Logik sehr nahe kommendes Zahlensprechsystem findet man im Italienischen. Die Abweichungen vom Algorithmus des Zahlenaufbaus sind nur geringfügig. Die Zahlwörter zur Bezeichnung der Ziffern heißen hier zero, uno (un, una), due, tre, quattro, cinque, sei, sette, otto (alt attenzione), nove.

Die Zehn heißt dieci. Der Zehn folgen fast regelgerecht die Zahlen undici, dodici, tredici, quattordici, quindici, sedici, diciassette, diciotto, diciannove (11 bis 19).

Auffällig ist neben der geänderten Schreibung dici statt dieci, daß bei der 17 beginnend die Zehn vorangestellt wird. Warum es aber diciannove und nicht „dicinove“ heißt, wird man nur schwer erklären können. Auch die runden Zehner werden außer der Zwanzig beinahe regelmäßig gebildet: venti, trenta, quaranta, cinquanta, sessanta, settanta, ottanta, novanta (novantina ist eine feminine Form von novanta; aber warum gerade für die Neun?).

Größere Zahlen

Die meisten dieser „Unregelmäßigkeiten“ finden sich im Zahlenbereich unter hundert. Bewegt man sich in die höheren Zahlenbereiche, so stellt man fest, daß in allen hier dargestellten Sprachen diese vermeintlichen Unregelmäßigkeiten abnehmen. Vermutlich ist die Ursache dafür in der Sprachgeschichte zu sehen. Die Wörter für die kleineren Zahlen sind in einer sehr frühen Entwicklungsphase entstanden, als die Menschen noch nicht sehr viele Zahlen kannten.

In allen Sprachen werden zur Benennung der runden Hunderter die Zahlwörter für die Ziffern gefolgt vom Zahlwort für hundert verwendet, englisch hundred, französisch cent, russisch сто, ста, (Genitiv Singular), сот (Genitiv Plural), italienisch cento. Mit den Tausendern und allen höheren verhält es sich ganz genauso. Aber an einer Stelle muß man aufpassen. Die Milliarde heißt im Englischen billion, während in den anderen Sprachen mit Billion tausend Milliarden benannt werden.

Die Ursache für die scheinbar unregelmäßigen Hunderterbezeichnungen im Russischen liegen in der Grammatik begründet. Im Russischen verlangen die Zahlen, die auf zwei, drei und vier enden, den Genitiv Singular, alle anderen den Genitiv Plural. Die Eins steht natürlich mit dem Nominativ. Beeindruckend ist: Von dieser Regel gibt es keine Ausnahme. Deshalb heißen die runden Hunderter сто, двести, триста, четыреста, пятьсот, шестьсот, семьсот, восемьсот, девятьсот. Warum gerade двести weiblich benannt wird und nicht männlich etwa «дваста», kann man nicht sagen.

Es ist ohnehin schwer zu erklären, warum es gerade von zwei eine männliche und eine weibliche Form gibt: два, две. Sonst gibt es die Genusformen maskulin, feminin, neutrum nur für die Eins. Neutrum jedoch nicht im Italienischen, da es dort ein Neutrum nicht gibt. Diese Genusformen der Eins dienen auch gleichzeitig als unbestimmte Artikel.

Fazit

Die namentliche Benennung der Zahlen in verschiedenen Sprachen ist in keinem Fall eine exakte Abbildung des algorithmischen Aufbaus des Zahlensystems. Die Zahlen, die mit Hilfe der Ziffernzeichen im uns vertrauten Positionssystem mit der Basis 10 eindeutig und exakt logisch ohne jede Ausnahme dargestellt werden, finden in ihrer verbalen Benennung eine Vielzahl Besonderheiten, die ihre logischen Bildungsgesetze unterlaufen.

Sprachen sind also kein mathematisches Gebilde. Die gesprochenen und später auch geschriebenen Zahlenbenennungen haben in den einzelnen Sprachen eine viele tausend Jahre währende Geschichte. Sie gehören zur Kultur einer Sprache und sind tief traditionell verankert. Und doch können die Völker einer jeden Sprache mit ihren spezifischen Zahlenbenennungen in voller mathematischer Exaktheit umgehen.

Die Zahlennamen werden im Kindesalter erlernt und werden so zu Signalen, die für den Sprechenden und Schreibenden eindeutig sind. Auf keinen Fall sind sie ein Feld für Basteleien oder Reformen, die einzelne Angehörige einer ethnischen Gruppe oder eines Volkes ersinnen in der Absicht, die Sprache zu verbessern. Wie auf anderen sprachlichen Gebieten auch sind sie Begriffe, die die Verständigung innerhalb eines Volkes ermöglichen. Sie sind keine Beschreibungen. Würde man jedem Begriff einer Sprache beschreibende Funktionen abverlangen, müßte eine große Zahl Veränderungen herbeigeführt werden, die am Ende die Verständigung untergräbe.

Es könnte dann zum Beispiel den Begriff Schmetterling gar nicht mehr geben, weil die Eigenschaft „schmettern“ nicht erklärbar ist. Wäre etwa besser Flatterling? So soll zum Beispiel im Deutschen der Begriff Schraubenzieher dem vermeintlich treffenderen Wort Schraubendreher geopfert werden, weil – so die Schöpfer – mit dem Werkzeug an der Schraube nicht gezogen, sondern gedreht werde. Irrtum. Sprachlich sehr engstirnig. Schließlich werden Schrauben mit dem Werkzeug festgezogen. Aber selbst das ist für den Begriff nicht maßgeblich.

Es lassen sich ohne Mühe große Mengen Beispiele finden, in denen Begriffe keinerlei beschreibende Inhalte haben und trotzdem Gegenstände eindeutig bezeichnen. Zum Beispiel die Wörter Lampe, Tisch, Stuhl, Bett, Schrank, Tür, Tor, Wand, Boden, Luft, Wasser und Tausende andere benennen einen Gegenstand allgemeinverständlich, beschreiben ihn aber in keiner Weise. Es ist also weder sinnvoll noch vertretbar, mit scheinlogischen Argumenten an einer Sprache herumreformieren zu wollen, in dem Irrglauben, sie damit zu verbessern.

Neue Wörter entstehen durch die tägliche Sprachpraxis im Volke selbst, was Anerkennung findet, verbreitet sich und wird Allgemeingut, was abgelehnt wird, geht unter. Ich habe zum Beispiel noch nirgends „Tunfisch“ oder „Spagetti“ kaufen können, wie die Rechtschreibreform es vorschreiben möchte, es gibt überall ausnahmslos Thunfisch und Spaghetti. Und das ist begrüßenswert und richtig.

Ob mancher es anerkennt oder nicht – die Sprache gehört dem Volk. Gewaltakte wie etwa die sogenannte deutsche Rechtschreibreform lassen sich nur deshalb durchsetzen, weil die Zahl derer, die die Pflege und die Erhaltung unseres hochwertigen Kulturgutes Sprache als eine Herzenssache ansieht, die persönlichen Einsatz immer aufs neue herausfordert, noch zu klein ist.

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