Sprachpflege: Akzente zur Entwicklung der deutschen Sprache

29.04.2008
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Dr. Manfred Pohl
www.unipohl.de

Überflutung des Deutschen mit anglo-amerikanischem Vokabular

Hier komme ich auf ein anderes Problem. Was ich meine, ist die fast nicht mehr aufzuhaltende Überflutung unserer Muttersprache mit völlig unnützen Anglizismen. Unnütz, weil man sich ja auch deutsch verständigen kann. Um Irrtümern vorzubeugen: Ich habe nichts gegen die englische Sprache, ich spreche sie neben Russisch auch und denke sogar, nicht schlecht.

Aber ich wende mich gegen eine Vermischung der Sprachen und gegen ein Verdrängen deutscher Wörter durch englische. Ich will hierzu einige Denkanstöße geben, weil die Tendenz mitunter so stark ist, daß der einzelne ihr verfällt, ohne es bewußt zu registrieren. Dabei ist manchmal ein kleiner Schubs nicht zu vermeiden.

Ich habe mir beim Umgang mit Gesprächspartnern eine Verfahrensweise angeeignet, die schon öfter Erfolge gezeigt hat. Schleudert mir jemand bei seinen Ausführungen allzu viele englische Vokabeln entgegen, ändere ich die Sprache und spreche englisch mit ihm. Häufig ist dann der Dampf schnell raus und der Gesprächspartner versteht mich nicht.

Bereitwillig kehre ich dann zum Deutschen zurück, erkläre aber ohne Umschweife, daß ich unter diesen Umständen das Englischgetue für reine Angeberei halte. Ist es nicht eine krankhafte Auffassung Ministerpräsident Oettingers, das Deutsche werde als Familien- und Freizeitsprache wohl erhalten bleiben, im Arbeitsprozeß werde zukünftig aber englisch gesprochen? Fangen wir doch gleich an, Mr. Governor Ottindscher.

Gemeinsame Entwicklung

Wie überall im Leben gibt es auch hier keine absoluten Kriterien. Es gibt militante Kreise, die ich nicht billige. Sie treten gegen jedes englische Wort auf und wollen es durch ein deutsches ersetzen. So soll „Internet“ zukünftig „Weltnetz“ heißen, „E-Mail“ wird ausgemerzt, „E-Post“ wird eingeführt und vieles andere. Auch ich sage mal „Rechner“ mal „Computer“. Aber letzteres beseitigen zu wollen, wäre Unfug. Das Wort ist im Deutschen angekommen, auch wenn es nicht in unsere Phonetik paßt.

Rechtschreibreform
Ein Vorschlag zur geschriebenen Kommunikation. Sieht doch auch nett aus.

Solche Bestrebungen gab es schon einmal vor hundert Jahren gegen das Französische. Da sollte „Friseur“ durch „Haareschneider“ ersetzt werden, und ähnliche Marotten waren vorgeschlagen. Aber es hat nichts gebracht, die Sprachgemeinschaft hat es nicht angenommen. Dafür schreiben wir heute auch „Frisör“. Vielleicht schreiben wir irgendwann auch „Kompjuter“.

In allen Sprachen gibt es Fremdwörter aus anderen Sprachen, das ist entwicklungsbedingt nicht vermeidbar. Nur gibt es im Deutschen zur Zeit ein alles umfassendes Überspülen unserer Sprache mit englischem Wortschatz. Das ist ein krankhafter Prozeß.

All und jedes muß englisch benannt werden, sonst fürchtet man fehlende Akzeptanz. Dieser Prozeß wird vor allem durch die Werbung, durch maßgebliche Vertreter von Industrie und Wirtschaft sowie durch Politiker vorangetrieben, die glauben, den Globalisierungsgedanken durch die intensive nationale Verbreitung der englischen Sprache unter Verdrängung des Deutschen vorantreiben zu müssen und jede nationale Identität abschaffen wollen.

In Berlin-Marzahn zum Beispiel wurde ein Einkaufzentrum gebaut, für die deutschen Kunden, von deutschen Projektanten und Bauherren, mitten in der deutschen Hauptstadt, und wie wurde es genannt? „Eastgate“. Falsch obendrein, denn englisch würde es „east gate“ heißen. Allerdings hat man die sprichwörtliche Schnodderigkeit der Berliner Schnauze unterschätzt. Die nennen die Einrichtung nun „Ostladen“. Somit hat man gar nichts gewonnen, denn im ostdeutschen Sprachraum ist „Ostladen“ nicht frei vom Ruch der DDR-Mangelwirtschaft.

Vorschläge zum Erhalt der eigenen Muttersprache

Man muß also bei der Anwendung von Fremdwörtern ein richtiges Maß finden. Und beginnen muß es bei der Spracherziehung in der Schule. Diesen wichtigen Teil der Erziehung aber hat die Rechtschreibreform völlig zum Erliegen gebracht. Die Lehrerschaft weiß selbst nicht mehr, wie richtig geschrieben werden soll und resigniert deshalb.

Seit Beginn der Rechtschreibreform sind fünf Dudenauflagen erschienen, jede anders, keine wurde je widerrufen oder zurückgenommen. Der findige Schüler kann schreiben, wie er will, der Lehrer kann nichts beanstanden, denn irgend einen „Duden“ findet er, in dem das so steht, wie er es geschrieben hat. Die „ “ müßte man öfter setzen, denn der Name Konrad Dudens wird für diese Werke mißbräuchlich verwendet.

Für die Pflege der eigenen Sprache ist wichtig, daß man sich stets darin übt. Gutes Deutsch kommt nicht von allein, es erfordert ein wenig Selbstdisziplin. Es lassen sich einige Grundregeln und -gedanken aufstellen, die beim Schreiben und beim Sprechen beachtenswert sind. Sie können helfen, auf die eigene Sprache zu achten, Nachlässigkeiten zu erkennen und nach Möglichkeit zu vermeiden. Sie seien nachfolgend als Vorschläge genannt.

  • Bewußt sprechen. Nicht gedankenlos der Nachlässigkeit verfallen.

  • Wörter und Begriffe gezielt auswählen. Ihren Sinn abwägen. Nach starken Ausdrucksformen suchen, die Vielfalt des deutschen Wortschatzes einsetzen.

  • Banale, abgegriffene, überstrapazierte, ständig wiederholte Formulierungen vermeiden oder sparsam einsetzen: ...kann doch nicht wahr sein, ...kannst du vergessen, noch und nöcher, in keinster Weise, nichtsdestowenigertrotz, jein, ...Traumurlaub, Traumreisen, Traumjobs, Traumleben auf Traumschiffen , alles erfolgt nur noch im Traum, ...Topservice, Topqualität, Topberatung, Topverpflegung, Topstraßen, Tophäuser, Topleute , exzessiv viel „Top“, ... und vieles andere).

  • Eingefahrene Sprechweisen kritisch betrachten, Fehler vermeiden, z. B. „weil“ sagen, wenn man „denn“ meint: „Ich muß essen, weil ich habe Hunger“ , sind Dinge nötig oder notwendig , haben wir völlig recht oder vollkommen recht, was sind Worte - was sind Wörter , dreimal mehr oder dreimal so viel , das erste ist nämlich viermal so viel, ... und weitere Nachlässigkeiten.

  • Den Genitiv richtig einsetzen, überhäufte Dativanwendungen mit „von “ einschränken: Die Hauptstadt Deutschlands statt die Hauptstadt von Deutschland – das ist ein Anglizismus der im Deutschen zu einem Fehler führt, im Englischen richtig: „the capital of Germany“ – dem „of“ folgt gedanklich ein Genitiv, durch die Übersetzung mit „von“ wird ein Dativ daraus.

  • Abkürzungen einschränken, stets entschlüsseln und erklären, mit dem Leser oder dem Zuhörer kein Rätselraten veranstalten. Viele Abkürzungen sind nur für begrenzte Personenkreise in bestimmten Fachgebieten verständlich. Und „MfG “ am Briefende ist nicht nur schreibfaul, sondern unhöflich.

  • Unnütze Anglizismen vermeiden. Deutsch sprechen, wo immer möglich. Für Events statt Ereignisse , Connections statt Beziehungen oder Locations statt Orte gibt es im Deutschen keinen Bedarf. Unsere Sprache ist selbst sehr wortreich.

  • Unvermeidbare oder auch eingefahrene Anglizismen mit deutschen Begriffen ergänzen, erklären. So kann man allmählich eine Rückkehr zum Deutschen erreichen. Nicht „flat rate“ oder „Flatrate“ , „Flat“ schon gar nicht, sondern Pauschaltarif oder Festpreis , nicht „access point“ sondern Zugangspunkt oder auch Anschlußgerät , nicht „Handy“ sondern Funktelefon„Handy“ ist gar kein englisches Wort, es ist eine deutsche Erfindung, die mit englischer Phonetik gesprochen wird. Das englische Adjektiv handy bedeutet bequem, griffbereit, handlich, passend, auch praktisch , ist also etwas anderes.

  • Überspanntes Feministendeutsch unterdrücken: Die Arbeiten der StudentInnen oder der Studenten/-innen, alle SchülerInnen oder Schüler/innen . Der agenuine Plural bei Massenaufzählungen ist durchaus verwendbar und stellt keine Geringschätzung der Frau dar. Wenn man dennoch Wert darauf legt, dann Studentinnen und Studenten, Schülerinnen und Schüler . Und Vorsicht bei Pluralismen! Falsch ist: Liebe Mitglieder und Mitgliederinnen.

  • Pausenfüllende „äh, äh“ in verschiedenen Intonationen unterlassen. Besser eine tonlose Pause zum Überlegen, als in jeden Satz drei langgezogene Umlaute einzubauen, die keinerlei sprachlichen Inhalt haben.

Natürlich ist das im Schriftlichen einfacher als im Mündlichen, weil man bei ersterem mehr Zeit hat. Schreiben ist langsamer als Sprechen. Aber auch im Mündlichen ist der Versuch nützlich, darauf zu achten. Das gelingt sicher nicht immer, aber immer öfter (frei nach einem bekannten Schlagwort aus der Bierwerbung).

Über den Autor

Mein Ziel beim Verfassen des vorliegenden Beitrages war es, den geneigten Leser für die deutsche Sprache zu sensibilisieren, das heißt , ihn anzustoßen, die Schönheit unserer Sprache zu erkennen und sie nicht zu einem notdürftig verwendeten Verständigungsmittel verkommen zu lassen, die Erkenntnis zu fördern, daß gute Sprache der Ausdruck des klaren Gedankens ist und den Appell zu verbreiten, daß niemand das Recht hat, mit administrativen Mitteln unser Kulturgut Sprache zu zerstören. Wenn beim Lesen solche Denkprozesse angeregt wurden, ist ein gutes Ziel erreicht.

Dr. Manfred Pohl

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Sprachpflege Dietrich Reschke 31.05.2010 14:55
Ein Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht. Das ganze Vorgehen zur Durchpeitschung der Sprachreform hat mich an 40 Jahre DDR - Erfahrung erinnert. Nur war es da Doktrin und hier ist es das Kapital. Ich selbst verweigere mich bis an mein Ende dieser unbrauchbaren "Reform".
Bei den Anglismen ist es wohl leider das ganze Volk. Über viele Generationen untertänig erzogen, hat es Komplexe. Auf der einen Seite viel Kritik an englisch sprechenden Nationen und auf der anderen Seite das Nachäffen in großem Stile. Es gibt kaum noch Lieder mit deutschem Text und in den Medien, eigentlich überall im Alltag, ein wüstes Sprachdurcheinander. Ausdruck von Minderwertigkeitsgefühlen.
Ich danke dem Verfasser für diese gute Einschätzung.
dietrich