Robert Anton Wilson formulierte einmal den Satz: "Was der Denker denkt, wird der Beweisführer beweisen." Dieses "Gesetz des Denkens" wirkt wie eine selbsterfüllende Prophezeiung: Ich interpretiere eine Beobachtung als Angst und werde mir selbst plausibel machen, daß ich ein Angsthase bin. Mit dieser Methode kann ich mir bei jeder Interpretationen vorgaukeln, daß es sich um eine "Tatsache" handelt. Ich muß nur "vergessen", daß Auslegungen von Tatsachen und Tatsachen selbst, zwei völlig verschiedene Dinge sind.
Erst wenn ich zur meinen Beobachtungen zurückkehre, werde ich bemerken, daß sie im Grunde immer wertneutrale Sinneseindrücke sind. Der reine Sinneseindruck ist immer wertungsfrei, während eine Interpretation den Sinneseindruck immer mit einer bestimmten "Deutung" verknüpft. Wenn ich sage, "jemand sieht mir in die Augen", handelt es sich um eine Beobachtung. Sage ich hingegen "jemand sieht mich böse, schelmisch, lustig, traurig etc. an", interpretiere ich die Beobachtung bereits. Wer sich dessen bewußt ist, daß faktische Beobachtungen und deren Interpretationen zwei verschiedene Paar Stiefel sind, wird bemerken, daß eine Interpretation: "Ich bin ein Angsthase" nur ein Konzept ist, das man "über seine Beobachtungen gestülpt hat".
Bedenken Sie: Konzepte lassen sich anders interpretieren, Beobachtungen (oder beobachtbare Fakten) nicht! Der Unterschied zwischen einem mutigen und einem ängstlichen Menschen liegt nicht auf der Ebene der Beobachtung, sondern auf der Ebene der Interpretation, d.h. wie jemand gelernt hat (oder gewohnt ist), seine Beobachtungen zu interpretieren. Beobachtungen anders zu interpretieren, kann man lernen!
Interpretationen sind somit immer Folgerungen oder Auslegungen, aber keine Fakten. Das zeigt schon der Umstand, daß man ein und dieselbe Beobachtung völlig unterschiedlich interpretieren kann. Die persönliche Interpretation ist nur eine von vielen möglichen Schlußfolgerungen aus einer Beobachtung! Wer darauf besteht, daß nur die eigene Interpretation wahr sein kann, wird sich höchstwahrscheinlich gerne mit anderen Menschen streiten. Erst die Erkenntnis, daß Interpretationen per se kontingent (d.h. auch anders möglich) sind, wird dazu führen, sich mit Deutungen anderer Menschen ernsthaft zu beschäftigen bzw. die Meinungen von anderen als relevante Standpunkte zu akzeptieren.
Was heißt Bewertung?
Eine Bewertung ist - ähnlich wie die Interpretation - eine Beurteilung oder Schlußfolgerung aus einer Beobachtung. Bei einer Bewertung kommt hinzu, daß ich eine Beobachtung nicht nur deute, sondern mit einem Werturteil verknüpfe. Die Bewertung ist insofern noch abstrakter als die Deutung, da man die Deutung der Beobachtung zusätzlich durch positive oder negative Werturteile weiter verfremdet.
Um diesen Unterschied klarer hervortreten zu lassen, füge ich ein paar Beispiele ein:
| Deutung | Bewertung |
| Ein Ehepaar streitet sich über XY. | Der Mann/ Frau ist ein schlechter Mensch. |
| Die Farben der Kleider von Frau X passen nicht zusammen. | Frau X sieht häßlich aus. |
| Heino will mit seiner Sonnenbrille cool wirken. | Heino ist ein arroganter Mensch. |
| Frau X kümmert sich liebevoll um ihre Kinder. | Frau X ist ein guter Mensch. |
| Chef X interessiert sich für die Meinung seiner Untergebenen. | Chef X ist ein toller Vorgesetzer. |
| Auf der Abschlußfeier scheinen sich die Gäste wohl zu fühlen. | Die Abschlußfeier ist gut gelungen. |
| Kollege X redet wenig mit anderen. | Kollege X ist ein Langweiler. |
Ich
habe in dieser Tabelle die Schlagworte, welche die Bewertung kennzeichnen, fett
hervorgehoben. So können Sie leichter erkennen, was für typische Schlagworte
eine Deutung in eine Bewertung überführen.
Meiner Erfahrung nach sind negative Bewertungen gerade bei Streitgesprächen sehr problematisch, da dem Gesprächspartner nicht nur die Beobachtung vorenthalten wird, sondern auch die Auslegung, die zur Bewertung führte. Hier muß man also gleich zwei Leerstellen hinterfragen, um herauszubekommen, wie der Gesprächspartner zu seinen Urteil gelangte.
Besonders schwierig werden solche Gespräche, wenn der Urteilende seine Bewertung für eine "Tatsache" hält. Hier kann es sehr schwierig werden, demjenigen näher zu bringen, daß man selbst die Situation anders deutet oder bewertet. Betrachten wir folgende Tabelle:
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Beobachtungen
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Interpretationen
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Bewertungen
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Objektiv
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Subjektiv
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Hier habe ich den Übergang zwischen objektiven Tatsachen und subjektiven Werturteilen schematisch dargestellt. Beobachtungen bilden am ehesten das faktische Geschehen oder die Realität ab, während Wertmaßstäbe subjektiv völlig unterschiedlich ausfallen können.
Die moderne Wissenschaft stützt sich beispielsweise primär auf Beobachtungen eines Phänomens. Man versucht im Experiment zunächst eine reine Beobachterperspektive einzunehmen, die alle Einzelheiten eines Phänomens möglichst genau erfaßt. Erst im zweiten Schritt werden die gemessenen Daten ausgewertet und interpretiert, wobei man versucht bei der Interpretation ein Modell oder eine Theorie zu finden, die sich wiederum durch beobachtbare Experimente bestätigen läßt.
Erst wenn das Modell (also die Interpretation einer Beobachtung) sich wiederholbar bestätigt, wird ein Wissenschaftler seine Interpretation als "bewiesen" ansehen. Vorher wird er jedoch den Prozeß zwischen Beobachtung und Interpretation solange durchlaufen, bis seine Interpretations-Theorie den faktischen Ereignissen möglichst nahe kommt. Wie hier leicht zu erkennen ist, haben Bewertungen bei der Theoriebildung nichts zu suchen. Sie würden den Wissenschaftler nur daran hindern, eine möglichst exakte Interpretation seiner Beobachtungen aufstellen zu können.
Um eine Bewertung verstehen zu können, werde ich die zugrundeliegenden Beobachtungen und Interpretationen meines Gesprächspartners erfragen müssen. Erst dann kann ich feststellen, welche Argumente überhaupt für eine bestimmte Bewertung sprechen. Gerade bei Bewertungen kann es vorkommen, daß sie völlig von beobachtbaren Tatsachen entkoppelt sind. Man nennt dies gewöhnlich Vorurteile.
Typische Aussagen wie - Ausländer sind faul - Frauen sind zum Autofahren zu dumm - Arbeitslose sind alle Schmarotzer - sind bekannte Vorurteile, die oft jeglicher beobachtbaren Tatsache entbehren. Der einzige Weg solche Vorurteile zu verändern, ist zu hinterfragen, welche Beobachtungen bzw. Interpretationen zugrundeliegen. So kann man am leichtesten aufzeigen, daß Vorurteile wie "alle Arbeitslose sind Schmarotzer" sich durch Beobachtung nicht verallgemeinern lassen.
Es ließe sich noch viel zur Praxis oder der Anwendung dieser drei Kommunikatikons-Modi sagen. Ich wollte mit dieser kleinen Ausarbeitung anregen, sich ein wenig mit dem eigenen Kommunikationsverhalten auseinanderzusetzen. Ich hoffe, daß die Anregungen ausreichen, sich künftig in problematischen Gesprächssituationen an diese drei Modi zu erinnern bzw. sie praktisch für Konfliktlösungen anwenden zu lernen.
Viel Erfolg!
Wert 4.6 |
Thema: 4.3 | Information: 4.7 | Verständlichkeit: 4.7 |
| Stimmen: 3 | Legende: 5: super - bis 1: erträglich |
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