Mathilde Ludendorff scheint zu schmunzeln, wenn sie in ihrem erwähnten Werk unter der Überschrift "Gehirn" die schwankenden Stellungnahmen der Herren Gelehrten ihrer Zeit beschreibt (7):
"Die
Zeiten, in denen Bischoff uns lehrte, daß das weibliche Gehirn annähernd
100 Gramm leichter sei als das männliche, und daraufhin alle nur irgend
mit diesem Thema lose zusammenhängenden Bücher diese Tatsache als
neuen Beweis des alten Dogmas vorbrachten, sind noch nicht lange vorüber.
Die Befunde außergewöhnlicher Hirngewichte bei manchen Idioten, das
Vorkommen sehr kleiner Schädel bei manchen Geisteshelden (z.B. Voltaire)
führten zu keiner Erschütterung dieses "Beweises", denn immerhin ließ
sich ein hohes Durchschnittsgewicht bei Begabten nachweisen.
Der Einwand der Gegner, daß die mikroskopische Beschaffenheit des Gehirnes, die Zahl und Verteilung der Hirnzellen wahrscheinlich wichtiger für die Leistung desselben wären, wurde abgelehnt. Aber es sollte der Augenblick kommen, wo man diesen Einwand freudig aufnahm. Vorurteilslosere Gelehrte wiesen darauf hin, daß nur das Verhältnis des Körpergewichtes zum Hirngewicht Bedeutung für die geistige Leistungsfähigkeit haben könne.
Als sich dann die überraschende Tatsache herausstellte, daß die Frau ein höheres relatives Hirngewicht hat, daß sie im Vergleich zum Manne eigentlich 340 Gramm Hirn zuviel besitzt, erinnerte man sich des früher abgelehnten Einwandes und betonte mit Recht die Wichtigkeit der mikroskopischen Beschaffenheit des Gehirnes. Nun wies man mit einem Male daraufhin, daß es noch sehr verfrüht ist, aus dem Gewicht der Hirnmasse so weitgehende Schlüsse zu ziehen, da wir über die Physiologie der geistigen Vorgänge noch gar keine Vorstellung haben.
Ja schon werden Stimmen laut, die beteuern,
daß große Hirnmassen nur mit Schwierigkeit zur verstandlichen Leistung
zu verwerten seien, obwohl man für diese Behauptung keinerlei wissenschaftliche
Beweise anführen kann ..." Wer Spaß an Humoresken hat, dem sei
die Lektüre des gesamten Kapitels empfohlen. Es lohnt sich.
Ein durch Jahrhunderte angewandtes und bis heute erfolgreiches Mittel der Machtergreifung ist die Verteufelung. Jüngst erlebten wir die neueste Variante. Die USA, Freiheit- und Demokratie-Bringerin Nummer eins in der Welt, glänzte durch unfaßliche Darstellungen von Folterungen abhängiger Menschen. Dabei sehen wir Frauen in den Bildmitten.
"Da werden Weiber zu Hyänen" (Schiller)? Nein, sie hatten Befehle befolgt, wie sie es als Soldatinnen gewohnt waren. Schlimm genug, daß sie gehorchten, aber sie waren nicht Subjekte dieser Taten, sondern Mit-Opfer der Menschenentwürdigung, wie sie von ihren sadistischen Vorgesetzten betrieben wurde. Die Fotos "sind die Trophäen der Sieger, Beweise der Zerstörung des Gegners - und der Degradierung der eigenen Kameradinnen. Ihre Veröffentlichung multipliziert, auch mit Hilfe der Medien, die Taten ins Endlose." (8)
Die Generalin Janis Karpinski "war als Chefin der 800. Militärpolizei-Brigade mit ihren 3.400 SoldatInnen auch zuständig für das Militärgefängnis Abu Graib und gilt heute als der zentrale Sündenbock. Doch die Ein-Sterne-Generalin versichert glaubhaft, ihr sei im August 2003 von dem frisch aus Guantanamo kommenden Zwei-Sterne-General Geoffrey Miller die Befehlsgewalt für das Gefängnis Abu Graib aus der Hand genommen worden mit den Worten: "Diese Häftlinge müssen wie Hunde behandelt werden. Ihnen darf niemals erlaubt werden, sich wie menschliche Wesen zu fühlen." General Miller ist weiter auf Posten; Generalin Karpinski, die übrigens die einzige Generalin in der US-Army ist, wurde suspendiert. Zufall?" fragt Schwarzer.
Sie vermutet, hier werde auf hinterlistige Weise den Frauen ihr unerwünschtes Vordringen in den bisher rein männlichen Bereich des Militärs heimgezahlt. "Daß solche Bilder außerdem westliche Frauen dem traditionellen Frauenhaß arabischer und islamistischer Männer noch stärker ausliefern, ist vermutlich eine willkommene Nebenerscheinung. Dabei sind die Soldatinnen nichts als Statistinnen in pornografischen Inszenierungen."
Schwarzer nimmt an, daß in dieser gänzlich entarteten Welt von Söldnern einer von Weltmachtgierigen willkürlich und rücksichtslos eingesetzten Angriffsarmee "eine solche Flut von Folterbildern allein aus diesem einen Gefängnis" darauf hindeute, "daß die Bilder keineswegs nur zum Privatvergnügen unter Soldaten gemacht, sondern auch für den florierenden internationalen Pornomarkt produziert wurden. Wir wissen ja spätestens seit Bosnien und dem Kosovo, daß die Bilder von Vergewaltigungen, Folterungen und Tötungen im Krieg ein Millionengeschäft auf dem Pornomarkt sind."
So schlägt "mann" gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: neben der Befriedigung eigener abartiger Gelüste, neben dem Geschäft mit der sexuellen Gier zahlreicher Käufer und neben der leiblichen und seelischen Vernichtung des zum Feinde erklärten Angegriffenen wird die sich emanzipierende Weiblichkeit erniedrigt. Nichts Neues also unter der Sonne!
Wie ein Wahn ein ganzes Volk ergreifen und für tausend Jahre in seinen Bann schlagen kann, zeigt eindrucksvoll der Bericht des Asien-Korrespondenten Kai Strittmatter über das kleine chinesische Dorf Liuyi, in dem noch heute rund hundert alte Chinesinnen mit gebrochenen, gewickelten Füßen leben. (9)
"Populär wurde das Binden der Füße in der Song-Dynastie (960-1279), zu einer Zeit, da sich ein aufweichender Staat von heranstürmenden Mongolen bedroht sah und konservative Neokonfuzianer verzweifelt an einer neuen Ordnung zimmerten. Das waren Gelehrte, die den Ruin des Mannes in den "Grübchen in der Wange eines Mädchens" lauern sahen" - auch hier wieder die Bestätigung der "albernen Theorie" Mathilde Ludendorffs - "und die Chinas Witwen die Wiederheirat verboten mit der Mahnung, es sei "eine kleine Sache zu verhungern, aber eine große Sünde, seine Keuschheit zu verlieren"", was nach patriarchalem Herrschaftsverständnis nur weibliche Keuschheit betraf.
Frauen
in China waren längst rechtlos, für sie ging es nur noch darum, dem
Manne zu gefallen, um einen "guten" abzukriegen und damit versorgt
zu sein. Als Kaiser Li Yu 975 sein Reich verlor, trauerte er "auf dem Weg
in die Gefangenschaft nicht um seine Ahnen, wie es sich gebührt hätte.
"Statt dessen", klagte ein Nachgeborener, "stand er mit Tränen in den Augen
vor seinem Harem und hörte sich die Abschiedsweisen der Hofschönen
an.""
Einer Tänzerin soll er eine Bühne, wie eine Lotusblüte aus Gold geformt, geschenkt haben. "Ihr zierlicher Fuß verschwand ganz in seiner Hand, eines Tages umschnürte sie ihn mit Seidenbändern, da wurde er noch winziger, und ihr Tanz war von da an schwereloser Flug. Sie machte ihn beben. Das, sagen manche, sei der Anfang gewesen."
"Freiwillig" brachen und schnürten sich nun Hofdamen ihre Füße. "Bald ahmten die Städterinnen den "Palaststil" nach. Am Ende banden sich auch Bäuerinnen ihre Füße. Ein halbes Volk verkrüppelte sich. Um der anderen Hälfte zu gefallen. Um überhaupt einen Mann zu finden. Gab es nie den Gedanken an Rebellion? Die Frage trifft wieder und wieder auf den gleichen erstaunten Blick: Es war doch der Wille des Himmels. Alle haben es gemacht." Massenwahn! "Natürliche Füße wurden bald Zielscheibe von Spott. Es gab den Laternenbauer, auf dessen Laterne sich eine Karikatur fand über die großen Füße der ersten Ming-Kaiserin. Der Mann und sein ganzer Clan, 300 Menschen immerhin, wurden exekutiert."
Und weiter berichtet Kai Strittmatter: "Zu Zeiten der beiden letzten Dynastien, der Ming und der Qing, waren die Lotusfüße längst zum Synonym für Schönheit, ja für die Frau an sich geworden: Symbol der Tugend - aber auch der Verführung. In der Literatur werden elektrisierende Szenen beschrieben: Männer, die beim Anblick der entblößten Füße aufbrüllen wie Verrückte, eine Menge, die in Raserei verfällt. Es ist zitterndes Pendeln zwischen Prüderie und hemmungsloser Sinnesfreude. Aus Ge-walt entsprungene Schönheit, sich von Eiter und gebrochenen Knochen nährende Raserei."
"Was nicht fault, wird nicht klein, murmelt die Großmutter. Und gibt feine Porzellanscherben in die Binde. Dann Schlamm. Schließlich Würmer. Endlich: Fleisch entzündet sich, verrottet, fällt ab. ,Na also', sagt die Mutter. Jetzt wird der Fuß klein. Dann taub und tot. Tut nicht mehr weh ... ,Jetzt findest du einen guten Mann.' Später wird das Mädchen denken, dies sei der schönste Tag ihres Lebens gewesen", womit sie Marie von Ebner-Eschenbach in einem ihrer Aphorismen bestätigt, in dem es heißt: "Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit."
So kam die Befreiung auch nicht von den Verstümmelten selbst, sondern von Männern des 20. Jahrhunderts, von den "Nationalisten". Diese "trieb dabei weniger die Menschenliebe als der pure Eigennutz: Sie brauchten die Männer als Soldaten, als Kanonenfutter gegen Japaner und Kommunisten - also mußten die Frauen die Felder bestellen. So starb das Füßebinden langsam aus." Das Mädchen von einst, heute eine alte Frau, meint aber: "Vor 1949, bevor Mao Zedong das Land befreite", "war die schönste Zeit meines Lebens." Sie wollte gar nicht befreit sein. "Weil Freiheit gräßlich schmerzte."
Doch spotten wir Europäerinnen und Europäer besser nicht. "Der in Peking praktizierende französische Arzt Matignon" hielt uns 1899 den Spiegel vor: "Welche Deformierung ist lächerlicher? Die, die eine gewisse Behinderung beim Laufen hervorbringt, oder jene, welche Frauen oft verwehrt, Kinder zu haben, indem sie die Nieren verschiebt, die Leber zerquetscht und das Herz einengt?" Er sprach von dem damals üblichen Werkzeug zur Selbstfolterung, dem Korsett. Und immer noch malträtieren Frauen ihren Körper, um Männern zu gefallen, mit Stöckelschuhen, durch Bemalung mit kosmetischen Giften.
Ganz groß im Geschäft ist zur Zeit die sogenannte Schönheits-Chirurgie mit ihren grotesken, gesundheitsschädlichen Ergebnissen. Ein noch furchtbareres Beispiel für den Massenwahn weiblicher Verstümmelung zu Gefallen des Mannes und zur Unterwerfung unter seine Macht finden wir in der Beschneidung von Mädchen in der Welt der Moslems.
Wie furchtbar grausam bestätigt sich - leider - die angeblich so "alberne Theorie"!
Quellennachweis:
1. Heide Göttner-Abendroth, Das Matriarchat I - Geschichte seiner Erforschung,
Kohlhammer 1995, S. 145
2. Mathilde Ludendorff, Das Weib und seine Bestimmung, Pähl 1976, S. 124,
Erstauflage 1916
3. Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 5.7.02, zitiert in EMMA, Folge
4/04,
4. Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 1, Absatz 1
5. EMMA, a.a.O., Anatolische Werte in Hessen, S. 10
6. Arthur Schopenhauer, Die Kunst, mit Frauen umzugehen, herausgegeben von Franco
Volpi, Beck 2003, S. 31
7. Mathilde Ludendorff, a.a.O., S. 24-25
8. Alice Schwarzer, EMMA, Folge 4, S. 6-7
9. Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 10.1.03, abgedruckt in EMMA, a.a.O.,
S. 50-53
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