Krankes Europa - bist du noch zu retten?

01.06.2006
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Heidrun Beißwenger

"Das ist doch alles Schnee von gestern", wird vielleicht mancher denken. "Wer wird denn im vereinten Europa heute noch kriegerische Absichten gegenüber europäischen Partnern hegen?" Henry Kissinger berichtet über ein Gespräch mit de Gaulle im März 1969, daß de Gaulle die Frage, wie er eine deutsche Vorherrschaft in Europa verhindern wolle, kurz und klar mit "Par la guerre!" beantwortet habe. (13) Und noch im Mai 1989 stellte der französische Präsident Mitterrand klar: "... der öffentliche Ruf nach der Wiedervereinigung Deutschlands sei einer von "zwei möglichen Gründen für einen Krieg in Europa" (der andere wären Atomwaffen in deutschem Besitz)." (14)

Lech Walesa, der damalige Ministerpräsident Polens, wollte Deutschland wegen seines Wunsches nach Wiedervereinigung am liebsten "von der Landkarte ausradieren. Der Osten und der Westen besitzen die notwendigen fortgeschrittenen Technologien, um diesen Urteilsspruch durchzuführen." (15)

Europäische FlaggeErstaunlich, was "Freunde" um Deutschland herum unter einem "vereinten Europa" verstehen! Krieg gegen Deutschland schließen einige keineswegs aus. Die politischen Willensrichtungen in den Staaten Europas stimmen offensichtlich nicht überein. Die Wiedervereinigung gelang dann zwar, aber das Klima im Umgang mit unseren deutschen Vertretern hatte sich unmittelbar danach dramatisch verschlechtert: "In all den Jahren, in denen ich Bundeskanzler bin, habe ich niemals einen EG-Gipfel in so eisiger Atmosphäre miterlebt wie diesen. Natürlich war ich mir stets bewußt, daß die Deutschen bei den meisten Europäern zwar als tüchtig und zuverlässig geschätzt werden, aber nicht sonderlich beliebt sind. Das hat etwas zu tun mit der Geschichte dieses Jahrhunderts, und es liegt auch sicher daran, daß niemand gern ein Land mit achtzig Millionen Einwohnern ... zum Nachbarn hat. Außerdem müssen wir damit leben, daß uns der wirtschaftliche Erfolg nicht von allen neidlos gegönnt wird.

Obwohl ich dies alles wußte, war ich doch erstaunt über die fast tribunalartige Befragung, mit der ich in Straßburg konfrontiert wurde ... Daß wir zu den engagiertesten Befürwortern der europäischen Integration gehörten und die Gemeinschaft nicht zuletzt von unseren hohen Beitragszahlungen in die EG-Kasse profitierte - das alles spielte in diesem Augenblick keine Rolle." (16)

Die "Akzeptanz eines schnellen Weges zur Einheit ist eingeleitet worden durch die Ankündigung der Wirtschafts- und Währungsunion im Februar 1990 ..." (17) Das könnte das geheimnisumwogene Wort Helmut Kohls in seiner tatsächlichen Bedeutung erklären: Die Einführung des Euro sei eine "Frage von Krieg und Frieden" gewesen. Weil Deutschland damit erneut "eingebunden", sprich: weiter in seiner Freiheit und Macht beschnitten wurde, konnte der französische Kriegsgrund Wiedervereinigung ad acta gelegt werden. "Kontrolle durch Integration" (18) hieß das Leitmotiv der europäischen "Freunde" Deutschland gegenüber.

"Nach den Verträgen über die Montanunion, die Europäische Wirtschafts-Gemeinschaft, die Europäische Atom-Gemeinschaft und der Unterstellung der Bundeswehr unter die NATO war die Währungshoheit nahezu der einzige Bereich, in dem die Bundesrepublik noch selbständig Entscheidungen treffen konnte." (19)

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß nach wie vor Neid und Habgier Antriebsfedern bei den Nachbarn Deutschlands sind für ihr außenpolitisches Handeln. Bei aller Europabegeisterung der Deutschen hat sich bei seinen Nachbarn in ihrem Nationalismus nicht viel geändert. Strebt Deutschland den Frieden und die Brüderlichkeit in Europa an und ist bereit, seine gesamte Handlungsfreiheit dafür aufzugeben, so scheinen die andern dabei nur ihren eigenen Vorteil im Sinn zu haben, koste es, was es wolle.

Der gesunde Selbsterhaltungswille einer Nation ist in Nationalismus ausgeartet. "Wright or wrong - my country!" Rücksicht auf Menschenleben, Gerechtigkeit, Freiheit, das sind Werte, nach denen der Nationalist nicht fragt. Nationalismus heißt somit das eine Symptom der europäischen Krankheit.

Das andere Symptom finden wir in Deutschland und nur dort: Volksvergessenheit, ja, Nationalmasochismus. Alle Schuld der Welt auf Deutschland abzuladen, gilt hier als "politisch korrekt" und unantastbar richtig. Aufdeckung der Schuld der Andern wird mit Ächtung verfolgt. Jede Lüge zu Ungunsten Deutschlands wird hingenommen. Die deutsche Sprache wird verschandelt. Die Erhaltung deutscher Wesensart und Kultur zu wollen, wird als rechtsextrem gebrandmarkt.

Clown"Angeblich auch aus Reue und Bußfertigkeit für die Vernichtung der Juden unter Hitler hat man in Deutschland ein Asylrecht kreiert, das an Einfältigkeit seinesgleichen sucht ..." (20) Deutschland ist zur Lachnummer verkommen. Sein "Gutmenschentum" ist aufdringlich und anekelnd. Diese Krankhaftigkeit bringt Deutschland an den Rand des Abgrundes. "... das gab es weltweit noch nie. Man möchte es nicht glauben, wäre es nicht deutsche Wirklichkeit.

Daß die heutigen Deutschen sich einreden, sie schuldeten diesen Milliardentribut an die "Asylanten", die obendrein oft genug ihre Sozialhilfe betrügerisch mehrfach kassieren und durch kriminelles Verhalten ganze Stadtviertel und Ortschaften verunsichern, dem Andenken der gemordeten Juden, grenzt an Aberwitz", ist die Jüdin Salcia Landmann überzeugt.

Sich seiner selbst bewußt zu sein und für sein Dasein und seine Freiheit zu sorgen, ist für eine Nation genauso wie für den Einzelmenschen gesunderhaltend, sinnvoll und berechtigt. Was darüber hinausgeht, also Nationalismus auf der einen und Selbstaufgabe auf der anderen Seite, ist krankhaft und wirkt zerstörerisch. Wer das rechte Maß der Selbsterhaltung und einer Selbstverwirklichung im besten Sinne nicht wahrt, kann kein ehrlicher Vertreter der Idee europäischer Vereinigung sein. An diesem Maßstab gemessen muß fast allen europäischen Staaten - zumindest den bedeutendsten - bescheinigt werden, ein vereintes Europa überhaupt nicht ernsthaft anzustreben.

Die einen sehen nur auf ihren nationalen Vorteil, wollen auf Kosten anderer so viel wie möglich für sich erraffen und scheuen auch vor Krieg nicht zurück, die anderen aber geben sich selbst auf. Auf diese Weise wird Europa Spielball der Supermächte bleiben.

"Die eine - geliebt - die andere - verhaßt ...", so heißt es in dem Gedicht über die "Zwei Dimensionen" von Eva Maria Jakubek. Sie hatte zwangsweise ein Stück ihres Selbstes, ihre deutsche Sprache, verbergen und die polnische annehmen müssen. Zwang erzeugt Haß. Aber Jakubek läßt uns wissen, indem sie fortfährt:

"...solange ich sie nicht kannte.
Dann stieß sie mir auf die Tür
zu der anderen Welt,
die ich staunend betrat ...
wie anders die Sitten,
die Kunst, die Kultur,
die Geschichte -
Wer bin ich,
sie zu verachten?

Ihre Helden und Mythen,
die Traditionen -
nun schon vertraut
im Fliehen der Jahre.
Ich lebe in zwei Dimensionen -
nicht nur der Sprache:
hin und her schwebe ich
auf unsichtbarem Steg -
zuhause jetzt
hier und dort."

Freiwilliges Zueinanderfinden: einander kennenlernen und achten, wahrhaft brüderlich und schwesterlich auf dem Grunde geschichtlicher Wahrheit und Bildung zusammenstehen, ohne sich selbst aufzugeben und in der Zerrissenheit von fremdvölkischen Parallelgesellschaften im eigenen Land unterzugehen.

Das wäre das zu erstrebende Europa, wie es viele kultivierte Menschen in allen europäischen Staaten ersehnen, ein vereintes Europa der Freiheit in völkischer Mannigfaltigkeit, in dem Krieg der Mitgliedsstaaten gegeneinander ausgeschlossen und undenkbar wäre, das sich aber den weltherrschaftssüchtigen außereuropäischen Mächten gegenüber zu behaupten wüßte. Ein unerfüllbarer Traum?

Quellennachweis:

1. HugoWellems/Reinhard Oltmann, "Deutschland ausradieren", Kiel 2003, S. 18
2. a.a.O., S. 22
3. a.a.O., S. 23
4. a.a.O.
5. Bolko Freiherr v. Richthofen/Reinhold Robert Oheim, Polens Marsch zum Meer, Kiel 1984, S. 213
6. Preußische Allgemeine Zeitung v. 11.10.2003
7. Wellems/Oltmann, a.a.O., S. 272
8. a.a.O., S. 7
9. a.a.O., S. 9
10. Dirk Bavendamm, Roosevelts Weg zum Krieg, zitiert a.a.O., S. 10
11. Peter H. Nicoll, Englands Krieg gegen Deutschland, zitiert a.a.O., S. 13
12. alle Zitate dieses Absatzes a.a.O., S. 16
13. a.a.O., S. 257
14. a.a.O., S. 270
15. a.a.O., S. 284
16. Helmut Kohl, Ich wollte Deutschlands Einheit, zitiert a.a.O., S. 277
17. Werner Weidenfeld und Karl-Rudolf Korte, zitiert a.a.O., S. 284
18. a.a.O., S. 255
19. Joachim Nolywaika, Deutschland als Opfer der Geschichte, zitiert a.a.O., S. 257
20. a.a.O., S. 241

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