Deutsche Sprachpflege in Vergangenheit und Gegenwart

23.05.2006
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Martin Dembowsky
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Sprachpflege im 18. und 19. Jahrhundert

Am Ende dieser Phase, die davon geprägt war, welches das richtige Hochdeutsch sei, steht eine geregelte und vereinheitlichte neuhochdeutsche Schriftsprache. Die Zielvorgaben des 17. Jahrhunderts blieben ohne große Wirkung, denn der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibnitz beklagt sich in seiner "Ermahnung an die Teutsche, ihren Verstand und Sprache beßer zu üben" (1682/83) und ruft zur Gründung einer Stiftung, der "Deutschgesinnten Gesellschaft" auf, mit dem Ziel, die deutsche Sprache zu vervollkommnen, auszuschmücken und zu erforschen.

Diesen Vorschlag nimmt Friedrich I. von Preußen auf und gründet 1700 die "Sozietät der Wissenschaften", die Berliner Akademie, die 1721 Vorschläge zur Vereinheitlichung der Orthographie formulierte. Schon unter Friedrich dem II. war der französische Einfluß wieder da.

Erfolgreicher waren die an Universitäten entstehenden Deutschen Gesellschaften, die deutsche Sprache, Dichtung und Redekunst pflegen wollten. In Deutscher Gesellschaft wurde auch die von Johann Christoph Gottscheds 1697 in Leipzig gegründete "Deutschliebende Poetische Gesellschaft" umbenannt. Gottsched gab zwischen 1732 und 1744 die Zeitschrift "Beyträge zur critischen Historie der Deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit" heraus und es gelang ihm eine Standardisierung der Schriftsprache auf der Grundlage des meißnischen Sprachgebrauchs.

Zunehmend wurde im 18. Jahrhundert Zeitschriften als Medium der Sprachpflege genutzt. Mit seiner "Grundlegung einer deutschen Sprachkunst" (1748 Leipzig), die sich dreiteilig mit Rechtschreibung, Flexion (Wortforschung) und Wortbildung nach Syntax (Wortfügung) befaßte, wurde Gottsched zum "Gesetzgeber der Sprache einer ganzen Nation". In seiner Person war erstmals Sprachnormierung und Sprachberatung vereinigt, er war der Konrad Duden seiner Zeit.

altes BuchAuf dem Gebiet der Orthographie, die tendenziell mehr die Fertigung und Einigung der Orthographie als ihre Verbesserung anstrebte, wurde die als Lehrerhandbuch entstehenden "Anweisung zur Teutschen Orthographie" (1722) von Hieronymus Freyer führend.

Ebenso entstanden auf den Gebieten der Redelehren, Rhetoriken und Poetiken Standardwerke. Im 18. Jahrhundert handelten die Rhetoriken von Prosa, die Poetiken von Poesie. Redelehrbücher wie Poetiken sind der antiken Rhetorik verpflichtet. Poesie wurde gegenüber der Prosa als elegantere, feinere und erhabenere Ausdrucksform verstanden und Dichtkunst galt als lehr- und lernbares Handwerk.

Auch Stillehren, Briefsteller und dergleichen entstehen zu Hauf. Doch der Kampf gilt nach wie vor den Fremdwörtern und falschem Gebrauch. Während Stillehre zum guten Stil erziehen wolle, ziehen nun aufkommende "Antibarbari" zur Abschreckung durch Aufzeigen von Sprachwidrigkeiten. Joachim Heinrich Campe widersetzte sich unter dem Motto Sprachbereicherung der Verdeutschung von Fremdwörtern.

Mit dem Gedanken, daß Bildung und Kultur durch Sprache vermittelt werde, ohne Reinheit der Sprache keine allgemeine Belehrung, keine Volksaufklärung und Volksausbildung möglich sei, verdeutschte er an die 3500 Fremdworte, machte aus dem Rendezvous ein Stelldichein, aus dem re´verbère einen Scheinwerfer, aus der Bill einen Gesetzesentwurf. Halten wir also für das 18. Jahrhundert die Herausbildung und Festigung einer grammatischen und lexikalischen Norm der deutschen Schriftsprache fest.

Im 19. Jahrhundert, exakter im Zeitraum von 1830-1918, ist es die deutsche Hochsprache, die eine orthoepische und orthographische Norm bekam. Wesentlich daran ist, daß behördliche bzw. staatliche Sprachlenkung daran mitwirkte. Zwischen 1845 und 1875 wurde die Schulorthographie nicht nur für die einzelnen deutschen Staaten, sondern auch verschiedene Schultypen festgelegt, da nach der Reichsgründung in Hinblick auf die Vergleichbarkeit der Schulabschlüsse auch eine Vereinheitlichung des Rechtschreibunterrichts notwendig wurde. (Reichskonferenz 1872)

Nachdem die Berliner orthographische Konferenz von 1876 gescheitert war, führten Bayern 1879 und Preußen 1880 eine neue Schulorthographie ein. Nach deren Regeln verfaßte Konrad Duden das erste "Vollständige Orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache", welches 1880 in Leipzig erscheinend zu großer Verbreitung und Ansehen kam.

Ab 1890 folgten die Mehrzahl der Druckerzeugnisse und deutschen Bundesstaaten der preußischen Regelung und auf der vom Reichsinnenminister 1901 einberufenen Berliner orthographischen Konferenz wurde sie Grundlage der in der Schule zu lehrenden Rechtschreibung. Als orthographische Norm galt die von dem Germanisten Theodor Siebs 1898 veröffentlichte "Deutsche Bühnenaussprache", die für die richtige Aussprache des Deutschen auf der Bühne, in der Schule und der Sprecherziehung diente.

So gehörte eine reine, dialektfreie Aussprache zum Berufsbild des Schauspielers. Auch in den Fremdwörterkampf greifen ab 1871 die Behörden ein. So hatte der Generalpostmeister des Reiches entbehrliche Fremdwörter aus der Amtssprache der Post zu entfernen und durch deutsche zu ersetzen. Ähnlich handelt man bei Militär, Justiz, Bauwesen und Eisenbahn. In den 80er Jahren ist Sprachreinigung eine populäre Bewegung.

Angeregt wurde diese Bewegung durch die Schrift "Ein Hauptstück von unser Muttersprache. Mahnruf an alle national gesinnten Deutschen" (1883) des Kunsthistoriker Hermann Riegel. Unterstützt wurde die Bewegung auch vom Allgemeinen Deutschen Sprachverein, der 1885 gegründet wurde und 1887 schon 6500 Mitglieder und 91 Zweigvereine hatte.

Ihre Ziele waren:

  • die Reinigung der deutschen Sprache,
  • die Erhaltung und Wiederherstellung des echten Geistes und eigentümlichen Wesens der deutschen Sprache zu pflegen,
  • das allgemeine nationale Bewußtsein im deutschen Volk zu kräftigen.

Teils von Kultusministerien unterstützt, rief es aber auch Gegner auf den Plan. 41 Gelehrte und Schriftsteller, darunter unter anderem Theodor Fontane, gaben eine Erklärung gegen den Sprachverein ab. Dahinter steckte das Unbehagen, Sprache durch den Staat geregelt zu sehen, sowie ein anderes Sprachpflegeverständnis. Nicht Abwehr von Fremdwörtern, sondern ein Heranführen der Jugend an Nationalliteratur durch sauberen Gebrauch der Sprache und wissenschaftlich und pädagogisch ausgebildete Lehrer.

Sprachpflege von 1919 bis 1945

Auch die Zeit der 20er Jahre bis Ende des 2. Weltkrieges war von vielen Theorien und Bemühungen gekennzeichnet. Franz Thierfelder weist 1929 der Sprachpflege 3 Aufgabenbereiche zu. Neben der Aufklärung im Inland und Werbung im Ausland stand die tätige Hilfe im Grenzgebiet. Neu hinzu kommt also die Werbung um die deutsche Sprache. In den 40ern werden diese Aktivitäten unter Sprachpolitik zusammengefaßt, worunter Thierfelder die Bemühungen um Entwicklung und Erhaltung, Einsatz und Wirkung der Sprache sowie die Befriedigung politisch-praktischer Bedürfnisse durch wissenschaftliche Erkenntnisse verstand. Das heißt unter anderem Rechtschreibung, Sprachreinigung, Schriftgestaltung, Sprechererziehung, Unterrichtsmethodik, Sprachwerbung.

Reichstag1925 kam es zur Gründung der ersten amtlichen Sprachpflegeinstitution des Deutschen Sprachpflegeamtes, das als Dachverband sämtlicher Sprachorganisationen fungierte. Abteilungen waren u. a. Wesen der Sprache, Sprache des Auslandsdeutschtum, Sprachbeobachtungen, behördliche Sprachpflege. Daß Sprache auch in Dienst einer Ideologie treten kann, sollte jedem bewußt sein.

Aber daß der Fremdwortgebrauch an der Niederlage im 1. Weltkrieg verantwortlich ist, ist ebenso Unsinn, wie die Behauptung, daß der Gebrauch von Wörtern jüdischen Ursprungs für Volksgenossen unwürdig sei. Viele Gelehrte, Theoretiker etc. beschweren sich über die radikale Tilgung von Fremdwörtern, die übermäßige Eindeutschung, nennen jene, die das tun, Puristen.

Ein Fremdwort-Verdeutschungsverbot gefiel ihnen auch nicht. Es wird behauptet, die Nazis bräuchten die Fremdworte, deren Zweck es war, das Denken und Verhalten der Menschen im Sinne der Nationalsozialisten wirksam zu beeinflussen, z. B. durch das Propagandaministerium. Der Reichsminister schreibt an den Sprachverein 1940: "[...] Der Führer wünscht nicht derartige gewaltsame Eindeutungen und billigt nicht die künstliche Ersetzung längst ins Deutsche eingebürgerter Fremdwörter durch nicht aus dem Geist der deutschen Sprache geborenen und den Sinn der Fremdworte meist nur unvollkommen wiedergebende Wörter".

Allgemein ist nach 1933 eine Verlagerung vom geschriebenen zum gesprochenen Wort vollzogen worden (Volksempfänger). Aber die Behauptung, daß die Machthaber weder an Sprachförderung noch an "vereinsmäßigem Purismus" Interesse hatten, da beide "die auf der Verdummung der Menschen basierende Manipulation stören können", möchte ich als unwissenschaftlich hinstellen.

Sprachpflege nach 1945

Trotz der Teilung Deutschlands nach dem Krieg waren in den ersten Jahrzehnten die sprachpflegerischen Aktivitäten in beiden Staaten aus Sorge um die Einheit und Reinheit der gemeinsamen deutschen Sprache gleich. Erst als Anfang der 70er Jahre die DDR unter dem Begriff Sprachkultur mit der Ausarbeitung einer sozialistischen Sprachkultur begann, änderte sich dies. Zahlreiche Institute, Akademien, Gesellschaften und Publikationsorgane wurden mit unterschiedlichen Zielsetzungen gegründet. Tradition hatte schon die Sprachpflege in Form von Sprachberatung in der Duden-Redaktion.

Das bibliographische Institut der DDR befand sich in Leipzig und im Westen seit 1958 in Wiesbaden. Durch die Kultusminister der Länder wurde 1955 die Verbindlichkeit des Duden in Zweifelsfällen festgelegt. Wichtig sind noch die Gesellschaft für Deutsche Sprache (1947) und das Institut für Deutsche Sprache (1964). Selbst der Bundestag hat einen Redaktionsstab mit dem Ziel, eine größtmögliche Durchsichtigkeit der Gesetzestexte zu schaffen, ohne daß der fachspezifische Sachverhalt verloren geht.

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