Globalisierung - nichts Neues?! Über Sinn und Unsinn einer uralten Entwicklung

29.03.2006
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Heidrun Beißwenger

Jüngere Globalisierer

Im Mittelalter betrieben die königlichen Kaufherren der nordeuropäischen Hanse mit ihren Schiffen Welthandel, gründeten Niederlassungen im Nord- und Ostseeraum von London über Bergen in Norwegen bis Nowgorod, tauschten Schätze der Welt und errichteten zu Hause, vor allem in Norddeutschland, ihre stolzen, weithin sichtbaren Statussymbole in ihren Hansestädten, die großartigen Kirchen, Rathäuser, Kontore und Wohnhäuser im Stil der Backsteingotik. Eine "Herr"lichkeit im wahrsten Sinne des Wortes!

hotelDoch wenn der Welthandel teils auch friedlich erscheinen mochte, wirklich friedlich ging er wohl zu keiner Zeit vonstatten. Immer gab es Neider und unberechtigte Nutznießer, gab es Habsucht und Übervorteilung bis zu offenem Krieg. Einer der traurigen Höhepunkte war die rücksichtslose Kolonisierung, das heißt die Ausbeutung und Zerstörung der Völker, die in diesem Spiel die Unterlegenen waren. Sie haben sich bis heute nicht davon erholt, falls sie überhaupt am Leben geblieben sind.

Doch auch die herrschenden Europiden mißgönnten sich gegenseitig die "Absatzmärkte". Die deutschen Absatzmärkte zu gewinnen, war sogar offen erklärter Kriegsgrund Winston Churchills. Außerdem meinte er: "Das unverzeihliche Verbrechen Deutschlands vor dem Zweiten Weltkrieg war der Versuch, seine Wirtschaft aus dem Welthandelssystem herauszulösen und ein eigenes Austauschsystem zu schaffen, bei dem die Weltfinanz nicht mehr mitverdienen konnte." (Winston Churchill, Der Zweite Weltkrieg, Scherz, München 1960)

Die mit reiner Vernunft am höchsten begabten Menschen der Erde, die Träger höchster IQ-Werte und - wie es scheint - geringster Skrupel gepaart mit größter Selbstgerechtigkeit sitzen heute an den Schalthebeln der Weltmacht, führen ungestraft Angriffskriege um die Schätze der Erde, verfügen über die Weltbank mit indirekter Weltwährung, über Medienkonzerne zur weltweiten Beeinflussung der Massen und über ein unerhörtes Arsenal von Massenvernichtungsmitteln, mit denen sie alle bedrohen, die nicht "für sie" sind bzw. deren Bodenschätze sie auszubeuten gedenken.

Heute sind die Verkehrs-, Transport- und Kommunikationsmittel vielfältiger, leistungsfähiger, schneller als jemals zuvor. Wer einen Rechner besitzt, kann sich ins Weltnetz einschalten und sich am Welthandel beteiligen. Somit sind viele Menschen der reichen Länder begeistert über den technischen Fortschritt, den auch sie zu ihrer Freude und Bequemlichkeit nutzen können, und daß sich ihr Denken über die engen Grenzen der eigenen Umwelt hinaus erweitern und die "Welt umspannen" kann. Junge Leute, die in ein Europa hineingewachsen sind, das Ströme von Fremden aufgenommen hat, finden ihr Land gerade darum liebenswert, weil es "internationaler", "bunter" geworden sei.

Mögen andere dagegen die Folgen der Globalisierung beklagen, Tatsache ist, daß die Menschen mehr oder weniger stark am Welthandel beteiligt sind und sein wollen. Wohlhabende fliegen um die Welt, um sie anzuschauen, bauen für ihren Lebensabend in Ländern mit langer Sonnenscheindauer ihre Alterssitze. Wissenschaftliche Eliten wandern zu den angesehensten Forschungsstätten, wo immer die sich auf der Erde befinden. Die Armen versuchen, in die reichen Länder einzudringen, um ihren bisher kärglichen Lebensstandard anzuheben. "Ubi bene ibi pa-tria."

Vaterland und Heimat - überholt?

Patria, "Vaterland"! Kann für die Umherschweifenden aber wirklich überall dort "Vaterland" sein, wo es ihnen angeblich "gutgeht", ubi bene? Trägt ein Land für einen Menschen zu Recht den Namen "Vaterland", in dem die eigenen Vorväter gar nicht gelebt haben? Welches Verhältnis hab ich zu einem Land, das fern auch von der Mutter und den Vormüttern liegt?

Bei aller Fülle materieller Güter darben die Menschen seelisch, wenn sie nicht zu sich selbst kommen, zu ihrer Herkunft, ihren Wurzeln. Dann sind sie "verurteilt ... zu einem Dasein als Zombie, als wandelnde, nach außen manchmal sogar trügerisch funktionierende Tote", schildert die Psychotherapeutin Estés (Clarissa Pinkola Estés, Die Wolfsfrau, Heyne 2004, S. 46 ff.) ihre Erfahrungen mit Menschen, ohne sich darin ihrer Übereinstimmung mit ihrer Fachkollegin Mathilde Ludendorff bewußt zu sein, die gut 80 Jahre früher von "der wimmelnden, lärmenden Stadt der plappernden Toten" spricht. (Mathilde Ludendorff, Triumph des Unsterblichkeitwillens, Erstausgabe 1921)

Schon Solon bedauert um 600 v. u. Zr.: "... die Bürger, die all' nur auf Eigennutz sinnen, wollen der glänzenden Stadt Macht vernichten im Wahn; ruchlos ist die Gesinnung der Führer des Volkes ... sie wissen ja niemals die Lüste zu zügeln ... Reichtümer schachern sie all', achten Gesetz nicht noch Recht." (Solon, Die große Staatselegie, in: Solon: Dichtungen, Sämtliche Fragmente, München 1940, S. 17)

Solon, ein bedeutender Staatsmann und Dichter des 7. bis 6. Jahrhunderts v. u. Zr., gab Athen eine Verfassung und ein umfassendes Gesetzeswerk, womit Staat und Volk Athens vor der Selbstzerfleischung bewahrt wurden und Solon seinem Ruf als "diallaktes", als eines "Wieder-ins-Lot-Bringers", voll entsprach. Ohne Gesetze und ohne Ordnungsmacht fällt eine Gesellschaft in Anarchie, in der die Menschen aufgegeben haben, Rücksicht aufeinander zu nehmen, und in der sie höhere Werte fallen gelassen haben zugunsten hemmungsloser eigener Bereicherung.

"Vater" Staat ist es, der in solchen haltlos gewordenen Völkern Ordnung schaffen, erzwingen und vor Angriffen von innen und außen schützen kann. Wenn er dabei die Grenzen nicht überschreitet, die Geist und Seele in ihrem Freiheitsanspruch fordern, trägt er entscheidend dazu bei, daß sein Land den darin lebenden Menschen das Empfinden von Sicherheit ermöglicht. Hier können auch Fremde sich sicher fühlen, wenn sie selbst sich an die Gesetze des Gastlandes halten.

Sicherheit ist ein Teil dessen, was Heimat ausmacht, aber bei weitem nicht alles. Heimat bedeutet mütterliche Wärme, sie ist dort, wo befreundete Menschenseelen leben, wo das Gemüt mitschwingt, wo entscheidende Lebensphasen wie Kindheit, Liebe, Abschied durchlebt wurden, wo berufliche Erfüllung möglich ist, wo der Mensch noch Zuflucht zu Stille, heilen Formen, ursprünglichem Leben in der Natur nehmen kann, wo Geschichte des eigenen Volkes nacherlebbar ist, wo die Muttersprache gesprochen und in ihr gedacht, gedichtet und gesungen wird, wo der Mensch in seinem ganzen Sein verwurzelt und verwoben ist, wo er sich verstanden fühlt und sich entfalten kann. Für das Können, das diese Werte hervorbringt und zu schützen weiß, gibt es keinen Intelligenz-Quotienten IQ.

Das rechte Maß

brückeDie Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen, der Wissenschaft, des Geisteslebens ist nicht aufzuhalten, ja kann Bereicherung, Beglückung und Frieden bringen. Werke musikalischer Hochkultur überschreiten ohnehin alle Grenzen und sind allen aufgeschlossenen Menschen der Erde innerlich zugänglich. Wichtig aber ist zu erkennen, daß der Mensch ohne Heimat nicht gedeihen kann und daß zivilisatorische Hochentwicklung noch nicht wirklich etwas mit Kultur zu tun hat.

Der "funktionierende" und auf Lustgewinn erpichte Mensch in den "wimmelnden, lärmenden Städten der plappernden Toten" hat sich weit von seinem Ursprung entfernt. Männliche Freude an Leistung, Machtgewinn und Vernunftanwendung war einst vor 3000 Jahren bei Leben bedrohenden Umweltbedingungen gefordert, das Schicksal des Volkes führend in die Hand zu nehmen, und war sicherlich im eigenen Volk willkommen und anerkannt.

Doch dabei gerieten die mütterlichen Werte ins Hintertreffen: Gemütserleben, Ausgleich, Verstehen, Fürsorge und Achtung vor der Würde des Anderen. Das Erleben der Erde als der Mutter all ihrer Geschöpfe wurde verschüttet mit der bekannten Folge schlimmster Mißhandlung und Ausbeutung der Natur mitsamt den Mitgeschöpfen des Menschen, den Pflanzen und Tieren. Der Mann überhob sich zum Herrscher der Welt und beweihräucherte sich selbst ob seiner Mächtigkeit. Endloser Kampf, nicht allein zur Abwehr von Angriffen auf das eigene Volk, nein, vor allem für "Ruhm und Ehre" der Herrschenden, für Obsiegen und Vormacht über Konkurrenten war nun an der Jahrtausende währenden Tagesordnung. Mütterlichem Wollen war der Einfluß abgeschnitten.

Die Australierin Johanna Lambert berichtet, übereinstimmend mit Spanuth und anderen Forscherinnen und Forschern und dabei die Spitze des männlich bestimmten Extrems aufzeigend: "Das Alte Testament beginnt mit der Geschichte vom Verlust einer natürlichen Umwelt, einer Heimat, die diese Stämme wie ein Garten ernährt hatte ... Sie verloren das tiefe Gefühl, an einen bestimmten Ort der Erde zu gehören. Ebenso fühlt sich ein Kind, das von der Mutter verlassen wurde.

Ist es nicht von symbolischer Bedeutung, daß Moses, der Prophet des autoritären, strafenden und mitleidslosen Gottes Jahwe, ein verlassenes Kind war? Dieses Gottesbild veranlaßte die Menschen, sich von der Heiligkeit der Wildnis und der totemistischen Vision wilder Tiere und Geschöpfe abzuwenden und eine Gesellschaft zu gründen, die ... von Männern beherrscht wurde, über eine spirituelle und gesellschaftliche Hierarchie verfügte und es duldete, daß ein ,auserwähltes Volk' seine Macht erweiterte, indem es andere Völker unterwarf." (Johanna Lambert, Weise Frauen aus der Traumzeit, Das geheime Wissen der Abori-gines, München 2000, S. 180-181)

Solche Denkweise ist es, an der die globalisierte Welt seit Jahrtausenden krankt. Nicht die Globalisierung an sich, sondern ihre rücksichtslose Nutzanwendung ist das Übel. Mögen die mit reiner Vernunft Hochbegabten noch so stolz auf ihr Können und ihre in die Welt ausgreifenden Leistungen sein, sie sollten nicht so blind sein zu glauben, schon deshalb auch kulturell über den Menschen und Völkern zu stehen, die den Sinn ihres Menschenlebens in schlichter Natürlichkeit und arteigenem Gotterleben verwirklichen. Allein dieser Maßstab seelischer Wertigkeit gilt.

Globalisierung ist nichts Neues, neu aber wäre sie weltweit und ausschließlich am Wertmaßstab göttlichen Lebenssinnes auszurichten.

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Ergänzungen Erich Meinecke 30.03.2006 13:56
Das Zusammentreffen gegensätzlicher Völker und Kulturen durch Überlagerung, ein Schicksal, das so vielen Völkern in der Weltgeschichte widerfuhr oder das sie sich selbst gestalteten, hat für die beiden jeweils betroffenen Völker zweierlei verschiedene Auswirkungen:

1.Es schafft eine Situation der Krise (man kann auch sagen der kulturellen "Not") für all jene Menschen, die sich ihrer ursprünglichen Kultur und der Erhaltung derselben verpflichtet fühlen.

2. Krisen-Situationen können Wandel, Veränderungen nach zweierlei Richtungen hin bewirken:
a) kulturelle Neuschöpfungen
b) kultureller Untergang.

Nehmen wir das mittelalterliche Europa. Hier kam es zur kulturellen Überlagerung vormals vornehmlich naturreligiös lebender Völker (Germanen, Kelten, z.T. auch die Romanen) durch eine ihnen fremde, vorderasiatische Religion, das Christentum. Die dadurch in den Menschen hervorgerufene sittlich-moralische Krise (gut sichtbar in den Wirren der Merowingerzeit, man lese Gregor von Tours - oder auch in der wirren Wikingerzeit mit ihrer "Berserker-Wildheit"), führte lebensschwach gewordene Völker in den endgültigen Untergang (z.B. die Römer), während (noch) lebensstärkere Völker (wie z.B. die Germanen) in AUSEINANDERSETZUNG mit dieser neuen Religion und in UMFORMUNG derselben eine zum Teil gänzlich neue Kultur auf weltgeschichtlich auch völlig neuem Niveau schufen: das Abendland.

Aus diesen weltgeschichtlichen Erscheinungen lassen sich einige Grundgesetze der weltgeschichtlichen Entwicklung ablesen, die ÜBERHAUPT zu der zivilisatorischen und kulturellen Höherentwicklung in der Menschheitsgeschichte beigetragen haben mögen. Menschenvölker erreichen kulturelle Höherentwicklungen wahrscheinlich immer nur in und durch KRISENZEITEN (Zeiten von kultureller Not).

Am Wege der kulturellen Höherentwicklung der Menschheit, den man mit Hölderlin und Hegel von China über Indien nach Griechenland und von dort nach Europa verfolgen kann, bringen die Völker DURCH diese Krisenzeiten neue Dichtung, neue Philosophie, neue Wissenschaft usw. hervor, gehen aber ZUGLEICH allzuleicht längerfristig an diesen Krisen zugrunde.

Das einzige Volk der Weltgeschichte, das zeigt, das man ALS Kulturvolk kulturschöpferische Krisenzeiten auch langfristig ÜBERLEBEN kann, ist - wohl - das chinesische.

Da wir im 21. Jahrhundert mit der kulturellen Entwicklung des Abendlandes an einen gewissen - scheinbar - abschließenden Punkt gekommen sind, stellt sich die Frage: Wie werden die heutigen Großvölker der Welt auf die kulturellen Krisen unserer Zeit reagieren? So wie die Chinesen oder so wie die antiken Griechen?