Evolutionstheorie: Das Schöpferische in der Schöpfung

23.03.2006
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Heidrun Beißwenger

Ist die Schöpfung lediglich das "auf sich gestellte Weltall der Erscheinungen"? (Mathilde Ludendorff) Oder ist es darüber hinaus das sich dauernd erneuernde Werk einer göttlichen Kraft, etwa der matriarchalen "Großen Mutter", die ohne Zeugung, "jungfräulich", d.h. ursachlos aus sich heraus unentwegt neues Leben gebiert? Ist das "auf sich gestellte Weltall" als ein Mechanismus zu denken, der bis ans Ende der Tage nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung wie ein einmal in Gang gesetztes perpetuum mobile unaufhörlich, ziel- und sinnlos fortwirkt? Ist es dem Toten näher als dem Lebendigen, ohne allerdings als Ganzes sterben zu können, weil ihm keine Möglichkeit gegeben ist aufzuhören? Ist eine Schöpfung denkbar ohne schöpferische Spontaneität, ohne ursachloses Hervorbringen von Neuem?

ErdeIst andererseits Spontaneität in einer Schöpfung, einer Erscheinungswelt, denkbar, die ja nur deshalb bestehen kann, weil ihre Gesetze ausnahmslos wirken? Kann eine streng nach ihren Naturgesetzen geregelte Schöpfung ohne Spontaneität eine Mannigfaltigkeit ihrer Geschöpfe zulassen, wie sie sie ja tatsächlich hervorgebracht hat und immer noch hervorbringt?

Denken wir an das Beispiel der Schneekristalle, deren Grundbauplan der Sechsstrahligkeit zwar stets gleichbleibt, die in ihrer feinen Ausgestaltung aber voneinander abweichen. Forscher haben unter den Abertausenden, die sie auf ihren eisgekühlten Objekträgern unters Mikroskop legten, nicht zwei völlig gleiche gefunden! Und auch Lebewesen mit gleichem Erbgut sind nicht gleich! Selbst eineiige Zwillinge weisen Verschiedenheiten auf.

Wie wäre die Entwicklung des Weltalls und seines Lebens auf der Erde möglich gewesen ohne schöpferische Spontaneität? Wie konnte aus Nichterscheinung Erscheinung werden? Wie kam das erste Lebewesen zustande? Und wie konnten aus dem Erbgut schon gewordener Lebewesen völlig neue, andersartige Gestalten entstehen ohne schöpferische Spontaneität?

Charles DARWIN versuchte die letzte Frage mit der Vorstellung von Mutationen zu beantworten, kleinen, zufällig entstehenden Änderungen am Erbgut. Heutige Darwinisten kennen die Strukturen der Chromosomen mit ihren Genen in den Keimzellen und stellen sich vor, daß nach dem Zufallsprinzip punktuell einzelne Gene von irgendwelchen Ursachen betroffen und damit Veränderungen in dem Lebewesen bewirkt werden, die sich nun, nach der von POPPER beschriebenen Methode "Versuch und Irrtum" (Karl R. Popper, Alles Leben ist Problemlösen, 1994), in der feindlichen Umwelt zu bewähren hätten.

Könnten sie dies nicht leisten, würde dieses genveränderte Lebewesen ausgemerzt. Durch diese Selektion kämen - so DARWIN und POPPER und deren Anhänger - über Millionen von Jahren hinweg, allmählich lebensfähige "Neuschöpfungen" zustande, ein quälend langwieriger Vorgang, der bei genauerem Hinsehen aber hauptsächlich aus zwei Gründen nicht wirklich denkbar ist:

1. Alle Zwischenstufen wären in ihrer Unvollkommenheit der Ausmerze ausgeliefert und könnten wohl kaum Nachfahren hervorbringen, die in ferner Zukunft nach vielen weiteren punktuellen Mutationen und Selektionen endlich dem "Konkurrenz- und Daseinskampf" in feindlicher Umwelt gewachsen wären.

2. Fossile Funde lassen auf verschiedene Erdzeitalter schließen, in denen jeweils eine reiche Fülle neuer Arten und Formen entstand, die nicht denkbar sind als zufällig und in Abstammung von Vorwesen in kleinsten Schritten abgeleitete, qualvoll in langen Zeitläuften von der Natur als einer Reparaturwerkstatt hergestellte Wesen.

Auch John C. ECCLES stellt fest: "Einige der wichtigsten Vorgänge in der Hominidenevolution scheinen sich vollzogen zu haben, ohne eine fossile Spur zu hinterlassen. So ging der ... ungeheuer wichtige Übergang vom Baumleben zum Bodenleben mit bipedem Gang einher mit einer starken adaptiven Veränderung des Beckens und der Beinknochen, aber es gibt keine fossilen Zeugnisse dieses Übergangs." (John C. Eccles, Die Evolution des Gehirns - die Erschaffung des Selbst, 1989, S. 38)

So entstand im Proterozoikum vor rund 2 Milliarden Jahren u.a. eine unerhörte Vielfalt schönster Einzeller, z.B. viele Tausende Formen der Diatomeen und Radiolaren, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben, sich munter fortpflanzen und sich vom "Kampf ums Dasein" bisher nicht genötigt sahen, sich höherzuentwickeln. Sie sind nach wie vor für den Überlebenskampf bestens geeignet und bringen uns schlicht den Beweis dafür, daß der von DARWIN angenommene Grund zur Evolution, der "Kampf ums Dasein", nicht der alleinige und ausschlaggebende gewesen sein kann.

SaurierRauhe Klimaverhältnisse wie z.B. im Perm ließen viele Arten aussterben, und folgende Zeiten günstigeren Klimas brachten eine Fülle völlig neuer "Erfindungen" hervor. So gingen beispielsweise die Urbäume der Steinkohlenwälder unter, und Nadelbäume und Blütenpflanzen traten auf, die nicht mehr auf Sümpfe angewiesen waren, sondern trockenes Land besiedeln konnten. Eine mannigfaltige Vogel- und Insektenwelt entwickelte sich. Im Tertiär besiedeln Laubwälder die Erde bis zu den Polen, und die Säugetierarten erreichen eine Blüte des Formenreichtums, die bis zu Menschenaffen führt. Die dann folgende Todesnot durch die auftretenden Eiszeiten im Quartär beschleunigen die Entstehung des HOMO SAPIENS SAPIENS, des Jetztmenschen.

Wie aber waren solche "Erfindungen" möglich? Seit DARWIN, dem wir die geniale Intuition von der Entwicklung der Arten verdanken, mit der er uns von den biblischen Vorstellungen befreite, ein Übermann, "Gott" Jahweh, habe in 7 Tagen die Welt gemacht, grübeln Menschen über die Möglichkeiten nach, wie die Entwicklung der Arten im einzelnen vor sich gegangen sein könnte.

Vor den Zeiten des Jahweh-Kultes allerdings hatten matriarchale Steinzeitkulturen in Europa, Asien und Nordafrika schon eine "Große Mutter", eine göttliche Kraft angenommen, die aus sich heraus, ursachlos einen Lebensstrom hervorbringt, jungfräulich spontan Neues gebiert. Das Matriarchat war nicht ohne Naturbeobachtung, das beweisen die astronomischen Steinsetzungen der Steinzeit, und ein enges Zusammenleben mit der Natur und damit Kenntnisreichtum über sie können wir mit Sicherheit bei den damals lebenden Menschen annehmen.

Wie weit sie allerdings die Schwierigkeiten mit uns Heutigen teilten, eine Brücke zu schlagen von der Naturerkenntnis einzelner Gegebenheiten der geschaffenen Schöpfung hin zu Erkenntnissen schöpferischer Kräfte, die sie hervorgebracht haben könnten, das wissen wir nicht. Wir Heutigen, soweit uns solche Gedanken überhaupt bewegen, stehen einander wegen dieser Frage nach dem Schöpferischen in der Schöpfung in verschiedenen Denkschulen gegenüber:

Die Materialisten - diese Bezeichnung soll keine Herabsetzung beinhalten, sie nennen sich selbst so - gehen einzig von der vorgefundenen Materie und deren Kausalgesetzlichkeit aus und glauben an keine spontan wirkende Schöpferkraft. Von Gehirnforschung, Genforschung, Paläonthologie erhoffen sie die Gewinnung von Beweisen für die Richtigkeit ihrer Denkweise, ihres streng vernunftmäßigen Vorgehens, geben aber zu, ohne Phantasie nicht auszukommen. So entstehen viele Denkmuster zur Entwicklungsgeschichte.

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Beiträge

Dank an die Autorin Erich Meinecke 30.03.2006 13:28
In Zeiten, in denen ein KARDINAL, nämlich der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, ein Papstnachfolge-Favorit und naher Freund des gegenwärtigen Papstes, das gleiche versucht (siehe http://stephanscom.at/evolution/0 ), was vormals in der katholischen Kirche ein Priester nur bei Gefahr der Verbannung durfte (Teilhard de Chardin), nämlich sinnvolle und moderne philosophische Deutungen an den heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand zur Evolution heranzutragen, ist es gut, wenn eine Autorin wie Heidrun Beißwenger einmal aufs Neue daran erinnert, daß lange vor diesem "Erwachen" der katholischen Kirche (und mancher anderer religiös Interessierter) aus ihrem philosophischen Tiefschlaf schon umfassende philosophische Würfe vorlagen, in die sich auch das heutige naturwissenschaftliche Wissen größtenteils noch überraschend paßgenau einfügt. Unter diesen philosophischen Würfen nimmt wohl einen vorderen Platz ein solcher ein, der von einer der wenigen Philosophinnen der Weltgeschichte stammt, nämlich der deutschen Philosophin Mathilde Ludendorff (1874 - 1966).

Obwohl ich manchen Kritikpunkt an dem Aufsatz von Frau Beißwenger im Detail habe, die ich schon an anderer Stelle mit der Autorin diskutierte (siehe http://de.groups.yahoo.com/group/Wissenschaft_Kunst_und_Philosophie/ Beiträge 3921 und folgende), finde ich es richtig, daß es nicht nur Christen, Monotheisten oder Atheisten sind, die sich zur philosophischen Deutung der Evolution öffentlich zu Wort melden. Gerade die Christen, die dazu doch wahrlich am wenigsten Grund haben, "drängeln" sich da derzeit fortlaufend in den Vordergrund und werden dabei noch von vielen "hoffiert" - so jüngst wieder der Herr Küng in "Spektrum der Wissenschaft", der doch im Grunde zur Thematik gar nichts zu sagen hat.

Als gäbe es nur Christen, die zur philosophischen und religiösen Deutung der naturwissenschaftlichen Tatsachen etwas zu sagen hätten. Das ist nicht nur Wahnsinn, sondern das hat auch manche "Methode". Immer noch sind Monotheisten zu mächtig in der Welt.

Um so mehr deshalb Dank an die Autorin dieses Artikels!