Götter und Seyn - Interpretation der Beiträge zur Philosophie von M. Heidegger

27.06.2006
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Jörg Scholz

Wieso nun aber Möglichkeiten? Wieso nun Ereignis? Und was bedeutet Streit?

Auf Seite 475: "Im Seyn allein west als seine tiefste Klüftung das Mögliche, so daß in der Gestalt des Möglichen zuerst das Seyn gedacht werden muß im Denken des anderen Anfangs."

D.h. das Seyn ist die Möglichkeit schlechthin, die Möglichkeit, daß Mögliches möglich ist. Die Götter aber sind die verschiedenen Möglichkeiten, die auch - wie in der Hölderlin-Interpretation des Gedichtes "Heimkunft" - als Engel und damit für Heidegger als Boten auftreten können. Die Götter lassen sich also auch als die Boten des Seyns betrachten, während die Menschen als die Wächter des Seyns erscheinen, die im Seienden dessen Wahrheit (des Seyns) ins Werk setzen. Die Götter sind nun sozusagen spezifische Möglichkeiten, die aber eine besondere Beziehung zum Seyn als der Möglichkeit schlechthin besitzen. Das Seyn ist damit die Not der Götter.

Der Begriff Möglichkeit darf hierbei wieder nicht zu abstrakt gedacht werden. Es handelt sich um einen Reichtum, eine Fülle von Bezügen, von unaussprechlichen Schönheiten und Schrecknissen. Heidegger verwendet in den "Beiträgen" häufig Denkfiguren und Haltungen, die an die mittelalterliche Mystik erinnern. Das Seyn ist letztlich mit dem identisch, was in den Religionen als das Heilige bezeichnet wurde.

Weiter heißt es: "Mögliches, und gar das Mögliche schlechthin, eröffnet sich nur dem Versuch. Der Versuch muß von einem vorgreifenden Willen durchwaltet sein. Der Wille als das Sichübersichhinaussetzen steht in einem Übersichhinaussein. Dieser Stand ist die ursprüngliche Einräumung des Zeit-Spiel-Raumes, in den das Seyn hineinragt: das Da-sein. Es west als Wagnis. Und nur im Wagnis reicht der Mensch in den Bereich der Ent-scheidung. Und nur im Wagnis vermag er zu wägen."

D.h. daß der Mensch als das Da-sein, in welches das Seyn hineinragt, über sich selbst hinauswollen muß, um sich ent-scheiden zu können und einen Wesenswandel durchzuführen. Denn letztlich geht es um einen Wesenswandel des gesamten Menschen, den Heidegger geschichtlich sieht: S. 479 "Indem aber die Götter und der Mensch in der Not des Seyns zur Ent-gegnung kommen, wird der Mensch aus seiner bisherigen neuzeitlich abendländischen Stellung geworfen, hinter sich selbst zurückgestellt in völlig andere Bestimmungsräume, in denen die Tierheit sowenig wie die Vernünftigkeit eine wesentliche Stelle besetzen können, mag auch fernerhin die Feststellung dieser Eigenschaften am vorhandenen Menschen ihre Richtigkeit haben (...)."

Das Zeitalter des animal rationale wäre vorbei. Der Mensch ist hier nicht mehr ein schlechthin Vorhandenes, dessen Geschichte sich über nacheinander ablaufende historische Daten und ihre kausalen Zusammenhänge sowie über biologische Ansätze erklären läßt. Dieser in seinem Wesen gewandelte Mensch würde vielmehr in den großen Augenblicken leben, in denen eine Ent-gegnung zwischen Göttern und Menschen sich ereignet und dem Verschließen der Erde eine Welt abgerungen werden kann. Die Geschichte würde nicht mehr von dem Ablauf zusammenhängender Ereignisse, die durch Kausalität und Zufall bestimmt sind, konstituiert werden, sondern von einzelnen möglicherweise einsamen Er-eignissen, die die Wahrheit des Seyns ins Seiende bergen.

So bilden für Heideggger faktisch Hölderlins Gedichte und Nietzsches Denken geschichtliche Ereignisse, während dies weder auf Metternichs Restauration noch auf Bismarcks Sozialgesetzgebung zutreffen muß. Immer sind es die einzigen Augenblicke. Immer bedeuten sie auch einen Untergang, wie am Schicksal Hölderlins und Nietzsches deutlich gesehen werden kann. Damit Geschichte sein kann, muß der Mensch fraglich werden und muß die alte Auffassung von Sein fraglich werden.

Auf S. 486 beschreibt Heidegger das Seyn als das Herdfeuer in der Mitte der Behausung der Götter. Diese Behausung bleibt für den Menschen das Befremdende: - er bleibt in dieser Behausung der Fremdling. Die Begegnung zwischen Göttern und Menschen ist für den Menschen die Begegnung mit dem ganz Fremden, daher also eine Ent-gegnung, in dem das Gegen steckt. Weil er über sich hinaus will (Willen zum Seyn), weil er um seine Hütten zu bauen (Welt), den Urwald (Erde) roden muß, ist der Mensch nach einer Übersetzung Heideggers des Antigone-Chorliedes: "das unheimlichste aller Wesen, das die Erde umpflügt."

Er ist nicht ursprünglich irgendwo heimisch, denn er trotzt der Erde seine Welt ab und wird doch schnell vom Seienden in die Irre geführt - auch das Herdfeuer des Seyns wird von ihm vergessen und durch den Blitz der Götter wird er vernichtet, so wie es der Semele geschah, als sie Zeus in seiner wahren Gestalt zu sehen wünschte. Da aber der Mensch dasjenige Dasein ist, an dem sich die Wahrheit des Seyns ausgezeichnet ereignet, liegt in ihm die Möglichkeit etwas zu gründen, daß das Ereignis ins Seiende hineinragen läßt.

Im Endeffekt geht es auch Heidegger - genauso wie Nietzsche - um eine Art Über-mensch, der aber jede Definition seines Wesens über die Biologie und über die Vernunft hinter sich gelassen hat - ein Über-mensch, der weder rassisch noch kulturell noch (modern gesagt) genetisch erzeugt werden kann. Vielmehr geht es bei Heidegger um eine Art Bereitschaft, ein Aufmachen, ein Offensein, eine Sensibilität, die aber auch herrschaftlich geprägt bleibt - er zitiert zustimmend Nietzsches Charakterisierung des Übermenschen aus dem Nachlaß: "Caesar mit der Seele von Christus".

Eine besondere Art, in der sich für Heidegger die Wahrheit des Seyns ereignet, ist das Kunstwerk. In seinem berühmten Essay "Der Ursprung des Kunstwerkes" bestimmt er die Kunst als das Ins-Werk-Setzen-Der-Wahrheit. Die Welt, die der Mensch bildet, kommt nur zum Scheinen im Schatten des Kunstwerkes. Als Beispiel dafür führt Heidegger den griechischen Tempel an.

In der gleich nach den "Beiträgen" geschriebenen Abhandlung "Besinnung" findet sich ein weiterer Hinweis. Hier ist es das Werk der Kunst, das das Wesen der Götter und Menschen zur Entscheidung stellt. Insofern wird das Da-sein der Zukünftigen selbst zum Kunstwerk. Die Kunst bleibt kein für sich vereinzelter Bereich, sondern wird als konstituierendes Element in das Da-sein selbst zurückgenommen.

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