Der rhythmische Klang eines Gedichtes wirkt sich sehr stark auf den ästhetischen
Genuß aus. Zwischen Musik und Poesie bestand schon immer eine enge wechselseitige
Beziehung.
Ein
großer Teil von Dichtungen, angefangen vom Minnegesang bis hin zum Volkslied,
lebten vom gesungenen Vortrag, so daß Musik und Wort von vornherein eine
Einheit bildeten. Andere Gedichte wurden für die Vertonung geschaffen oder
wurden nachträglich vertont.
Doch es gibt zahlreiche Gedichte, dessen Sprachmelodien allein im gesprochenen Vortrag zum Ausdruck kommen. Eine bloße sprachliche Gestaltung des Inhaltes verknüpft mit einer bestimmten Struktur genügt nicht mehr, sondern ein dritter Faktor, die innere Melodie, spielt hier eine zentrale Rolle. D.h. die eigentümlich-suggestive Musikalität der Verse bedarf keiner zusätzlichen musikalischen Komposition, sondern sie wird allein von Versrhythmus und vom Klang der Sprache getragen.
Die innere Melodie eines gelungenen Kunstwerkes setzt stets eine inhaltliche Bindung voraus:
Singet leise, leise, leise,
Singt ein flüsternd Wiegenlied,
Von dem Monde lernt die Weise,
Der so still am Himmel zieht.
Singt ein Lied so süß gelinde,
Wie die Quellen auf den Kieseln,
Wie die Bienen um die Linde
Summen, murmeln, flüstern, rieseln.
(Clemens von Brentaro)
Auch ohne die Vertonung des Gedichtes zu kennen, singt es sich fast wie von
selbst. Das liegt u.a. an dem kurzen Abstand der Hebungen und Senkungen, welche
das Liedhafte unterstreichen, aber als alleinige Erklärung für den
lebendig gestalteten Rhythmus in seiner ganzen Klangfülle, nicht zufriedenstellt.
Hier ist es angebracht den Rhythmusbegriff genauer zu charakterisieren. Ein
ständig gleichmäßiger Wechsel von gegeneinander abgestuften
Taktteilen wirkt meist monoton-automatisiert bzw. mechanisch. Er kann ein echtes
rhythmischen Erlebnis geradezu zerstören.
Ein lebendiger, dynamischer Rhythmus entsteht nur dann, wenn ein Wechsel frei variiert wird. Dazu gibt es vielfältige Mittel. Zum Beispiel können sich die Abstände von einer Hebung zur anderen leicht verschieben, die Schwereverteilung der Silben wird sich nie vollständig gleichen. Unterschiedliche Tonhöhen und Sprechmelodien tragen zur weiteren Auflockerung bei. Ebenso ist der Inhalt der Silben und Wörter, ihr spezifischer Klang und Tonfall wichtig. Die Variation in vorbestimmter Gleichheit ist daher ein wesentliches Merkmal des Versrhythmus. Den Rhythmus zu hören und zu erleben, bedeutet ihn hervorzubringen. Es handelt sich um eine Aktivität, eine Tätigkeit und weniger um ein "Hinnehmen müssen".
Der Reim ist kein notwendiger Bestandteil eines Verses bzw. eines Gedichtes.
Es gibt einige Verarten, wo Reime unerwünscht sind. Bei anderen, z. B.
der Alexandrine ist er festgelegt. Unter einen Reim versteht man den Gleichklang
zweier oder mehrerer Lautgruppen von ihrem letzten betonten Vokal an. Entscheidet
ist der Klang, also das Ohr und nicht das Schriftbild (Auge). Verse, die sich
reimen, bleiben besser im Gedächtnis und können im Gedicht einen humorvollen,
oder auch dramatisch, traurigen Akzent setzen. Folgendes Beispiel steht für
den ersten Fall. Es handelt sich um meinen ersten Alexandriner:
Die Hufe klappern laut, auf nassen leeren Straßen.
Gehörnte Wesen wild, um enge Ecken rasen.
Der Ort verschlafen klein, ein Schrei durchdringt die Nacht.
Des Bockes Hörner spitz, gesenkt, gezielt zum Stoße.
Zum Angriff schnaubend heiß, durchdringt die feuchte Hose.
Entblößte Hintern prall: der Mensch ist aufgewacht
Ein Gefühl für Rhythmus zu entwickeln und zu erleben hat stark gemeinschaftbildenden Charakter. Rhythmik kann in Gemeinschaften entstehen. Bei bestimmten Arbeiten z. B. beim Dachdecken, im gegenseitigem Zuwerfen der Ziegel, entwickelten wir eine eigene Rhythmik, die jedermann angenehm war. Sie sparte nicht nur den physischen Kräfteverbrauch des einzelnen, sondern ermöglichte auch die gleichzeitige Kraftaufbietung aller Beteiligten auf eine Zeitdauer von 8 - 10 Stunden, mit geringfügigen Pausen. Gleichzeitig zwingt ein gemeinsamer Rhythmus wegen seiner allgemeinen Verbindlichkeit zu gleicher Arbeitsleistung und steigert (oder mindert) die Arbeitsintensität.
Trotz des rhythmisch vorgegebenen Tempos, bestand genügend Spielraum für
Variationen, beispielsweise wenn einer von uns etwas schneller ermüdete,
konnte der Abstand zu demjenigen etwas vermindert, bzw. weicher geworfen werden.
Der rhythmische Wechsel war in diesem Fall nicht von vornherein vorhanden, sondern
die konkrete Abstufung, die Variation in vorbestimmter Gleichheit, wurde erst
durch uns geschaffen. So sind auch andere Tätigkeiten z. B. Tanzen, Singen
niemals völlig monoton sondern, und darin zeigt sich die fortschreitende
ästhetische Entwicklung, sie werden immer kunstvoller und variabler.
Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.
(Storm, Die Nachtigall)
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