Was haben Wille und Sensibilität miteinander zu tun?

16.02.2002
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Dr. Angela Jekosch
www.die-goetter.de
  

Das Bild eines willensstarken Menschen ist vermutlich auch bei Ihnen eher mit rücksichtsloser Geradlinigkeit denn mit Sensibilität verbunden.

Mit solchen, weit verbreiteten - Vorstellungen eines "zähnezusammenbeißenden Unbedingt- durch" ist einsichterweise aber ein Begriff von Willen gemeint, der auf kurzfristige Ziele ausgerichtet ist. Langfristig wäre solch ein Kraftaufwand nicht nur eine Überforderung, sondern würde das angestrebte Ziel mit großer Sicherheit verfehlen.

Um es noch pointierter zu formulieren:

Ein "Wille", der gegen die eigenen Gefühle und Triebe arbeitet, führt in eine Sackgasse, ist nicht Wille, sondern Zwang gegen sich selbst.

Nun können Sie sich mit solchem Zwang zwar für einige Zeit gegen Ihre Gefühle und Triebe stellen und erreichen möglicherweise auch mal dies und jenes. Aber Sie zerstören so langfristig sich selbst, indem Sie Ihre Persönlichkeit spalten. Denn Ihre unterdrückten Gefühle und Triebe wirken dann sozusagen im Geheimen zunehmend stärker gegen das, was Sie - bewußt - anzustreben glauben.

Was ist Wille dann?

Wille, mit dem Sie langfristige und anspruchsvolle Ziele erreichen können, ist die Fähigkeit, seine eigenen Gefühle, Triebe und Gedanken beobachten, unterscheiden, verstehen und koordinieren zu können.

Triebe sind für die meisten Menschen relativ leicht beobachtbar und auch erklärbar. Sie beruhen auf körperlichen Impulsen oder Mangelerscheinungen. So meldet z.B. das Hungergefühl einen Nährstoffmangel, oder Müdigkeit ein Regenerationsbedürfnis des Körpers an.

Gedanken und deren Muster genau beobachten zu lernen, ist ein sehr anspruchsvolles Unterfangen, da Gedanken flüchtig sind. Oft sind Sie sich dessen, was sie gerade denken, wahrscheinlich nicht mal bewußt, schon gar nicht der engen Verknüpfung zwischen Gedanken und gleichzeitig ablaufenden Gefühlen.

Dieses feine Gespinnst der eigenen Gedanken und Gefühle begreifen zu können, wird aber um einiges leichter, wenn Sie erstmal in der Lage sind, Ihre Gefühle zu beobachten und unterscheiden zu können. Diese Fähigkeit bezeichne ich als "emotionale Sensibilität".

Gefühle beruhen darauf, daß jemand das, was er wahrnimmt, bewertet. Was bedeutet das (Wahrgenommene) für mich, fragt ein Mensch sich und reagiert (und zwar sehr schnell) mit Gefühlen: Angst, Freude, Trauer oder Wut zum Beispiel. Dabei unterscheiden Menschen normalerweise nicht zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.

Ohne daß Ihnen das bewußt sein muß, reagieren Gefühle auch auf Bilder der Vergangenheit, die durch irgendein Detail (sei es ein Geruch) erinnert werden. Damals mögen Sie z.B. Erfolg gehabt haben, wenn sie weinend nach Ihrem Schnuller greinten. So haben die Gefühle damals gelernt, daß *traurigguck* ein effektives Mittel ist, um Wünsche durchzusetzen. Zu beobachten, ob das heute noch immer funktioniert und zu entscheiden, welche Nebenwirkungen das haben mag, können Sie lernen. Deshalb werde ich mich im folgenden vor allem der feinen Beobachtung von Gefühlen widmen.

Je feiner Sie Ihre emotionale Sensibilität ausgeprägt haben, desto schneller und sicherer bemerken Sie Veränderungen Ihrer Gefühle. Je weniger Sie diese Sensibilität entwickelt haben, desto unverständlicher sind Ihnen Ihre eigenen Gefühle. Sie entstehen dann scheinbar auf unverständliche Weise, verändern sich durch unbekannte Auslöser, färben plötzlich das eigene Erleben der Welt. Und sie machen bestimmte Verhaltensweisen wahrscheinlich, ohne daß Sie das ausreichend verstehen.

Woran können Sie erkennen, wie fein Ihre emotionale Sensibilität ausgeprägt ist?

Zum einen, indem Sie sich testen: Wie gehe ich mit meinen Gefühlen um? - vorausgesetzt Sie tun das ehrlich. Sie können auch andere Menschen nach deren Meinung über Ihren Umgang mit Gefühlen fragen und sie zum Beispiel bitten, diesen Test für Sie auszufüllen.

Sie können aber auch einfach zu beobachten versuchen, wie Sie Ihre eigenen Gefühle beschreiben. Je differenzierter Sie das tun, desto differenzierter beobachten Sie.

Ein Mißverständnis wäre es allerdings, von einem reichhaltigen Vokabular auf feine Sensibilität zu schließen. Man kann sein Unvermögen auch durch viele Worte kaschieren, indem man viel redet, aber nichts (zum Thema) sagt. Wahrscheinlicher ist eher, daß ein Mensch, der seine Gefühle sehr genau beobachtet, mit relativ wenigen Worten die Bilder, Empfindungen, Gedanken und Farben beschreiben kann, die mit einem bestimmten Gefühl verbunden sind. Entscheidend ist, wie anschaulich und genau Sie Ihre Gefühle beschreiben können.

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