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Sicher, nach all dem mag mancher immer noch die Welt als Bühne der großen Verschwörung sehen. Wenn wir jedoch die Wechselwirkungen verschiedener Systeme beobachten, sehen wir noch etwas anderes:
Die Anpassung an eine sich verändernde Umwelt. "Anpassung wird normalerweise als Anpassung von Systemstrukturen an die Umwelt (und zumeist enger: an Veränderungen der Umwelt) verstanden." So kann man "formulieren, daß eine turbulente, sich häufig und unübersehbar ändernde Umwelt höher Anpassungsleistungen des Systems, also höhere strukturelle Flexibilität erfordere. Wenn man dann aber auch annehmen muß, daß die Turbulenz der Umwelt eben durch die Systeme (in der Umwelt des jeweiligen Bezugssystems) erzeugt wird, die versuchen, sich ihr anzupassen, sind Turbulenz/ Flexibilitätssteigerungen zu erwarten." 6
Da ein System (z.B. Menschen, Gesellschaften) selbst bestimmt, was zum System und was zur Umwelt gehört, lautet die wichtigere Frage, Wie bestimmt das System die Unterscheidung von System und Umwelt, wie wirkt sich das auf seine Informationsverarbeitung aus und wie paßt es sich an seine Umwelt an, nachdem es die Grenze zwischen sich und Umwelt gezogen hat.
Wenn man Verschwörungen annimmt, nimmt man einen Endpunkt der Entwicklung an, ein wie immer geartetes Gleichgewicht, das, einmal erreicht, beibehalten wird: die Weltregierung/ die neue Weltordnung (o.ä.). Doch kein System kann sich langfristig - erfolgreich in seiner Umwelt stabilisieren, da jedes Bemühen dahin vor allem die Eigenleistung der Anpassung ist, anders gesagt: da das System nie die Umwelt stabil halten kann. Das System verändert nur sich selbst, seine Umwelt (darum ist es die Umwelt des Systems) kann es nicht stabilisieren oder nur beeinflussen.
Es gibt "strukturelle Anreize genug, das Konzept der lösbaren Probleme wieder in Widersprüche zurückzuverwandeln und alarmiert zu sein. Die Zukunft dient (...) der Mobilisierung und Kommunikation von Widerspruch gegen das Gegenwärtige. Wenn gälte, das Widerspruch mehr oder weniger zwangsläufig die Verhältnisse ändert, wären katastrophale Reaktionen auf die Gefahr von Katastrophen abzusehen. Aber diese Prämisse stammt noch aus dem Arsenal der als Gesetz behaupteten Dialektik. In Wahrheit liegen die Beziehungen zwischen Widerspruch und Strukturänderung sehr viel komplizierter und sind bei weitem nicht zureichend geklärt." 7
Verschwörungstheorien liegt die Annahme zugrunde, daß Widersprüche und die daraus gewordenen Konflikte, eine Auflösung brauchen – eine stabile Ordnung wird angestrebt. Mindestens mit einer Erklärung, die ausgewählte Konflikte als Zeichen der Verschwörung auf einen gemeinsamen Nenner bringt; besser mit einer Änderung politischer Verhältnisse. Menschen, die solchen Vorstellungen frönen, hängen dem Traum einer konfliktfreien Gesellschaft an.
Teils wird angenommen, daß Konflikte Signale des falschen Weges seien, teils werden Wege für eine möglichst schadenfreie, möglichst ‚friedliche‘ Regulierung von Konflikten gesucht. Wir sollten an solcher Grundhaltung zweifeln, da der ideologische Überbau verträumt – naiv ist (die paradiesische ‚bessere‘ Gesellschaft) und praktische Empfehlungen Allgemeinplätze sind a là ‚Sei wachsam, Bürger‘.
Wenn wir nicht die nette Theorie der besseren Welt suchen, sondern uns von Verschwörungsphantasien verabschieden, ist Konfliktlösung nicht das Ziel, sondern eher Nebenprodukt der notwendig ständigen Reproduktion von Konflikten. Wir können Konflikte nicht vermeiden, ja nicht einmal mindern – nicht in der funktional differenzierten Gesellschaft, deren enorme Komplexität Konflikte aller Art notwendig ‚produziert‘, und das um so mehr, je weiter sie sich ausdifferenziert. Wer es dennoch propagiert, zielt auf einen von Was-weiß-ich gelenkten Einheitsstaat, auf die heile Welt. Sind gesellschaftliche Konflikte einmal etabliert, ist ihre Fortsetzung zu erwarten und nicht ihre Beendigung.
Das Ende von Konflikten kann sich nicht von selbst ergeben, sondern nur "aus der Umwelt des Systems ... Luhmann spricht in dem Zusammenhang auch davon, daß eine Gesellschaft hinreichend viele, noch unbesetzte Konfliktchancen bieten muß. Unsere hat genug Potential, denn auf dem Weg von Nationalstaaten zur Weltgesellschaft gibt es jede Menge ungelöster Fragen:)
Ich hoffe, einige davon beantwortet zu haben - oder wenigstens aufgezeigt zu haben, daß Verschwörungen keine sinnvolle Antwort sein können.
Ich will am Ende meiner Betrachtungen eine überspitzte ‚Zusammenfassung‘ des Themas wagen. Achtung: Satire
Das Volk guckt TV und blökt, Medien manipulieren ahnungslose Opfer, Politiker kollaborieren mit dem Feind und tricksen die Wähler aus, die Großindustrie versklavt uns global. Wirklich dumm gelaufen – wir leben in einer bösen Welt. Das einzig Gute ist, daß wir die Guten sind. Das ist mal sicher. Früher, ja da war die Welt noch in Ordnung.
Da gab es eine klare Verwaltungsstruktur, hierarchisch von jedem Kuhdorf bis hoch in die Regierung, Ortsgruppen, Gebietsverwaltung, Zentralrat. Nicht so einen Placebo-Pluralismus wie heute, wo Parteien von Werbeagenturen gestylt werden.
Da gab es eine national begrenzte Industrie und ob die Kekse oder U-Boote baute, es war immer das, was wir brauchten. Nicht so einen globalisierten, supermodernen Liberalismus wie heute, wo jeder mit jedem... und am Ende kommt doch alles aus Korea.
Da war ein Staat noch ein Staat mit eigener Gesetzgebung, unantastbarer Autonomie und einem echten Gewaltmonopol. Nicht so ein Vertrags-geknebeltes, nach Brüssel schielendes (Wo liegt Brüssel?!) Plagiat, das man sogar vor ein Gericht stellen kann.
Da waren Feinde noch Feinde. Sie grunzten tierisch und hatten keine Kultur. Deshalb auch keine Zukunft – es war unsere Pflicht, gegen sie vorzugehen. Nicht solche Windeier, die sich alle Naselang neu überlegen, ob sie für oder gegen uns sind und unter welchen Bedingungen und wen sie überhaupt meinen, wenn es um ‚uns‘ geht. Und wo ‚kein Freund zu sein‘ dann noch alles mögliche heißt. Hach, damals!
Heute muß man Gesellschaftswissenschaft und Geschichte studieren, um auch nur sagen zu können, daß Paris die französische Hauptstadt ist, sonst wird man gelyncht, weil man die historische Rolle Frankreichs für Europa und den Einfluß des Existentialismus auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts nicht gebührend gewürdigt hat. Heute hängt alles mit allem zusammen und wenn du ein Bier trinkst, kann das der beginnende Wirtschaftsaufschwung, Ausdruck psychischer Verdrängung, von Politikverdrossenheit oder vorsätzlicher Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung sein. Kann mir das noch jemand erklären?
Quellen
(1) dafür gibt es zuhauf Quellen im Internet. Stellvertretend seien benannt: die Evakuierung des Flugleitzentrums am Vormittag des 9.11., so daß die Militärmaschinen in der Flugverbotszone Manhattan nicht registriert wurden; die Atteste der Flugschulen der angeblichen Attentäter, nach denen zwei Piloten selbst nach hunderten Flugstunden als Anfänger galten; die 100e Millionen umfassenden Transaktionen in den Banken im WTC am Vormittag des 9.11., von denen die Buchungsunterlagen nun fehlen; die kaum recherchierten Aktiengeschäfte von Banken und Fluggesellschaften wenige Wochen zuvor usw. usf.
(2) Philosoph und Psychoanalytiker, lehrt an der Uni Ljubljana, in DIE ZEIT, 17.7. 2003
(3, 6, 7) Niklas Luhmann, "Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie"
(4) 11.2.03, Der Standard (Wien)
(5) Zahlen nach: New York Times
Link-Tip: Hier finden Sie mehr zum Thema: "Die Macht der Illuminaten".

| "New York, 11. September von Magnum-Fotografen" von Steve McCurry, Susan Meiselas, Larry Towell, Steve MacCurry, Gebundene Ausgabe - 142 Seiten - Dva. |
"Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11.9." von Mathias Bröckers, Andreas Hauß, Taschenbuch - ZWEITAUSENDEINS Versand- Dienst GmbH. |
| "Soziale Systeme" von Niklas Luhmann, Broschiert - 674 Seiten - Suhrkamp, 2001. |
"119 Fragen zum 11.9." von Christian C. Walther, Broschiert - 160 Seiten - Heyne, November 2003. |
| "Liebe Dein Symptom wie Dich selbst!" von Slavoj Zizek, Broschiert - 139 Seiten - Merve, Dezember 1991. |
"Das Lexikon der Verschwörungstheorien" von Robert A. Wilson, Miriam J. Hill, Broschiert - 432 Seiten - Piper, Januar 2004. |
Wert 4 |
Thema: 4.8 | Information: 3.8 | Verständlichkeit: 3.3 |
| Stimmen: 10 | Legende: 5: super - bis 1: erträglich |
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