Das Auge in der Pyramide oder: Die Verschwörung der Idioten

19.02.2004
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Knut Gierdahl
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Aufbau der Gesellschaft - früher und heute

Die mittelalterliche Gesellschaft war pyramidenförmig aufgebaut. Leibeigene, Bauern ganz unten, Handwerker, Adlige darüber und an der Spitze Kaiser, Papst und darüber der transzendente Gott, der die Legitimation für diesen Aufbau gab.

In dieser Gesellschaft gab es verbindliche höchste Werte, die gottgegeben und für alle gleich waren. Die Aufstellung und Einhaltung dieser Werte war Aufgabe der Vertreter der Pyramidenspitze. Wo das milde Wort nicht reichte, hatte man Feuer und Schwert, um die Wahrheit zu verbreiten. Eine solche Gesellschaft bot klare Antworten auf die Frage nach Gut und Böse, Oben und Unten und war überschaubar.

Diese hierarchisch aufgebaute stieß im Lauf der Geschichte an ihre Grenzen. Durch Renaissance und Industrialisierung geriet die Ständeordnung ins Wanken. Der Aufschwung der Wissenschaft machte religiöse Dogmen über die Welt fraglich. Aus der homogenen pyramidenförmig strukturierten Gesellschaft differenzierten sich Teilsysteme, die zunehmend komplexer wurden und nach Autonomie strebten.

In funktional differenzierten Gesellschaften – worunter alle westlichen Industriegesellschaften zählen – gibt es keinen verbindlichen Höchstwert.

Die heutige Gesellschaft ist nicht wie eine Pyramide, nicht nach einer transzendenten sinngebenden Idee, aufgebaut. Sie ist nach Funktionsbereichen unterteilt und diese Teilbereiche (z.B. Politik, Wirtschaft, Kunst, Wissenschaft, Krankenwesen) der Gesellschaft stehen gleichberechtigt nebeneinander. Während einerseits jeder Bereich (Luhmann spricht von Subsystemen des Gesamtsystems ‚Gesellschaft‘) sich gegen andere abgrenzen und behaupten muß, strebt jedes Subsystem nach Aufrechterhaltung seiner Autonomie. Es gibt Wechselwirkungen mit und Anlehnung an andere Teilsysteme, doch primär folgt jedes Subsystem eigenen Leitlinien, dem eigenen Code.

Unsere hyperreale Welt

Bücher wie die von Bröckers, v. Bülow o.a. Konspirologen entlarven die allzu glatte Darstellung globaler Zusammenhänge. ‚Ewige Gerechtigkeit‘, ‚Wer nicht für uns ist, ist gegen uns‘, ‚Wir kämpfen für die Freiheit und Gott hat uns dazu legitimiert‘ und andere vereinfachende Rhetorik wärmt die Illusion einer einfachen Welt der Guten und der Bösen. Doch so einfach ist unsere Welt nicht.

Doch auch die Verschwörungs – Insider machen es sich zu leicht, wenn sie das eine, emotional geprägte Detail ‚WTC – Anschlag‘ aufgreifen und so die Illusion erzeugen, daß dieses eine Ereignis ausreicht, um globale Entwicklungen zu verstehen. Die Wahrheit ist immer das Ganze aller Details und wer das vergißt, macht‘s nichts besser als die üblen ‚Petronazis‘ (Bröckers) im Weißen Haus.

"Tatsächlich scheinen Presse und TV [...] als autopoietisches System zu funktionieren, wie dies der Soziologe Niklas Luhmann genannt hat: Als System, das vorab an seinem Selbsterhalt interessiert ist und sich von der Realität nur noch nach Maßgabe seiner eigenen operationalen Verfahrensweisen irritieren läßt. Es ist die traurige Wahrheit, dass sich selbst die redlichsten Journalisten häufig darauf beschränken (müssen), Tatsachen aus zweiter und dritter Hand abzugleichen." 4

Ob das traurig ist, bleibe dahingestellt, jedenfalls zeigt es die Richtung.

Wenn man von Verschwörung redet, wechselt man nur die Fronten, vertauscht Gut und Böse. Die hochkomplexen Wechselwirkungen verschiedener wirtschaftlicher, innen- und geopolitischer Interessen verlangen ein anderes Verstehen. Und die dort beschriebenen Handlungen entziehen sich gerade in ihrer zuerst scheinbaren Widersprüchlichkeit einer einheitlich-einfachen Deutung.

Schauen wir uns z.B. folgendes an: wiederholt wurden in arabischen Staaten Kräfte unterstützt, um Regierungen/ andere Interessengruppen zu schwächen. So geschehen in Afghanistan mit den Taliban gegen die prosowjetische Regierung, mit Hussein als Gegengewicht gegen den Iran, mit Israel gegen Lybien und Ägypten, usw. usf.

Viele der einst Verbündeten wurden später, als sich das Kräfteverhältnis änderte, weniger freundlich oder gar zu Feinden der westlichen Welt. Die Koalitionen wechseln ständig, wer für ein gemeinsames Teilziel nützlich ist, blockiert durch eigene Interessen das nächste. Es geht um Einflußerweiterung, nicht um gute Taten am Nächsten. Wenn man sich diese Entwicklung der letzten Jahrzehnte insgesamt vor Augen hält, kommen schnell Zweifel an einem Großen Plan einer Geheimen Macht auf.

Noch einmal: Verschwörungen?

Verschwörungstheorien lassen uns glauben, daß in der Gesellschaft nur Politik und Wirtschaft, vielleicht noch Militär bedeutsam sind. Allein diese willkürliche Ausblendung eines Großteils der sonstigen Welt sollte mißtrauisch machen. Fragen drängen sich auf...

Soll man das Medienmonopol einiger Konzerne in einer Zeit beklagen, in der 65% der Bevölkerung im Internet unterwegs sind, wo alle Informationen zugänglich sind? Fast könnte man Journalisten wie Bröckers bemitleiden, weil der Umstand, daß sie die jedem zugänglichen Quellen auswerten und zusammentragen, und sie dadurch zu Ikonen einer globalisierungskritischen Menge werden, zeigt, daß viele Menschen ihre konsumierende TV-Mentalität beibehalten und nur das Programm wechseln. Wen wollen wir dafür verantwortlich machen, außer uns selbst?

"Das Network besitzt mich. Ich erzähle Witze, und wenn ich keine Quote einfahre oder wenn ich mehr Ärger als Gewinn bringe, feuern sich mich. Wenn die mit meinen Ideen genug Geld verdienen, behalten sie mich. Es gibt keine Freiheit der kommerziellen Rede, und ich bilde mir nicht ein, ein Recht auf Sendung zu haben. Viele Medien sind heute nach rechts gedriftet, aber das liegt daran, daß es dafür einen Markt gibt. Es gibt keine Männer in schwarzen Hubschraubern, die die Wirklichkeit kontrollieren."
(Jon Stewart, TV-Talkmaster, macht die satirische Daily Show)

Robert Anton Wilson, der bekannte Autor der "Illuminatus-Trilogie" und Ur-Vater der Verschwörungstheorien, merkte bissig an, daß die vier larvalen Schaltkreise des Menschen (domestizierten Primaten) zu einfach gestrickt und zu starr sind, um den strategischen Weitblick für Verschwörungen und Weltherrschaftspläne zu ermöglichen. Es läuft nicht weit komplizierter, als wir denken mögen, sondern viel simpler.

Soll man die Pläne und Erfolge der Bush-Regierung als Gefahr für die Demokratie ansehen, wenn ihre Chancen, die nächste Wahl durchzuhalten, durch innenpolitisches Versagen Monat um Monat wegbröseln? Diese Regierung hat ihr außenpolitisches Agieren hart bezahlt, da sie den US-Haushalt mit über 500 Milliarden in die roten Zahlen gebracht hat (vorher standen 270 Milliarden auf der Habenseite) und die verzweifelten Pläne, die Wirtschaft durch Steuersenkung anzukurbeln, werden die Talfahrt nur beschleunigen. Seit Anfang 2001 ist das Vetrauen der Amerikaner in die eigene Wirtschaft gravierend gesunken. Bush wird oft als Handlanger der texanischen Ölindustrie bezeichnet (sicher, zu Recht). Doch ...

Der Erfolg der US Regierung wird zweifelhaft, wenn heute mehrere Bundesstaaten den Patriot Act ablehnen, als ungültig bezeichnen, jenes Skandalgesetz, das nach dem 11.9. die Regierungsgewalt ausweiten sollte. Das ist fast unvorstellbar: Bundesstaaten boykottieren die Entscheidung der Regierung! Es bilden sich landesweit Vereine der Regierungsgegner ... zur Wahrung der demokratischen Rechte gehen Linke, Ökos und Waffenlobbyisten (sic!) zusammen.

Ist nicht die Beschneidung demokratischer Grundrechte, sind nicht die Maßnahmen zur stärkeren Kontrolle der Bevölkerung ein Indiz für Ohnmacht? Na gut, hören wir einfach 20 Millionen Telefongespräche mehr als bisher ab, und schon finden wir die Terroristen und wen wir sonst noch suchen. Solch forsche Entschlossenheit macht Eindruck – aber sie kostet auch ein paar Mark fuffzig mehr. ... aber was, wenn die nicht die richtigen Schlüsselworte benutzen?

Kann man sich einen Geheimdienst wie die CIA als machthungrigen Moloch vorstellen? Einen Dienst mit einem Jahresetat von fast 70 Milliarden und einigen tausend Mitarbeitern auf der ganzen Welt, die meisten in zivilen Bereichen? Wie in jedem Konzern wollen Karrieren aufgebaut werden und gibt es weit weniger Idealisten als solche, die ihren Job machen. Wie markenfixiert muß man sein, um das Label für die ganze Wahrheit solcher Unternehmen zu halten?

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"New York, 11. September von Magnum-Fotografen"
von Steve McCurry, Susan Meiselas, Larry Towell, Steve MacCurry,
Gebundene Ausgabe - 142 Seiten - Dva.
"Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11.9."
von Mathias Bröckers, Andreas Hauß,
Taschenbuch - ZWEITAUSENDEINS Versand- Dienst GmbH.
"Soziale Systeme"
von Niklas Luhmann,
Broschiert - 674 Seiten - Suhrkamp, 2001.
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von Christian C. Walther,
Broschiert - 160 Seiten - Heyne, November 2003.
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Broschiert - 139 Seiten - Merve, Dezember 1991.
"Das Lexikon der Verschwörungstheorien"
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Broschiert - 432 Seiten - Piper, Januar 2004.

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