Das Auge in der Pyramide oder: Die Verschwörung der Idioten

19.02.2004
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Knut Gierdahl
www.wohin-auswandern.de/

Über Verschwörungstheorien, Globalisierung und eine soziologische Perspektive

Verschwörungen haben Konjunktur. Der harte Kampf um die Wahrheit entbrennt um die Anschläge vom 11. September und die Richtung der US-amerikanischen Politik. Die Riege der auflagenstarken Presse-Demokraten bekämpft jene, die die offizielle Version der Attentate infrage stellen.

Denn wer sie nicht glaubt, kann nur ein hirnrissiger Verschwörungstheoretiker, ein Terrorbefürworter sein. Für die Gegenseite ist die Hysterie von Spiegel & Co. wiederum das Indiz für die Richtigkeit des eigenen Szenarios. So hilft jede Seite der anderen – und geklärt, gelöst wird nichts.

Ich gehe davon aus, daß die Fragen der als Verschwörungstheoretiker Verunglimpften wichtig und ihre Daten großenteils korrekt sind. Allein ihre Folgerungen sind haltlos. Was sie nämlich aufdecken, ist der Alltag der Politik: der Normalfall. Mir geht es darum zu zeigen, warum das so ist und wieso alle Arten von Verschwörungstheorien tatsächlich reine Theorie sind.

Henry Kissinger sagte: "Der Durchschnittsbürger glaubt, Moralvorstellungen des täglichen Lebens [...] könnten auf Staatshandlungen übertragen werden. Das ist nicht immer der Fall."

Im Sommer 2003 erschien beim Verlag "Zweitausendeins" Mathias Bröckers‘ zweites Buch über die Hintergründe des WTC-Anschlages und wer noch die Märchen von der afghanisch-irakischen Terrorbedrohung glaubte (in Deutschland 30%, in USA 60%), wird spätestens danach an dieser Geschichte zweifeln. Die Nachrichtendienste haben nicht nur mehr gewußt als offiziell verlautbart.

Sie haben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Anschlag aufs WTC (mit)organisiert, wenn nicht gar ausgeführt. Sagen sie. Und niemand weiß von nichts. Dies bietet Raum für Spekulationen bis hin zu Verschwörungstheorien, denn ...

  • Details werden verschleiert, die ein anderes als das verbreitete Bild plausibel machen würden
  • Die Öffentlichkeit nimmt daran kaum Anstoß
  • Selbst wenn, ändert das nichts
  • Das in den Medien gezeigte Gesamtbild der Weltpolitik bleibt nur verständlich, wenn man sich den Luxus eines Langzeitgedächtnisses erspart. Gründe für den Irak-Krieg, Lobreden auf die weltweite US-Unterstützung und wer wessen Freund ist, das alles wechselt schneller als man die Zeitung lesen kann, in der es gedruckt wird.

Das bietet Raum für Spekulationen und Fragen, die einen wischen sie vom Tisch und blöken mit den Medien, andere grübeln über die texanischen Familienclans als neue Weltregierung. Beide liegen falsch. Über die Haltlosigkeit der Medienwahrheiten will ich nicht im einzelnen reden, hier sind die Lücken offensichtlich. Mir geht’s um die Verschwörungen. Denn bevor daran geglaubt wird, denken viele kritisch über die Welt nach. Wie kommt man zu Verschwörungen?

Der Reiz von Verschwörungstheorien basiert auf der – meist vagen – Annahme, daß die globale Entwicklung mit gesundem Menschenverstand oder ethischen Prinzipien nicht vereinbar ist. Und diese Diskrepanz erzeugt ein Gefühl der Unsicherheit: wir können Regierungen, der Wirtschaft, den Geheimdiensten nicht trauen, denn sie verhalten sich nicht, wie sie eigentlich sollten, nicht nach für uns wichtigen, ethischen Grundsätzen. Wir dachten, wir könnten, aber es geht nicht. Wir wollen auch gern wieder, aber das ist ebenso utopisch.

Wir leben, mit den Worten von Žižek, “... in einer Zeit, in der wirtschaftliche und geopolitische Richtungsentscheidungen in der Regel kein Thema mehr bei Wahlen sind...”

"Wenn Politiker anfangen, ihre Entscheidungen unmittelbar ethisch zu begründen, kann man in der Regel recht sicher sein, daß die Ethik bemüht wird, um irgendwelche finsteren oder bedrohlichen Aussichten zu verdecken. Es ist gerade der inflationäre Gebrauch einer abstrakten ethischen Rhetorik in George W. Bushs Erklärungen vor dem Angriff auf den Irak (vom Typus: "Hat die Welt den Mut, gegen das Böse vorzugehen , oder hat sie ihn nicht?"), der von der ethischen Unzulänglichkeit des amerikanischen Standpunktes zeugt – die Bezugnahme auf etwas Ethisches hat hier oft eine rein mystifizierenden Funktion, sie dient lediglich dazu, die wahren politischen Motive und Ziele, die unschwer auszumachen sind, zu kaschieren."
Slavoj Žižek 2

Man hat also eine Vorstellung, wie die Welt funktioniert und dann gibt es zu viele Details, die davon abweichen. Statt die Welt durch angenommene Verschwörungen zu ändern, könnte man – ich behaupte sogar: sollte man – das eigene Modell, die Annahmen über die Welt überdenken.
Ich will dazu auf die Gesellschaftstheorie des Soziologen Niklas Luhmann zurückgreifen.

Das Faszinierende an Luhmanns Entwurf ist, daß

  • er die Gesellschaft als Ganzes beschreibt, als Ganzes aus autonomen Teilen. Er setzt Differenzen und durch die Unterschiede, die er berücksichtigt, lassen sich viel mehr Elemente zusammendenken, als wenn man nach dem einheitlichen Nenner sucht. Er verzichtet einfach auf die übergeordnete Einheit.
  • die Teilsysteme der Gesellschaft ihrem je eigenen Programm folgen
  • Medien und Politik nur 2 Teilsysteme unter vielen sind. So wird klar, daß man nie Aussagen über die Gesellschaft macht, wenn nur diese 2 Bereiche untersucht werden.

Ich hatte früher in der AHA (Editorial, AHA 2/03) im Zusammenhang mit dem Irakkrieg kurz auf dieses Thema angespielt, "wenn man sich verdeutlicht, daß kein Akteur der Weltpolitik nach dem moralischen Maß von Gut und Böse handelt, könnte man sich fragen, ob vielleicht diese Kategorien nicht ausreichen, um die ungleich komplexere Welt zu ordnen und darin zu agieren?" Nach neueren Recherchen zum World Trade Center und dem nachfolgenden Kurswechsel in der US-Außenpolitik halte ich diese Frage für zu eng und will meine These aufgrund der Aktualität des Themas etwas ausführlicher darstellen.

Die Gesellschaftsbeschreibung von Luhmann

Luhmann spricht von Gesellschaft als dem Gesamt der Teilsysteme. Was sind Kennzeichen dieser Gesellschaftstheorie? Kurz gesagt...

  1. funktionale Differenzierung: die moderne Gesellschaft besteht aus Funktionssystemen und ob ein Bereich sich zu einem Funktionssystem entwickelt, entscheidet sich einfach an der Frage, ob er eine für die Gesamtgesellschaft wichtige Aufgabe erfüllt.
  2. In dieser Gesellschaft gibt es keinen verbindlichen Höchstwert. Das will ich etwas näher ausführen (s. unten 'Aufbau der Gesellschaft - früher und heute')
  3. keine oberste Lenkungsinstanz für alle Probleme und Fragen: jedes Funktionssystem entscheidet die es betreffenden Fragen selbst. Die Wirtschaft, das Krankenwesen, das Militär, die Medien... die Politik hat die Aufgabe, konsensfähige Programme zu erstellen, die den Zusammenhalt der Gesellschaft sichern – und wie oft das nicht gelingt, wie oft das unterwandert wird, bekommen wir tagtäglich mit. Das heißt aber auch, daß die Politik nie, prinzipiell nie, die Entwicklung der Gesamtgesellschaft steuern kann.

Nun stellt sich die Frage, ok ... Luhmann hat eine Theorie aufgestellt – wie weit taugt sie? Als kompliziertes Sprachspiel würde sie nichts taugen, doch wenn damit mehr und besser die Zusammenhänge der komplexen Gesellschaft verständlich werden... also, mehr kann eine Theorie nicht leisten.

Dazu Luhmann: Eine Theorie "kann die Haltbarkeit sozialer Ordnung weder auf Natur gründen noch auf a priori geltende Normen oder Werte. Was tritt an deren Stelle?

Der seit dem 17. Jahrhundert hierzu angebotene Gedanke lautete zunächst, daß der Grund der Ordnung im Verborgenen und Unerkennbaren liegen müsse. Latenz sei ein notwendiges Ordnungserfordernis. Die Hand, die alles steuere, bleibe unsichtbar. Die Ketten, an denen alles hänge, seien in unerkennbaren Höhen befestigt. Die Handlungsmotive würden ohne eigene Intention durch eine List der Vernunft zur Ordnung gebracht. Metaphern dieser Art waren zugleich Kompromißangebote an die Religionen, die auf je ihre Weise das Unerkennbare loben, bestimmen und formulieren mochten.

Was dann? Worauf kann die Ordnung gegründet werden? Auf eine komplexe Gesellschaft mit eigenständigen Teilsystemen, die je ihren eigenen Leitlinien (Codes) folgen und gerade durch Differenzierung und Verzicht auf Einheitsmaßstäbe dem Ganzen, der Gesellschaft, Stabilität verleihen. Doch werfen wir zur Veranschaulichung zuerst einen Blick auf den Aufbau der Gesellschaft, wie er bis zum Mittelalter war. In diesem Vergleich wird einiges an unserer Gegenwartsgesellschaft deutlicher.

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