Die herrlich nackte Wahrheit der Gefühle

11.09.2003
17226 Views
Bewertung 4.1
Dr. Angela Jekosch
www.die-goetter.de

Echte Gefühle oder falsche?

Ist es wirklich so leicht, mit gesundem Menschenverstand die echten von den falschen Gefühlen zu unterscheiden? Wenn ja - nach welchen Kriterien könnten Sie diese Unterscheidung treffen? Sehen wir uns zunächst die Wirkungen von Gefühlen an.

Jedes Gefühl hat eine bestimmte Wirkung oder Funktion ...:

  • Angst hat die Funktion, daß ich mich auf eine neue, mir noch unbekannte künftige Situation einstellen kann
  • mit Trauer will ich mich von vergangenen Vorlieben, Sicherheiten, Gewohnheiten lösen
  • mit Aggression mache ich mich bereit, Hindernisse zu überwinden
  • Freude schließlich ist ein Ausdruck von Erfolg, bestätigt und bestärkt mein Selbst-Vertrauen.

Echte Gefühle passen zu dem, was ich in der jeweiligen Situation tatsächlich bewirken will. Sie erkennen sie daran, daß Sie ihre Wirkung ...:

  • ... gutheißen, verantworten können, daraus folgt ...
  • ... daß Sie sich über ihre Wirkung freuen.

Kurz: Es sind Ihre Gefühle.

Die Wirkung unechter Gefühle hingegen passen nicht zu dem, was Sie tatsächlich wollen, sondern werfen nur kurzfristig befriedigende Schein-Gewinne ab. Sie erkennen sie daran, daß sie Ihnen mehr oder weniger passieren, nicht Sie, sondern die Gefühle entscheiden und bewirken, daß Sie auf bestimmte Schlüsselreize die Reaktion abspulen, die Ihnen irgendwann mal beigebracht wurde.

Kurz: Es sind anerzogene Gefühle.

Zum Beispiel ist Trauer das passende Gefühl für Situationen, in denen ich mich von jemandem oder von etwas trennen will. Ich muß, sollte oder will mich von alten Bindungen lösen. Wenn wir jedoch irgendwelchen Illusionen nachjagen, oder unsere Gefühle an Erwartungen anderer Menschen ausrichten, so läuft etwas schief. Echte Trauer kann über den Schmerz hinaus auch ein tränenreiches Abschiedsfest sein. Ja, richtig gelesen: Abschiedsfest: Trauer enthält, wenn sie ein echtes Gefühl ist, den Keim der Freude, der Freude auf das Kommende, das nun erst möglich wird. Aber dazu später.

Das Unterscheidungskriterium passend/ unpassend zur Situation auf unechte Gefühle angewandt würde im Falle von Trauer bedeuten: Immer dann, wenn ich mich nicht von etwas trennen will oder einer Trennung nicht zustimmen will, wäre das Gefühl von Trauer fehl am Platz. Laut weinend der Welt mitzuteilen: Ich will ja dies oder jenes unbedingt bewahren, aber die lassen mich nicht – was will ich damit bewirken? Mich verabschieden von dem, was ich will oder den Anspruch aufgeben, daß ich das, was ich will, je können werde? Wäre Aggression, vielleicht auch Neugier nicht passender?

Zugegeben, so einfach es auch ist, echte von falschen Gefühlen zu unterscheiden. Solange ich im Labyrinth unechter Gefühle orientierungslos gefangen bin, wird es schwer sein meine echten Gefühle zu erkennen. In der Transaktionsanalyse werden diese unechten Gefühle als "Maschen" bezeichnet, andere Autoren sprechen davon, daß Menschen in aller Regel "Opfer" ihrer typischen Gefühlsketten werden, insbesondere, wenn sie sich in Stressituationen befinden.

Maschen / Gefühlsketten

Indizien im Alltag, an denen Sie erkennen, daß Sie in einer Gefühlsmasche hängen:

  • Sie sind länger als nötig z.B. traurig, zornig, die Tränen versiegen, der Zorn verrauscht und Sie ertappen sich, wie Sie nach Gründen suchen, neue Tränen, oder eine neue Welle der Wut zu erzeugen.
  • Sie beobachten, daß Sie einige Gefühle oder gar nur eines sehr viel häufiger als andere haben.
  • Sie beobachten, daß Sie in bestimmten Situationen oder bestimmten Menschen gegenüber immer die gleichen Gefühle haben.

In bestimmten Situationen können Menschen ihre Gefühle oder ihr Verhalten nicht verändern. Sie wissen vielleicht, daß es auch andere Möglichkeiten gibt, doch sie können diese Möglichkeiten für sich nicht verwirklichen. Auch wenn sie es wollen, verhalten sie sich doch auf alte, gewohnte Weise.

Woran liegt das?

Im Verlauf der späten Kindheit (6-10) treffen Kinder eine "Entscheidung" darüber, welche Art von Gefühlen für sie erlaubt, geboten oder verboten sind. Sie machen die Erfahrung, daß bestimmte Gefühle von ihren Eltern nicht akzeptiert (ignoriert und bestraft) werden, andere dagegen belohnt werden. Ihre Entscheidung hängt also wesentlich von der direkten (Verbote, Erlaubnis, Gebote) und indirekten (Vorbild) Orientierung durch die Eltern ab. Das heißt: Kindern wird von ihren Eltern beigebracht und vorgelebt, wie man sich in schwierigen/ stressigen Situationen zu fühlen hat.

Da jedes Kind so nur ganz bestimmte emotionale Reaktionen auf Streß kennenlernt, ist es natürlich davon überzeugt, daß diese seine Reaktionen ganz natürlich, sozusagen zwangsläufig, die einzig möglichen oder zumindest die einzig angemessenen sind.

Beispiele für Stress:

  • Prüfungs- oder Überforderungssituationen,
  • meinen Ansprüchen stehen im Konflikt mit anderen,
  • jemand versucht, mich mit allen Mitteln dazu zu bringen oder zu zwingen, daß ich etwas bestimmtes tue,
  • drohender oder tatsächlicher Verlust eines wertvollen Besitzes oder eines geliebten Menschen,

Weiterführende Literatur zu diesem Thema

Gesamtstatistik der Bewertungen

4 Sterne
Wert 4.1
Thema: 4 Information: 4 Verständlichkeit: 4.3
Stimmen: 4 Legende:
5: super - bis 1: erträglich
Views: 17226

Beiträge

Keine Beiträge vorhanden.