Wenn die Gefühle nicht so wollen wie der Wille ...

09.09.2003
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Philognosie Team
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Als eines der häufigsten und ärgerlichsten Hindernisse auf dem Wege der Weiterentwicklung erlebe ich oft diese "kleinen Inkonsistenzen":

  • Jemand, den ich sowieso nicht so gut leiden kann, macht eine abfällige Bemerkung über mich – ich habe mir zwar vorgenommen (und weiß auch, das es besser ist) in solch einem Fall Gleichmut zu üben – aber über diesen blöden Spruch muß ich mich einfach aufregen!
  • Mein Beziehungspartner trennt sich von mir und plötzlich sind alle Überzeugungen, daß ich die Menschen um mich herum ehren will, vergessen und ich ergehen mich in Anklagen und Bösartigkeiten.
  • Ich will eine Übung zur festgelegten Zeit durchführen, aber wenn es denn soweit ist, mag ich einfach nicht mehr - ein warmes Bad ist jetzt doch viel angenehmer und fast genauso entspannend, oder?
  • Ich weiß, daß ich das Ritual mit ganzem Herzen und vollem Einsatz zelebrieren sollte, aber das ist mir heute doch irgendwie zu anstrengend und ich leiste es lediglich formal ab.

Eine Liste dieser Art kann mit Sicherheit jeder von uns aufstellen und ad infinitum ergänzen.

Der gemeinsame Nenner ist – alltagssprachlich ausgedrückt – wir wollen das eine, aber unsere Gefühle spielen nicht mit und möchten lieber etwas anderes, zumindest kurzfristig angenehmeres: unser Wille und unser Gefühl sind uneins.

Für den normalen Menschen mag dieser Zustand schon leidlich unangenehm sein, auch wenn er mit solchen ritualisierten Handlungen wie den "Guten Vorsätzen fürs neue Jahr" zum amüsanten Gesellschaftsspiel erhoben wird – kaum einer rechnet ja damit, daß solch ein Vorsatz eingehalten wird. Für den Magier allerdings ist dieser Zustand absolut tödlich.

Aleister Crowley formuliert es in "Magick" folgendermaßen:

"Die Mehrheit der Leute in dieser Welt sind ataxisch (Anm. d. Autors: ungesteuert). Sie können ihre mentalen Muskeln nicht koordinieren, um eine bestimmte Bewegung auszuführen. Sie haben keinen wirklichen Willen, nur eine Gruppe von Wünschen, von denen viele anderen widersprechen. Das Opfer schwankt von einem zum anderen, und am Ende des Lebens heben sich die Bewegungen gegenseitig auf. Nichts wurde erreicht außer das Eine, dessen sich das Opfer nicht bewußt ist, die Zerstörung seines eigenen Charakters, die Bestätigung der Unentschiedenheit."

Genau den entgegengesetzten – und wünschenswerteren - Zustand können wir auf dem Tarottrumpf VII, Dem Wagen abgebildet finden:

Wir sehen den Wagenlenker, der den heiligen Gral trägt, der "das Blut des freiwilligen Opfers" enthält. Dieses Blut symbolisiert "die Anwesenheit des Lichtes in der Finsternis." Der Wagen selbst ist offensichtlich ein Mittel der Fortbewegung. Wir können den Wagenlenker mit dem Geist gleichsetzen, der sich im Körper (seinem Vehikel) befindet.

Vor den Wagen angespannt sind 4 Sphinxen, welche aus den 16 Unterelementen zusammengesetzt sind. Diese elementaren Kräfte repräsentieren (in Sinne dieses Artikels) die Emotionen.

Der Wagenlenker kümmert sich nicht darum, den Wagen zu lenken, da sich sein Wille im völligen Einklang mit seinen Emotionen befindet. Das befähigt ihn dazu, sich völlig in die Betrachtung des heiligen Grals zu versenken. Der Lenker thront mehr auf dem Wagen, als daß er ihn aktiv führen müßte. Auch befindet sich das ganze Bild im Zustand der (äußeren) Ruhe. Der Wagen muß sich nicht mehr selbst bewegen, da sich das Universum in seine Richtung bewegt und der Wagenlenker so seinem Ziel näher kommt!

Aus diesem Bild ergeben sich verschiedene nutzbringende Fragen zur Kontemplation, hier seien zwei genannt:

  • was für Tiere sind es, die ich vor meinen Wagen gespannt habe, damit sie mich vorwärtsziehen: die Tiger des Zornes? Behäbige Schildkröten? Einsame Wölfe? Oder gar Tiger mit Schildkröten gemischt? Und was verlangen sie von mir an Nahrung?
  • wohin schaue ich? Nach Außen? Nach Vorne? Oder nach Innen? Der Wagenlenker hat es nicht einmal mehr nötig, nach vorne zu schauen, denn er weiß, daß er sich seinem Ziel nähert, wenn er sich in den Gral versenkt.

Die Bedeutung der Karte wird noch einmal treffend in folgendem Zitat zusammengefaßt: "Der Geheimnis der Selbstvollendung ist die Transformation von Volition in Motivation!

Jede Emotion färbt unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser Erleben. Schlechte Feelings machen auch leichte Taten zu großen Anstrengungen. Wir lassen unsere Gefühle zu, aber dann schauen wir sie genau an – und lassen unser Handeln nicht von ihnen bestimmen."

Ich vermute allerdings, daß sich die wenigsten von uns bereits in diesem segensreichen Zustand des idealen Wagenlenkers befinden. Also mag es hilfreich sein, wieder zum mehr Alltäglichen zurückzukommen. Ich halte es dabei für notwendig, die beiden Begriffe Gefühl bzw. Motivation und Volition bzw. Wille noch etwas genauer zu betrachten.

Alltagssprachlich herrscht hier durchaus einige Verwirrung. Häufig verwenden wir beide Begriffe unscharf und verwechseln den einen mit dem anderen. Wenn ich sage: "Ich will jetzt ein Erdbeereis!" und mir dann überlege, daß mir der Weg zum Supermarkt durch den herbstlichen Regen nun doch zu unangenehm ist und daß es doch sowieso zu kalt zum Eis essen ist, etc. dann habe ich den Begriff des Willens in einer anderen Art verwandt, als er hier gemeint ist, nämlich eher in der Bedeutung von "mögen".

Auch ein Blick in philosophische oder psychologische Wörterbücher bringt uns nicht viel weiter, denn hier herrscht ein Überangebot an unterschiedlichen Theorien und Modellen. Manchmal werden beide Begriffe synonym gebraucht, manchmal der eine unter den anderen subsumiert oder der eine als Entstehungsgrund des anderen angeführt.

Also werde ich im Folgenden eine eigene Definition entwickeln.

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