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| Wenn die Emotionen hoch gehen, wirkt eine Zigarette bei Raucherinnen und Rauchern Beruhigungs-Wunder. Foto: Klug |
"Rauchen dient ganz wesentlich der Emotionsregelung", diese Aussage kann Univ.-Prof. Dr. Günter Schulter vom Institut für Psychologie (Abteilung Biologische Psychologie) nun mit noch größerer Berechtigung als bisher treffen. Denn in einer intensiven Studie an Rauchern und Nichtrauchern beider Geschlechter hat sich gezeigt, dass Nikotin erheblich bestimmte Bereiche des Großhirns beeinflusst, die für momentane Stimmungen zuständig sind.
Die Ergebnisse zusammengefasst: Ein Aktivitätsungleichgewicht zwischen rechtem und linkem orbitalen präfrontalen Cortex (den Gehirnregionen unmittelbar hinter der Stirn) kann bei Nikotin-Abhängigen durch den Griff zur Zigarette ausgeglichen werden. Und damit wird auch seelisches Gleichgewicht erreicht.
Schon seit längerem steht das Thema "Emotionsregelung" im Brennpunkt von psychologischen und anderen Forschungen. Was geschieht hier im komplexesten Organ, das der Mensch zur Verfügung hat? Schon lange ist auch bekannt, dass ganz verschiedene Bereiche des Gehirns – stammesgeschichtlich ältere und jüngere – in einem komplexen Wechselspiel zusammenwirken. Besondere Aufmerksamkeit haben dabei Regionen der Gehirnrinde erhalten, die offenbar mit langfristigen und kurzfristigen Stimmungsschwankungen zu tun haben. So hat sich gezeigt, dass der dorsolaterale Cortex bei mittel- und langfristigen Depressionen und Angststörungen Ungleichgewichte in der Aktivierung zeigt.
In Graz hat man sich nun dafür interessiert, welche Muster im noch davor liegenden orbitalen präfrontalen Cortex wirksam werden, die eine Rolle bei kurzfristigen Stimmungsschwankungen spielen. Im Visier von Günter Schulter, Ao.Univ.-Prof. Mag. Dr. Ilona Papousek und allen weiteren an diesem FWF-Projekt Beteiligten stand dabei der Stress. Anspannung zeigt sich nämlich im EEG unter anderem darin, dass die linke und die rechte Seite dieser Regionen unterschiedlich stark aktiviert sind.
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| Balken eins zeigt den Grad der Anspannung, Balken zwei die Entspannung. Sie ist größer, je weiter nach rechts der Balken verschoben ist. Foto: Schulter |
136 Frauen und Männer – Raucher und (als Kontrollgruppe) Nichtraucher – wurden in einer aufwändigen Studie daraufhin untersucht, wie sich momentaner Stress auswirkt. Von besonderem Interesse war dabei der entlastende Griff zur Zigarette: Kann man die – subjektiv empfundene – entspannende Wirkung der Zigarette auch messen? Stress wurde durch die Untersuchung selbst erzeugt. Für die 136 Freiwilligen aus einem Querschnitt der Bevölkerung bedeuteten die mehrstündigen Messungen mit dem EEG und anderen Methoden durchaus stressige Situationen. Besonders für die Nikotin-Abhängigen war es hart, längere Zeit auf die Zigarette verzichten zu müssen. Dies zeigte sich ganz deutlich in den Aktivierungsdifferenzen zwischen linkem und rechtem Teil des untersuchten Gehirnareals. Nichtraucherinnen und Nichtraucher erlebten eine schwache Verschiebung nach links, Raucherinnen und Raucher eine stärkere und starke Raucherinnen und Raucher eine sehr deutliche Verschiebung.
Kommt die Entlastung in Form von Nikotin (und den anderen Rauchinhaltsstoffen), dann reguliert sich die Differenz bei schwachen Süchtigen zurück – Stimmungsgleichgewicht wird erreicht. Bei besonders Abhängigen schlägt das Pendel sogar ins Gegenteil aus; bei ihnen verschiebt sich die Aktivität im orbitalen präfrontalen Cortex nach rechts. Eine der Folgerungen daraus ist klar: Mit dem Rauchen aufzuhören, fällt den Abhängigen schwer, weil sie sich der Entlastung berauben.
Gekoppelt waren die Untersuchungen mit einem Persönlichkeitstest. Hier bestätigte sich die These, dass Nichtraucherinnen und Nichtraucher im Schnitt am wenigsten "Ängstlichkeit" und Stress empfinden, Nikotin-Abhängige stärker. Überraschend war der Befund, dass starke männliche Raucher tendenziell wiederum weniger Affekte und Ängste erleben. Zigaretten-Süchtige empfinden sich übrigens ganz allgemein als geselliger als "Abstinenzler".
Für Schulter eröffnen die Ergebnisse nicht nur neue Fragen, sondern auch neue Perspektiven. Weil die gesamte Hirnregion als das Zentrum der Willensbildung gilt, ergibt sich eine interessante Schlussfolgerung: Wie weit könnte der Mensch durch willentliche Anstrengung seine Emotionen steuern? Und das ist ja tatsächlich so, denn nicht nur beginnen jährlich Tausende mit dem Rauchen, sondern es hören auch Tausende damit auf. "Der Prozentsatz an Raucherinnen und Rauchern in der Gesellschaft bleibt im Grunde stabil", erläutert Schulter.
Längst will man auch direkt in diese Regionen therapeutisch eingreifen. Vor allem von der so genannten Magnetstimulation verspricht man sich einiges. Aber gerade die Ergebnisse der Studie zeigen, dass es hier bemerkenswerte geschlechterspezifische Unterschiede gibt: Eine "Standardtherapie" dürfte also zur Bekämpfung von massiven Depressionen oder anderen Angststörungen nicht genügen. Auch die Pharmaindustrie erhofft sich bessere Medikamente, wenn diese unterschiedlich auf die linke beziehungsweise rechte Gehirnhälfte wirken und daher das (Un-)Gleichgewicht verschieben.
Auch wenn es noch wie Sciencefiction klingt: Der nächste Schritt besteht dann darin, mittels "Biofeedback" willentlich Kontrolle über die Emotionen auszuüben. Vereinfacht gesprochen: Die Versuchsperson sieht in Echtzeit am Bildschirm, wie sich die Aktivierungsmuster im Cortex verteilen. Dadurch kann sie lernen, diese Muster in die gewünschte Richtung zu verschieben und damit willentlich zu kontrollieren. Derzeit allerdings müssen erst die apparativen Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Vorerst also hilft sich ein guter Teil der Bevölkerung intuitiv und greift zum Glimmstengel.
Norbert Swoboda
Quellenangabe:
| Das Forschungsmagazin der Universität Graz | |
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Orignialartikel: Wenn das Hirn raucht Chefredakteur: Dr. Christian Reiser Chef vom Dienst: Mag. Dagmar Eklaude |
Wert 4.3 |
Thema: 4.3 | Information: 4.3 | Verständlichkeit: 4.4 |
| Stimmen: 7 | Legende: 5: super - bis 1: erträglich |
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