Magische Wiederverzauberung der Welt

12.08.2003
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Philognosie Team
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Über das Aufleben alter religiöser Traditionen

Der Wandel der Religion in der modernen Gesellschaft wird in der Soziologie mit zwei zentralen Begriffen beschrieben: der Entzauberung der Welt und der Privatisierung der Religion. Letztere sagt aus, daß in modernen, individualisierten Gesellschaften an die Stelle einer früher allgemeinverbindlichen Gemeinschaftsreligion eine freigewählte, private Religiosität tritt - ein sogenannter "religiöser Fleckerlteppich" aus Traditionen und Praktiken der verschiedensten Religionen rund um den Globus.

Privatisierung der Religion heißt aber auch, daß sie in die ihr "zustehenden" Bereiche verwiesen wurde. Mit der zunehmenden Industrialisierung, Technisierung und Rationalisierung der westlichen Welt wurde Religion aus Wirtschaft (wo erstere besonders für die ländliche Bevölkerung einen überaus hohen Stellenwert einnahm) und aus der Politik ins Privatleben verdrängt und zu einem Hobby degradiert, das man bei Bedarf in seiner Freizeit ausüben kann.

In den letzten Jahrzehnten kam es durch diese "Unterdrückung" zu einer Renaissance des Religiösen, einer "Wiederverzauberung" der Welt als Reaktion auf das Unbehagen, in einer hochgradig technisierten und rationalisierten Gesellschaft leben zu müssen.

Historischer Rückblick

Erinnern wir uns an die eingangs erwähnte Entzauberung der Welt. Diese besagt, daß in dem Maße, in dem es den Menschen möglich wurde, lebenserhaltende und -bedrohende Vorgänge in der Welt zu kontrollieren und zu gestalten, der Glaube schwand, daß diese Ereignisse durch Geister, Götter oder andere übernatürliche Kräfte verursacht wurden. "Irrationale" Magie zur Besänftigung der Naturmächte wurde durch "rationale" Wissenschaft und Technik ersetzt.

Dabei kann Magie sehr wohl als erster Versuch gesehen werden, die Natur zum Wohle des Menschen zu beeinflussen und zu gestalten, um das eigene Überleben zu sichern - eben das, was wir heute von Wissenschaft und Technik erwarten. Im Katholizismus hat sich dieser Glaube an die Magie bis in die Neuzeit gehalten. Mit rituellen Praktiken wie Beichte oder Wallfahrten kann man sich die göttliche Gnade vom Magier, d.h. Priester, "erkaufen". Im Protestantismus hingegen hat der Klerus seinen früheren Status als "Zauberer" längst verloren und muß seine Glaubwürdigkeit durch die persönliche Lebensführung unter Beweis stellen.

So verliert auch durch den heute vorherrschenden Überfluß an Nahrungsmitteln die Forderung der Religion, sich des Wohlwollens höherer Mächte zu versichern, jegliche Plausibilität. Religiöse Alltagsrituale wie das Tischgebet als Dank für das tägliche Brot werden bedeutungslos, da jeder weiß, daß der verantwortliche Gott kein höheres Wesen ist, sondern Wissenschaft heißt. Technisierung und Rationalisierung hatten zweifelsohne auch ihre Schattenseiten.

In den 60er bzw. 70er Jahren war das Bedürfnis zur Rückkehr zu einer ursprünglicheren Lebensform schließlich so stark geworden, daß es seinen Ausdruck in zwei Bewegungen fand: der Ökologiebewegung und der New-Age-Bewegung. Letzterer geht es um die Rückbesinnung auf das ganzheitliche, esoterische Wissen früherer Zeiten und anderer Kulturen. Dieses Denken beruft sich nicht auf die Existenz übernatürlicher Wesen oder Mächte, sondern versucht, die Vorgänge in der Welt aus natürlichen Kräften und Prozessen zu erklären, die nicht im Widerspruch zur modernen Wissenschaft stehen. Im Gegenteil, die Bemühung ist, beide miteinander in Einklang zu bringen.

Eine neue Sicht der Welt

Das neue Weltbild, wie es zum Beispiel Fritjof Capra formuliert, richtet sich gegen die in der modernen westlichen Gesellschaft vorherrschende "mechanistische" Rationalität, die auf Newton zurückgeht. Durch die Zergliederung des Universums konnte das westliche Denken zwar außergewöhnliche Leistungen erbringen, richtete u.a. aber auch viele Umweltschäden an, da ihm durch die Spezialisierung in unzählige Fachgebiete der Blick für das Ganze und die gegenseitige Abhängigkeit der Teile abhanden gekommen ist.

Erst mit Einstein und den Forschungen auf dem Gebiet der Quantenphysik wurde auf wissenschaftliche Weise wieder die Verbindung von Energie (=Geist) und Materie hergestellt. Und ebenso müsse nach dem Glauben der New-Age-Aktivisten auch die Gesellschaft als Ganzes diese mechanistischen Vorstellungen, die Gott zum Uhrmacher und die Menschen zu Rädchen machen, überwinden und zu einem holistischen Denken finden.

Alte Weisheiten

Parallelen zu diesem neuen Paradigma der Ganzheitlichkeit finden sich in den jahrtausendealten Ideen der östlichen Philosophie und Mystik, daß nämlich hinter der Vielfalt der Dinge letztlich eine Einheit stehe, die im Taoismus etwa als Tao bezeichnet wird.

Daß Anhänger der New-Age-Bewegung keineswegs allesamt verschroben sind und am Rande der Gesellschaft stehen, zeigt sich zum Beispiel darin, daß die westliche Schulmedizin mittlerweile dazu übergegangen ist, traditionelle Heilmethoden wie Akupunktur oder Homöopathie in ihr Repertoire aufzunehmen.

Gott, Teufel und Hölle sind out

Dieses Rückbesinnen auf magisches Wissen früherer Epochen, diese Wiederverzauberung, spiegelt sich auch in den internationalen Umfragen wider, die Höllinger ausgewertet hat. So ist in Europa zwar der Glaube an eine unpersönliche, abstrakte höhere Macht und ein (unspezifisches) Jenseits in stetigem Steigen begriffen, der Glaube an einen leibhaftigen Gott, Teufel und Hölle jedoch nimmt ab.

Dieser "Höllenverlust" ist darauf zurückzuführen, daß kirchliche Moralvorstellungen und Gebote nicht mehr mit dem Selbstverständnis der heutigen Menschen übereinstimmen. So werden z.B. empfängnisverhütende Mittel und Sex vor der Ehe als normal und positiv angesehen. Für die meisten Menschen ist es nicht mehr nachvollziehbar und äußerst befremdlich, daß man deshalb im Jenseits bestraft werden und ewige Höllenqualen leiden sollte.

Dagegen ist in den USA der Glaube an einen persönlichen Gott, Himmel und Hölle unter den deklarierten Gläubigen unverändert hoch. Vielleicht deshalb, weil die Amerikaner im Gegensatz zu den Europäern in Gott nicht einen allmächtigen, einschüchternden Vatergott sehen, sondern einen modernen, wohlwollenden, demokratischen Gott. Eine mögliche Erklärung für den stärkeren Glauben der Amerikaner an die Hölle könnte sein, daß das Gewaltniveau dort wesentlich höher ist als in Europa. Bestätigung würde das z.B. in der Beibehaltung der Todesstrafe finden, die man als eine Art Vorgeschmack auf die Hölle ansehen könnte.

Was mögliche zukünftige Entwicklungen betrifft, kommt Höllinger zu dem Schluß, daß die New-Age-Bewegung nicht bloß ein kurzfristiger Pendelausschlag gegen die Überbetonung der formalen Rationalität in den modernen westlichen Gesellschaften ist, sondern er hält die Verbannung des Mystischen aus dem Leben der Menschen vielmehr für eine unerreichbare und auch gar nicht wünschenswerte Utopie.

Und wer spürt nicht selbst, daß es neben der Rationalität auch noch eine "andere Seite der Wirklichkeit" gibt?

Hanspeter Kriegl

Quellenangabe:

Das Forschungsmagazin der Universität Graz
Orignialartikel: Magische Wiederverzauberung
Chefredakteur: Dr. Christian Reiser
Chef vom Dienst: Mag. Dagmar Eklaude
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