Deutsche Mythologie II: Die Göttinnen der Südgermanen

13.08.2003
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Eire Rautenberg
  

Tanfana

Die Istaevonen verehrten neben dem Tiwaz Istwaz seine Gemahlin, die Tanfana. Tacitus erwähnt das Bundesheiligtum der Göttin, das dann wohl auf dem Istenberg lag. Die Erdgöttin Tanfana feierte ihr Fest Ende September oder Anfang Oktober zum Herbstanfang. Mit der absterbenden Vegetation zogen sich die Geister der Abgeschiedenen in das Innere der Erde zurück und die Erntefeier wurde bei Gelagen und fröhlichen Gesängen zugebracht. Tanfana oder Tabana ist die Opfergöttin (angelsächs. = tiber, tifer, indogerm. Wurzel dap = teilen, verteilen).

Das Volk dankte nach der glücklich eingebrachten Ernte der Tanfana, die am Ende des Festes ihre Gaben empfing. Tanfana bedeutet auch "Nahrung verleihen, Ernte spenden". Tanfana Thambana heißt in der langen Version: "die Göttin der Fülle und des Reichtums" (got. = bamba = Fülle, norw. = temba = füllen, stopfen).

Die südgermanische Erdgöttin hat viele Namen. Daher heißt sie allgemein Hludana, Hlu-Dana, die "Vielgenannte, Vielarmige", die "Vielseitige Mutter der Erde".

Frija

Die gemeingermanische Bezeichnung für die oberste Himmelsgöttin war Frija (urgerm. Frijo gehört zu sanskrit prija = Gattin, Geliebte). Der Name bedeutet auch "die Freie, die Frau, die Herrin" (domina). Die Frau ist ihrem Namen nach bereits Göttin. Die Wurzel ‚wip‘ (Weib) bezieht sich mehr auf das Geschlecht.

Bei allen Mannus-Stämmen ist nach ihr der Wochentag Friatag, unser Freitag benannt. Frija muß also von allen Germanen gleich hoch gestellt und überall in der Urzeit als allgemeine Gattin des Tiwaz verehrt worden sein.

In der ersten Periode war sie dessen Gemahlin, in der zweiten die des Watanaz. Hatte ehedem der strahlende Himmelsgott um die Erde gefreit, so warb nun der nächtliche Gott um die Jungfrau Sonne. Zu Wodans Zeit wurde das Sonnengold als ihr Schmuck, Schatz oder Hort aufgefaßt. Wie der Germane seine Tochter nicht ungeschmückt aus dem Haus entließ, so stattete er die des Morgens am Himmel erscheinende Göttin mit einem großen, leuchtenden Halsband aus, dem Brisingamen, dem Sonnengold.

Brisingamen bedeutet im übertragenen Sinne: Gedächtnis, Erinnerung.

Dies ist das legendäre Halsband der Brisinge, "der Zusammenflechter": der Himmelskönigin eigener unbezahlbarer und unzerstörbarer Schmuck und Schatz.

Von diesem Halsband soll die Stadt Dortmund ihren Namen haben (Throtmani, Throtmenni; althochdtsch minnia / menni = das Halsband).

In der langobardischen Stammsage thront Frija neben Wodan im goldenen Himmelssaale, der sogenannten Glanzhalle (die deutsche Bezeichnung für das nordische Walhall) und lenkt mit weisem Rat die Geschicke ihrer Verehrer. Sie soll musiziert haben, zuletzt aber im Wasser verschwunden sein, so wie Nerth. Als himmlische Wolkengöttin erregt sie, gleich der Frau Holle, Schnee und Wirbelwind.

Hel‘s (Holles) Herrschaftsbereich heißt Nebelheim. Sie ist eine unterirdische Göttin, der dunkle Aspekt der Sonnengöttin, die Sonnenfinsternis, die dunkle Seite der Sonne. Man sagt, Hel sei vor Urzeiten von Watanaz aus dem Himmel nach Nebelheim hinabgestürzt worden. Ursprünglich sei sie eine helle, lichte Göttin gewesen. Vermutlich begegnet uns hier die alte Mythe vom Sturz der Göttin durch ihren Sohn; der Abstieg des Matriarchats und seine Verdrängung in die Unterwelt, in das Unterbewußtsein; sowie der sagenhafte Untergang der Atlantis in die Tiefsee.

Die griechischen Demeter-Mythen, die babylonische Göttin Ereschkigal und der christliche Kult der Schwarzen Madonnen sind analog.

Die Volkssage von Frau Holle ist über den größten Teil Deutschlands verbreitet. Die Holle selbst wird als ein freies, eheloses Weib von wunderbarer Schönheit mit langem, goldgelbem Haar geschildert. Der Leib ist weiß wie Schnee und in ein langes weißes Gewand gekleidet. Ein Schleier hängt über ihren Rücken oder verbirgt ihr Gesicht, zuweilen ist sie wie Nehalennia ganz in einen Mantel gehüllt.

Erst die Christen veränderten die lichte, glänzende Göttin, die eindeutig Frijas Aussehen (und das der Lure, der Loreley) hat, in ein wildes, unheimliches Weib.

Frau Holle waltet über die Seelen der Menschen. Nach merkwürdiger uralter Überlieferung spinnt sie aus dem Flachs, den sie im Harz findet, ein Netz und fängt mit ihm die, die im nächsten Jahr sterben sollen. Als Wodans Gemahlin führt sie die wilde Jagd an, das Heer der Geister. Sie reitet zuweilen, wie der Schimmelreiter auch, ein prächtiges weißes Pferd, das knapp über den Waldrand gallopiert. Frau Holle wohnt unterirdisch in den Brunnen und in den Bergen. Ihr Name Berta, Berchte bedeutet ‚weiß wie Schnee‘.

Meistens wird Frija als Göttin der Liebe aufgefaßt, vergleichbar der Venus (röm.), der Aphrodite (griech.), auch der Hathor (ägypt.).

Sie besitzt starke Zauberkräfte und soll, ihrem Gatten gleich, durch viele Länder gereist sein, auf der Suche nach ihm. Man nannte sie dort "Mardöll", "Hörn", "Gefu" oder "Syr" (Sau).

Im nordischen Raum verehrte man sie als Herrin der Disen, demnach war sie Heilerin und Geburtshelferin, denn die Disen (altgerm. Hage-Disen, Hage-Zussen, die später von den Christen Hexen genannt wurden) waren mit allen Heilkräutern der Erde vertraut. Mit ihren Zauber- und Heilkräften hegten (hegen, hagen = Hagalrune) und schützten sie das allumfassende Leben. Das Wort Dis (Disen) galt im germanischen Sprachraum als Kollektivbezeichnung für Göttinnen im allgemeinen und für Hebammen im speziellen.

Frija ist außerdem die Meisterin der Verführungskünste. Die schöne Göttin kann ihre Anhänger reich beschenken, denn sie besitzt eine Truhe/Kiste/Dose voll kostbarem Geschmeide, die von ihrer Dienerin bewacht wird. Das Sonnengold, der erwähnte Brisingschmuck, soll von den Elementargeistern der Erde hergestellt worden sein und zauberhafte Anziehungskraft besitzen. Um ihn zu erringen, beging Frija Ehebruch und schenkte ihnen vier Liebesnächte. Seitdem steht sie als Himmelsgöttin mit den magischen Mächten der Erde in enger Beziehung.

Vermutlich ist das Märchen Schneewittchen und die sieben Zwerge in diesem Zusammenhang entstanden.

Frija ist die Hüterin der Schätze der Erde, der wertvollen Edelsteine. Das Volk sagte, "in der Rinne (Rhein), in ihrem Schoß, lägen alle Schätze, auch das Gold".

Neben ihrem fliegenden Schimmel besitzt sie ein Falkengewand und ein Schwanenkleid, die sie auf Flügeln durch die Lüfte tragen. Sie ist die Schwanzauberfrau, das Swanwitchen, das Schneewittchen.

Auf der Erde reitet die Göttin auf einem goldenen Eber, ihrem heiligen Tier ( = unser Glücksschwein soll hier seinen Ursprung haben!), oder sie spannt Katzen vor ihren festlichen Umzugswagen, der dann wie der von Nerth durch die Lande zieht. Katzen durfte man kein Leid antun, weil sie Frijas heilige Tiere und - ebenso wie die Eber und die Säue - ihre Glücksboten waren.

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von Eire Rautenberg

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