"Wer Schmetterlinge lachen hört ..."

01.08.2003
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Eire Rautenberg
  

Der indianische Weg des Clowns

Die heiligen Indianerclowns werden oft so dargestellt, als seien sie nur dazu da, den tödlichen Ernst der Zeremonien durch komische Einlagen aufzulockern.

Ein Medizinmann der Apachen erklärt dazu: "Die Leute denken, der Clown sei nichts, er sei nur zum Spaß da. Das ist nicht so. Wenn ich andere maskierte Tänzer mache und die Dinge dadurch nicht zurechtrücken kann, dann mache ich den Clown und der versagt niemals. Viele Leute, die über diese Dinge Bescheid wissen, sagen, daß der Clown der Mächtigste ist."

Dem Clown (heyokah/heyeokah) der Sioux erscheint in einer großen Vision das Donnerwesen. Dessen Stimme ist der Donnerschlag, seine Blicke blitzartig. Durch eine heyokah-Zeremonie wird das in der Vision gegebene Versprechen eingelöst, auf der Erde als Mensch für das Donnerwesen zu arbeiten. Wer dem Donnerwesen nicht durch Clownerien dienen wollte, den erschlug ein Blitz aus seinem Auge. Ein heyokah - weiblich oder männlich - macht viele scheinbar törichte Dinge: er reitet z.B. rückwärts auf seinem Pferd und hat dabei die Stiefel verkehrt herum an.

Dadurch drückt er aus, daß er zugleich kommt und geht. Der indianische Clown deckt die Paradoxa des Lebens auf und regt sein Volk dadurch zum kreativen Nachdenken an. Er wickelt sich in Decken ein, wenn es brütend heiß ist, und er sagt immer ja, wenn er nein meint.

Lahmer Hirsch sagt dazu: "Während er herumalbert, führt der Clown in Wirklichkeit eine spirituelle Zeremonie aus."

Diese Handlungen offenbaren das Wissen um eine andere Wirklichkeit: eine gestaltlose Welt reiner Kraft und Energie, deren Symbol der Blitz ist. Nach einer Aussage von Schwarzer Hirsch geht es darum, "die Leute zuerst heiter und glücklich zu machen, so daß es für die Kraft leichter ist, sie zu besuchen." Durch die widersprüchliche Arbeit des heyokah werden sie zum Lachen gebracht und für die unmittelbare Erfahrung geöffnet. Der Beginn religiöser Zeremonien ist bei einigen Stämmen erst dann möglich, wenn alle Leute (vor allem die Fremden) gelacht haben.

Doch der rituelle Humor, den der heyokah im Laufe eines Festes entwickelt, löst dann meistens alles andere als heiteres Einverständnis aus und soll das auch gar nicht. Den verrückten Tänzern der Arapaho sagt man nach, sie verhielten sich so lächerlich wie möglich und belästigten jeden im Lager; der Hanswurst der Cahuilla in Südkalifornien ärgert die Leute, indem er ihnen glühende Kohlen auf den Rücken fallen läßt oder mit Wasser spritzt.

Und die Falschen Gesichter der Irokesen schaufeln beim Betreten eines Hauses glimmende Asche mit den Händen aus der Feuerstelle und sprühen damit um sich, so daß alle schreiend durcheinander laufen. Die Clowns der Assiniboine und Navajos erschrecken ihre Zuschauer auf deftige Art. Manchmal wechseln die scherzhaften Dinge zu ausgesprochenem Terror. In der visionären Erfahrung der Clowns der great plains ist ein Hinweis auf die Bedeutung des potentiellen Terrors enthalten. Dazu Schwarzer Hirsch:

"Wenn eine Vision von den Donnerwesen im Westen kommt, dann kommt sie mit Schrecken, wie ein Gewitter. Aber wenn der Sturm der Vision vorbei ist, dann ist die Welt grüner und glücklicher. Denn wo die Wahrheit der Vision über die Welt kommt, ist sie wie Regen. Die Welt ist nach den Schrecken des Sturms einfach glücklicher."

Wer durch diese stürmische Erfahrung gegangen und ein Visionär, ein heyokah, geworden war, konnte zukünftig dem Blitz seiner Furcht standhalten. Er hatte die Angst überwunden, eines der größten Hindernisse auf dem spirituellen Weg. Der heyokah betrachtete sich zukünftig als Visions-Zünder für seine Stammesangehörigen.

Bei den Sioux und Cheyenne war es üblich, diese Visionen vor dem ganzen Stamm darzustellen. Die heyokah wurden auch Gegenteiler genannt, weil sie immer eine andere Meinung als die übliche vertraten. Sie stellten Falschheit als Wahrheit dar und umgekehrt. Daraus ergab sich eine sinnvolle Spiegelung des Gesamtbildes und der beratende Kreis konnte seine Ansichten noch einmal überdenken, bevor ein endgültiger Beschluß gefaßt wurde, bei dem die Gegenteiler allerdings kein gültiges Stimmrecht hatten.

Als Gegenteiler bauten sie Hütten, wo das Innere außen, das Äußere innen und der Rauchabzug an der falschen Seite war. Sie gingen in Lumpen gekleidet rückwärts ein und aus, setzten sich an die Tipis, mit den Beinen an der Wand hoch und dem Rücken auf der Erde, während sie ihren Rat gaben. Das löste allgemeines Lachen aus, und nicht selten fand ihre paradoxe Weisheit ein Gehör, auch wenn sie nicht wählen durften.

Verrückt, wie sie waren, jäteten sie Unkraut rückwärts, indem sie hinter ihnen stehende Pflanzen durch die Beine hindurch ergriffen.

Angeblich handelten sie so schnell wie der Blitz im Sturm, um dadurch eins mit der heiligen Macht zu werden. Nach indianischer Vorstellung sollte sich ein heyokah von allen üblichen Denkweisen befreien, besonders in den Fragen: "Was ist heilig?" oder "Was ist gefährlich?"

Die Frage der Heiligkeit war für die indianischen Clowns einfach zu beantworten. Da alles heilig für sie war, war auch nichts heilig! Und so betrachteten sie jegliche Tabuisierung als willkommene Herausforderung. Daß die indianische Religion einen Raum für die zersetzende, verrückte, aber auch kreative Kraft des Narren hat, ist vielleicht ihre größte Stärke. Der Revolutions-Freibrief des Clowns ist bei einigen indianischen Nationen im heiligen Text des Schöpfungsmythos enthalten.

Der erste koshari (Clown) der Acoma "war immer in Bewegung, stachelte die Leute auf, redete Unsinn oder sprach rückwärts. Er redete laut an heiligen Orten, obwohl es dort sehr still sein sollte. Da er nichts als heilig ansah und vor nichts Angst hatte, hatte er überall Zugang."

Natürlich konnten die Stammesangehörigen mit so einem Energiebündel nicht ständig leben, so daß sie ihn hauptsächlich um Hilfe riefen, wenn es um neue Ideen und kreative Gedanken ging.

Die Acoma vermeiden bewußt durch die Zulassung des Clowns das Erstarren ihrer Religion durch immer mehr Esoterik!

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von Eire Rautenberg

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