"Wer Schmetterlinge lachen hört ..."

01.08.2003
35411 Views
Bewertung 3.8
Eire Rautenberg
  

Die Narrheit besitzt noch eine andere Macht, die nicht weniger magisch ist: jene, die Götter und Menschen in gute Laune versetzt. Selbst die Kirche gestattete sich in alten Zeiten lustige Predigten, wovon wir heute nur träumen können.

Ein Franziskanermönch (die Kinder des heiligen Franziskus waren seit jeher zu Streichen aufgelegt) trägt eines Tages die Leidensgeschichte Jesu Christi vor. Er beginnt ein Kreuz zu schlagen und sagt: "Im Namen des Vaters", hält inne, zögert, beginnt von neuem: "Im Namen des Vaters", hält wiederum inne, wiederholt dies mehrere Male, bis er schließlich hinzufügt: "Ich suche den Sohn und finde ihn nicht.

Was ist aus ihm geworden? Ah, er ist der Raserei seiner Feinde erlegen und ist wahrscheinlich tot. Ja, meine Brüder, er ist tot! Und ich werde euch sagen, wie ..."

Und Gabriel Barletta, ein neapolitanischer Dominikaner im 15. Jahrhundert, berühmt auch er für seine drastischen Predigten, fragte eines schönen Sonntags seine verblüfften Zuhörer, an welchem untrüglichen Zeichen die Samariterin erkannt hatte, daß Jesus Jude sei?

Die damaligen lockeren Zungen erfüllten wunderbar ihren Zweck, denn sie brachten Männer und Frauen auf die Kirchenbänke. Die Kirche zeigte damals noch nicht die säuerliche und langweilige Miene, die sie sich später zulegen sollte. Sie hatte noch Humor und Lebendigkeit.

Wenn man vom Zusammenhang zwischen Narrentum und Christentum spricht, muß man die Goliarden erwähnen. Das Wort bezeichnete im Mittelalter Geistliche, die aus Klöstern entflohen waren und die Welt als Gaukler durchstreiften. Diese Außenseiter der Kirche - nicht mit den Wandermönchen, die es zu allen Zeiten gab, zu verwechseln - tauchten im 12. und 13. Jahrhundert in ganz Europa auf, besonders aber in Frankreich und Deutschland. Sie gaben sich als Jünger des legendären Bischofs Golias aus, dem Prototyp eines liederlichen Priesters, dem zahlreiche zotige Lieder zugeschrieben wurden.

Das Phänomen der Goliarden hat bei Historikern nur selten Beachtung gefunden. Dabei muß es, nach den vielen durch Synodaldekrete ausgesprochenen Verweisen und Verdammungen zu urteilen, ziemlich viele gegeben haben. Man weiß relativ wenig über die Sitten dieser umherziehenden Kleriker oder Vaganten, wie man sie auch nannte.

Was ihnen die Kirche vor allem vorwarf, war das Vagabundieren und die Betätigung als Komödiant. Das Konzil von Salzburg, das 1291 - am Vorabend ihres Verschwindens - zusammentritt, bringt ernstere Beschuldigungen vor: Die Goliarden spazieren nackt in der Öffentlichkeit, sie frönen dem Spiel, treiben sich bei Dirnen und in Schenken herum, sie entweihen die Klöster und Kirchen und attackieren den ordentlichen Klerus.

Wir wissen darüber einiges aus einer ganzen Reihe sog. Goliardischer Schriften, einer Sammlung von Hymnen und Gedichten, zu der die berühmten Carmina Burana gehören. Was bei der Lektüre dieser zum großen Teil satirischen Werke auffällt, ist die ungeheure Bildung, von der sie geprägt sind.

Sind diese Goliarden Rebellen? Protestler? Sicherlich. Aber ungebildet? Nein. Sie haben nur eines schönen Tages beschlossen, alles hinzuwerfen und mit dem Bündel über der Schulter ins Blaue loszuziehen, weil sie die Landstraße und den weiten Himmel bevorzugten, nicht die Enge und Sicherheit der Sakristei.

Wir wissen wenig über die Wege des Mannes mit der Narrenkappe aus der Zeit, bevor er in den Klöstern und Schlössern des Mittelalters wieder auftauchte.

Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts gibt es keinen Königs- oder Fürstenhof in Europa und keinen hochrangigen Landesherrn, reichen Prälaten oder bedeutenden Abt, der nicht ein oder mehrere Hofnarren in seinen Diensten gehabt hätte.

Was zeigt das äußere Bild des abendländischen Narren? Der ganze Narr ist ein Geklingel! Helles Läuten begleitet jede seiner Gesten und verkündet sein Kommen. Diese Glöckchen sollen auf die Unordnung der Dinge, auf das primitive Chaos hinweisen. Waren nicht Schelle und Sister im Altertum die Musikinstrumente bei den Initialriten des Isis- und auch des Bacchuskultes? Und sagt man nicht auch, daß sie wie Kirchenglocken die bösen Geister vertreiben? Schaffen sie so vielleicht um den Narren eine Aura der Unschuld?

Ein weiteres wesentliches Attribut ist das Narrenzepter, was des Narren Narr ist, sein Spiegel und sein Spiegelbild. Das Narrenzepter ist wahrscheinlich phallischen Ursprungs. Es entwickelte sich aus dem Phallus, der im dionysischen Fruchtbarkeitskult in feierlichen Prozessionen umhergetragen wurde und ursprünglich aus einem langen Holzstab bestand, an dessen Spitze ein erigierter Penis aus Leder befestigt war.

Man könnte fragen, ob die verschiedenen Insignien des Narren etwas mit denen der Geisteskranken des Mittelalters zu tun hatten. Was die Kappe angeht, ist es nicht sicher. Die Schellen könnten wie die Klapper der Aussätzigen dazu gedient haben, die Leute vor ihrem Kommen zu warnen. Die Vorläuferin des Narrenzepters war möglicherweise die Keule, mit der sich einst die Schwachsinnigen gegen diejenigen verteidigten, die sie mit Steinen bewarfen.

Das Narrengewand ist traditionell gelb und grün und wird ergänzt durch einen Kittel, der am unteren Rand zackig ausgeschnitten ist, was - wie die Rhomben der Harlekine - im Gegensatz zum strengen, geraden Schnitt die Zerstreutheit, die Unstetigkeit und die Phantasie des Narren signalisieren soll.

Gelb und grün sind die Farben der Tollheit im Mittelalter. Gelb war schlecht angesehen, was die Farbe zum Großteil dem schädlichen Einfluß, den man dem Safran zuschreibt, verdankt. Diese im Volksmund Krokus genannte Pflanze soll ätherische Öle enthalten, die eine starke Wirkung auf das Nervensystem ausüben, zum Lachen reizen und sogar Anfälle von Irrsinn hervorrufen können, wenn ihr Geruch zu lange eingeatmet wird.

Grün schätzte man ebenso wenig. Wird Grün in unserer heutigen Kultur als Zeichen der Hoffnung und des Wachstums angesehen, so war die Farbe im Mittelalter Symbol für Ruin und Entbehrung. Bei den Ketzerverbrennungen wurde während der Prozession ein grünes Kreuz getragen. Grün war auch die Mütze, die man bankrotten Kaufleuten am Pranger aufsetzte.

Manchmal kam auch Rot zu den beiden Narrenfarben, so daß manche Narrentracht dreifarbig war, oder aber ganz in rot. Rot als Komplementärfarbe zu Grün verdeutlichte den Gegensatz und die Lebendigkeit des närrischen Auftritts.

Im hermetischen Sinne spricht man bei einem bunten Narrengewand von dem Gewand des Herrn aus vielen Farben, den seelischen Kräften des Regenbogens.

Die Zeit der Stadtnarren ist noch nicht lange vorbei: Ende des vorigen Jahrhunderts gab es sie noch in manchen Ortschaften Belgiens und Luxemburgs. In Deutschland waren die Stadtnarren besonders weit verbreitet. Kein Stadtfest, kein Privatfest, keine Hochzeit kam ohne Mitwirkung eines Possenreißers, eines Pritschenmeisters oder eines Spruchsprechers (deutsch im Original) aus.

In Nürnberg pflegten bezahlte Possenreißer bis ca. 1790 diese Tradition. Einer von ihnen, Wilhelm Weber, kannte sämtliche ins Deutsche übersetzte Dichter der Antike und schöpfte aus diesem Reichtum, wenn er Satiren und Epigramme gegen seine Mitbürger verfaßte.

Die berühmten Fasnachtspiele von Nürnberg und der dortige Schembartlauf sind närrische Umzüge, die im 14. und 15. Jahrhundert jedes Jahr am Montag vor Aschermittwoch stattfanden.

Überhaupt spiegelt die Tradition der Karnevalsaktivitäten bis zum heutigen Tage das Überleben des alten närrischen Brauchtums in Deutschland. Nicht zu vergessen sind auch die Aktivitäten der Zirkusclowns, der zahlreichen Satiriker, Kabarettisten und Comedians.

Anatoli Durow präsentierte als berühmter Clown seinen Text in der Manege wie ein erstklassiger dramatischer Schauspieler. Er übte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland eine für damalige Verhältnisse unwahrscheinlich gewagte, in Form von Scherzreden gehüllte Kritik an der Regierung. Prächtig gekleidet in Seide oder Brokat intonierte er Monologe, etwa:

"Jedermann, ob arm, ob reich,
Hoch und niedrig ist mir gleich.
Ich steh hier vor euch im Kreise,
Grüße euch auf meine Weise.
Mein Beruf ist es, mit Lachen,
Dem mein Leben lang ich dien‘,
Gegen alle schlechten Sachen
Schonungslos zu Feld zu ziehn.
Kampf dem Bösen allerwegen!
Meine spitze Zunge sticht.
Scherz stell ich dem Trug entgegen,
Halt mit Spott ein streng Gericht
Über käufliche Beamte,
Kriecherische Advokaten,
Die ein jeder längst erkannte
an den heuchlerischen Taten.
Seht mich hier in der Arena,
Faulheit hab ich nie gekannt.
Und die Geißel der Satire
Ist das Schwert in meiner Hand.
Trotz Verboten und Gendarmen,
auch das Kittchen schreckt mich nicht,
Wahrheit schleudre ohn‘ Erbarmen
Euch, ihr Herrn, ich ins Gesicht!" ...

Ein eindrucksvolles Beispiel eines politisch engagierten Narren. Anatoli Durow war auch einer jener Besessenen, die ungerechte Unterdrückungen, das Elend und die dennoch nicht geleugnete Lust am Leben in künstlerische Darstellungen umsetzten, um den einfachen Menschen Mut zu machen und die Oberen in ihrer infernalischen Sattheit zu verhöhnen.

Es wird deutlich, daß die Narren oftmals Schauspieler sind, die sich und die anderen reflektierend im Spiegel betrachten, um spielen zu können.

Publikationen und Empfehlungen
von Eire Rautenberg

Empfehlungen zu diesem Thema

Gesamtstatistik der Bewertungen

4 Sterne
Wert 3.8
Thema: 3.7 Information: 3.8 Verständlichkeit: 3.8
Stimmen: 6 Legende:
5: super - bis 1: erträglich
Views: 35411
Auf Social Networks posten:

Beiträge

Keine Beiträge vorhanden.