"Wer Schmetterlinge lachen hört ..."

01.08.2003
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Eire Rautenberg
  

Die christlichen Narren

Diese wortlosen Reden hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. In einer besonderen Weise wurden sie aufgenommen von einem Arche-Typ, den wir heutzutage fast ganz aus unserem Bewußtsein verdrängt haben: den Heiligen Narren ...

Die Heiligen Narren reden vor allem durch Handlungen. Meistens leben sie in ärmlichen Verhältnissen, wohnen nirgends und überall. Ihre Sphäre ist die Öffentlichkeit, die Straße. Sie spielen uns vor, daß Menschsein ein Weg ist, daß sich in einer Wohnung einnisten Stagnation, Isolation und Tod bedeuten kann, daß feste Gewohnheiten zum erstickenden Gefängnis werden können. Sie spielen uns vor, daß Menschsein eine Pilgerschaft ist und immer wieder einen neuen Exodus verlangt, egal, ob ins nächste Dorf, in fremde Länder oder in ferne Sonnensysteme.

Die Heiligen Narren stellen die Konventionen der üblichen Moral auf die Probe, kehren sie um und zeigen so ihre Brüchigkeit und die Heuchelei dahinter. Durch ihr Verhalten legen sie dar, daß Tugend oft nur Schutzwall ist, hinter der sich der Ängstliche verkriecht; daß Moral oft nicht die freie Entscheidung einer Persönlichkeit, sondern das duckmäuserische Annehmen von Ordnungen ist, um vor anderen das wahre Gesicht zu verbergen.

Die Übungen des Frömmigkeitslebens waren für die Narren besonders reizend. Es wird berichtet, daß sie z.B. gerade zu Zeiten des strengsten kirchlichen Fastens große Freßgelage abhielten. Von dem christlichen Heiligen Symeon der Narr (er lebte unter dem Kaiser Justinian I., ca. 527 – 567 n. Chr.) heißt es, daß er während des sonntäglichen Hauptgottesdienstes sich an den Altar vorschlich und dort die Kerzen abbrach. Oder er versteckte sich und warf während einer feierlichen Andacht mitgebrachte Nüsse auf die betenden Gottesdienstbesucher.

Immer wieder dieselbe Haltung, ohne Worte, durch Zeichen: Bildet euch auf eure Ordnungen nichts ein! Glaubt nicht, das Heil oder die Erleuchtung erarbeiten zu können! Glaubt nicht, daß sich göttliche Gnade durch Gehorsam erkaufen läßt oder euch Tugend einen himmlischen Besitzanspruch verschafft! Glaubt nicht, daß ihr das Göttliche beurteilen oder auch nur annähernd einschätzen könnt!

Die Bischöfe des Mittelalters sahen dem Weihnachtsfest jedes Jahr mit Sorge entgegen. Während dieser Tage - bis zum Dreikönigsfest - waren die Kirchen wieder Schauplatz seltsamer Bräuche, die recht archaisch anmuten. Das Narrenfest, Fest der Toren oder auch Fest der Unschuldigen nahm seinen ekstatischen Lauf.

"Dieses Fest verdiente besser das Fest des Teufels genannt zu werden", schalt ein wackerer Pfarrer im 17. Jahrhundert, "so fürchterlich unverschämt, entsetzlich anstößig und verabscheuenswürdig schändlich geht es dabei zu."

Einzelheiten dieser Weihnachtsbräuche sind uns aus Edikten, die auf ihr Verbot abzielten, insbesondere aus dem Rundschreiben, das die theologische Fakultät von Paris im Jahr 1444 an die Prälaten und Stifte aussandte, bekannt. Diakone, Subdiakone und Chorknaben traten mit rußverschmierten oder grotesk maskierten Gesichtern in den unwahrscheinlichsten Kostümen auf. Einige waren als Frauen verkleidet, andere trugen das Narrengewand mit Schellenkappe und Zepter, und wieder andere waren in Theaterflitter gehüllt.

Während der Messe wählte man den Narrenbischof oder Narrenpapst. Für gewöhnlich wurde irgendein Bettler dazu auserkoren, dem man mit viel Pomp die Weihen verlieh. Danach führte ihn der Klerus tanzend und frivole Reime singend zum Altar. Dort angelangt, segnete er das Volk und forderte alle auf, sich Blut- und Bratwürste einzuverleiben.

Das Volk trank in den Kirchen aus randvoll mit Wein gefüllten Ziborien, rief einander Flüche und gotteslästerliche Worte zu, mischte in die Predigten derbe Scherze, spielte Karten und Würfel auf dem geweihten Boden und leisteten sich noch schlimmere Verstöße, auf welche die Zeitgenossen nicht schriftlich eingehen, die man sich aber mühelos vorstellen kann.

Der Brauch wollte es auch, daß im Weihrauchfaß Stücke von alten Schuhen verbrannt wurden, um an der heiligen Stätte Gestank zu verbreiten. Nach der Messe ergoß sich der ausgelassene Haufen in die Gassen der Stadt, eine Masse auf dem Siedepunkt gotteslästerlicher Tollheit. Erst dem Genie Victor Hugos gelang es im Glöckner von Notre Dame die Gestalt des Narrenbischofs wieder auferstehen zu lassen, zumindest die Farbigkeit und Lebendigkeit dieses wahnwitzigen Brauchtums.

Es gab im Mittelalter verschiedene Varianten des Narrenfestes. Das bekannteste, das Eselsfest, wurde in mehreren Orten Frankreichs gefeiert. Der Eselskult ist eigentlich nichts Erstaunliches, wenn man bedenkt, welch wichtige Rolle dieses Tier in der Heiligen Schrift spielt. In einer anderen Geisteshaltung steht er für die heidnische (später von der Kirche verurteilte satanische) Lebenslust und triebhafte Sexualität.

(Anmerkung: Kurios ist, daß die ersten Christen von den Heiden beschuldigt wurden, einen Eselskopf anzubeten - vergleiche Minucius Felix, Oktavius IX - ; nach Harvey Cox "könnte es auch sein, daß die Christen der Katakomben sich der komischen Absurdität ihrer Situation bewußt waren. Die bejammernswerte Ansammlung von Sklaven, Elendsgestalten und Armen dürfte das Groteske ihres Anspruchs wahrscheinlich gespürt haben".

Allerdings ist dies nur eine Hypothese; während es Belege für das Glaubensbekenntnis sethischer Gnostiker gibt, die Jesus Christus dem ägyptischen Gott Seth (Bruder/Januskopf des Horus) gleichsetzten. Auch die ketzerischen Katharer und Templer werden mit einem gnostischen Schädelkult in aktuelle Verbindung gebracht. Gemäß alten jüdischen Schriften war Jesus ein Zauberer und Magier. So mag es nicht verwundern, daß man ihn in häretischen Kreisen mit dem janusköpfigen "Baphomet = Vater der Weisheit" gleichsetzte. Für die Darstellung des Baphomet diente oftmals ein Eselskopf oder ein menschlicher Totenschädel. Man betrachtete diese als "Haupt Gottes".)

Das Eselsfest des Mittelalters gipfelte in einer langen Prozession, während der die Propheten des Alten Testamentes rezitiert wurden. Schließlich betrat der Held des Tages die Kathedrale: ein mit einem reichbestickten Kardinalsrock bedeckter Esel. Manchmal wurde er auch rückwärts gehend hereingeführt, indem man ihn am Schwanz zog, während ihm zu Ehren mit Leiern und Blockflöten einige Hymnen der Freude und Anbetung gespielt wurden.

Die Narrenmesse wurde nicht nur in Domen und Stiftskirchen gefeiert, sondern der Brauch hatte sich bis in die Mönchs- und Nonnenklöster verbreitet. Begünstigt durch ihre Abgeschiedenheit und relative Unabhängigkeit von weltlicher und kirchlicher Macht, hielt er sich dort sogar länger als anderswo. Aus dem Brief eines ehemaligen Kartäusers, Mathurin de Neure, an seinen Freund, den Philosophen Gassendi, wissen wir, daß in manchen Klöstern der Provence das Fest der Unschuldigen - mitten im 17. Jahrhundert - zu Ausschweifungen führte, die des Mittelalters würdig gewesen wären.

An diesem Tag zelebrierten bei den Franziskanermönchen von Antibes die Laienbrüder anstelle des Klerus die Messe. Sie zogen zu diesem Zweck zerrissene Meßgewänder an und hielten die Heiligen Schriften verkehrt herum. Sie murmelten verrückte Worte, frei nach Phantasie, manche Obszönitäten und grunzten zwischendurch wie die Schweine. Später pusteten sie sich die Asche, mit der die Weihrauchgefäße gefüllt waren, gegenseitig ins Gesicht.

Indem es seine Triebe am Fuße des Altars auslebte, entblößte sich das christliche Volk in seiner ganzen Nacktheit vor Gott und brachte ihm das Opfer seiner geheimsten Wünsche und Verwundungen dar. Erst der Beschluß von Dijon vom 19. Januar 1552 erzwang das Verschwinden des Narrenfestes.

Die Feierlichkeiten hatten bis zu dieser Zeit da und dort noch überlebt, aber der kollektive Rausch war seit langem verschwunden und so überrascht es kaum, daß dieses Abflauen mit dem Beginn der Renaissance zusammenfällt. Ein wesentlicher Bestandteil der mittelalterlichen Geisteshaltung ging damit verloren.

Von der Kirchenführung wurde das Narrenfest bis dahin zwar nicht gebilligt, doch großzügig toleriert. Manche Theologen, von denen leider nur die Briefe, aber nicht die Namen überliefert sind, hatten wohl begriffen, daß das zeremonielle Zuwiderhandeln mit seinen Exzessen ein unentbehrliches Ventil darstellte. Es befreite in einem kurzen Ausbruch das durch eine strenge Liturgie das ganze Jahr über unter Druck stehende Gewissen.

Das vorübergehende Chaos garantierte insgesamt eine dauerhafte Ordnung. Daß solche Feierlichkeiten eine reinigende Wirkung besaßen, verstanden damals nur wenige. Die Kirche selbst wollte in dieser Posse niemals etwas anderes sehen als das skandalöse Überleben heidnischer Riten innerhalb des Christentums und eine untragbare Mißachtung der sakrosankten Kirchenhierarchie. Völlig unrecht hatte sie nicht mit dieser Ansicht.

Es ist höchst wahrscheinlich, daß das Narrenfest eine Fortsetzung der Saturnalien war. Diese Zeit des Saturns feierten die Römer ab dem 16. Tag der Kalenden des Januars (unserem 17. Dezember) und sie dauerten ungefähr eine Woche. Während dieser Zeit wurden die sozialen Rollen vertauscht. Die Herren wurden zu Dienern ihrer Sklaven. Sie hatten weder das Recht, den Gehorsam zu verweigern, noch ihre Sklaven später zu strafen. Dieser Brauch wurde auch Dezemberfreiheit genannt.

Nach der Überlieferung hielt man Christus im Angesicht von Pontius Pilatus ebenfalls für einen Verrückten, als er sich König der Juden nannte.

Christus hat es also auf sich genommen, als ein Narr zu gelten, der freiwillig der Belustigung dient und beim Volk Gelächter hervorruft. Es ist die immer wiederkehrende Figur des gedemütigten Hanswursts, des traurigen Clowns, des Komikers, dem die Literatur und die Kunst so viele Verkleidungen geliehen hat, vom Kasperl über die Clochards Becketts bis zu Alfred E. Neumann (mad).

Er ist der geliebte Tor Gottes, der Erste im Himmelreich, aber auch der Erste auf Erden, denn er allein hat teil an der verborgenen Weisheit, die im Unterbewußtsein schlummert.

"Das Universum ist verrückter, als wir denken können ..."
"Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt ..."

War es nicht Einstein, der dies sagte?

Wenn die vernunftbegabten Menschen den Narren verachten, so weil sie seine Botschaft nicht erkennen oder nicht hören wollen: die Wahrheit, die er ausspricht, erschreckt sie. Sie stellt eine Bedrohung der normalen Ordnung dar und ist somit unbequem. Aber die närrische Botschaft macht auch wach und bewußt, weil sie die gewohnte Sichtweise sprengt.

Daher kam wahrscheinlich das ungeheure Privileg der Hofnarren - die ursprünglich Schwachsinnige waren - , alles sagen zu dürfen, was ihnen durch den Kopf ging.

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von Eire Rautenberg

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