Atemtechniken: ... oder warum Pranayama gefährlich ist!?

28.05.2003
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Oliver Aran

Ich bin der Schöpfer meines (Er-) Lebens ...

Wie jede Form der Meditation hat auch diese eine wichtige Wirkung auf den Alltag. Durch das "sich-herausnehmen" im Getrennten/Besonderen ist man selbst für sein Leben und Erleben verantwortlich und jeder Erfolg, jeder Misserfolg liegt nun im eigenen Verantwortungsbereich. Es gibt keinen Menschen, kein Schicksal oder Gott mehr, der "Schuld" oder verantwortlich sein kann, außer man selbst. Dies wird meiner Erfahrung nach dadurch begleitet, dass viele vergangenen und aktualen Schuldzuweisungen an die Umwelt - sprich andere Menschen, Gott/Götter, Karma oder was auch immer und die damit verbundenen Emotionen - in den Anfangsphasen von Pranayama nochmal durchlebt werden.

Viele Erlebnisse, wo einem "Unrecht getan wurde" kommen wieder in das Bewusstsein und dann steht man meist vor der Wahl (oder Qual?), die Übung abzubrechen oder weiter zu machen. Denn Emotionen verlangen meist nach einem hohen Puls und damit verbundenen (natürlichen) eher schnellen Atemrhythmus und dies steht im Konflikt damit, langsam, tief und bewusst zu atmen, während der Körper in einer Art Winterschlaf ruht. Die Übung abzubrechen und sich noch mal drüber aufzuregen, was für ein schlechter/böser Mensch dieser oder jener doch ist, ist eine Perspektive ... Doch wo führt sie uns hin? Mit Sicherheit nicht zu einem selbstbestimmten Leben. Besser ist es die Zügel weiterhin in der Hand zu halten und zu verstehen, dass Emotionen Produkte von einem selbst, der eigenen Wertvorstellungen sind (die man verändern kann!).

Jedes Missgeschick ist immer eine Eigenproduktion. Dieser Konflikt war vielleicht eine Ursache dafür, dass Menschen das Weite gesucht haben und Einsiedler geworden sind, um die Komplexität zu reduzieren, die mit dieser Verantwortung auftrat. Ohne Interaktion mit anderen Menschen treten auch keine Konflikte auf und man kommt erst gar nicht auf die Idee, jemandem irgendeine "Schuld" in die Schuhe zu schieben, da keiner da ist, mit dem man das anstellen könnte. Dies ist aber (Gott-sei-dank!) eine Form der Flucht, die heute kaum noch möglich ist.

Und da liegt auch meiner Ansicht nach die große Gefahr im Pranayama: Wer seine Umwelt und Mitmenschen (oder Götter) für alles verantwortlich machen will, wer das Produkt seines sozialen Umfeldes sein will, für den ist Pranayama äußerst gefährlich!

Denn er begibt sich in ein Umfeld, das schlimmer ist als seine dunkelsten Albträume! Man trägt die ganze Verantwortung für sein Leben nunmehr auf den eigenen Schultern und hat das sich selber durch das Praktizieren von Pranayama kundgetan! Das Leben kann zu einem Krieg werden, wo "Alle gegen einen sind" (ein Hollywoodklischee, das z.Z. "in" ist). Im Endeffekt kann es passieren, dass man so eine Art "emotionaler Amokläufer" wird, der andauernd über seine Mitmenschen herfällt bzw. andere Menschen nicht mehr liebend oder anerkennend betrachtet.

Ich stelle nun die Behauptung auf, dass andere Menschen, zu denen man eine partnerschaftliche oder freundschaftliche Beziehung hat und mit denen man sich offen unterhalten kann, notwendig sind, um langfristig überhaupt Früchte von Pranayama in seinem Leben/Alltag ernten zu können. Denn nur durch die verständnisvolle Interaktion, in der Werte wie Anerkennung, Vertrauen, Offenheit und Wahrhaftigkeit zentral sind und mögliche Konflikte offen kommuniziert werden, ist es möglich, die ersten Gehversuche auf dem Weg der Selbstbestimmung anzugehen und Erfolge zu sichern.

Dann werden Pranayama und Alltag eine Wechselwirkung erzeugen, sodass das Pranayama in ganzer Fülle auf den Alltag einwirken wird und umgekehrt. Und man fängt an, nicht nur den Atemrhythmus zu gestalten, sondern sein ganzes Leben … Und man wird Schritt für Schritt ein Wesen, das nicht mehr Produkt der Natur, Gene oder Gott ist, sondern jeder Teil der Persönlichkeit, des Lebens und Erlebens ein Werk ist, das man durch sich, aus sich heraus und mit anderen gemeinsam geschaffen hat.

"Denn Anapanasati versucht weder den Atem zu beherrschen, noch ihn zu kontrollieren (yama), etwa im Sinne, daß wir unseren Atem unserem Willen aufzwingen, was nur unserem Ich schmeicheln würde oder dem Machtanspruch unseres Egos Auftrieb gäbe." (Quelle: Schöpferische Meditation und Multidimensionales Bewußtsein- Lama Anagarika Govinda (Aurum Verlag) Seite 144, 2. Absatz)

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