Atemtechniken: ... oder warum Pranayama gefährlich ist!?

28.05.2003
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Oliver Aran

Übungsbeschreibung - Bhastika (Blasebalg)

Sitzhaltung:
Setzen Sie sich auf einen Stuhl an die Kante, Hände auf die Knie, wobei die Hände mit den Fingern nach innen zeigen. Der Rücken ist aufrecht. Alternativ kann man für diese Übung auch ein Asana wählen z.B. Drachensitz, Siddhasana, halber Lotus oder ganzer Lotus.

Durchführung:
Nun lassen Sie Ihre Bauch- und Brustmuskeln so stark wie nur möglich nach vorne schießen, sodass die Luft fast pfeifend durch deine Nase in die Lungen kommt. Kurz bevor die Lungen voll sind (und der Zug aufhört), ziehen Sie Ihre Bauchmuskulatur nun nach innen und oben und pressen so die Luft heraus. Machen Sie dies so stark und schnell wie möglich.

Imagination:
Währenddessen können Sie sich vorstellen, wie in Höhe vom Solarplexus einige Klumpen glühende Kohle liegen, die Sie bei jedem Ausatmen ein wenig mehr zum Glühen bringen …

Dauer:
Führen Sie diese Übung so lange aus, bis Sie einen beachtlichen Druck im Solar verspüren (meist nach ca. 1-3 min.). Dann atmen Sie "normal" weiter und beobachten, was mit Ihrem Körper geschieht, wie er sich anfühlt. Öffnen Sie dabei kurz Ihre Augen, um zu beobachten, wie Sie die Umwelt wahrnehmen bzw. wie sich Ihre Wahrnehmung verändert hat.

Grundstellung
Grundstellung
Einatmen
Ausatmen
Beobachten

Wenn diese Übung richtig durchgeführt wurde, sollte nun das Körperbewusstsein (Körperempfindungen), die Wahrnehmung sowie das Denken ein wenig anders sein. Einige würden es "verzerrt" nennen, ich bevorzuge einfach den Begriff "anders", da er wertfrei ist.

Selbst diese eher seichte Übung (ca. 10 min. Durchführungszeit) kann bei manchen Menschen, Panik- oder Angstreaktionen und/oder Übelkeit erzeugen. Ich spreche hier bewusst von "kann", da eine Wahrnehmungsverschiebung nicht zwangsläufig negativ erlebt wird. Ein Grund dafür ist unter anderem, dass der biologische Körper auf wirklich neue Stimuli und Erfahrungen erst einmal mit Angst reagiert.

Eine für mich plausible Begründung, wozu man einen Lehrer braucht, wäre vielleicht die, dass man mit Pranayama Bewusstseinszustände erlebt, bei denen einem keiner weiterhelfen kann, der sie nicht selbst erlebt hat. Denn die Veränderung des Atems verändert das Bewusstsein des Übenden und damit umgehen zu können, ist jemand notwendig, der sich mit der Materie auskennt.

Mein Atemrhythmus verändert sich parallel zu meinen Gefühlen/Emotionen, aber das geht auch umgekehrt: Indem ich entsprechend atme, kann ich auch ein bestimmtes Gefühl oder Bewusstseinszustand erzeugen. Aber hier haben wir es mit einer Art und Weise von Atmung zu tun, die sich total davon abgrenzt, was im Erfahrungsspektrum des durchschnittlichen Menschen liegt- denn kein normaler Mensch atmet so!

Beim Pranayama atmet man auf eine Art und Weise, wie sie in der Natur weder bei Menschen noch Tieren vorkommt - und insofern vielleicht die ironische Bezeichnung "über-natürlich" verdient. Daraus folgt, dass ich jemanden brauche, der versteht, was ich meine bzw. erlebe, der sich mit der Materie ein wenig auskennt und mir Tipps geben kann, wie ich mit den Phänomenen umgehen kann. Mein verständnisvoller Hausarzt würde mir wohl eine Packung Baldrian empfehlen oder mich zum Psychologen überweisen. Verständlich, denn immerhin kennen die meisten Menschen Veränderungen in der Wahrnehmung/ Bewusstsein nur als "Krankheit".

So gesehen, wundert es mich nicht, wenn Lehrer oder Helfer von praktizierenden Autoren empfohlen werden. Mich wundert nach dieser Überlegung eher, warum das genügen sollte!

Ich will jetzt eine traditionelle Perspektive zu Pranayama aufgreifen und diese weiterführen und begründen, warum meiner Ansicht nach ein Lehrer/Berater etc. nicht genügt und warum Pranayama für manche Menschen äußerst gefährlich sein kann. Der Körper, in dem wir leben, arbeitet mit Rhythmen. Rhythmen, die genetisch oder sagen wir naturgesetzlich festgelegt sind und unbewusst ablaufen. Herzrhythmus, Atemrhythmus, Kreislauf, Verdauung.


Wenn wir uns diese Innenorgane des menschlichen Körpers anschauen, können wir sie in 2 Klassen einteilen:

  • Die, deren Rhythmus wir direkt beeinflussen können, und ...
  • ... die, bei denen wir das (zumindest auf Anhieb) nicht können.

Unter die erste Klasse fällt die Lunge, unter die zweite Klasse fallen Herz, Magen, Leber, Milz, Darm, Nieren usw.

Auffällig ist, dass die Lunge das einzige Organ ist, auf das man direkten Einfluss nehmen kann. Bei allen anderen kann man es nur indirekt, indem man z.B. fastet (Magen, Darm), Sport treibt (Herz, Kreislauf). Der Atem kann automatisch oder unbewusst laufen (sonst gäbe es nur noch wenige oder gar keine Exemplare der Spezies Mensch), kann aber auch bewusst kontrolliert oder gesteuert werden.

Oft wird so argumentiert, dass ein Baby ja in den Bauch atmen würde und dass Pranayama ja eigentlich ein "zurück zum Wahren Ursprung" sei. Dies ist aber meiner Ansicht nach sehr oberflächlich gedacht, denn wenn man sich fortgeschrittenes Pranayama bei jemandem anschaut, sieht er überhaupt nicht normal oder natürlich aus. Wenn man ihn fragt, was er dabei erlebte, würde man vermutlich meinen, er hätte grade eine Überdosis bewusstseinsverändernde Drogen genommen.

Dazu muss gesagt werden, dass reine Bauchatmung im Yoga völlig unüblich ist, im Yoga wird vollständig geatmet: tief in den Bauch, Brust bis hin zu den Schulterflügeln. All unsere Aussagen, die wir täglich machen, haben Gültigkeitsansprüche, aber auch unsere Handlungen; denn durch unsere Handlungen machen wir Aussagen über uns und über unsere Welt, wie wir sie sehen, interpretieren und bewerten.

Meiner Ansicht nach ist die Aussage eines Menschen, der mit Pranayama beginnt und praktiziert eindeutig: Nicht wie viele fälschlicherweise annehmen: "zurück zur Natur", sondern "raus aus der Natur" oder präziser formuliert ein: "über die Natur hinaus!"

Durch die passive Beobachtung und somit Bewusstwerden des Atems (Anapanasati) erkennt man sich als einen Menschen, der sich seiner (bisher unbewussten) Natur immer mehr bewusst wird. Aber Pranayama ist ein klarer und direkter Schritt von der Fremdbestimmtheit in die Selbstbestimmtheit! Indem ein Mensch Pranayama macht, entzieht er sich symbolisch und faktisch aus der "Mutter Natur" oder von Gott vorgegebenen Regeln/Rhythmen und ersetzt diese durch selbstbestimmte und selbsterschaffene. Und genau das bringt Konsequenzen mit sich, die einige Menschen als Segen andere als Fluch bezeichnen.

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