War das vergangene Zeitalter gekennzeichnet von permanenter Kriegsführung und dem ununterbrochenen Versuch der Unterwerfung des Anderen (bzw. dem Sich-Behaupten gegen den Anderen), von Herrschaft und Knechtschaft, sieht Gotthardt Günther in der amerikanischen Kultur den sich vollziehenden Wandeln zu einem Bewußtsein, das durch die Anerkennung des Anderen, i.e. des Andersartigen gekennzeichnet ist.
"Der Unterschied zwischen Weißen und Negern/Indianer beruhte darauf, daß ersterer auf die bisherige Geschichte der abendländischen Kultur als eine ihn speziell legitimierende Vergangenheit zurückblicken konnte, die ihm eine gewisse Sonderstellung gab. Mit dem Momemt aber, wo der Weiße diese Vergangenheit, bewußt oder unbewußt, samt den Verpflichtungen, die sie ihm auferlegt, verleugnet, ist es mit der ursprünglichen Sonderstellung vorbei. Es ist dann absolut kein Grund mehr vorhanden, warum die Anderen nicht gleichberechtigt neben ihn treten sollen." (G. Günther)
So steht heute tatsächlich an der Seite eines konservativen Präsidenten der USA ein schwarzer Verteidigungsminister und eine schwarze Sicherheitsberaterin. In Berlin ein türkischer Außenminister? Bis dato undenkbar.
Aber die Möglichkeit des - in den Grundzügen - gleichberechtigten Zusammenlebens von Menschen völlig verschiedener kultureller Herkunft in Amerika hat ihren Preis: Der die eigene Kultur ausmachende metaphyische Hintergrund ist kein Thema, über das man mit seinem Nachbarn einen Konsens erzielen könnte. Goethe mag für einen Europäer ein unhinterfragt hohes Gut darstellen. Dies aber einem Schwarzafrikaner oder Chinesen klarzumachen, damit ist ein gewisser Aufwand verbunden.
So stellt sich die Frage, ob das, was wir im heutigen Amerika wiederfinden können, tatsächlich etwas ist, was den Titel "Bewußtsein der Anerkennung" bereits verdient. Immerhin aber läßt es sich vielleicht als Experiment des Weltgeistes mit diesem Topic sehen.
Eines zählt sicherlich zu den Grundlagen eines dritten Bewußtseins: nämlich die Dekonstruktion des unhinterfragten Wahrheitsbegriffs, der bis heute das alltägliche Denken selbst philosophisch bewanderter Menschen prägt. Die Anerkennung der Sichtweise des anderen als einer auch möglichen, eben anderen Sichtweise als Voraussetzung nicht nur von gemeinschaftlichem Zusammenleben in symetrischen Verhältnissen, sondern auch als Voraussetzung für die individuelle Weiterentwicklung.
Spätestens mit dem Kubismus (der ein Objekt aus gleichzeitig vielen Perspektiven betrachten will) zerstörten Pablo Picasso und George Braque die letzten Gewissheiten der Kunst über sich selbst. Nach den "Les Desmoiselles d'Avignon" (Picasso, 1907) folgten innerhalb von einem halben Jahrhundert nicht weniger als rund 10 eigenständige, in sich geschlossene Stilrichtungen: Perspektiven der Malerei.
Autor: S.F. - bei Kontaktanfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktion.
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