|
|
Heidegger: Die Grundprobleme der Phänomenologie
Vorwort
Phänomenologie ist die Methode der Philosophie, die Martin
Heidegger in seinem Buch "Die Grundprobleme der Phänomenologie"
anschaulich vorführt. Es basiert auf einer Vorlesung, die
er im Sommersemester 1927 gehalten und damit eine "neue Ausarbeitung
des 3. Abschnitts des I. Teiles von Sein und Zeit" vorgenommen
hat. Er kristallisiert die grundlegenden, immer wiederkehrenden
Probleme der 2000jährigen Philosophiegeschichte in vier Thesen,
aus dessen phänomenologischer Analyse er die Grundlage für
eine mögliche Auflösung gewinnt.
Dieser Text versucht nur eine grobe Nachzeichnung des Buches.
Er entstand in der Absicht die phänomenologische Methode
selbst nach-zu-denken.
Einleitung
Was ist Phänomenologie? Heidegger nähert sich dem
Begriff, indem er die phänomenologische Methode anwendet.
Wenn wir einen Begriff interpretieren, bewegen wir uns im sogenannten
hermeneutischen Zirkel, der besagt, daß der Verstehende
immer schon eine Bedeutung voraussetzt, die er erst noch finden
will. Birgt der Bezug auf vorausgesetzte Bedeutungen nicht die
Gefahr in sich, an überholungsbedürftigen Konzepten
hängen zu bleiben? Diese Frage erscheint sinnlos, wenn wir
doch nicht anders können, als an Bekanntes anzuschließen.
Doch vielleicht ermöglicht uns gerade das Gehen mit diesem
Zirkel eine Klärung der großen philosophischen Fragen.
Heidegger wählt den Weg an den Ursprung zurückzuspringen
und die Grundthemen der Philosophie von dort neu aufzurollen.
Neben der Philosophie
als theoretischer Wissenschaft gibt es die Forderung, Philosophie
solle als praktische Deutung des Lebenssinnes eine Weltanschauung
bilden. Den Begriff "Weltanschauung" verwendet zuerst
Kant, der ihn noch als sinnliche Auffassung versteht und den Schelling
danach auf den Intellekt bezieht. Aber Kant unterscheidet nicht
- hier jetzt immer in der Auslegung Heideggers - zwischen Philosophie
als Wissenschaft und Philosophie als Weltanschauungsgründung.
Für ihn gibt es nur den wissenschaftlichen Begriff. Weltanschauung
erwächst aus der Erfahrung, hängt vom kulturellen und
umweltlichen Kontext ab und bezieht sich auf Seiendes in jeglicher
Form. Die Philosophie aber, wie sie Heidegger meint, ist nicht
auf Seiendes sondern auf Sein bezogen. Sein bezieht sich zwar
immer auf Seiendes, aber es ist nicht selbst Seiendes.
Philosophie ist also die Wissenschaft vom Sein - Ontologie.
"Sein" ist nicht zu fassen, da es nichts gegenständliches
ist, und dennoch gebrauchen wir es in fast jedem Satz. Das verleitete
die Philosophie dazu, Sein für das Allgemeinste, Selbstverständliche
und Undefinierbare zu halten. Eine Auslegung jedoch dem gesunden
Menschenverstand zu überlassen, dagegen hat sich schon Hegel
vehement ausgesprochen. Die Frage nach dem Sein zieht sich seit
jeher durch die Philosophie: Was ist Sein? Wie ist ein Verständnis
dessen möglich? Wie hängt Sein und Seiendes zusammen?
Anhand vier Thesen über das Sein will Heidegger mit einer
Auseinandersetzung dieser Fragen vertraut machen und die phänomenologische
Methode veranschaulichen:
- Kant: Sein ist kein reales Prädikat.
- Aristoteles/Scholastik: Zur Seinsverfassung eines Seienden
gehören das Was-sein (essentia) und das Vorhandensein (existentia).
- neuzeitliche Ontologie: Die Grundweisen des Seins sind das
Sein der Natur (res extensa) und das Sein des Geistes (res cogitans).
- Logik: Alles Seiende läßt sich unbeschadet seiner
jeweiligen Seinsweise ansprechen durch das "ist"; das
Sein der Kopula.
Sein wird durch Verstehen erschlossen, was jedem Verhalten
zu Seiendem zugrundeliegt. Dieses Verhalten ist eines von einem
besonderen Seienden, dem Dasein. Das Dasein zeichnet sich dadurch
aus, daß es ihm in seinem Sein um dieses Sein selbst geht.
Wenn wir es in seiner Seinsweise verstehen, so implizit auch das
Seinsverständnis.
Heidegger hat "Sein und Zeit", worin er das Dasein
existenzial analysiert, mit den Fragen geschlossen: "Führt
ein Weg von der ursprünglichen Zeit zum Sinn des Seins? Offenbart
sich die Zeit selbst als Horizont des Seins?" Hier knüpft
er jetzt direkt an das offene Werk an und setzt die dort gemachte
Herleitung voraus: Das Sein des Daseins ist die Zeitlichkeit,
woraus sich die Zeit erst ableitet. D.h. das Seinsverständnis
gründet ebenfalls in der Zeitlichkeit. Die Unterscheidung
von Sein und Seiendem, die Heidegger ontologische Differenz nennt,
überschreitet (transzendiert) das Seiende, weshalb der Titel
transzendentale Wissenschaft gerechtfertigt ist. Und zwar im ursprünglichen
Sinne (im Unterschied zu Kant), was kein Seiendes hinter dem Seienden
konstruiert (Hinterwelt).
Die in dieser Einleitung grob skizzierte Thematik zum geplanten
dritten Teil dieses Buches wird Heidegger später nicht mehr
ausführen. Deshalb nur soweit: Das Sein gründet im Seienden,
nämlich im verstehenden Dasein. Ohne Dasein ist kein Sein.
D.h. die Ontologie hat ein ontisches Fundament. Dennoch ist das
Sein dem Seienden vorgelagert - apriori. Dieses "Früher"
kommt aus dem Transzendenten, also vor dem vulgären Zeitverständnis.
Die apriorische Erkenntnis macht die Phänomenologie aus,
die eine reine Methode ist.
Zu ihr gehört:
- phänomenologische Reduktion, Rückführung vom
Seienden zum Sein
- phänomenologische Konstruktion, Entwerfen des vorgegebenen
Seienden auf sein Sein
- phänomenologische Destruktion, kritischer Abbau übernommener
Begriffe und Strukturen (Konzepte)
|
|
|
|
|
Legende: 5: super - bis 1: erträglich
|
Kommentar-Liste
Keine Kommentare vorhanden.
|
|

|
|
|
(Sie sind nicht eingelogged)
|
|
|
|