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Nietzsche: Die Götter der Zukunft ...

von  Philognosie Team

Homepage: www.philognosie.net

Datum: 07.07.2004

... die Überwindung der Postmoderne

Wenn wir sagen, dass der von Nietzsche diagnostizierte Nihilismus heute unter dem Begriff der Postmoderne bereits Wirklichkeit geworden ist, muss sich zwangsläufig die Frage nach seiner Überwindung stellen. Dass der Nihilismus überwunden werden muss, steht dabei außer Frage, denn er hemmt die Höherentwicklung der Menschheit und ebnet der Mittelmäßigkeit den Weg. Außerdem wächst im Schoß der postmodernen Gesellschaft ein großes Zerstörungspotential heran, eine Art "destruktiver Gesamtcharakter", der aus der Ziel- und Inhaltlosigkeit unserer Zeit resultiert. Walter Benjamin hat ihn zutreffend beschrieben: "Der destruktive Charakter ist jung und heiter. ( ... ) Zu solchem apollinischen Zerstörungsbilde führt erst recht die Einsicht, wie ungeheuer sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit geprüft wird." Eine solche Prüfung nahmen bereits die Nationalsozialisten vor, und ihr Resultat ist allgemein bekannt.

Auch wenn man die herausgehobene Stellung Nietzsches noch nicht in jeder Einzelheit erkannt hat, spricht schon Habermas in seinem Buch "Der philosophische Diskurs der Moderne" von Nietzsche als "Drehscheibe" beim Eintritt in die Postmoderne, und W. Welsch schreibt:

"Man täusche sich dabei über die geschichtliche Stellung Nietzsches nicht. Man muss ihn arg strapazieren, um ihn umstandslos zum Vordenker der Postmoderne zu erklären. Nietzsche sieht den modernen Pluralismus nicht gerade positiv. Er ist für ihn vielmehr das Phänomen der modernen Dècadence schlechthin, demgegenüber es zu einer neuen Totalität vorzustoßen gilt. Im Pluralismus gewahrt Nietzsche - angesichts des Historismus - nur die Geschäftigkeit der Vergleichung und Kostümierung . Der ‚Übermensch' sollte dann die Überwindung dieser Décadence darstellen. - Postmodernes muss bei Nietzsche gegen diesen Hauptzug suchen.

Man kann es freilich finden: Nietzsche gestand, dass ihm die genannte Einstellung zur modernen Décadence schwergefallen sei und dass sie ihn viel gekostet habe . Er hat sogar die Ambivalenz des von ihm als bloße Décadence Gebranntmarkten verzeichnet: ‚Es gibt etwas von Verfall in allem, was den modernen Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit stehen Anzeichen einer unerprobten Kraft und Mächtigkeit der Seele. Dieselben Gründe, welche die Verkleinerung der Menschen hervorbringen, treiben die Stärkeren und Selteneren bis hinauf zur Größe.' - Die Postmoderne ist genau die Epoche, in der diese positive Kehrseite des zuvor nur als Décadence Empfundenen und Praktizierten erfasst und ergriffen wird."

Nun fällt es selbst den sogenannten Spezialisten der Postmoderne, und zu diesen muss man Welsch rechnen, schwer zu erklären, was man im heutigen philosophischen Diskurs überhaupt unter Postmoderne zu verstehen hat. Das wird deutlich, wenn man im Vorwort zur 3. Auflage seines Buches liest:

"Pluralität ist der Schlüsselbegriff der Postmoderne. Sämtliche als postmodern bekannt gewordene Topoi - Ende der Meta-Erzählungen, Dispersion des Subjekts, Dezentrierung des Sinns, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, Unsynthetisierbarkeit der vielfältigen Lebensformen und Rationalitätsmuster - werden im Licht der Pluralität verständlich. Pluralität bildet auch die Leitlinie aller fälligen Transformationen überkommener Vorstellungen und Konzepte. Diese postmoderne Pluralität ist jedoch nicht mit der geläufigen und gefälligen Oberflächen-Buntheit gleichzusetzen. Sie geht tiefer und greift in Basisdefinitionen ein. Sie ist anspruchsvoller und härter als der gängige ‚Pluralismus'.
Gleichzeitig wird diese Pluralität immer von Uniformierungsprozessen bedroht. Ihnen muss gewiss jede Zeitdiagnose deskriptiv Rechnung tragen; normativ aber optiert die Postmoderne entschieden für die Gegenseite, für Pluralität. Deshalb kommt es so sehr darauf an, den harten, an Basisdifferenzen orientierten Begriff von Pluralität im Auge zu haben. Sein smarter Verwandter nämlich, der Pluralismus der Oberflächen-Buntheit, führt in seiner Potenzierung gerade zum Gegenteil von Pluralität: zur Uniformierung in den diversen Erscheinungsformen der Gleichgültigkeit, Indifferenz und Beliebigkeit. Während die Aufmerksamkeit auf einschneidende Differenzen die Pluralität wahrt und verteidigt, führt die Ankurbelung des Oberflächen-Pluralismus zu ihrer Tilgung. Hier verläuft eine klare Scheidelinie zwischen postmodernen und pseudo-postmodernen Konzeptionen."

"Vorab drängt sich eine weitere Unterscheidung auf: zwischen einem diffusen und einem präzisen Postmodernismus. Der diffuse ist der grassierende. Seine Spielarten reichen von wissenschaftlichen Universal-Mixturen in Lacan-Derrida-Tunke bis zu aufgedrehten Beliebigkeits-Szenarien chicer Kulturmode. Das Credo dieses diffusen Postmodernismus scheint zu sein, dass alles, was den Standards der Rationalität nicht genügt oder Bekanntes allenfalls verdreht wiedergibt, damit auch schon gut, ja gelungen sei, dass man den Cocktail nur ordentlich mixen und mit reichlich Exotischem versetzen müsse. Man kreuze Libido und Ökonomie, Digitalität und Kynismus, vergesse Esoterik und Simulation und gebe noch etwas New Age und Apokalypse hinzu - schon ist der postmoderne Hit fertig. Solcher Postmodernismus der Beliebigkeit, des Potpourri und der Abweichung um jeden (eigentlich um keinen) Preis erfreut sich gegenwärtig großer Beliebtheit und Verbreitung."

Mag Welsch das nun alles beklagen und die postmoderne Pluralität gegen das abgrenzen, was er die "Oberflächen-Buntheit" nennt, so ist das ein ziemlich hilfloses Unterfangen. Welsch vergisst - oder verdrängt - dabei nämlich, dass es gerade diese Oberflächen-Buntheit ist, diese Beliebigkeits-Szenarien sind, die in den Augen der Menschen die Postmoderne charakterisiert und die Menschen prägt.

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