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Einführung Metrik: eine ästhetische Analyse der Dichtkunst
Einführung
Ich habe mich in der vorliegenden Ausarbeitung auf Versrhythmen beschränkt,
die ein eindeutiges Versmaß aufweisen. Die meisten Dichter bevorzugen
heutzutage freiere Formen, d.h. verzichten auf eine geregelte rhythmische Abfolge.
Es ist nicht ganz klar, was noch zu Metrik gezählt werden kann, bzw. was
zur (rhythmischen) Prosa gehört. In vielen Fällen hat man es mit einer
breiten Übergangszone zwischen Vers und Prosa zu tun, so daß nur
durch genaue Einzelanalyse entschieden werden kann, inwieweit der Verscharakter
noch erkennbar ist.
Die zwei folgenden Beispiele verdeutlichen den Unterschied zwischen einem Gedicht
mit freiem Rhythmus und einem mit geregeltem Rhythmus:
| Freier Rhythmus |
Geregelter Rhythmus |
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Eine Erinnerung
Es ist ein sehr kleiner Tropfen.
Er stützt sich
von der hellgrauen Stoffunterlage ab,
wohl um sich größer zu machen.
Sein kleiner Rücken
wölbt sich stolz nach oben.
Stoffpickel's
feine verletzliche Haut
Überspannt
seine durchsichtige Buckligkeit.
Ein Farbcamäleon der Anpassung
Braucht keine eigene Farbe.
Die Fasern seiner Stoffkrücke
wirken leicht vergrößert.
Geheimnisvolle Perle
verschwindet bei jeder Berührung
und hinterläßt
nur eine schimmernde Erinnerung.
Menschen versuchen sie festzuhalten,
doch es gelingt ihnen nie ganz.
Kein Diamant kann
ihre erfrischende Klarheit einfangen.
Es ist nur eine Erinnerung
eines einst kleinen Tropfens.
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Selbstbetrug (von Goethe)
Der Vorhang schwebet hin und her
Bei meiner Nachbarin;
Gewiß, sie lauschet überquer,
Ob ich zu Hause bin,
Und ob der eifersüchtge Groll,
Den ich am Tag gehegt,
Sich, wie er nun auf immer soll,
Im tiefen Herzen regt.
Doch leider hat das schöne Kind
Dergleichen nicht gefühlt.
Ich seh, es ist der Abendwind,
Der mit dem Vorhang spielt.
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Einige wichtige Grundbegriffe
Im Rahmen dieser ästhetischen Analyse reicht es aus, einige, wenige Begriffe
zu klären. Ich habe darauf geachtet, anhand von zahlreichen Beispielen
den Inhalt zu verdeutlichen, und nur die Punkte herauszugreifen, welche praktische
Relevanz haben. Z. B. spielt in der Metrik, außer den verschiedenen Formen,
die Geschichte, in denen die Formen entstanden, eine wichtige Rolle. Darauf
bin ich hier nicht weiter eingegangen.
Ich möchte noch hinzufügen, daß den weiter unten beschriebenen
Formelementen kein bestimmter Ausdruckswert zukommt. Ihre Aussagekraft erhalten
die Formen erst durch ihren Inhalt. Inhalt und Form bedingen einander. Sie bilden
eine dialektische Einheit, wobei dem Inhalt der bestimmende Anteil zukommt.
So ist es möglich, daß eine und dieselbe Versform je nach ihrem Inhalt
verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten haben kann. Das schließt übrigens
nicht aus, daß bestimmte Traditionen der Form einen eigenen Eigenwert
schaffen können und sich bestimmte Versarten, für manche Inhalte besser
eignen, als andere.
Metrik
Metrik
(grch. metron (Vers)maß) bedeutet: Die Lehre vom Versmaß (Versrhythmik),
der schematischen Ordnung, die dem Vers zugrunde liegt. Die Strophe wird durch
Angabe der Zeilenzahl bestimmt, ggf. durch Angabe der Untergliederung innerhalb
der Strophe und weiterhin durch Angaben über das Reimschema, wenn vorhanden.
Die Verslehre ist von der Natur ihres Gegenstandes her kein in sich abgeschlossener
Wissenschaftszweig; sie betrachtet das dichterische Kunstwerk unter den besonderen
Aspekt der Versform. Als Ganzes ist sie Teil der Literaturwissenschaft. Es gibt
daher keine selbständige Geschichte der metrischen Formen, weil Entstehung,
Entfaltung und Vergehen metrischer Gebilde durch die Gesamtentwicklung der Literatur
bedingt, hervorgebracht wurden und werden.
Es gibt verschiedenste Versarten bzw. -formen. Die bekanntesten Versarten
sind: Alexandriner, jambischer Fünffüßer, jambischer Vierfüßer,
trochäischer Vierfüßer und Fünffüßer, Hexameter,
Pentameter; Knittelvers, freie Rhythmen.
Der Vers
Im Vers ist der Rhythmus nach ganz bestimmten Gesetzen geregelt. Für
jeden Vers läßt sich ein festes Gerippe herausschälen, das in
den ihn umgebenden Versen seine Entsprechung findet. Dieses Gerippe wird das
Grundmaß genannt, Versmaß oder auch den metrischen Rahmen. Ein metrischer
Rahmen ist nur dem Vers, niemals der Prosa (oder freien Versen) eigen. Der Rahmen
tritt im Vers beim Lesen oder beim Vortrag selten rein hervor, weil man nicht
mechanisch skandieren (betonen) darf. Das Grundmaß wird vom freien Rhythmus
der Sprache umspielt. Dadurch entstehen innerhalb des Versrahmens mannigfache
Abstufungen und Variationen.
Demnach begründen zwei Bestandteile den Vers:
- Der Aufbau des metrischen Rahmens, des Grundmaßes.
- Die rein sprachliche Gliederung, die auch als akzentuelle Gliederung bezeichnet
wird.
Der metrische Rahmen, der das Wesen des Verses bestimmt, ist ein Mischrhythmus.
Der Rahmen sowie die akzentuelle Gliederung vereinigen sich. Dadurch ergibt
sich der richtige Vortrag: Verse dürfen weder mechanisch skandiert noch
als reine Prosa gelesen werden.
Hebung und Senkung
Die kleinste rhythmische Einheit ist der Versfuß. Nun gibt es zwei Möglichkeiten
der Betonung. Bei dem Wort Vater wird die erste Silbe betont, die zweite nicht
bzw. weniger. In diesem Fall beginnt das Wort mit einer Hebung, welche mit dem
Symbol "__" gekennzeichnet wird. Bei dem Wort Gedicht, wird mit einer
Senkung begonnen, d.h. die erste Silbe wird nicht (bzw. weniger) betont, während
die (Haupt-) Betonung auf der zweiten Silbe liegt. Das Symbol für eine
Senkung: "U".
Verse, welche mit einer Senkung beginnen, werden als jambisch bezeichnet. Jambisch
bedeutet also nicht mehr, als Vers mit Auftakt: U __ U __.
Verse, welche mit einer Hebung beginnen, werden als trochäisch bezeichnet.
Trochäisch sind Verse ohne Auftakt: __ U __ U.
Wie leicht zu sehen bzw. hören ist, handelt es sich bei dem o.g. Gedicht
von Goethe (Selbstbetrug) um Jambische Verse, also durchgehend um Verse mit
Auftakt.
Ein Versfuß besteht immer aus einer Hebung und Senkung: __ U oder __ U
U. Um einen Versfuß zu kennzeichnen, verwendet man symbolisch: "I".
Das dient zur besseren Übersicht, will man sich die Struktur eines Gedichtes
ansehen:
__ U I __ U I __ U I __ U U I
Abgesehen von der festen Wortbetonung, wie das Beispiel Vater und Gedicht zeigt,
gibt es andere Gründe eine bestimmte Betonung zu wählen. Ein weiterer
besteht in der Wichtigkeit, die man einem Wort beimißt. Ein wahrscheinlich
bekanntes Beispiel:
Er kam gestern (er, nicht sie).
Er kam gestern (gestern nicht heute).
Er kam gestern (ist wirklich gekommen).
Inhaltlich sagen o.g. Sätze dasselbe, aber die Betonung verschiebt jeweils
den Blickwinkel.
Ein dritte Möglichkeit die Betonung zu setzen, hängt von rhythmischen
Faktoren ab. Je nach Umgebung wird man verschieden betonen müssen: Briefträger
- Landbriefträger.
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Legende: 5: super - bis 1: erträglich
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