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Das Auge in der Pyramide oder: Die Verschwörung der Idioten

von  Knut Gierdahl

Homepage: www.wohin-auswandern.de/

Datum: 19.02.2004

Über Verschwörungstheorien, Globalisierung und eine soziologische Perspektive

Verschwörungen haben Konjunktur. Der harte Kampf um die Wahrheit entbrennt um die Anschläge vom 11. September und die Richtung der US-amerikanischen Politik. Die Riege der auflagenstarken Presse-Demokraten bekämpft jene, die die offizielle Version der Attentate infrage stellen.

Denn wer sie nicht glaubt, kann nur ein hirnrissiger Verschwörungstheoretiker, ein Terrorbefürworter sein. Für die Gegenseite ist die Hysterie von Spiegel & Co. wiederum das Indiz für die Richtigkeit des eigenen Szenarios. So hilft jede Seite der anderen – und geklärt, gelöst wird nichts.

Ich gehe davon aus, daß die Fragen der als Verschwörungstheoretiker Verunglimpften wichtig und ihre Daten großenteils korrekt sind. Allein ihre Folgerungen sind haltlos. Was sie nämlich aufdecken, ist der Alltag der Politik: der Normalfall. Mir geht es darum zu zeigen, warum das so ist und wieso alle Arten von Verschwörungstheorien tatsächlich reine Theorie sind.

Henry Kissinger sagte: "Der Durchschnittsbürger glaubt, Moralvorstellungen des täglichen Lebens [...] könnten auf Staatshandlungen übertragen werden. Das ist nicht immer der Fall."

Im Sommer 2003 erschien beim Verlag "Zweitausendeins" Mathias Bröckers‘ zweites Buch über die Hintergründe des WTC-Anschlages und wer noch die Märchen von der afghanisch-irakischen Terrorbedrohung glaubte (in Deutschland 30%, in USA 60%), wird spätestens danach an dieser Geschichte zweifeln. Die Nachrichtendienste haben nicht nur mehr gewußt als offiziell verlautbart.

Sie haben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Anschlag aufs WTC (mit)organisiert, wenn nicht gar ausgeführt. Sagen sie. Und niemand weiß von nichts. Dies bietet Raum für Spekulationen bis hin zu Verschwörungstheorien, denn ...

  • Details werden verschleiert, die ein anderes als das verbreitete Bild plausibel machen würden
  • Die Öffentlichkeit nimmt daran kaum Anstoß
  • Selbst wenn, ändert das nichts
  • Das in den Medien gezeigte Gesamtbild der Weltpolitik bleibt nur verständlich, wenn man sich den Luxus eines Langzeitgedächtnisses erspart. Gründe für den Irak-Krieg, Lobreden auf die weltweite US-Unterstützung und wer wessen Freund ist, das alles wechselt schneller als man die Zeitung lesen kann, in der es gedruckt wird.

Das bietet Raum für Spekulationen und Fragen, die einen wischen sie vom Tisch und blöken mit den Medien, andere grübeln über die texanischen Familienclans als neue Weltregierung. Beide liegen falsch. Über die Haltlosigkeit der Medienwahrheiten will ich nicht im einzelnen reden, hier sind die Lücken offensichtlich. Mir geht’s um die Verschwörungen. Denn bevor daran geglaubt wird, denken viele kritisch über die Welt nach. Wie kommt man zu Verschwörungen?

Der Reiz von Verschwörungstheorien basiert auf der – meist vagen – Annahme, daß die globale Entwicklung mit gesundem Menschenverstand oder ethischen Prinzipien nicht vereinbar ist. Und diese Diskrepanz erzeugt ein Gefühl der Unsicherheit: wir können Regierungen, der Wirtschaft, den Geheimdiensten nicht trauen, denn sie verhalten sich nicht, wie sie eigentlich sollten, nicht nach für uns wichtigen, ethischen Grundsätzen. Wir dachten, wir könnten, aber es geht nicht. Wir wollen auch gern wieder, aber das ist ebenso utopisch.

Wir leben, mit den Worten von Žižek, “... in einer Zeit, in der wirtschaftliche und geopolitische Richtungsentscheidungen in der Regel kein Thema mehr bei Wahlen sind...”

"Wenn Politiker anfangen, ihre Entscheidungen unmittelbar ethisch zu begründen, kann man in der Regel recht sicher sein, daß die Ethik bemüht wird, um irgendwelche finsteren oder bedrohlichen Aussichten zu verdecken. Es ist gerade der inflationäre Gebrauch einer abstrakten ethischen Rhetorik in George W. Bushs Erklärungen vor dem Angriff auf den Irak (vom Typus: "Hat die Welt den Mut, gegen das Böse vorzugehen , oder hat sie ihn nicht?"), der von der ethischen Unzulänglichkeit des amerikanischen Standpunktes zeugt – die Bezugnahme auf etwas Ethisches hat hier oft eine rein mystifizierenden Funktion, sie dient lediglich dazu, die wahren politischen Motive und Ziele, die unschwer auszumachen sind, zu kaschieren."
Slavoj Žižek 2

Man hat also eine Vorstellung, wie die Welt funktioniert und dann gibt es zu viele Details, die davon abweichen. Statt die Welt durch angenommene Verschwörungen zu ändern, könnte man – ich behaupte sogar: sollte man – das eigene Modell, die Annahmen über die Welt überdenken.
Ich will dazu auf die Gesellschaftstheorie des Soziologen Niklas Luhmann zurückgreifen.

Das Faszinierende an Luhmanns Entwurf ist, daß

  • er die Gesellschaft als Ganzes beschreibt, als Ganzes aus autonomen Teilen. Er setzt Differenzen und durch die Unterschiede, die er berücksichtigt, lassen sich viel mehr Elemente zusammendenken, als wenn man nach dem einheitlichen Nenner sucht. Er verzichtet einfach auf die übergeordnete Einheit.
  • die Teilsysteme der Gesellschaft ihrem je eigenen Programm folgen
  • Medien und Politik nur 2 Teilsysteme unter vielen sind. So wird klar, daß man nie Aussagen über die Gesellschaft macht, wenn nur diese 2 Bereiche untersucht werden.

Ich hatte früher in der AHA (Editorial, AHA 2/03) im Zusammenhang mit dem Irakkrieg kurz auf dieses Thema angespielt, "wenn man sich verdeutlicht, daß kein Akteur der Weltpolitik nach dem moralischen Maß von Gut und Böse handelt, könnte man sich fragen, ob vielleicht diese Kategorien nicht ausreichen, um die ungleich komplexere Welt zu ordnen und darin zu agieren?" Nach neueren Recherchen zum World Trade Center und dem nachfolgenden Kurswechsel in der US-Außenpolitik halte ich diese Frage für zu eng und will meine These aufgrund der Aktualität des Themas etwas ausführlicher darstellen.

Die Gesellschaftsbeschreibung von Luhmann

Luhmann spricht von Gesellschaft als dem Gesamt der Teilsysteme. Was sind Kennzeichen dieser Gesellschaftstheorie? Kurz gesagt...

  1. funktionale Differenzierung: die moderne Gesellschaft besteht aus Funktionssystemen und ob ein Bereich sich zu einem Funktionssystem entwickelt, entscheidet sich einfach an der Frage, ob er eine für die Gesamtgesellschaft wichtige Aufgabe erfüllt.
  2. In dieser Gesellschaft gibt es keinen verbindlichen Höchstwert. Das will ich etwas näher ausführen (s. unten 'Aufbau der Gesellschaft - früher und heute')
  3. keine oberste Lenkungsinstanz für alle Probleme und Fragen: jedes Funktionssystem entscheidet die es betreffenden Fragen selbst. Die Wirtschaft, das Krankenwesen, das Militär, die Medien... die Politik hat die Aufgabe, konsensfähige Programme zu erstellen, die den Zusammenhalt der Gesellschaft sichern – und wie oft das nicht gelingt, wie oft das unterwandert wird, bekommen wir tagtäglich mit. Das heißt aber auch, daß die Politik nie, prinzipiell nie, die Entwicklung der Gesamtgesellschaft steuern kann.

Nun stellt sich die Frage, ok ... Luhmann hat eine Theorie aufgestellt – wie weit taugt sie? Als kompliziertes Sprachspiel würde sie nichts taugen, doch wenn damit mehr und besser die Zusammenhänge der komplexen Gesellschaft verständlich werden... also, mehr kann eine Theorie nicht leisten.

Dazu Luhmann: Eine Theorie "kann die Haltbarkeit sozialer Ordnung weder auf Natur gründen noch auf a priori geltende Normen oder Werte. Was tritt an deren Stelle?

Der seit dem 17. Jahrhundert hierzu angebotene Gedanke lautete zunächst, daß der Grund der Ordnung im Verborgenen und Unerkennbaren liegen müsse. Latenz sei ein notwendiges Ordnungserfordernis. Die Hand, die alles steuere, bleibe unsichtbar. Die Ketten, an denen alles hänge, seien in unerkennbaren Höhen befestigt. Die Handlungsmotive würden ohne eigene Intention durch eine List der Vernunft zur Ordnung gebracht. Metaphern dieser Art waren zugleich Kompromißangebote an die Religionen, die auf je ihre Weise das Unerkennbare loben, bestimmen und formulieren mochten.

Was dann? Worauf kann die Ordnung gegründet werden? Auf eine komplexe Gesellschaft mit eigenständigen Teilsystemen, die je ihren eigenen Leitlinien (Codes) folgen und gerade durch Differenzierung und Verzicht auf Einheitsmaßstäbe dem Ganzen, der Gesellschaft, Stabilität verleihen. Doch werfen wir zur Veranschaulichung zuerst einen Blick auf den Aufbau der Gesellschaft, wie er bis zum Mittelalter war. In diesem Vergleich wird einiges an unserer Gegenwartsgesellschaft deutlicher.

Aufbau der Gesellschaft - früher und heute

Die mittelalterliche Gesellschaft war pyramidenförmig aufgebaut. Leibeigene, Bauern ganz unten, Handwerker, Adlige darüber und an der Spitze Kaiser, Papst und darüber der transzendente Gott, der die Legitimation für diesen Aufbau gab.

In dieser Gesellschaft gab es verbindliche höchste Werte, die gottgegeben und für alle gleich waren. Die Aufstellung und Einhaltung dieser Werte war Aufgabe der Vertreter der Pyramidenspitze. Wo das milde Wort nicht reichte, hatte man Feuer und Schwert, um die Wahrheit zu verbreiten. Eine solche Gesellschaft bot klare Antworten auf die Frage nach Gut und Böse, Oben und Unten und war überschaubar.

Diese hierarchisch aufgebaute stieß im Lauf der Geschichte an ihre Grenzen. Durch Renaissance und Industrialisierung geriet die Ständeordnung ins Wanken. Der Aufschwung der Wissenschaft machte religiöse Dogmen über die Welt fraglich. Aus der homogenen pyramidenförmig strukturierten Gesellschaft differenzierten sich Teilsysteme, die zunehmend komplexer wurden und nach Autonomie strebten.

In funktional differenzierten Gesellschaften – worunter alle westlichen Industriegesellschaften zählen – gibt es keinen verbindlichen Höchstwert.

Die heutige Gesellschaft ist nicht wie eine Pyramide, nicht nach einer transzendenten sinngebenden Idee, aufgebaut. Sie ist nach Funktionsbereichen unterteilt und diese Teilbereiche (z.B. Politik, Wirtschaft, Kunst, Wissenschaft, Krankenwesen) der Gesellschaft stehen gleichberechtigt nebeneinander. Während einerseits jeder Bereich (Luhmann spricht von Subsystemen des Gesamtsystems ‚Gesellschaft‘) sich gegen andere abgrenzen und behaupten muß, strebt jedes Subsystem nach Aufrechterhaltung seiner Autonomie. Es gibt Wechselwirkungen mit und Anlehnung an andere Teilsysteme, doch primär folgt jedes Subsystem eigenen Leitlinien, dem eigenen Code.

Unsere hyperreale Welt

Bücher wie die von Bröckers, v. Bülow o.a. Konspirologen entlarven die allzu glatte Darstellung globaler Zusammenhänge. ‚Ewige Gerechtigkeit‘, ‚Wer nicht für uns ist, ist gegen uns‘, ‚Wir kämpfen für die Freiheit und Gott hat uns dazu legitimiert‘ und andere vereinfachende Rhetorik wärmt die Illusion einer einfachen Welt der Guten und der Bösen. Doch so einfach ist unsere Welt nicht.

Doch auch die Verschwörungs – Insider machen es sich zu leicht, wenn sie das eine, emotional geprägte Detail ‚WTC – Anschlag‘ aufgreifen und so die Illusion erzeugen, daß dieses eine Ereignis ausreicht, um globale Entwicklungen zu verstehen. Die Wahrheit ist immer das Ganze aller Details und wer das vergißt, macht‘s nichts besser als die üblen ‚Petronazis‘ (Bröckers) im Weißen Haus.

"Tatsächlich scheinen Presse und TV [...] als autopoietisches System zu funktionieren, wie dies der Soziologe Niklas Luhmann genannt hat: Als System, das vorab an seinem Selbsterhalt interessiert ist und sich von der Realität nur noch nach Maßgabe seiner eigenen operationalen Verfahrensweisen irritieren läßt. Es ist die traurige Wahrheit, dass sich selbst die redlichsten Journalisten häufig darauf beschränken (müssen), Tatsachen aus zweiter und dritter Hand abzugleichen." 4

Ob das traurig ist, bleibe dahingestellt, jedenfalls zeigt es die Richtung.

Wenn man von Verschwörung redet, wechselt man nur die Fronten, vertauscht Gut und Böse. Die hochkomplexen Wechselwirkungen verschiedener wirtschaftlicher, innen- und geopolitischer Interessen verlangen ein anderes Verstehen. Und die dort beschriebenen Handlungen entziehen sich gerade in ihrer zuerst scheinbaren Widersprüchlichkeit einer einheitlich-einfachen Deutung.

Schauen wir uns z.B. folgendes an: wiederholt wurden in arabischen Staaten Kräfte unterstützt, um Regierungen/ andere Interessengruppen zu schwächen. So geschehen in Afghanistan mit den Taliban gegen die prosowjetische Regierung, mit Hussein als Gegengewicht gegen den Iran, mit Israel gegen Lybien und Ägypten, usw. usf.

Viele der einst Verbündeten wurden später, als sich das Kräfteverhältnis änderte, weniger freundlich oder gar zu Feinden der westlichen Welt. Die Koalitionen wechseln ständig, wer für ein gemeinsames Teilziel nützlich ist, blockiert durch eigene Interessen das nächste. Es geht um Einflußerweiterung, nicht um gute Taten am Nächsten. Wenn man sich diese Entwicklung der letzten Jahrzehnte insgesamt vor Augen hält, kommen schnell Zweifel an einem Großen Plan einer Geheimen Macht auf.

Noch einmal: Verschwörungen?

Verschwörungstheorien lassen uns glauben, daß in der Gesellschaft nur Politik und Wirtschaft, vielleicht noch Militär bedeutsam sind. Allein diese willkürliche Ausblendung eines Großteils der sonstigen Welt sollte mißtrauisch machen. Fragen drängen sich auf...

Soll man das Medienmonopol einiger Konzerne in einer Zeit beklagen, in der 65% der Bevölkerung im Internet unterwegs sind, wo alle Informationen zugänglich sind? Fast könnte man Journalisten wie Bröckers bemitleiden, weil der Umstand, daß sie die jedem zugänglichen Quellen auswerten und zusammentragen, und sie dadurch zu Ikonen einer globalisierungskritischen Menge werden, zeigt, daß viele Menschen ihre konsumierende TV-Mentalität beibehalten und nur das Programm wechseln. Wen wollen wir dafür verantwortlich machen, außer uns selbst?

"Das Network besitzt mich. Ich erzähle Witze, und wenn ich keine Quote einfahre oder wenn ich mehr Ärger als Gewinn bringe, feuern sich mich. Wenn die mit meinen Ideen genug Geld verdienen, behalten sie mich. Es gibt keine Freiheit der kommerziellen Rede, und ich bilde mir nicht ein, ein Recht auf Sendung zu haben. Viele Medien sind heute nach rechts gedriftet, aber das liegt daran, daß es dafür einen Markt gibt. Es gibt keine Männer in schwarzen Hubschraubern, die die Wirklichkeit kontrollieren."
(Jon Stewart, TV-Talkmaster, macht die satirische Daily Show)

Robert Anton Wilson, der bekannte Autor der "Illuminatus-Trilogie" und Ur-Vater der Verschwörungstheorien, merkte bissig an, daß die vier larvalen Schaltkreise des Menschen (domestizierten Primaten) zu einfach gestrickt und zu starr sind, um den strategischen Weitblick für Verschwörungen und Weltherrschaftspläne zu ermöglichen. Es läuft nicht weit komplizierter, als wir denken mögen, sondern viel simpler.

Soll man die Pläne und Erfolge der Bush-Regierung als Gefahr für die Demokratie ansehen, wenn ihre Chancen, die nächste Wahl durchzuhalten, durch innenpolitisches Versagen Monat um Monat wegbröseln? Diese Regierung hat ihr außenpolitisches Agieren hart bezahlt, da sie den US-Haushalt mit über 500 Milliarden in die roten Zahlen gebracht hat (vorher standen 270 Milliarden auf der Habenseite) und die verzweifelten Pläne, die Wirtschaft durch Steuersenkung anzukurbeln, werden die Talfahrt nur beschleunigen. Seit Anfang 2001 ist das Vetrauen der Amerikaner in die eigene Wirtschaft gravierend gesunken. Bush wird oft als Handlanger der texanischen Ölindustrie bezeichnet (sicher, zu Recht). Doch ...

Der Erfolg der US Regierung wird zweifelhaft, wenn heute mehrere Bundesstaaten den Patriot Act ablehnen, als ungültig bezeichnen, jenes Skandalgesetz, das nach dem 11.9. die Regierungsgewalt ausweiten sollte. Das ist fast unvorstellbar: Bundesstaaten boykottieren die Entscheidung der Regierung! Es bilden sich landesweit Vereine der Regierungsgegner ... zur Wahrung der demokratischen Rechte gehen Linke, Ökos und Waffenlobbyisten (sic!) zusammen.

Ist nicht die Beschneidung demokratischer Grundrechte, sind nicht die Maßnahmen zur stärkeren Kontrolle der Bevölkerung ein Indiz für Ohnmacht? Na gut, hören wir einfach 20 Millionen Telefongespräche mehr als bisher ab, und schon finden wir die Terroristen und wen wir sonst noch suchen. Solch forsche Entschlossenheit macht Eindruck – aber sie kostet auch ein paar Mark fuffzig mehr. ... aber was, wenn die nicht die richtigen Schlüsselworte benutzen?

Kann man sich einen Geheimdienst wie die CIA als machthungrigen Moloch vorstellen? Einen Dienst mit einem Jahresetat von fast 70 Milliarden und einigen tausend Mitarbeitern auf der ganzen Welt, die meisten in zivilen Bereichen? Wie in jedem Konzern wollen Karrieren aufgebaut werden und gibt es weit weniger Idealisten als solche, die ihren Job machen. Wie markenfixiert muß man sein, um das Label für die ganze Wahrheit solcher Unternehmen zu halten?

Systemverhalten in der Umwelt

Sicher, nach all dem mag mancher immer noch die Welt als Bühne der großen Verschwörung sehen. Wenn wir jedoch die Wechselwirkungen verschiedener Systeme beobachten, sehen wir noch etwas anderes:

Die Anpassung an eine sich verändernde Umwelt. "Anpassung wird normalerweise als Anpassung von Systemstrukturen an die Umwelt (und zumeist enger: an Veränderungen der Umwelt) verstanden." So kann man "formulieren, daß eine turbulente, sich häufig und unübersehbar ändernde Umwelt höher Anpassungsleistungen des Systems, also höhere strukturelle Flexibilität erfordere. Wenn man dann aber auch annehmen muß, daß die Turbulenz der Umwelt eben durch die Systeme (in der Umwelt des jeweiligen Bezugssystems) erzeugt wird, die versuchen, sich ihr anzupassen, sind Turbulenz/ Flexibilitätssteigerungen zu erwarten." 6

Da ein System (z.B. Menschen, Gesellschaften) selbst bestimmt, was zum System und was zur Umwelt gehört, lautet die wichtigere Frage, Wie bestimmt das System die Unterscheidung von System und Umwelt, wie wirkt sich das auf seine Informationsverarbeitung aus und wie paßt es sich an seine Umwelt an, nachdem es die Grenze zwischen sich und Umwelt gezogen hat.

Wenn man Verschwörungen annimmt, nimmt man einen Endpunkt der Entwicklung an, ein wie immer geartetes Gleichgewicht, das, einmal erreicht, beibehalten wird: die Weltregierung/ die neue Weltordnung (o.ä.). Doch kein System kann sich langfristig - erfolgreich in seiner Umwelt stabilisieren, da jedes Bemühen dahin vor allem die Eigenleistung der Anpassung ist, anders gesagt: da das System nie die Umwelt stabil halten kann. Das System verändert nur sich selbst, seine Umwelt (darum ist es die Umwelt des Systems) kann es nicht stabilisieren oder nur beeinflussen.

Konflikte: Bedingung weiterer Entwicklung

Es gibt "strukturelle Anreize genug, das Konzept der lösbaren Probleme wieder in Widersprüche zurückzuverwandeln und alarmiert zu sein. Die Zukunft dient (...) der Mobilisierung und Kommunikation von Widerspruch gegen das Gegenwärtige. Wenn gälte, das Widerspruch mehr oder weniger zwangsläufig die Verhältnisse ändert, wären katastrophale Reaktionen auf die Gefahr von Katastrophen abzusehen. Aber diese Prämisse stammt noch aus dem Arsenal der als Gesetz behaupteten Dialektik. In Wahrheit liegen die Beziehungen zwischen Widerspruch und Strukturänderung sehr viel komplizierter und sind bei weitem nicht zureichend geklärt." 7

Verschwörungstheorien liegt die Annahme zugrunde, daß Widersprüche und die daraus gewordenen Konflikte, eine Auflösung brauchen – eine stabile Ordnung wird angestrebt. Mindestens mit einer Erklärung, die ausgewählte Konflikte als Zeichen der Verschwörung auf einen gemeinsamen Nenner bringt; besser mit einer Änderung politischer Verhältnisse. Menschen, die solchen Vorstellungen frönen, hängen dem Traum einer konfliktfreien Gesellschaft an.

Teils wird angenommen, daß Konflikte Signale des falschen Weges seien, teils werden Wege für eine möglichst schadenfreie, möglichst ‚friedliche‘ Regulierung von Konflikten gesucht. Wir sollten an solcher Grundhaltung zweifeln, da der ideologische Überbau verträumt – naiv ist (die paradiesische ‚bessere‘ Gesellschaft) und praktische Empfehlungen Allgemeinplätze sind a là ‚Sei wachsam, Bürger‘.

Wenn wir nicht die nette Theorie der besseren Welt suchen, sondern uns von Verschwörungsphantasien verabschieden, ist Konfliktlösung nicht das Ziel, sondern eher Nebenprodukt der notwendig ständigen Reproduktion von Konflikten. Wir können Konflikte nicht vermeiden, ja nicht einmal mindern – nicht in der funktional differenzierten Gesellschaft, deren enorme Komplexität Konflikte aller Art notwendig ‚produziert‘, und das um so mehr, je weiter sie sich ausdifferenziert. Wer es dennoch propagiert, zielt auf einen von Was-weiß-ich gelenkten Einheitsstaat, auf die heile Welt. Sind gesellschaftliche Konflikte einmal etabliert, ist ihre Fortsetzung zu erwarten und nicht ihre Beendigung.

Das Ende von Konflikten kann sich nicht von selbst ergeben, sondern nur "aus der Umwelt des Systems ... Luhmann spricht in dem Zusammenhang auch davon, daß eine Gesellschaft hinreichend viele, noch unbesetzte Konfliktchancen bieten muß. Unsere hat genug Potential, denn auf dem Weg von Nationalstaaten zur Weltgesellschaft gibt es jede Menge ungelöster Fragen:)
Ich hoffe, einige davon beantwortet zu haben - oder wenigstens aufgezeigt zu haben, daß Verschwörungen keine sinnvolle Antwort sein können.

Ich will am Ende meiner Betrachtungen eine überspitzte ‚Zusammenfassung‘ des Themas wagen. Achtung: Satire

Zukunft? Ja gerne. Und zwar so, wie sie früher war.

Das Volk guckt TV und blökt, Medien manipulieren ahnungslose Opfer, Politiker kollaborieren mit dem Feind und tricksen die Wähler aus, die Großindustrie versklavt uns global. Wirklich dumm gelaufen – wir leben in einer bösen Welt. Das einzig Gute ist, daß wir die Guten sind. Das ist mal sicher. Früher, ja da war die Welt noch in Ordnung.


Da gab es eine klare Verwaltungsstruktur, hierarchisch von jedem Kuhdorf bis hoch in die Regierung, Ortsgruppen, Gebietsverwaltung, Zentralrat. Nicht so einen Placebo-Pluralismus wie heute, wo Parteien von Werbeagenturen gestylt werden.

Da gab es eine national begrenzte Industrie und ob die Kekse oder U-Boote baute, es war immer das, was wir brauchten. Nicht so einen globalisierten, supermodernen Liberalismus wie heute, wo jeder mit jedem... und am Ende kommt doch alles aus Korea.

Da war ein Staat noch ein Staat mit eigener Gesetzgebung, unantastbarer Autonomie und einem echten Gewaltmonopol. Nicht so ein Vertrags-geknebeltes, nach Brüssel schielendes (Wo liegt Brüssel?!) Plagiat, das man sogar vor ein Gericht stellen kann.

Da waren Feinde noch Feinde. Sie grunzten tierisch und hatten keine Kultur. Deshalb auch keine Zukunft – es war unsere Pflicht, gegen sie vorzugehen. Nicht solche Windeier, die sich alle Naselang neu überlegen, ob sie für oder gegen uns sind und unter welchen Bedingungen und wen sie überhaupt meinen, wenn es um ‚uns‘ geht. Und wo ‚kein Freund zu sein‘ dann noch alles mögliche heißt. Hach, damals!

Heute muß man Gesellschaftswissenschaft und Geschichte studieren, um auch nur sagen zu können, daß Paris die französische Hauptstadt ist, sonst wird man gelyncht, weil man die historische Rolle Frankreichs für Europa und den Einfluß des Existentialismus auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts nicht gebührend gewürdigt hat. Heute hängt alles mit allem zusammen und wenn du ein Bier trinkst, kann das der beginnende Wirtschaftsaufschwung, Ausdruck psychischer Verdrängung, von Politikverdrossenheit oder vorsätzlicher Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung sein. Kann mir das noch jemand erklären?

Quellen

(1) dafür gibt es zuhauf Quellen im Internet. Stellvertretend seien benannt: die Evakuierung des Flugleitzentrums am Vormittag des 9.11., so daß die Militärmaschinen in der Flugverbotszone Manhattan nicht registriert wurden; die Atteste der Flugschulen der angeblichen Attentäter, nach denen zwei Piloten selbst nach hunderten Flugstunden als Anfänger galten; die 100e Millionen umfassenden Transaktionen in den Banken im WTC am Vormittag des 9.11., von denen die Buchungsunterlagen nun fehlen; die kaum recherchierten Aktiengeschäfte von Banken und Fluggesellschaften wenige Wochen zuvor usw. usf.
(2) Philosoph und Psychoanalytiker, lehrt an der Uni Ljubljana, in DIE ZEIT, 17.7. 2003
(3, 6, 7) Niklas Luhmann, "Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie"
(4) 11.2.03, Der Standard (Wien)
(5) Zahlen nach: New York Times

Link-Tip: Hier finden Sie mehr zum Thema: "Die Macht der Illuminaten".

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