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Nietzsche: Die Götter der Zukunft ...
... die Überwindung der Postmoderne
Wenn
wir sagen, dass der von Nietzsche diagnostizierte Nihilismus heute unter dem
Begriff der Postmoderne bereits Wirklichkeit geworden ist, muss sich zwangsläufig
die Frage nach seiner Überwindung stellen. Dass der Nihilismus überwunden
werden muss, steht dabei außer Frage, denn er hemmt die Höherentwicklung
der Menschheit und ebnet der Mittelmäßigkeit den Weg. Außerdem
wächst im Schoß der postmodernen Gesellschaft ein großes Zerstörungspotential
heran, eine Art "destruktiver Gesamtcharakter", der aus der Ziel-
und Inhaltlosigkeit unserer Zeit resultiert. Walter Benjamin hat ihn zutreffend
beschrieben: "Der destruktive Charakter ist jung und heiter. ( ... ) Zu
solchem apollinischen Zerstörungsbilde führt erst recht die Einsicht,
wie ungeheuer sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit
geprüft wird." Eine solche Prüfung nahmen bereits die Nationalsozialisten
vor, und ihr Resultat ist allgemein bekannt.
Auch wenn man die herausgehobene Stellung Nietzsches noch nicht in jeder Einzelheit
erkannt hat, spricht schon Habermas in seinem Buch "Der philosophische
Diskurs der Moderne" von Nietzsche als "Drehscheibe" beim Eintritt
in die Postmoderne, und W. Welsch schreibt:
"Man täusche sich dabei über die geschichtliche Stellung
Nietzsches nicht. Man muss ihn arg strapazieren, um ihn umstandslos zum Vordenker
der Postmoderne zu erklären. Nietzsche sieht den modernen Pluralismus nicht
gerade positiv. Er ist für ihn vielmehr das Phänomen der modernen
Dècadence schlechthin, demgegenüber es zu einer neuen Totalität
vorzustoßen gilt. Im Pluralismus gewahrt Nietzsche - angesichts des Historismus
- nur die Geschäftigkeit der Vergleichung und Kostümierung . Der
‚Übermensch' sollte dann die Überwindung dieser Décadence
darstellen. - Postmodernes muss bei Nietzsche gegen diesen Hauptzug suchen.
Man kann es freilich finden: Nietzsche gestand, dass ihm die genannte Einstellung
zur modernen Décadence schwergefallen sei und dass sie ihn viel gekostet
habe . Er hat sogar die Ambivalenz des von ihm als bloße Décadence
Gebranntmarkten verzeichnet: ‚Es gibt etwas von Verfall in allem, was den
modernen Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit stehen Anzeichen einer
unerprobten Kraft und Mächtigkeit der Seele. Dieselben Gründe, welche
die Verkleinerung der Menschen hervorbringen, treiben die Stärkeren und
Selteneren bis hinauf zur Größe.' - Die Postmoderne ist genau die
Epoche, in der diese positive Kehrseite des zuvor nur als Décadence Empfundenen
und Praktizierten erfasst und ergriffen wird."
Nun fällt es selbst den sogenannten Spezialisten der Postmoderne, und
zu diesen muss man Welsch rechnen, schwer zu erklären, was man im heutigen
philosophischen Diskurs überhaupt unter Postmoderne zu verstehen hat. Das
wird deutlich, wenn man im Vorwort zur 3. Auflage seines Buches liest:
"Pluralität
ist der Schlüsselbegriff der Postmoderne. Sämtliche als postmodern
bekannt gewordene Topoi - Ende der Meta-Erzählungen, Dispersion des Subjekts,
Dezentrierung des Sinns, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, Unsynthetisierbarkeit
der vielfältigen Lebensformen und Rationalitätsmuster - werden im
Licht der Pluralität verständlich. Pluralität bildet auch die
Leitlinie aller fälligen Transformationen überkommener Vorstellungen
und Konzepte. Diese postmoderne Pluralität ist jedoch nicht mit der geläufigen
und gefälligen Oberflächen-Buntheit gleichzusetzen. Sie geht tiefer
und greift in Basisdefinitionen ein. Sie ist anspruchsvoller und härter
als der gängige ‚Pluralismus'.
Gleichzeitig wird diese Pluralität immer von Uniformierungsprozessen bedroht.
Ihnen muss gewiss jede Zeitdiagnose deskriptiv Rechnung tragen; normativ aber
optiert die Postmoderne entschieden für die Gegenseite, für Pluralität.
Deshalb kommt es so sehr darauf an, den harten, an Basisdifferenzen orientierten
Begriff von Pluralität im Auge zu haben. Sein smarter Verwandter nämlich,
der Pluralismus der Oberflächen-Buntheit, führt in seiner Potenzierung
gerade zum Gegenteil von Pluralität: zur Uniformierung in den diversen
Erscheinungsformen der Gleichgültigkeit, Indifferenz und Beliebigkeit.
Während die Aufmerksamkeit auf einschneidende Differenzen die Pluralität
wahrt und verteidigt, führt die Ankurbelung des Oberflächen-Pluralismus
zu ihrer Tilgung. Hier verläuft eine klare Scheidelinie zwischen postmodernen
und pseudo-postmodernen Konzeptionen."
"Vorab drängt sich eine weitere Unterscheidung auf: zwischen einem
diffusen und einem präzisen Postmodernismus. Der diffuse ist der grassierende.
Seine Spielarten reichen von wissenschaftlichen Universal-Mixturen in Lacan-Derrida-Tunke
bis zu aufgedrehten Beliebigkeits-Szenarien chicer Kulturmode. Das Credo dieses
diffusen Postmodernismus scheint zu sein, dass alles, was den Standards der
Rationalität nicht genügt oder Bekanntes allenfalls verdreht wiedergibt,
damit auch schon gut, ja gelungen sei, dass man den Cocktail nur ordentlich
mixen und mit reichlich Exotischem versetzen müsse. Man kreuze Libido und
Ökonomie, Digitalität und Kynismus, vergesse Esoterik und Simulation
und gebe noch etwas New Age und Apokalypse hinzu - schon ist der postmoderne
Hit fertig. Solcher Postmodernismus der Beliebigkeit, des Potpourri und der
Abweichung um jeden (eigentlich um keinen) Preis erfreut sich gegenwärtig
großer Beliebtheit und Verbreitung."
Mag Welsch das nun alles beklagen und die postmoderne Pluralität gegen
das abgrenzen, was er die "Oberflächen-Buntheit" nennt, so ist
das ein ziemlich hilfloses Unterfangen. Welsch vergisst - oder verdrängt
- dabei nämlich, dass es gerade diese Oberflächen-Buntheit ist, diese
Beliebigkeits-Szenarien sind, die in den Augen der Menschen die Postmoderne
charakterisiert und die Menschen prägt.
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Legende: 5: super - bis 1: erträglich
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